Publisher-Check: Ubisoft - Teil 2

Special Sebastian Stange
Nein, das ist nicht die Ubi-Firmenzentrale, sondern ein noch viel wichtigeres Gebäude: das Montreal-Studio. Hier arbeiten über 3.000 Mann an den wichtigsten Ubisoft-Spielen.
Quelle: PC Games

Tolle Marken, weltweite Studios und ein extrem breites Spiele-Spektrum: So tickt der französische Publisher. In den letzten Wochen und Monaten erntete Ubisoft viel Kritik, in diesem Report gingen wir dem Publisher vor dieser schweren Zeit auf dem Grund. Stand des Artikels Januar 2014.

Ubisoft ist überall dabei!

Ein weiteres Indiz für die Experimentierfreude Ubisofts ist das breite Angebot an Casual-Titeln sowie Spielen, die sich üblichen Genre-Schubladen entziehen. Da wäre etwa das abgedrehte Farb­rausch-Ballerspiel Child of Eden oder Rocksmith, eine Software, die euch mit Gaming-Mechaniken das Spielen einer echten Gitarre beibringt. Auch zum Release neuer Gaming-Konsolen und -Handhelds ist Ubisoft stets mit einer Vielzahl von Starttiteln dabei. Für Nintendos Wii U schickte man den Survival-Shooter ZombieU ins Rennen, Microsofts Xbox One bekam das Kinect-Prügelspiel Fighter Within spendiert. Wirklich klasse sind Ubis Exklusiv-Schnellschüsse nur selten, so hätte es etwa die Handvoll Mobile-Ports zum Start von Sonys Handheld PS Vita überhaupt nicht gebraucht.

Auch das ist typisch für Ubisoft: Zum Start neuer Hardware hat der Publisher stets passende Spiele in petto, die sich immer wieder als echte Gurken entpuppen, wie etwa Fighter Within für Xbox One. Quelle: PC Games Auch das ist typisch für Ubisoft: Zum Start neuer Hardware hat der Publisher stets passende Spiele in petto, die sich immer wieder als echte Gurken entpuppen, wie etwa Fighter Within für Xbox One. Bemerkenswert ist es dennoch, dass Ubisoft derart konsequent den Start jeder neuen Plattform begleitet. Yves Guillemot ließ in den vergangenen Monaten immer wieder verlauten, dass er sich kürzere Konsolen-Zyklen wünscht und dass es ihm mit PS4 und Xbox One nicht schnell genug gehen konnte. Denn neue Marken, so Guillemot, lassen sich am besten mit neuen Konsolen etablieren. Am liebsten wäre dem Ubi-Chef ein Konsolen-Zyklus von jeweils fünf Jahren. Womöglich schielt er da auf sein erfolgreiches Geschäft im Mobile-Markt, wo praktisch im Jahresrhythmus neue Hardware etabliert wird.

Versuche mit Free2Play-Systemen

Mit großem Eifer betätigt sich Ubisoft auch im Feld der Free2Play-Spiele. Mit Ghost Recon Online hat der Publisher einen soliden Online-Shooter im Angebot und mit The Mighty Quest for Epic Loot einen witzigen Mix aus Diablo und Dun­geon Keeper. Dazu kommen mit Anno Online sowie Siedler Online zwei erfolgreiche Browsergames aus dem Hause Blue Byte. Allesamt sind das solide Titel – prima spielbar, mit aktiven Communitys und spannenden Mechaniken. Doch allen wird auch der "Pay 2 Win"-Vorwurf gemacht: Bezahl-Spieler hätten zu starke Vorteile. Auch Bugs werden gerne beklagt.

Ubis neuester Vorstoß in Free2Play-Gefilde heißt The Mighty Quest for Epic Loot und vereint Dungeon Keeper mit Diablo und lässt Spieler einander ihre Schätze rauben. Quelle: PC Games Ubis neuester Vorstoß in Free2Play-Gefilde heißt The Mighty Quest for Epic Loot und vereint Dungeon Keeper mit Diablo und lässt Spieler einander ihre Schätze rauben. Es läuft also praktisch wie bei jedem anderen Titel im Free2Play-Bereich. Den Königsweg hat auch Ubisoft noch nicht gefunden. Bezeichnend ist es aber, dass der Konzern sich gleich auf eine Vielzahl von Strategien einlässt und diesen Projekten auch gehörig Zeit gibt. Jüngster Ubi-Coup: kleinere Spiele, teils abseits des Massengeschmacks, mit kurzer Spielzeit und dennoch durchweg hoher Produktionsqualität – Mini-Blockbuster sozusagen. Mit diesem Konzept feierten Far Cry 3: Blood Dragon sowie Call of Juarez: Gunslinger große Verkaufserfolge, ohne dass dafür ein Multi-Millionen-Dollar-Budget oder großer Werbe-Krawall nötig war.

Yves Guillemot hegt laut Interviews die Hoffnung, dass sich auf diese Weise die fast verschwundene Spiele-Mittelklasse wiederbeleben ließe. Die nächsten schrägen Mini-Blockbuster aus dem Hause Ubisoft sind Child of Light – ein ausgewachsenes Rollenspiel mit Oldschool-Mechaniken und einem zauberhaften 2D-Look – sowie Valiant Hearts: The Great War. Das bittersüße Puzzle-Adventure erzählt die Geschichte einer Handvoll Soldaten auf beiden Seiten der Schützengräben des Ersten Weltkriegs.

Ubisofts starke Marken

Abseits all der umtriebigen Sondierung neuer Strategien sind es vor allem Ubisofts starke Spielemarken, die den Publisher zu seiner Größe führten und ihm heute das Gros seiner Umsätze bescheren: Rayman sowie die daraus geborenen Rabbids-Spiele, Prince of Persia, Tom Clancy's Ghost Recon, Just Dance und Assassin's Creed. In diese Reihen investiert Ubisoft viel und mit diesen Reihen verdient der Publisher viel. Kein Wunder, dass sich Ubisoft an dieser Stelle nicht viel anders benimmt, als es das Klischee des "großen, bösen Publishers" beschreibt: Neue Ableger erscheinen im Jahresrhythmus und beliebte Marken werden mit Spin-offs und allen nur erdenklichen Zusatzprodukten aufgeblasen.

Assassin's Creed: Revelations merkte man an, dass es unter großem Zeitdruck entstand. Der Entschluss, jährlich einen Ableger der Reihe zu veröffentlichen, hinterließ also durchaus Spuren. Quelle: PC Games Assassin's Creed: Revelations merkte man an, dass es unter großem Zeitdruck entstand. Der Entschluss, jährlich einen Ableger der Reihe zu veröffentlichen, hinterließ also durchaus Spuren. So flutete Ubisoft Nintendos Wii-Konsole mit Rabbids-Spielen, verwandelte die trotteligen Hasen in allerlei Spielzeug und bringt sie ab Dezember in Form der grellbunten, interaktiven Sendung Rabbids Invasion sogar ins Kinderfernsehen. Auch die Assassin's Creed-Reihe wurde nach ihrem famosen Start sichtbar in die Mangel genommen. Die Geschichte von Ezio aus dem nach wie vor beliebtesten Teil der Reihe, Assassin's Creed 2, wurde auf zwei Nachfolgerspiele ausgewalzt. Insbesondere Revelations merkte man an, dass den Entwicklern die Zeit für echte Innovationen und den finalen Feinschliff fehlte. Nicht einmal ein Jahr hatten die Entwickler Zeit, um den Multiplattform-Titel zu stemmen.

Das zeigt, wie knallhart Ubisoft mit der Spielereihe plant. Gleichzeitig ist das ein beeindruckendes Zeugnis dafür, dass Ubis Multi-Studio-Strategie funktioniert. Mittlerweile ist die Spielereihe mit dem erfrischenden Piraten-Abenteuer Black Flag wieder auf einem guten Kurs. Wir hoffen darauf, dass sich Ubisoft nach der Verschiebung von Watch Dogs auf 2014 dazu entscheidet, nicht mehr jedes Jahr ein neues Assassin's Creed zu veröffentlichen. Beide Open-World-Reihen könnten sich prima Jahr für Jahr abwechseln.

Ubi-Klassiker "Missing in Action"

Viel ärgerlicher als das branchenübliche Auspressen beliebter Marken ist es, wenn heiß ersehnte Nachfolger ausbleiben. So warten wir seit Jahren auf konkrete Informationen zu Beyond Good & Evil 2, zu dem Ubisoft fieserweise bereits einen Teaser zeigte. Auch ein neues Prince of Persia ist längt überfällig, wobei hierzu angeblich schon ein Open-World-Spiel in Entwicklung ist. Manch Gaming-Nostradamus prophezeit sogar eine Überschneidung mit der Assassin's Creed-Reihe. Wieso auch nicht? Klettern und meucheln können persische Prinzen sicherlich genauso gut wie verschwörerische Assassinen.

Über fünf Jahre ist es bereits her, dass Ubisoft ein nicht näher benanntes Teaservideo zeigte, mit dem eindeutig auf ein neues Beyond Good & Evil hingewiesen wurde. Wo bleibt der Titel nur? Quelle: PC Games Über fünf Jahre ist es bereits her, dass Ubisoft ein nicht näher benanntes Teaservideo zeigte, mit dem eindeutig auf ein neues Beyond Good & Evil hingewiesen wurde. Wo bleibt der Titel nur? Offizielle Informationen gibt es natürlich keine und auch zu Tom Clancy's Rainbow 6: Patriots schweigt sich Ubisoft aus. Vor zwei Jahren wurde der Shooter angekündigt, mit einem geplanten Release Ende 2013. Seitdem herrscht Funkstille. Wir hoffen, die Entwickler überarbeiten ihr Konzept gründlich, denn der damals veröffentlichte Konzept-Trailer wirkte gar zu sehr, als käme da ein weiterer linearer Spektakel-Shooter im Stil von Call of Duty oder Medal of Honor: Warfighter auf uns zu. Funkstille herrscht ebenfalls zum Thema Brothers in Arms: Furious Four, einem der wenigen Ubi-Spiele, die bei einem externen Studio entstehen – in diesem Fall Gearbox Software. Hoffen wir, dass die kernige Weltkriegsaction nach wie vor in Arbeit ist.

Uplay und das DRM-Drama

Recht neu und von großer Priorität für Ubisoft ist der Aufbau einer eigenen Online-Plattform: Uplay. Damit reagiert der Publisher, ähnlich wie EA mit Origin, auf die wachsende Bedeutung der digitalen Spiele-Distribution. Der Zug ist aus geschäftlicher Sicht verständlich: Ubisoft will möglichst viel Kontrolle über seine eigenen Produkte und deren Spieler. Obendrein will man mit Uplay als Shopping-Plattform Zusatzerlöse generieren. Charmant ist die Idee, über verschiedene Ubi-Spiele hinweg Punkte sammeln und in Ingame-Boni eintauschen zu können. Als höchst ärgerlich entpuppte sich jedoch der Versuch, eine dauerhafte Online-Authentifizierung von PC-Spielen mittels Uplay zu erzwingen.

Ubisofts wichtigster Titel in diesem Jahr war sicherlich das Open-World-Spiel Watch Dogs, das eigentlich bereits Ende 2013 erscheinen sollte. Quelle: PC Games Ubisofts wichtigster Titel in diesem Jahr war sicherlich das Open-World-Spiel Watch Dogs, das eigentlich bereits Ende 2013 erscheinen sollte. Die Zockergemeinde protestierte lautstark, Hacker legten den Dienst mit Massenanfragen lahm – es war ein riesiges Debakel. Am Ende gewannen wir Spieler nichts davon, außer sehr viel Ärger. Satte 57 % der Teilnehmer an unserer Online-Umfrage sahen den DRM-Versuch als Ubisofts dicksten Patzer. Inzwischen ist die Sache Vergangenheit. Ubisofts PC-Spiele müssen nur noch einmalig via Uplay aktiviert werden. Dass es den Dienst überhaupt braucht, verstehen viele Spieler dennoch nicht.

Doch angesichts von Xbox Live, Sonys PlayStation Network, Steam und Origin wird Ubisoft sicherlich nicht bereit sein, einen kompletten Rückzieher zu machen. Hoffen wir also darauf, dass der Publisher seine Lehren gezogen hat und sich fortan darauf konzentriert, uns mit guten Spielen an sich zu binden. Mit den großen Marken, mit den kleinen Gaming-Experimenten, mit Mini-Blockbustern und dem Mut, Neues zu probieren, hat Ubisoft die besten Chancen dazu.

Bildergalerie

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