West of Dead im Test: Ein tödlich guter Twin-Stick-Shooter im Western-Stil
Test
Spuckt den Kautabak aus und rückt eure Cowboy-Hüte gerade, denn jetzt begeben wir uns auf einen knackig-düsteren Ritt in die Wild-West-Unterwelt. Der Twin-Stick-Shooter mit Roguelike-Elementen namens West of Dead ist seit dem 18. Juni 2020 verfügbar, nachdem er zuvor bereits seit dem 14. November 2019 in einer offenen Beta spielbar war, zumindest auf der Xbox One und dem PC. Was das fertige Spiel taugt, haben wir für euch herausgefunden.
Purgatory, Wyoming: Wir schreiben das Jahr 1888. Die Tage glorreicher Halunken und ständig schwingender Saloon-Türen sind gezählt, Dunkelheit und Verdammnis haben die Oberhand gewonnen. Anstatt den nächsten Überfall zu planen, sehen sich die Cowboys mit einem Überlebenskampf gegen Hexen, Wendigos, Untote und andere Abnormitäten konfrontiert.
Auf dieser Seite
Der Twin-Stick-Shooter West of Dead zeichnet in der Erzählung seiner Geschichte und in seiner Atmosphäre ein beklemmendes und deprimierendes Bild. Doch hat uns das Spiel alles andere als deprimiert zurückgelassen, nein, wir hatten tatsächlich richtig viel Spaß.
Spiel mir das Lied vom Tod
Quelle: PC Games
West of Dead im Test: Ein tödlich guter Twin-Stick-Shooter im Western-Stil
In West of Dead schlüpfen wir in die Haut eines raubeinigen Revolverhelden, auf dessen Schultern ein brennender Skelettschädel ruht. Er wacht auf in einer heruntergekommenen Bar irgendwo im Nirgendwo, in der uns lediglich der schmierige und zwielichtig wirkende Barkeeper begrüßt. Dort dauert es nicht lange, bis uns und unserem Protagonisten, gesprochen von Sons-of-Anarchy- und Hellboy-Star Ron Perlman, schlagartig die bittere Wahrheit klar wird. Unser Held ist ein toter Mann, im wahrsten Sinne des Wortes. Eigentlich sollte er sich schon längst die Radieschen von unten ansehen.
Und doch wandelt er, jeder Erinnerung an sein Leben beraubt, noch immer auf der Erde. Auf seiner mystischen Reise durch das Fegefeuer jagt er seinen verlorenen Erinnerungen und mutmaßlichen Feinden hinterher. Die Geschichte und die Lore von West of Dead bleiben dabei stets vage und mysteriös, fast schon fühlt man sich in seiner Rolle als Untoter in einer unverständlichen Welt an Dark Souls erinnert. Dies ist jedoch nicht die einzige Parallele, denn das Roguelike ist stellenweise ganz schön schwer.
Bleihaltige Luft
Quelle: PC Games
West of Dead im Test: Ein tödlich guter Twin-Stick-Shooter im Western-Stil
Spielerisch bietet West of Dead eine interessante Mischung aus einem flüssig und schnell von der Hand gehenden Twin-Stick-Shooter und einem taktischen und langsamen Cover-Shooter. Sobald wir die schäbige Bar verlassen haben, finden wir auch schon unsere ersten zwei zufälligen Waffen. Dann kann es losgehen. Wir können immer jeweils zwei Waffen ausrüsten, die wir in der PC-Fassung jeweils mit der linken oder der rechten Maustaste abfeuern können. Mit dem Gamepad gehen wir wenig überraschend mit den beiden Analogsticks und diversen Tasten ans Werk. Das funktioniert zunächst so simpel wie es klingt, doch erfordern unterschiedliche Waffen auch unterschiedliche Eingaben von uns. Mit einem Revolver etwa können wir die jeweilige Taste gedrückt halten und eine ganze Salve von Kugeln in Richtung der Gegner schicken. Mit einer Muskete müssen wir die Taste länger gedrückt halten und dann loslassen, um einen einzelnen und gezielten Schuss auf weiter entfernte Gegner anzusetzen. Schrotflinten und Steinschlosspistolen feuern durch kurzes Antippen der Taste. Erstere verfügen dafür nur über eine sehr geringe Reichweite. Alle Waffen haben zudem nur begrenzte Munition, die sich allerdings automatisch auflädt, wenn wir weder zielen noch ausweichen.
So müssen wir stets abwägen, in welcher Situation wir welches Schießeisen einsetzen und in welcher Kombination wir sie ausrüsten. Neben den Kanonen kann unser Charakter auch zwei Items und im späteren Verlauf einen Heiltrank sowie ein Accessoire anlegen. Wir können zum Beispiel nahe Gegner mit einer Wurfaxt angreifen, die großen Schaden verursacht, wir können Dynamit auf unsere Gegner werfen oder uns mit einem Sheriffstern vorrübergehend unverwundbar machen. Doch sind diese Items eher nebensächlich. In den isometrischen Kämpfen ist es vor allem wichtig, eine sichere Deckung zu finden. Zwar können wir mit einem Druck der Leertaste einen Ausweich-Move ausführen, doch diesen gekonnt einzusetzen, will gelernt sein.
Besser ist es also, wenn man sich feige hinter einer Deckungsmöglichkeit verkriecht. Wenn einem nun jedoch der Gedanke aufkommt, die Kämpfe könnten dadurch sehr leicht werden, dann wird man schnell eines Besseren belehrt. Äußerst klug wurden hier nämlich gewisse Mechaniken eingebaut, die verhindern, dass eine feige Versteck-Taktik auf Dauer von Erfolg gekrönt ist.
Im Dunkel ist schlecht schießen
Quelle: PC Games
West of Dead im Test: Ein tödlich guter Twin-Stick-Shooter im Western-Stil
Zunächst einmal lassen sich die Deckungen in nur wenigen Schüssen von den Gegnern zerstören, sodass wir nach einer Weile zwangsläufig zur nächsten sicheren Stelle spurten müssen. Außerdem gibt es Nahkampfgegner, die zu uns hinter die Deckung gelaufen kommen und uns dort attackieren oder Gegner, die explosive Gegenstände schleudern. Kreisen uns mehrere solcher Gegnertypen ein, verlassen wir besser schnell die derzeitige Position. Zu guter Letzt macht uns auch die Dunkelheit einen Strich durch die Rechnung. In vielen Arealen ist es nämlich so stockfinster, dass wir die Feinde in der Dunkelheit nicht richtig sehen und darum auch nicht ordentlich unter Beschuss nehmen können. Wir können zwar abwarten und nachsehen, aus welcher Richtung ungefähr die Schüsse kommen, doch das funktioniert eher semi-gut. Klüger ist es in diesen Situationen meist, eine entzündbare Lampe im Areal zu finden und zu betätigen. Dadurch wird nicht nur das Gebiet erleuchtet, auch erhalten alle Gegner im Umkreis für eine gewisse Zeit einen Stun. Auf dem Weg zu einer Lampe müssen wir aber schnell und geschickt sein, sonst sind wir rasch Schweizer Käse.
Wir werden also gezwungen, uns immer wieder waghalsig in gefährliche Situationen zu begeben, in denen wir schnell sein und perfekt ausweichen müssen. Dadurch kommen unerwartet immer wieder spannende und actionreiche Momente zustande, die stets eine schöne Herausforderung darstellen. Die richtige Balance zwischen taktischem Abwägen und schnellem Handeln zu finden, ist zunächst nicht einfach. Hat man sich aber erst einmal mit der Steuerung angefreundet und an das Timing gewöhnt, dann geht das alles geschmeidig von der Hand und fühlt sich richtig gut an. Auf einige Tode und kleinere Frustmomente muss man sich leider dennoch einstellen, besonders bei einigen Bossgegnern im späteren Spielverlauf. Wie es sich für ein echtes Roguelike gehört, sind auch hier zahlreiche Game Overs und erneute Spieldurchgänge unumgänglich.
Täglich grüßt der Barkeeper
Quelle: PC Games
West of Dead im Test: Ein tödlich guter Twin-Stick-Shooter im Western-Stil
In gewisser Weise erinnert West of Dead mit seinen grundlegenden Roguelike-Elementen an Spiele wie The Binding of Isaac. In den einzelnen Arealen ist es unser Hauptziel, einen Weg in die nächste Etage zu finden. Wollen wir das komplette Gebiet erkunden, müssen wir uns zwar auf mehr Schießereien einstellen, abseits des Weges finden wir aber immer wieder zufallsbasiert neue Waffen, Items und Accessoires, welche die Gefechte erleichtern. Demnach schaut man zwangsläufig in die Röhre, wenn man nicht ausgiebig genug die einzelnen Level erkundet oder wenn man nicht genug Glück bei den Items hat. Auch ist es möglich, einem Händler zu begegnen, bei dem wir Items und Waffen für erbeutetes Eisen kaufen können. Es gibt jedoch nicht nur Items, wir stolpern auch immer wieder über Totenkopf-Schreine, an denen wir verschiedene Werte unseres Charakters verbessern können. Dort können wir etwa unsere Gesundheit und unseren Nahkampfschaden steigern, den Schaden unserer Schusswaffen verbessern und die Abklingzeit der einsetzbaren Items verkürzen. Sobald wir (mal wieder) den virtuellen Löffel abgegeben haben, sind jedoch alle erworbenen Verbesserungen, Waffen und Items verloren.
Quelle: PC Games
West of Dead im Test: Ein tödlich guter Twin-Stick-Shooter im Western-Stil
Wir beginnen das Spiel wieder ganz von vorn. Wieder wachen wir im heruntergekommenen Saloon auf, wo der zwielichtige Barmann ermutigend auf uns einredet, wieder bekommen nur zwei zufallsbasierte Waffen niedrigster Qualität. Dadurch fühlt sich das Spiel gelegentlich zu repetitiv und frustrierend an. Hier kommt eine seltene Ressource namens "Sin" ins Spiel, welche von manchen Gegnern fallen gelassen wird oder sich in von der Decke hängenden Kisten verbirgt. Nach jedem abgeschlossenen Level begegnen wir im Übergang zum nächsten Areal einer Hexe, bei der wir die erbeuteten Sins für diverse Hilfsmittel eintauschen können. Zum Beispiel können wir hier einen Heiltrank freischalten, welcher, ähnlich den Estus-Flasks aus Dark Souls, mit jeder Verbesserungsstufe öfter eingesetzt werden kann. Auch können wir hier neue Items aller Art freischalten, die dann zufällig in den Levels gefunden werden können. Diese freizuschalten ist aber teils astronomisch teuer, hier hätte die Ökonomie des Spiels ein wenig großzügiger sein dürfen. Im Test haben wir die einzelnen Gebiete meist mit zehn bis zwanzig Sins im Gepäck abgeschlossen, einige Schusswaffen kosten über 500 Sin. Viele Stunden lang grinden wir uns also immer wieder durch die Areale, bis wir mit besserem Equipment ein kleines Stück weiterkommen. Das kann schon mal frustrierend werden, vor allem, da man sehr viel Pech beim Finden guter Ausrüstung haben kann.
Du hast da ein bisschen Dreck an den Stiefeln
Quelle: PC Games
West of Dead im Test: Ein tödlich guter Twin-Stick-Shooter im Western-Stil
Frustrierend kann der repetitive Loop aber auch durch kleinere Macken werden, die uns im Test aufgefallen sind. Der cartoonartige, aber trotzdem dreckig-düstere Artstyle sorgt zwar für eine schöne Stimmung, doch dunklere Gebiete mit vielen Gegner können durch diese Optik schnell mal unübersichtlich werden. Für ein wenig Ärger sorgt von Zeit zu Zeit auch die Steuerung. Um in Deckung zu gehen, müssen wir keine gesonderte Taste betätigen. Das macht unser Charakter ganz automatisch, wenn wir hinter einem geeigneten Gegenstand stehen. Manchmal funktioniert das aber nicht so richtig und wir kassieren die feindliche Kugel, obwohl wir eigentlich nah genug an der Deckung stehen. Zudem kann man bei der Platzierung der Feinde, der Lampen und der Deckungen ziemliches Pech haben. Durch die zufällig generierten Level können diese nämlich unfair positioniert sein. Sogar das Betreten eines neuen Raums kann manchmal hakelig werden.
Die Eingänge zu einigen Arealen sind mit Holzbrettern versperrt. Diese lassen sich aber durch einen Nahkampfangriff ganz einfach zerstören - eigentlich. In Wirklichkeit ist durch die isometrische Sicht unsere Position im Verhältnis zur Tür manchmal schwer einzuschätzen. Manchmal stehen wir ein bisschen daneben, manchmal noch nicht nah genug dran. Statt eines Nahkampfgriffs feuert unser Charakter dann unsere Schusswaffe ab, womit alle Feinde im nächsten Raum schon alarmiert sind, bevor wir diesen betreten. Das kann dafür sorgen, dass wir schon ein paar Kugeln kassieren, bevor wir auch nur die erste Deckung erreichen. Des Weiteren gibt es ab dem zweiten Level immer wieder Räume, in denen erhöhte Positionen durch eine Leiter erreichbar sind. Hier kann man beim Ausweichen ungünstig an der Kante stecken bleiben, dann erleidet man fortwährend Fallschaden und geht über den virtuellen Jordan. Das wird gerade dann besonders nervenaufreibend, wenn man schon richtig viele Sins gesammelt hat.
Noch letzte Worte?
Quelle: PC Games
West of Dead im Test: Ein tödlich guter Twin-Stick-Shooter im Western-Stil
Grafisch kann sich West of Dead sehen lassen. Wir erfreuten uns im Test an dem interessanten Artstyle, der gelegentlich an das Actionspiel Killer is Dead erinnert, nur in noch dunklerer und unsauberer. Einige Items und Icons wirken sogar handgezeichnet, was der Optik einen ganz besonderen Charme verleiht. Dieser wird noch verstärkt durch den coolen Western-Soundtrack während der Kämpfe, insbesondere ein sich immer wiederholendes Country-Rock-Jingle am Ende jeder Auseinandersetzung bleibt einem in Erinnerung. Für die richtige Stimmung sorgen aber auch die lässig gemurmelten Monologe unseres Charakters, die meist mehr Fragen aufwerfen als beantworten.
In seinen Bann ziehen konnten jedoch nicht nur der Style, der Sound und das Kampfsystem, auch die Lore erweckte nach einiger Zeit unser Interesse. Je mehr Erinnerungen wir durch Bosskämpfe finden, umso mehr reflektiert unser verstorbener Charakter sein voriges Leben. Die Einsichten in seine vergangene Existenz bleiben aber stets verschwommen und rätselhaft, ebenso wie die Hintergrundgeschichten der anderen Charaktere wie jene des des Barmanns, der Hexe oder des Händlers. Letztlich haben wir hier also eine gelungene und wirklich spaßige Spielerfahrung, die sich vor anderen Genrevertretern nicht verstecken muss. West of Dead ist seit dem 18. Juni für den PC und die Xbox One erhältlich, Umsetzungen für die PS4 und für die Switch sollen im August folgen.
