Wolfenstein im Test: Grafisch altbackene aber erzählerisch starke Balleraction

Test Andreas Szedlak
Unser Test zu Wolfenstein: The New Order (Xbox One).
Quelle: Bethesda

BJ Blazkowicz ist zurück: In Wolfenstein: The New Order versucht der Kriegsheld das Regime zu zerschlagen. Trotz einer eher Next Gen unwürdigen Grafik gelingt MaschineGames ein beinah rundum gelungener Ego-Shooter. Und das liegt vor allem an der starken Story. Wie sich Wolfenstein: The New Order im Detail schlägt, verraten wir euch in unserem ausführlichen Test. Gespielt wurde die Xbox One-Version.

Wolfenstein: The New Order ähnelt einem Oldtimer-Auto. Technisch ist der Titel nicht mehr zeitgemäß, doch dafür hat er eine interessante Geschichte zu erzählen und ist damit eine sehr wohltuende Abwechslung zu den Battlefields und Call of Dutys dieser Welt. Wenngleich hypermoderne Waffen in den fiktiven 1960ern von Wolfenstein nicht fehlen, sie wurden nur auf eine ganz andere Weise entwickelt als bei den erwähnten Shooter-Platzhirschen. Menschenverachtende Experimente, dies ist nämlich das Metier von Wissenschaftler Dr. Totenkopf, der auch diesmal wieder Erzfeind von Wolfenstein-Veteran B.J. Blazkowicz ist.

Wer The New Order zockt, sollte auf keinen Fall innerhalb der ersten zwei Spielstunden die Flinte ins Korn werfen. Ja, die Anfangsszene mit fröhlichem Von-Flugzeug-zu-Flugzeug-Gehüpfe wirkt abstrus konstruiert. Ja, während der ersten Gefechte in Dr. Totenkopfs Festung sucht man bei den hohlköpfigen Regime-Soldaten vergebens nach Grips. Im Grunde gibt es am Anfang des Ego-Shooters nichts, das nachhaltig von der betagten Grafik ablenken kann oder vom mäßigen Sound. Doch hat man sich durch den Prolog – im wahrsten Sinne – durchgekämpft und die wahrscheinlich späteste Titeleinblendung der Videospielgeschichte erlebt, wird Wolfenstein: The New Order zu einem ganz anderen Spiel.

Die unfassbare neue Weltordnung

Die Streitkräfte des Regimes sind bewegungsfreudig und verstecken sich gerne hinter Deckungen. Quelle: Bethesda Die Streitkräfte des Regimes sind bewegungsfreudig und verstecken sich gerne hinter Deckungen. Blazkowicz war 14 Jahre im Wachkoma und erlebt nach seinem Aufwachen eine Realität wie sie schlimmer kaum sein könnte. Hilfsbedürftige Menschen werden vor seinen Augen einfach abgeknallt. Der US-Geheimagent erfährt, dass sein Heimatland nun ebenso der Herrschaft des Regimes untersteht, wie der Rest der Welt. Einen Widerstand scheint es nicht mehr zu geben. Diesen Zorn auf das Regime versucht The New Order an den Spieler zu transportieren, was auch gut gelingt. Die anfangs schier ausweglose Situation wird immer mehr von Hoffnung genährt, von Zuversicht den übermächtigen Feind doch stürzen zu können.

Eigentlich klingt diese David-gegen-Goliath-Story ja absurd. Ein Häufchen im Berliner Untergrund versammelter Widerständler soll eine ernsthafte Chance gegen die Weltherrscher haben? Doch die Hoffnungsschimmer werden glaubwürdig erklärt – wir möchten an dieser Stelle nichts verraten. Dennoch gibt es im Spielverlauf auch Dinge, die unlogisch sind oder einem zu konstruiert erscheinen. Im für einen Shooter letztlich aber erfreulich guten Plot steckt viel mehr an Monologen, Dialogen und Charakterzeichnung als in einem Call of Duty. Vom Storytelling eines Bioshock ist Wolfenstein: The New Order aber doch noch ein gutes Stück entfernt – obwohl der Versuch unverkennbar ist.

Große Rundreise

Das Angebot an Schauplätzen ist erfreulich vielfältig, ihr verspritzt nicht nur auf der Erde euer Blei – wir möchten nichts spoilern. Häufig erwartet euch dabei ein trichterförmiges Leveldesign das durch schlauchförmige Abschnitte zu einem recht weitläufigen Areal führt, in dem es zig Standard-Soldaten und einige Bossgegner auf euer Leben abgesehen haben. Die Regime-Soldaten sind bewegungsfreudig, lassen Deckungen selten außer Acht und sind mit Granaten überhaupt nicht geizig. Allerdings laufen sie auch nur zu gern an Stellen, an denen zuvor schon Kameraden ihr Leben gelassen haben. Und ein taktisches "ich verändere meine Position" könnte selbst ein Marktschreier am Hamburger Hafen nicht lautstärker mitteilen.
Gut gefällt uns die Waffenauswahl. Mit einem Laserkraftwerk lässt man nicht nur Gegner im wahrsten Sinne zerplatzen, sondern kann auch dünnes Metall zerschneiden, um Luftschächte freizulegen. Und mit zwei mächtigen Schrotflinten im Akimbo-Style durch die Gegend zu ballern, hat auch etwas. Übrigens gibt es in der Konsolenversion keine automatische Zielhilfe, wodurch entfernte Gegner deutlich schwerer zu treffen sind, als etwa in einem Call of Duty. Zwischendurch findet man Waffen-Upgrades, doch auch Blazkowiczs Fähigkeiten lassen sich verbessern. Man verteilt dafür keine Punkte, sondern erfüllt Aufgaben, zum Beispiel "fünf Headshots mit der Pistole". Wir haben es jedoch schnell aufgegeben gezielt Vorteile freizuspielen, sondern uns gefreut, wenn es zufällig passiert ist – das ist aber Geschmacksache.

Technisch veraltet

Die von uns getestete Xbox-One-Version läuft in 1080p-Auflösung und mit superflüssigen 60 Bildern pro Sekunde. In Anbetracht der mäßigen Grafik ist das aber keine Kunst. Detailgrad und Texturqualität sind eines Next-Gen-Titels unwürdig. Auch die Steuerung ist ab und an hakelig. Allerdings treten die Schwächen nach Absolvieren des Prologs deutlich in den Hintergrund, da wir immer tiefer von der Atmosphäre aufgesaugt wurden und uns mehr Gedanken über den Fortgang der Story gemacht haben, als über das technische Erscheinungsbild. Mit 15 Stunden ist Wolfenstein: The New Order erfreulich umfangreich. Dass sich die Entwickler allerdings einen Mehrspieler-Modus gespart haben, können wir nicht verstehen, er gehört heutzutage einfach zu einem Ego-Shooter-Paket dazu.

Meinung

Wertung zu Wolfenstein: The New Order (XBO)

Wertung:

8.0 /10
Pro & Contra
Spannende, ab und an emotionale StoryGroße Waffenauswahl mit einigen futuristischen WummenUmfangreiches Upgrade-SystemAbwechslungsreiche Schauplätze1080p und 60 Bilder pro SekundeMit 15 Stunden Spielzeit relativ lang
Abstrus inszenierter Prolog mit langweiligen GefechtenViele Schlauch-AbschnitteSuizidale KI-SoldatenVeraltete Grafik, mäßige SoundeffekteKein Mehrspieler-Modus

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