Wild West Online: Nicht einmal für eine Handvoll Dollar

Special David Benke
Wild West Online: Nicht einmal für eine Handvoll Dollar
Quelle: Steam

Für Western-Freunde hörte sich Wild West Online vielversprechend an: Ein Open World-MMO mit einer ordentlichen Portion Cowboy-Feeling, das die Wartezeit bis Red Dead Redemption 2 überbrücken sollte. Ein Anheizer quasi, bevor im Herbst dann endlich der große Main-Act die Bühne betreten würde. Und das alles auch noch auf dem PC! Doch kann der Titel aus dem Hause 612 Games den hohen Ansprüchen überhaupt gerecht werden? Wir haben uns für euch einmal die Full Release-Version angesehen.

Um eines direkt vorwegzunehmen: Nein, Wild West Online kommt natürlich nicht an den bisherigen Genre-König aus der Rockstar-Schmiede heran. Unglücklicherweise ist der Titel aber selbst dann, wenn man Red Dead Redemption nicht als Vergleich heranzieht, kein sonderlich gelungenes Spiel. Wer nach Western-Action sucht, wird hier keinen allzu großen Spaß haben. Deshalb würden wir nach aktuellem Stand sogar so weit gehen, von einem Kauf abzuraten. Warum? Das haben wir einmal in einem kurzen Erlebnisbericht zusammengestellt:Zu Beginn des Spiels dürfen wir uns einer von zwei verschiedenen Fraktionen anschließen - der McFarlane-Familie oder der Steele-Industrie. Welche Auswirkungen unere Wahl hat oder warum wir sie überhaupt treffen müssen, bekommen wir leider nicht erklärt. Stattdessen geht es weiter in einen sehr minimalistischen Charakter-Editor. Hier können wir unserem Cowboy eines von fünf Standard-Gesichtern verpassen und seinen Hautton ändern. Slider, mit denen man das Aussehen der Spielfigur zumindest etwas personalisieren könnte, gibt es nicht. Weibliche Avatare sind bis dato sogar komplett gesperrt. Damit sieht jeder neue Charakter zu Beginn ziemlich gleich aus.

Ein Raubüberfall auf die Geldbeutel der Spieler

Der Charakter-Editor lädt nicht gerade zum Experimentieren ein. Quelle: PC Games Der Charakter-Editor lädt nicht gerade zum Experimentieren ein. Das scheint aber auch exakt so gewollt zu sein, liefert dieser Umstand doch die ideale Gelegenheit, kleine Accessoires und optische Individualisierungen zum Kauf anzubieten - gegen Echtgeld versteht sich. Wild West Online lässt euch für beinahe alles das Portmonee zücken. Dabei sind die Preise für die erhältlichen Kleidungsstücke, Boosts und Waffenskins unverhältnismäßig hoch: Für 649 Banknoten bekommen wir etwa ein stilechtes Halstuch mit Totenkopf-Muster. Das sind umgerechnet etwa zehn Euro! Warum 612 Games die Spieler so tief in die Tasche greifen lassen, erschließt sich uns nicht wirklich. Die unglaublich vielen Mikrotransaktionen ergäben bei einem Free-to-Play-Titel vielleicht noch halbwegs Sinn. Da Wild West Online aber bereits 30 Euro kostet, grenzen die vielen InGame-Käufe an eine Frechheit.

Im Hauptmenü haben wir neben dem Shop noch weitere Optionen, wie etwa einer Party beizutreten oder meinen Charakter in der Übersicht zu betrachten. Bereits hier gibt die deutsche Textversion des Titels ihren Geist auf. Es fehlen einige Bausteine, sodass etwa Platzhalter wie "$MapText_War" oder einfach die englische Version angezeigt werden. Auch Rechtschreibfehler oder kuriose Übersetzungen sind an der Tagesordnung, ebenso wie übergroße Texteinblendungen.

Die Welt von Wild West Online erinnert stark an Red Dead Redemption, lässt aber an Umfang und Abwechslung vermissen. Quelle: PC Games Die Welt von Wild West Online erinnert stark an Red Dead Redemption, lässt aber an Umfang und Abwechslung vermissen. Von diesem ersten Eindruck lassen wir uns aber nicht abschrecken und loggen uns direkt auf dem Server Dolores ein, was frei übersetzt so viel wie Schmerzen bedeutet. Ein lustiger Zufall oder doch eine Vorahnung? Das wird sich bald zeigen. Die Ladezeit ist auf jeden Fall schon einmal ordentlich. Beinahe eine Minute müssen wir warten, ehe wir die Spielwelt betreten dürfen. Danach werden wir aber direkt ins Abenteuer geworfen. Es gibt nämlich kein Tutorial, keine Einführung in "Story" oder Spielwelt. Entsprechend ahnungslos inspizieren wir erst einmal Inventar und Tastenbelegung. Als wir schließlich den Revolver angelegt und das magisches Teleport-Pferd (taucht beim Pfeifen aus dem nichts auf) gesattelt haben, wollen wir uns voller Tatendrang ins Abenteuer stürzen.

Der Wilde Westen ganz ruhig

Aber Moment: Was gibt es eigentlich zu tun? Das ist eine Frage, die nicht nur uns zu beschäftigen scheint. Denn auch im InGame-Chat oder Forum rätseln Neueinsteiger, welche Beschäftigungsmöglichkeiten Wild West Online denn eigentlich bietet. Die populärste Antwort eines Wild-West-Veteranen lautet: "Geld sammeln, eine Shotgun kaufen und dann Spaß in PvP-Kämpfen haben". Klingt überzeugend, also starten wir den Selbstversuch. Die billigste Flinte kostet 1690 Dollar - im Vergleich zu 35 Dollar für den Anfängerrevolver. Wie wir an die Kohle kommen? Questen scheint da die naheliegende Antwort zu sein. Also besorgen wir uns beim Sheriff einen Deputy-Stern, um nun Verbrecher jagen und Kopfgeld sammeln zu können. Denken wir zumindest. Die Wahrheit sieht allerdings anders aus.

Missionen gibt es in der Stadt nämlich so gut wie gar Quest-Geber sind im Spiel an einem blauen Buch über ihrem Kopf erkennbar. Quelle: PC Games Quest-Geber sind im Spiel an einem blauen Buch über ihrem Kopf erkennbar. keine. Stattdessen sind diese bei den verschiedenen Farmen zu bekommen, die auf der Weltkarte verstreut sind. Die Aufgaben mit denen wir dort konfrontiert werden, sind meist recht stupide und kurz erklärt. Die Umsetzung gestaltet sich meist aber schwieriger. Ein Beispiel: Für einen Geburtstagkuchen müssen wir etwa Blaubeeren sammeln, deren Fundort auf einer kaufbaren Überlebenskarte zu sehen sein sollen. Auf dieser werden uns aber nur Kräuter wie Schafgarbe oder Sonnenhut angezeigt. Als Krönung des Ganzen ist der Standort unseres Auftraggebers nicht einmal im Quest-Logbuch vermerkt. Da wir ihn so nicht wiederfinden, ist die Mission nach Ablauf eines Zwei-Stunden-Timers fehlgeschlagen.

Uns packt jedoch der Ehrgeiz und wir suchen uns einen neuen Job: Fünf Hasenfelle möchte der Chef der Colby-Farm haben, also legen wir uns mit einer Tierfalle auf die Lauer und warten. Um sie nicht aus den Augen zu verlieren, bewegen wir uns dieses Mal keinen Meter. Sobald die Falle zuschnappt, sehen wir nach, was wir gefangen haben. Unsere Beute reicht von Eichhörnchen, Bibern und Opossums bis hin zu Pumas. Hasen erwischen wir aber gerade einmal drei. Zu allem Überfluss geht dann auch noch unsere Falle kaputt. Wir reiten also in die nächste Stadt und kaufen für 13 Dollar eine neue. Nach 59 Minuten haben wir dann schließlich meine benötigten Felle zusammen, die wir bei einer plötzlich aufgetauchten Markierung auf der Karte abgebe. Warum diese erst jetzt erscheint, keine Ahnung. Wir reiten jedenfalls dorthin, geben unsere Beute ab und erhalten dafür 100 XP und eine Lootbox mit einem zufälligen Kleidungsstück. Wir kapitulieren. Dann muss das Geld eben woanders herkommen.

Kein Land zum Altwerden

Bei gegnerischen Aufeinandertreffen ist ein schneller Abzugfinger gefragt. Quelle: PC Games Bei gegnerischen Aufeinandertreffen ist ein schneller Abzugfinger gefragt. Wie wäre es mit Mineralien? Wir kaufen eine entsprechende Karte und machen uns auf die Suche. An einem Felsen schürfen wir Gold und erfreuen uns dabei an den Soundeffekten unserer Spitzhacke. Die klingt bei jedem Schlag so, als würde man zwei Bratpfannen gegeneinander hauen. Als unsere Ausdauerleiste leer ist, haben wir schließlich sechs große Goldnuggets gesammelt. Ein Klumpen bringt in der nahen Stadt allerdings nur knappe 2 Dollar. Auch beim Roulette-Spiel im Saloon, welches ebenso simpel wie schlecht animiert ist, gibt es nicht viel zu holen. Zum Pokern kommen wir während meines Tests gar nicht, da sich nie genug Leute an einen Tisch verirren.

Es bleibt also nur die letzte Möglichkeit: eines der vielen PvP-Live-Events, in denen etwa Relikte gesucht oder Postkutschen überfallen werden müssen. Auf diese Idee kommen allerdings viele Spieler - entsprechend groß ist die Konkurrenz und klein die Überlebenschance. Ähnlich sieht es auch bei den Capture-Events aus, in denen eine Stadt eingenommen oder verteidigt werden muss. Außerhalb der Safe-Zonen sind wir Freiwild, als Neuankömmlinge werden wir bevorzugt gnadenlos abgeschossen. Mit unserer kleinen Bleispritze lässt sich eben nicht viel ausrichten, wenn uns Level-30-Gegner mit ihrem Karabiner über den Haufen schießen. Lacht uns das Glück doch einmal zu und wir landen selbst einen Abschuss, müssen wir ernüchtert feststellen, dass dies keinen großen Nutzen mit sich bringt. Ein Kill liefert nur spärlich XP und Loot.

Die Stadt Stone Creek ist einer der wenigen Orte, in denen ihr euch nicht vor einem schnellen Tod fürchten müsst. Quelle: PC Games Die Stadt Stone Creek ist einer der wenigen Orte, in denen ihr euch nicht vor einem schnellen Tod fürchten müsst. Wir versuchen deshalb, uns aus allen Scharmützeln heraus zu halten und uns stattdessen die Welt etwas genauer anzusehen. Vielleicht hat Wild West Online abseits des schnöden Gameplays ja doch etwas Schönes zu bieten? Die Welt ist nicht unbedingt riesig, Größe und Gestalt erinnern stark an den US-amerikanischen Teil der Red Dead Redemption-Karte - allerdings mit weitaus weniger Abwechslung. Uns erwartet eigentlich überall die gleiche Prärie-Landschaft. Wüsten, Wälder oder Berge? Fehlanzeige! Auch grafisch ist Wild West Online nicht der Bringer. Viele Umgebungen werden nachgeladen, manchmal tauchen Objekte auch einfach aus dem Nichts auf oder flimmern unerträglich. Die Texturen sind körnig und grob, der Schattenwurf nicht immer realistisch.

Bugs pflastern seinen Weg

Auch bei den Animationen haben die Entwickler noch viel Nachholbedarf. Diese wirken allesamt abgehackt und unnatürlich. Beim Reiten hört unser Pferd zeitweise auf, zu galoppieren und bewegt sich stattdessen schwebend vorwärts. Bei Kollisionen mit Felsen oder Büschen glitcht das Spiel gerne einmal. Bäume wackeln wie im Tornado, Charaktere sitzen in der Luft und unser Protagonist hält nicht einmal die Zügel in der Hand: nur eine kleine Auswahl an Grafik-Bugs.

Auch in Wild West Online kommt ab und zu kommt ein wenig Western-Feeling auf. Quelle: PC Games Auch in Wild West Online kommt ab und zu kommt ein wenig Western-Feeling auf. Doch selbst wenn die Optik besser wäre, richtiges Western-Feeling vermag nicht aufzukommen. Wild West Online hat einfach keine Atmosphäre. Die Städte wirken alle leer und leblos, die Spielwelt beinahe ausgestorben. Es gibt keine Tiere, keine NPCs. Auch auf eine stimmige Soundkulisse oder Ingame-Musik müssen wir verzichten. Da helfen Zusatz-Features wie das Skill-System, Errungenschaften oder Crafting auch nicht mehr weiter. Besonders, da die Funktionen meist nur halbherzig umgesetzt und unzureichend erklärt werden.

Nach über sechs Stunden in Wild West Online haben wir schließlich 353 Dollar zusammengespart, also nicht einmal ein Viertel der eingangs anvisierten Donnerbüchse. Der Spielspaß blieb auf dem Weg dorthin auf der Strecke. Wir können uns auch nicht vorstellen, dass es dem Großteil der Spieler anders ergangen sein wird. Eigentlich ist es eine Frechheit, für diesen Titel 30 Euro zu verlangen. Wer Wild-West-Action sucht oder die Wartezeit bis zum neuen Red Dead Redemption überbrücken möchte, der spielt am besten einfach den ersten Teil noch einmal. Denn selbst im zehn Jahre alten Online-Multiplayer steckt mehr Liebe und Leben als im neuen Titel von 612 Games.

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