100 Jahre Panzergeschichte im Tank Museum Bovington
Special
Wargaming.net hat mit seinen "World of"-Spielen über die Jahre ein erfolgreiches Free2Play-Konzept etabliert. Der Veteran, World of Tanks, feiert dieses Jahr sein fünfjähriges Bestehen. Grund genug für den Hersteller, dies mit verschiedenen Events zu feiern. Was die Spieler diesbezüglich erwartet, erfuhren wir auf der Presseveranstaltung "Insight 2016". Passenderweise fand die Pressekonferenz im Tank Museum im südenglischen Bovington statt, das 2016 auf 100 Jahre Panzergeschichte zurückblickt.
In diesem Artikel
Geschichtsbewahrung statt Gewaltverherrlichung
Quelle: PC Games
Tank Museum Bovington: Die Einrichtung im südenglischen Bovington enthält die weltweit größte Sammlung an Panzerfahrzeugen.
Fakt ist, das militärische Panzertechnik immer auch eine gewisse Faszination mit sich bringt. Nicht umsonst rufen Veranstaltungen wie ein "Tag der offenen Tür bei der Bundeswehr" tausende Besucher auf den Plan. Doch in Sachen Videospiele, die sich solchen militärischen Themen widmen, ist es mit der Akzeptanz in der Gesellschaft in den letzten Jahren nicht so einfach gewesen. 2013, als beispielsweise das deutsche Panzermuseum in Munster die steigenden Besucherzahlen und den Wandel des Publikums lobenswert hervorhebt, richtet man sich durchaus auch an Spieler von World of Tanks. Doch man bezeichnet sie als Computer-Freaks, bei denen man "Schadensbegrenzung zu einem falschen Geschichtsbild" betreibe, eine aus unserer Sicht völlig unpassende Bemerkung. Dass das Thema des strategischen Team-Online-Panzerspiels World of Tanks in Verbindung mit einem wichtigen Standort militärischer Geschichte auch deutlich positiver ausfallen kann, zeigte unser Besuch im südenglischen Bovington.
Dort wurde mit dem Royal Tank Regiment die älteste Panzereinheit der Welt etabliert. Das Regiment, das im ersten Weltkrieg seinen Dienst aufnahm, besteht bis heute und hat sein Hauptquartier im besagten Bovington. Doch viel wichtiger für World of Tanks/Wargaming ist das dort bestehende Tank-Museum, das seit 1947 für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Mit seinen aktuell rund 350 ausgestellten Panzerfahrzeugen, angefangen vom ersten gebauten Panzer überhaupt, dem "Little Willie", dem umfangreichen Fuhrpark mit zahlreichen Panzermodellen des Zweiten Weltkriegs bis hin zu modernen Tanks aus den 1990ern, wie etwa dem britischen Challenger 2 war und ist das Tank Museum ein wichtiger Partner für die weißrussischen Spieleentwickler. Der Grund dafür sind die einmaligen Recherchemöglichkeiten, die sich dort bieten. Seien es Fotoaufnahmen, 3D-Scans an der weltweit größten vorhandenen Palette an Fahrzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg oder der Zugriff auf die umfangreichen Technikdaten im Archiv und in der Bibliothek des Museums, das ist mithilfe der Exponate möglich. Die Begeisterung für Geschichte und der Anspruch, möglichst viel Authentizität in ein Spiel wie World of Tanks reinpacken zu können, sind wichtige Pfeiler der Firmenphilosophie von Wargaming.net, für die beispielsweise Firmengründer Victor Kislyi immer gerne eintritt.
Quelle: PC Games
Tank Museum Bovington: Im Conservation Centre stehen noch zig Panzermodelle, für die aktuell in den Ausstellungshallen kein Platz zur Verfügung steht.
Im Gegenzug profitiert auch die Museumseinrichtung von der Partnerschaft mit Wargaming.net, was Museumsdirektor Richard Smith auf der Pressekonferenz verdeutlichte. Er betonte beispielsweise, dass es enorm wichtig sei, Wissen über Geschichte zu bewahren. Nur wer Geschichte kennt, kann sie verstehen und daraus lernen, darum sei dies ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit des Museums. Dass er seinen Job mit Hingabe ausübt, verriet schon ein Satz in seiner Einleitung: "Wissen Sie, unsere Besucher sind jedes Mal erstaunt, wenn sie die Chance haben, unsere Ausstellungen sehen - ich habe das Glück, hier jeden Tag herkommen zu dürfen und werde sogar dafür bezahlt!"
Mithilfe der Partnerschaft mit Wargaming.net erreicht das Tank Museum durch den Einsatz moderner Medien auch ganz neue Besucherschichten, wie etwa die steigende Zahl an "likes" auf der Facebook-Seite des Tank-Museums zeigt. Und daran hat World of Tanks eine gehörige Portion dazu beigetragen. "Wir zählen Besucher, die extra deswegen hierher kommen, weil sie mehr zur Geschichte über die Panzer, mit denen sie in World of Tanks spielen, erfahren wollen", so Smith. "Ein gutes Beispiel dafür ist der TOG II-Tank, ein britisches Prototyp-Modell, das lange Zeit ein eher weniger begehrtes Exponat unserer Sammlung war", führt Smith weiter aus. Heute fragen etliche Besucher explizit nach solchen Ausstellungsstücken in der Sammlung. Allein im Jahr 2014 zählte das Museum über 200.000 Besucher, Tendenz steigend.
Der Aufbau, die Ausstellungen und Präsentationen im Tank Museum sind dabei alles andere, als eine blanke Zurschaustellung militärischer Relikte. Vielmehr eröffnet die Anlage dem Besucher in einer ganz eigenen Weise, Geschichte zum Anfassen zu erleben und sich dem durchaus ernsten Thema von Kriegsführung ganz offen nähern zu können. Das Vorwort im offiziellen Museum-Guide beschreibt das in sehr guten Worten: "Im Kriegswesen lassen sich die Extreme menschlicher Existenz erkennen, das Gute, als auch das Böse. Selbstaufopferung, Mut, Beziehungen, Innovation, Einfallsreichtum, Tod, Leid, Schmerz und Trauer durchziehen unsere Sammlungen im Museum. Wir laden Sie dazu ein, über diese Dinge nachzudenken, wenn sie diesen Ort erkunden."
Warum gibt's überhaupt Panzer? Ein kleiner Exkurs
Wer bei einer gepflegten Partie World of Tanks mit Sherman, Tiger, SU-125, Black Prince und Co über die Maps rauscht, denkt wahrscheinlich nicht daran, wieso die Stahl-Kolosse überhaupt erfunden wurden. Der WoT-ESL-Profi hat ebenfalls sicher ganz andere Gedanken im Kopf, als den realen Bezug des Panzerspiels. Und natürlich ist World of Tanks keine 1:1-Simulation historischen Kriegsgeschehens, sondern im Kern immer noch ein actionreiches Videospiel, mit hohem taktischem Anspruch, aber ohne explizite Gewaltverherrlichung. Vielmehr steht das intensive und unterhaltsame Gameplay im Fokus, den die Gefechte nun mal bieten.
Quelle: PC Games
Tank Museum Bovington: Die Ausstellung "Trench Experience" sorgt für eine beklemmende Atmosphäre, die man beim Durchschreiten eines nachgestellten Grabenabschnitts im Ersten Weltkrieg zu spüren bekommt.
Trotzdem, oder gerade weil ein Spiel wie World of Tanks sehr nahe an realer Geschichte angelehnt ist, bietet es auch eine Schnittstelle, mal innezuhalten, und sich mit dem Bezug zur Historie auseinanderzusetzen. Bei unserem Besuch im Tank-Museum gab es beispielsweise reichlich Gelegenheit, sich abseits des Spiels auch mit der wirklichen Geschichte des Panzerkriegs und dessen Wurzeln zu beschäftigen. Letztere führten uns schließlich zur verzweifelten Grabenkrieg-Situation der Westfront des Ersten Weltkriegs, in der die Alliierten einfach mit zu hohen Verlusten zu kämpfen hatten. Man hatte keine Chance, die in den breiten Gräben verschanzten Gegner zu erreichen, die mit überlegenen Maschinengewehren Angreifer schlicht niedermähten. Wie sich das angefühlt haben muss, auch das weiß das Tank Museum dem Besucher zu vermitteln. So begeht man etwa in der Ausstellung "The Trench Experience" einen detailliert nachempfundenen Grabenabschnitt auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges. Auch wenn es sich bei den darin gezeigten Soldaten nur um Puppen handelt, sorgt die Kombination von 3D-Nachbau und realen Soundeffekten für ein mulmiges Gefühl. Da passiert man beispielsweise eine grotesk geformte Leiche, in Stacheldraht verheddert, oder blickt ins bizarre Antlitz von zwei Maschinengewehrschützen mit Gasmaske und hört das Wimmern und Schluchzen eines völlig traumatisierten Soldaten, der sich in einer Grabenecke zusammengekauert hat. Mit Kriegsverherrlichung hat das wahrhaftig überhaupt nichts zu tun.
Diesem Grauen der Grabenkriege geschuldet, suchte man im Ersten Weltkrieg auf der Seite der Alliierten verzweifelt nach einer technologischen Lösung. Man brauchte ein Fahrzeug, das die Gräben überqueren konnte, das ausreichend Schutz vor Projektilen bot und gleichzeitig in der Lage war, eine hohe Feuerkraft mit sich zu führen. Ingenieure probierten es mit umgebauten Traktorgefährten aus der Landwirtschaft oder mit abstrusen Vehikeln, ausgestattet mit riesigen Rädern. Doch erst als man auf die Idee eines Kettenantriebs kam, der es einem Fahrzeug ermöglichte, sich quasi innerhalb seiner eigenen "Schienenstrecke" fortzubewegen, war man auf dem richtigen Weg.
1916 gelang zumindest aus technologischer Sicht ein Durchbruch, als man den Panzer Mark I mit seiner markanten Rhomboid-Form einführen konnte. Am 15. September 1916 zogen 49 dieser tonnenschweren Kolosse ins Schlachtfeld von Somme. Die Bedingungen für die Besatzungen waren katastrophal: Der Motor war mittig untergebracht, daher waren die Soldaten permanent den Abgasausdünstungen ausgesetzt. Im Innenraum des Panzers herrschten Temperaturen bis zu 55° Celsius und es gab keine Innenbeleuchtung. Nur 9 Panzer schafften es in der Schlacht, die gegnerischen Linien überhaupt zu erreichen oder zu überqueren. Trotz dieser niedrigen "Erfolgsquote" sah man darin die Chance, nach der man dringend gesucht hatte. Die Propaganda-Wirkung dieses Fortschritts war weitaus wichtiger, als der kaum nennenswerte militärische Erfolg. So startete man umgehend die Produktion von 1.000 Panzern der Mark-Reihe. Welche Roller Panzer dann später im Zweiten Weltkrieg spielten, auch damit geht das Tank Museum ganz offen um. Etwa, warum Deutschland mit seinem Blitzkrieg in Polen so erfolgreich war oder welche Raffinessen sich die Alliierten mit schwimmenden Panzern, wie dem DD-Sherman, einfallen lassen mussten, um das schwere Gerät überhaupt an Land zu bringen.
Quelle: PC Games
Tank Museum Bovington: Die Rhomboid-Form der Panzerbaureihe vom Typ Mark sorgte im Ersten Weltkrieg für den dringend benötigten Fortschritt der Alliierten, um die gegnerischen Gräben durchbrechen zu können.
Muss man ein Spiel wie WoT mit so viel historischem Ernst betrachten?
Nein "muss" man natürlich nicht. Aus unserer Sicht ist jedoch äußerst interessant zu beobachten, wie Hersteller Wargaming.net sich eben nicht nur auf die reinen Unterhaltungsaspekte seiner Spiele beschränkt, sondern durch seine "Special Projects" wie etwa mit der Partnerschaft mit dem Tank Museum in Bovington auch einen Schritt weiter geht. Dazu zählen auch anderweitige Aktionen, um Militärgeschichte zu bewahren. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit mit dem britischen Royal Air Force Museum. Dabei gelang es beispielsweise, ein bis dato einzig noch bekanntes Wrack eines Bomberflugzeugs vom Typ Dornier-17 aus dem Ärmelkanal zu bergen. Wargaming.net unterstützte das Unterfangen nicht nur bei der Bergung des Wracks finanziell. Man entwickelte im Anschluss ein virtuelles Modell des Fliegers, die so genannte Dornier 17 Interpretation Zone. Damit sind Besucher des Museums in der Lage, sich ein digitales Abbild des historischen Fliegers anschauen zu können, sogar auf ihrem Smartphone mit einer passenden App.
Quelle: PC Games
World of Tanks: Neben der Pressekonferenz "Insight 2016" von Wargaming.net gab es im Tank Museum auch reichlich Gelegenheit, WoT in der neuen Version 9.14 zu spielen. Zur Verfügung standen sowohl Spielstationen auf dem PC als auch für Xbox 360, XBO und PS4.
Natürlich stellen die Projekte, die Wargaming.net zu seinen Spielen unternimmt auch eine gewisse Form des Marketings dar. Das ist aber auch logisch und nachvollziehbar, schließlich reden wir nicht von einem staatlichen Wohltätigkeits- oder Bildungsverein. Hinter Wargaming.net steht ein marktwirtschaftlich geführtes Unternehmen, das derzeit weltweit über 4.000 Angestellte in 16 Büros besitzt. Trotzdem stellt die Art und Weise, wie der Hersteller die Verbindung zwischen Spiel, historischem Interesse und Begeisterung für Geschichte schafft, schon etwas Besonderes dar. Dass Videospiele durchaus Interesse und Neugier an realer Geschichte wecken können, sogar für Lernzwecke nutzbar sind, das zeigten auch schon andere Beispiele. Was haltet ihr davon, Spiele mit historischem Kontext auch in anderweitigen Bereichen wie etwas Bildungsinstituten oder in Museen einzusetzen? Geht das zu weit, ist es unpassend oder stellt es eine sinnvolle Bereicherung dar? Schreibt uns eure Meinungen in die Kommentarfunktion. Mehr zu World of Tanks findet ihr auch auf unserer Themenseite.
