Vane im Test: Ambitioniertes Adventure mit kleinen Makeln
Test 17,99 €
In Vane liegt der Fokus auf der unbeeinträchtigten Entdeckungslust. Sich zu verlaufen ist erlaubt und erwünscht. Getragen werden soll die Erfahrung von einer einzigartigen Atmosphäre und einem enigmatischen Szenario. Im Test verraten wir euch, ob Vane hält, was es verspricht.
Am Anfang war das Wort: Diese Bibelpassage haben die Macher von Vane wohl übersprungen. Denn weder ein Erzähler, noch sonstig gearteter Dialog, steht dem Spieler in diesem Action-Adventure zur Seite. Und das, obwohl viele Indie-Spiele, wie etwa What Remains of Edith Finch, gerade mit starken Dialogen und Monologen punkten, oder es wie in Sea of Solitude zumindest versuchen. Stattdessen soll man sich in der verwüsteten Spielwelt, an deren Erschaffung auch Entwickler beteiligt waren, die bereits an Spielen wie The Last Guardian arbeiteten, selbst auf die Suche nach Sinn und Zweck machen.
Auf dieser Seite
Nicht jeder, der wandert, ...
Vom Winde verweht - so lässt sich die Ausgangssituation in Vane (jetzt kaufen 17,99 € ) wohl beschreiben. Die Welt von Vane ist umgeben von einem Sturm, der eure Spielfigur - ein Kind mit einer ziemlich coolen Kopfbedeckung - gleich in den ersten fünf Minuten des Spiels hinwegreißt. In der nächsten Szene - das Spiel unterteilt sich selbst in Szenen, die im Menü auswählbar sind - findet ihr euch als Vogel in einer zerklüften Wüstenlandschaft wieder, ein paar rostende Ruinen metallischer Bauten sind in der Ferne verteilt. Ihr seid völlig auf euch allein gestellt, ohne jegliche Vorstellung davon, was eigentlich von euch erwartet wird.
Diese Offenheit zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Spiel: Spielmechaniken werden, abgesehen vom seltenen Einblenden einer Taste, nicht explizit vorgestellt. Man probiert ein bisschen herum (oder schaut sich die etwas dürftigen Steuerungsoptionen im Pausenmenü an), um eine grobe Vorstellung davon zu gewinnen, was man überhaupt machen kann. Über eine der Hauptmechaniken stolpert man beinahe wortwörtlich; beim Kontakt mit einer mysteriösen goldenen Substanz wird man vom Vogel zum Kind. Besser gesagt landet man unsanft auf einen Haufen des glänzenden Gesteins, wenn man als Vogel zu knapp drüber hinwegflattert.
Quelle: PC Games
Sphärenmusik: Drückt man die F-Taste, um seine Stimme ertönen zu lassen, so beginnt diese Kugel, die beschädigte Umgebung wiederherzustellen.
Im Grunde gibt es zwei dominante Spielmechaniken, die helfen sollen, die Rätsel zu lösen: Auf der einen Seite ist da die Transformation von Vogel zu Kind und andersrum. Die beiden Formen bieten jeweils verschiedene Möglichkeiten: Der Vogel kann die Schwingen spreizen und eignet sich somit gut zum Erkunden der Umgebung und Erreichen abgelegener Orte. Das Kind hingegen kann wesentlich besser mit seiner Umgebung interagieren. Es zieht Hebel, öffnet Käfige und rollt, was sich so rollen lässt. Zudem kann man in beiden Formen von seiner Stimme Gebrauch machen. Als Vogel animiert ihr mit eurer Singstimme andere Vögel, sich zu euch zu gesellen und so unter dem gemeinsamen Gewicht Käfighalterungen oder gar eine riesige Wetterfahne zu biegen und zum Einsturz zu bringen. Die Stimme des Kindes kann später mit der goldglänzenden Substanz interagieren. Daraufhin verändert sich die Umgebung und eingestürzte Säulen und Brücken bauen sich wieder auf.
Mit Hilfe dieser Fähigkeiten verändert ihr eure Umgebung und löst dadurch Rätsel. Diese Puzzle-Aufgaben sind nicht wirklich komplex, sie haben aber das Problem, dass sie manchmal zu wenig offensichtlich als solche zu erkennen sind. Oft ist einem auch nicht klar, was überhaupt bezweckt werden soll. Folglich ist es dann auch schwer darauf zu kommen, was denn die Lösung des Problems sein soll.
... ist verloren?
Quelle: PC Games
Manchmal hilft es, wenn man kurz innehält und nachdenkt.
Dieses gleiche Gefühl, ein Gefühl des Verlorenseins, jedoch nicht der Orientierungslosigkeit, stellt sich auch bezüglich der Story ein. Man wird direkt in eine mysteriöse, fremdartige Welt geworfen, es gibt keinerlei Exposition durch Monologe oder Text. Hier tut sich ein schöner Kontrast zwischen dem Gesang als Spielmechanik und dem gänzlichen Fehlen von Sprache auf. Man muss das, was man sieht und hört, erstmal einfach so hinnehmen, wie es sich präsentiert. Genau dieser Mangel an Erklärung ist auch nötig, um im Spieler den Drang zum Suchen nach Antworten zu erwecken. Was hat es mit der mysteriösen glänzenden Substanz auf sich? Wer sind die langen Gestalten in schwarzen Umhängen und mit goldenen Schnäbeln, die uns wiederholt den Eintritt in die schützenden Türme verweigern? Wird der Sturm alles hinfort reißen? Und natürlich stets: Was soll man tun? Wer Vane eine Antwort auf diese Fragen abringen will, der hat keine andere Wahl, als zu erkunden und sich daran zu machen, die Puzzles zu lösen. Diese Spannung aufrechtzuerhalten ist eine steile Gratwanderung: Der Entdeckungsdrang im offenen Raum auf der einen Seite vermag schnell in Frustration umzuschlagen, wenn man zu lange vergebens nach dem nächsten Stück im Puzzle sucht. Durch das extrem offene Gamedesign, die spärlichen Hinweise und die Bewegungsfreiheit in Vogelform ist das leider sehr häufig der Fall.
Festmahl für Augen und Ohren
Quelle: PC Games
Diese Einblendungen von Tasten kommen eher spärlich vor.
Die Optik des Spiels versucht ihr Bestes, das Herumirren selbst zu einer bereichernden Erfahrung zu machen. Vane hat einen charakteristischen und bewusst simpel gehaltenen visuellen Stil. Oberflächen und Partikeleffekte sind facettiert, kantenreich und verstärken so die Kontraste zwischen Farben. In Verbindung mit dem gekonnten Spiel von Licht und Schatten fühlt sich die Welt im Spiel fest und greifbar an, ohne dabei ihren Hauch von verspieltem Surrealismus einzubüßen. Im späteren Verlauf gibt es Effekte, welche die zerstörte Umgebung Re-und Dekonstruieren, und auch hier profitiert Vane von seinen klaren Kanten, die sich erstaunlich gut mit wellenartigen, fließenden Lichteffekten vertragen. Positiv erwähnt werden sollte hier auch die Animation des Kindes: es stolpert, schwankt an den Rändern von Klippen und tut sich manchmal auf eine bezaubernde Weise schwer beim Erklimmen von Hindernissen. Seine Bewegungen fühlen sich an, als hätte der Körper tatsächlich Gewicht und erinnern bezüglich des Realismus der Bewegungen und Gesten an Spiele wie The Last Guardian des Entwicklerteams ICO. An diesem haben einige Mitglieder des Entwicklerstudios Friend and Foe übrigens auch mitgearbeitet.
Der Soundtrack zeichnet sich durch ätherische, langgezogene Synthesizer-Klänge, Ambient-Effekte wie Regen, Donner oder Wind und vereinzelte Singstimmen aus, die für eine stimmige Klangkulisse sorgen. Will das Spiel ein Gefühl der Spannung oder drohenden Gefahr vermitteln, so gesellen sich zu den dezenteren Synthesizer-Sounds eine penetrante Perkussion und ein starker Bass. Der Soundtrack liefert somit sowohl Momente, die beim Schweben über der Wüste deren Größe und Einsamkeit musikalisch untermalen, als auch Tracks, die man vielleicht in einem Scifi-Horror-Spiel erwarten würde, ohne jemals eine einheitliche Identität zu verlieren.
Kamera, quo vadis?
Quelle: PC Games
Vane im Test: Ambitioniertes Adventure mit kleinen Makeln (3)
Musik und Grafik gehören eindeutig zu den stärkeren Aspekten, aber leider wird vor allem die Optik oft von kleinen Mäkeln der Kamera gestört. Diese scheint ein Eigenleben zu besitzen: Manchmal will sie bestimmte Einstellungen forcieren, in der Vogelform zoomt sie oft unangenehm nah heran und allgemein verschwindet sie gern hinter Wänden, was der Immersion schadet. Diese Probleme werden im letzten Viertel des Spiels zusehends weniger, was wohl am filmisch-angehauchten Design dieses Abschnitts liegt, in dem viel weniger Wert auf Freiheit und Entdeckung gelegt wird. Sehr wahrscheinlich wäre etwas mehr Linearität auch in anderen Abschnitten von Vane eine bessere Wahl gewesen.
Trotz aller vorhandenen Makel sollte man bedenken, dass es sich hier um das erste Projekt eines neuen Indie-Studios handelt und angesichts dieses Umstandes haben sie ein atmosphärisches und gut spielbares Abenteuer abgeliefert, das zudem großteils ohne gröbere Bugs daherkommt.
