Tower of Time im Test: Jetzt mit Testvideo - packendes Rollenspiel mit RTS-Elementen und Retro-Charme
Test
Assassin's Creed, Far Cry, Prince of Persia - das ist nur eine kleine Auswahl an Spielen, in denen es regelmäßig Türme zu erklimmen gilt. Die Entwickler von Event Horizon haben nun einen etwas anderen Ansatz gewählt: In ihrem neuen Titel Tower of Time klettert ihr nämlich ausnahmsweise nicht ein riesiges Bauwerk hinauf, sondern sucht euch stattdessen einen Weg nach unten. Auch sonst kann das Indie-Rollenspiel mit einigen interessanten Neuerungen aufwarten: Allen voran das eigens kreierte "Arrow-Time"-Kampfsystem.
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Early Access ist momentan einer der heißesten Trends der Gaming-Industrie - die Spiele, die dadurch auf den Markt kommen, genießen allerdings nicht immer den besten Ruf in der Community. Mal ist das Gameplay noch nicht einmal ansatzweise ausgereift, mal der Support schlecht oder die Kommunikation mit den Entwicklern dürftig. Dass es aber auch ganz anders laufen kann, das beweist nun das frisch erschienene Rollenspiel Tower of Time. Das Erstlingswert des polnischen Indie-Studios Event Horizon war über weite Teile der Entwicklung bereits auf Steam verfügbar und ist nun seit dem 12. April offiziell als Full-Release für den PC erhältlich. Das RPG im Stile alter Klassiker wie Baldur's Gate lockt mit einer packenden bis zu 50 Stunden füllenden Story, einem ganz eigenen Kampfsystem und handgefertigten Levels in vier verschiedenen Designs. Wir haben uns einmal angeschaut, ob der Titel diese Versprechen auch wirklich halten kann.
Die Geschichte hinter Tower of Time ist schnell erklärt: Ihr befindet euch in der Welt Artara - einst ein Ort voller Wunder und Technik, nun ein hoffnungsloser Fleck verdorbenes Land. Eine unbekannte, zerstörerische Macht hat die Region in Schutt und Asche gelegt, seit 1.000 Jahren kämpft die Menschheit hier nun um ihr Überleben. Der Protagonist, ein junger Offizier des Königs, ist die letzte Chance, die Welt noch zu retten. Dafür gilt es den namensgebenden Turm zu erkunden, der plötzlich wie aus dem Nichts erschienen ist und - wie sich nach näherer Erkundung herausstellt - verkehrt herum in der Erde steckt. Mit einer kleinen Gruppe begebt ihr euch auf eine Entdeckungsreise durch die verschiedenen Ebenen des mysteriösen Bauwerks, um seine Geschichte zu ergründen und schließlich die Spitze beziehungsweise den Boden zu erreichen.
Alles steht Kopf - oder doch nicht?
Die Grundstory des stereotypischen "letzten Retters" ist im Grunde nichts Neues. Dennoch strickt Tower of Time eine fesselnde und außergewöhnliche Geschichte um eine Welt zwischen fortschrittlicher Technologie und altertümlicher Magie. Seinen ganz eigenen Charme entwickelt der Titel natürlich durch die unkonventionelle Idee des Turms, der verkehrt herum in den Boden gerammt wurde. Leider hat der Umstand keinerlei Auswirkungen auf das Leveldesign. Das Kuriosum wird während des Spiels mehrmals in Gesprächen erwähnt, es steht aber nichts auf dem Kopf. Wir laufen weiterhin auf dem Boden und nicht der Decke. Von diesem kleinen Makel abgesehen, wird die Geschichte aber schön erzählt - sei es durch Gespräche oder im Verlauf des Spiels gefundene Schriftstücke, die das Geheimnis hinter dem mysteriösen Turm näher beleuchten. Pro Ebene gibt es zudem eine Zwischensequenz, die uns Auskunft über die Spielwelt und deren Untergang gibt.
Was die Präsentation betrifft, verzichtet Tower of Time im Großen und Ganzen auf eine unnötig opulente Optik. Die Animationen sind meist nur minimal, die handgezeichneten Grafiken simpel aber dennoch schön anzuschauen. Die Entwickler haben sich dort unübersehbar Mühe gegeben. Auch die Ingame-Musik ist stimmungsvoll und stets passend zur entsprechenden Situation. Klassische Instrumente machen atmosphärische Klänge und sorgen so für eine insgesamt sehr stimmige Soundkulisse. Besonders lobenswert ist die Vertonung, welche quasi das Highlight des Storytellings darstellt. Trotz des vergleichsweise schmalen Budgets ist diese sehr hochwertig produziert, der Sprecher verleiht dem Spiel mit seiner Stimme das nötige Pathos. Leider kommt er viel zu selten zum Einsatz, abgesehen von den kurzen Cutscenes erscheint das Spiel nämlich ohne jegliche Sprachausgabe. Konversationen beschränken sich voll und ganz auf Textfelder, was der Stimmung natürlich schon ein wenig schadet. Zudem ist man so gezwungen, andauernd mitzulesen, um die Geschichte vollständig zu verstehen. Und das kann zuweilen eine durchaus zeitaufwändige Aufgabe werden. Also schon einmal vorab eine kleine Warnung: Wer sich selbst eher als lesefaul einschätzen würde, sollte hier über einen Kauf lieber noch einmal nachdenken.
Die Helden steigen hinab, der Spielspaß nach oben
Quelle: Event Horizon
Die Grafik in Tower of Time - Eine Reminiszenz an Baldur's Gate.
Ingame nutzt Tower of Time die isometrische Perspektive, welche bereits aus Klassikern wie Baldur's Gate und Icewind Dale bekannt ist. Durch diese Variante der Kameraführung bekommt ihr einen guten Blick auf die Spielwelt, die zu Beginn aber vielleicht noch nicht jeden überzeugt. Die Grafik wirkt leicht rudimentär, selbst auf der höchsten Stufe erscheinen einzelne 3D-Objekte wie auch die Charaktere etwas verwaschen und unscharf. Auch dass die getragene Ausrüstung nicht abgebildet wird, könnte man bemängeln. So sehen die Charaktere im Verlauf des Abenteuers stets gleich aus, ungeachtet der Fortschritte. Mit dieser Kritik täte man dem Entwicklerstudio allerdings unrecht, weiß der Stil des Abenteuers doch sonst zu überzeugen. Tower of Time kann mit einigen ansehnlichen Grafikeffekten aufwarten. Wer die Einstellungen etwa auf Hoch oder gar Ultra setzt, wird mit tollen Licht- und Partikeleffekten, Schattenspielen und atmosphärischem Nebel belohnt. Auch die Spielwelt selbst ist hübsch gestaltet und präsentiert sich trotz des eigentlich eher limitierenden Settings im Inneren eines Turms durchaus abwechslungs- und detailreich. Es gibt verschiedene Welten und Biotope zu entdecken - von brodelnder Lava über blühende Vegetation bis hin zu ganzen Unterwasserpassagen ist alles dabei. Das Gegnerdesign ist zu Beginn nicht gerade ausgefallen. Skelettkrieger oder Orcs hat man schon öfter gesehen, im Laufe des Abenteuers erweitert sich aber auch hier das Repertoire.
Was das Gameplay betrifft, habt ihr es größtenteils mit klassischen RPG-Elementen zu tun: Ihr bekommt einen Charakter zugewiesen anstatt ihn selbst erstellen zu können. Steuern dürft ihr diesen kurioserweise auch nicht selbst, stattdessen übernehmt ihr Kontrolle über die kleine Gruppe von Anhängern, die der Protagonist von der ersten Ebene des Turms aus verfolgt und befehligt. Mit dieser streift ihr durch die verschiedenen Levels und erledigt unterschiedlichste Haupt- und Nebenquests. Oberstes Ziel ist natürlich das Erreichen der Turmspitze, darüber hinaus gibt es aber auch andere optionale Aufgaben - wie etwa das Sammeln von Notizen oder das Aufspüren geheimer Passagen. Diese Tätigkeiten sind zumeist nichts Außergewöhnliches, lockern das Spiel aber auf und bieten immer wieder kleine Anreize wie etwa eine verzauberte Waffe für einen der Charaktere.
Quelle: pcgames.de
Der Skill-Tree in Tower of Time gestaltet sich simpel und übersichtlich.
Derer gibt es insgesamt sieben. Im Laufe der Story gewinnt ihr immer wieder neue Mitstreiter hinzu, welche verschiedenen Rassen und Klassen angehören. Mythische Kreaturen wie Zwerge und Elfen sind euch dabei nicht immer hundertprozentig wohlgesinnt. Die Loyalität der einzelnen Partymitglieder müsst ihr euch erst erarbeiten, indem ihr im Spiel Entscheidungen in ihrem Sinne trefft. Wie eure Gefolgschaft zu euch steht, ist im Menü sichtbar. Dort gibt es auch die Möglichkeit, die Helden einzeln auszustatten und weiterzubilden. Besonders interessant ist dabei der Skilltree der Charaktere, der zwei unterschiedliche Pfade mit verschiedenen Effekten anbietet. So könnt ihr euch etwa entscheiden, ob eure Angriffe lieber mehr Schaden erzeugen oder weniger Mana kosten sollen und eure Figuren so komplett individuell gestalten. Zudem lassen sich die Fähigkeiten auch komplett kostenlos zurücksetzen - Tower of Time lädt so zum Experimentieren ein.
Leveln ohne XP - Stadt ausbauen statt Gegner hauen
Waffen und Rüstungen gibt es in der Stadt zu erwerben. Beim Schmied könnt ihr Ausrüstung craften, verbessern und verzaubern. Dafür benötigt ihr Kristalle, die es während des Abenteuers zu finden gibt. Alternativ könnt ihr auch überflüssige Items zerlegen und dadurch Materialien gewinnen. Die Preise sind, soweit wir das bisher beurteilen können, moderat - in Tower of Time herrscht aber ohnehin kaum Geldknappheit. Ihr werdet zwar nicht mit Loot überhäuft, in Truhen oder nach Kämpfen werden aber regelmäßig Gegenstände und Gold gedroppt. Letzteres könnt ihr auch in die Verbesserung euer Charakterwerte stecken. Tower of Time funktioniert nämlich gänzlich ohne das genreübliche XP-System. Um neue Level freizuschalten, müsst ihr stattdessen das jeweilige Klassen-Gebäude in der Stadt upgraden. Dies geschieht mithilfe von Blaupausen, welche im Verlauf des Spiels gefunden werden können. Danach könnt ihr eure Charaktere in den Barracken trainieren und so neue Skills sowie Fähigkeitenpunkte freischalten.
Quelle: pcgames.de
Zentraler Ort zur Charakterverbesserung: Die Stadt:
Erreicht wird die Stadt recht unkompliziert per Schnellreise. Am oberen rechten Bildschirmrand befindet sich ein Icon, das euch direkt dorthin bringt. Wenn ihr zum Turm zurückkehrt, bekommt ihr zudem eine Übersicht über die verschiedenen Level. Dort gibt es nicht nur ein Prozentstand, der Auskunft darüber gibt, wie weit ihr es schon durch die jeweilige Etage geschafft habt. Auch der Fortschritt bei Sammelgegenständen wird angezeigt. So seid ihr immer auf dem Laufenden, wie viele Quests bereits erledigt, Kämpfe ausgetragen und Truhen geöffnet wurden. Vor jedem Betreten des Turms habt ihr die Chance, eure Party noch einmal anzupassen und neu zusammenzustellen. Dabei ändern sich je nach Gruppenkonstellation auch Spielgefühl und Taktik.
Kämpfe werden im Regelfall dadurch aktiviert, dass man in die Gegner hineinläuft. Hin und wieder gerät die Gruppe allerdings auch in einen Hinterhalt. Im Gegensatz zu den normalen Gefechten, bringen diese spielerische Nachteile mit sich. Man kann sich aus diesen nicht zurückziehen, manchmal werden einige eurer Charakter auch in einer Falle gefangen. Vor jedem Kampf habt ihr die Möglichkeit, eure Party noch einmal zu organisieren oder euch über die zu erwartenden Gegner sowie deren Stärken und Schwächen zu informieren. Der Kampf selbst findet dann in einer neuen, separat geladenen Arena statt. Diese könnt ihr noch einmal genauer inspizieren - was durchaus wichtig sein kann, lassen sich im Gefecht durch geschickte Positionierung doch Vorteile aus der Umgebung ziehen. So könnt ihr etwa die Bogenschützin Maeve auf eine Erhöhung stellen, um so Übersicht und Reichweite zu erhöhen.
Matrix im Mittelalter: "Arrow-Time" statt Bullet-Time
Quelle: Event Horizon
Vor jedem Kampf bekommt ihr Infos über die kommenden Gegner.
Auf dem Schlachtfeld könnt ihr eure Charaktere individuell oder in Gruppen auswählen und befehligen. Dabei wählt ihr zwischen "Stellung halten" sowie "Frei bewegen" - entsprechend verhalten sich die einzelnen Helden dann im Gefecht. Zusätzlich habt ihr Zugriff auf einen Standardangriff, sowie vier spezielle Fähigkeiten. Diese reichen von simplen Buffs, über magische Attacken bis hin zum Beschwören verbündeter NPCs. Als nette Ergänzung gibt es einige Spezialangriffe, deren Wirkungsfeld mit der Maus gezeichnet wird. Nach Vorbild des Cursors lasst ihr zum Beispiel Mauern aus dem Boden wachsen oder Pfeile vom Himmel regnen. Die Steuerung ist in manchen Situationen ein wenig hakelig und es fällt schwer, im Getümmel mit der Maus immer den gewünschten Champion auszuwählen. Um in all der Hektik noch die Übersicht zu bewahren, haben die Entwickler daher das "Slow Time"-Feature eingebaut. Dieses lässt die Geschehnisse in Zeitlupe ablaufen, ihr habt somit mehr Zeit, um eure Truppen zu organisieren und Angriffe zu koordinieren. Das erweist gerade in den späteren Phasen des Spiels als nützliche Funktion, wenn ihr gleichzeitig vier Helden auf zahllose Gegner anweisen müsst. Sobald ihr diese abgewehrt habt, endet der Kampf. Wann dies der Fall ist, wird in einem Fortschrittsbalken am oberen Bildrand dargestellt. In Bosskämpfen gibt dieser alternativ Auskunft über die noch verbliebene Lebensenergie eures Gegenübers. Damit die Kämpfe nicht zu eintönig werden, gibt es mit der Zeit auch andere Gefechtsmodi. Dort gilt es dann, nicht nur den Gegner zu besiegen, sondern auch dessen Portale oder Türme zu zerstören beziehungsweise eigene Manaquellen zu schützen.
Im Großen und Ganzen sind die Kämpfe in Tower of Time recht taktisch geprägt - stures Auf-den-Gegner-zu-rennen bringt oftmals keinen Erfolg. Stattdessen belohnt das Spiel viel eher einen bedächtigen, beinahe passiven Stil. Den Gegner kommen lassen, die Angriffe gut timen, die Ressourcen vernünftig einsetzen - das ist der Schlüssel zum Sieg. Besonders da Letztere in Tower of Time recht rar gesät sind. Jede Spezialattacke hat eine gewisse Cooldown-Phase, Mana generiert sich nur über Zeit wieder, Heilfähigkeiten sind nur begrenzt verfügbar. Tränke gibt es im gesamten Spiel gar nicht. All diese Umstände machen die gegnerischen Aufeinandertreffen spannend und herausfordernd. So kann es durchaus sein, dass Anfänger bereits zu Beginn des Spiels die eine oder andere Niederlage einstecken müssen. Genreneulingen möchten wir daher empfehlen, eher die niedrigeren Schwierigkeitsgrade zu wählen. Diese sind zwar immer noch anspruchsvoll aber nicht übermäßig frustrierend und lassen euch genug Freiraum, die Geschichte in ihrer Gänze zu genießen.
Quelle: Event Horizon
Die in Echtzeit ablaufenden Kämpfe sind zentraler Bestandteil von Tower of Time.
Insgesamt ist Tower of Time eine packende Kombination aus Rollenspiel, Dungeon Crawler und Echtzeitstrategie. Dabei werden die einzelnen Features der unterschiedlichen Genres gut ausgewählt und ineinander verwoben. Das Werk aus dem Hause Event Horizon ist eine organische und gut funktionierende Mischung - ein RPG, dass sich irgendwie neu spielt aber doch wie die guten alten Klassiker anfühlt. Dank umfangreicher Schwierigkeitsgrade ist hier sowohl für Veteranen als auch Einsteiger etwas dabei. Fraglich ist nur, ob das Spiel über die versprochenen 50 Stunden hinweg seine Spannung aufrechterhalten kann. Zwar zieht einen die Geschichte rund um Artara mit andauernder Spielzeit immer mehr in den Bann, auf der anderen Seite weisen die Kämpfe schon ab einem bestimmten Zeitpunkt Abnutzungserscheinungen auf. Hinzu kommt, dass einem durch den Verzicht auf ein XP-basiertes Level-System ein wenig die Motivation geraubt wird. Natürlich verspricht jeder Konflikt, ein wenig Loot abzuwerfen. Exzessives Grinden, um die Charaktere auf die nächste Stufe zu bekommen, fällt allerdings aus. So kann ich mir durchaus vorstellen, dass man mit der Zeit dem ein oder anderen Kampf lieber aus dem Weg gehen würde - allein weil sich der Zeitaufwand kaum lohnt.
