Titanfall 2: Warum der Underdog ganz vorne mitmischt - Kolumne

Kolumne Lukas Schmid
Titanfall 2: Warum der Underdog ganz vorne mitmischt - Kolumne
Quelle: Electronic Arts

Alle Jahre wieder bekriegen sich Battlefield und Call of Duty. Da scheint es kaum noch Platz für einen weiteren Mitbewerber zu geben. Und tatsächlich ist es fraglich, ob Titanfall 2 mit den Verkaufszahlen der beiden Shooter-Giganten mithalten kann. Sollte es aber - Redakteur Lukas Schmid erklärt in seiner Kolumne, warum man den Titel keinesfalls mit "noch ein Shooter" abstempeln sollte.

Zugegeben, ganz verständlich ist der Releasezeitraum von Titanfall 2 nicht. Zwischen den Serien-Updates zu Battlefield und Call of Duty besteht die Gefahr, dass der zweite Teil des auf einen Mehrspieler-Modus beschränkten Shooters von 2014 nicht allzu viel Beachtung findet. Und das wäre eine Schande!Seien wir ehrlich: So gut die jährlichen Shooter-Updates sind, ähneln sie einander - abseits des Settings - oftmals doch recht stark, gerade in den Kampagnen: Geh rein, laufe einen schlauchförmigen Level ab, stelle dich zig Gegnern in den Weg und fertig. Zudem etablierte vor allem Call of Duty im Laufe der Jahre einen unangenehmen Trend hin zum Gimmick: Neue Spielelemente am laufenden Band, die eingeführt werden, nur, um sie wenige Minuten später wieder fallen zu lassen. Das ist nervig bei Einheitsware wie Drohnenangriffen, Flugabschnitten und mehr, und geradezu fahrlässig bei lustigen Ideen wie dem Greifhaken aus Advanced Warfare.

Titanfall 2: Action ist nicht alles!

Bombast-Action ist Teil von Titanfall 2, aber nicht der Fokus Quelle: Electronic Arts Bombast-Action ist Teil von Titanfall 2, aber nicht der Fokus Die Kampagne von Titanfall 2 geht da einen anderen Weg. Zuallererst begeht sie den vielleicht größten Frevel, den man sich für das Genre vorstellen kann, und stellt nicht die Action in den Mittelpunkt - und trifft mit dieser Entscheidung voll ins Schwarze! Tatsächlich gibt es haufenweise Momente im Spiel, in denen man die Kanone nicht oder nur in wenigen Fällen braucht. Stattdessen wartet in diesen Momenten durchdachtes Leveldesign auf uns, das mehr erfordert als stures Geradeaus-Rennen. Das Zeitreise-Level "Ursache und Wirkung" ist das beste Beispiel dafür, aber auch die hängende Stadt im Level "In den Abgrund" quillt nur so über vor Kreativität!

Titanfall 2: Actionreiche Titan-Kämpfe gegen fiese Bossgegner

Hier steht das Parcours-Gameplay im Vordergrund, Gegner sind mehr Mittel zum Zweck. Das Resultat: Wenn es nach diesen ruhigen Momenten, in denen mehr das Köpfchen denn ein schneller Finger am Abzug gefragt ist, unweigerlich doch zu wilden Gefechten kommt, freut man sich viel mehr auf sie, weil sie einen wunderbaren Kontrast bieten.

Titanfall 2: Spielen, wie es einem gefällt

Dazu passt, dass es in Titanfall 2, anders als in den meisten anderen Shootern, wirklich Spaß macht, die heutzutage obligatorischen versteckten Gegenstände zu suchen. Nicht, weil die Belohnung dafür toll wäre, aber einfach, weil die Suche danach so viel Spaß macht. Das Spiel gibt einem die Möglichkeit, einfach schnell durchzurauschen; genauso ist es aber möglich, die Levels langsam für sich zu entdecken und im Rahmen scheinbar streng linearer Areale versteckte Gebiete zu finden, die man ohne ein genaues Auge schnell einmal übersehen hätte.
Schießereien werden sparsam, aber effektiv eingesetzt. Quelle: PC Games Schießereien werden sparsam, aber effektiv eingesetzt. Überhaupt gibt einem Titanfall 2 kaum das Tempo vor, sondern überlässt die Entscheidung, wie rasch man spielen möchte, dem Spieler. Das zeigt sich gut an den Abschnitten, in denen in Gesprächen mit anderen Figuren die Story vorangetrieben wird: Wo wir uns sonst oft minutenlang damit die Zeit vertreiben müssen, auf Tischen herumzuhüpfen oder zu gucken, ob wir auf unsere NPC-Kameraden schießen können, wird man in Titanfall 2 so gut wie nie in einen Raum gesperrt, nur um Dialogen zuzuhören, die uns mit großer Wahrscheinlichkeit ohnehin nicht sonderlich interessieren.

Titanfall 2: Keine Gimmicks, sondern Spieltiefe

Man merkt einfach an allen Ecken und Enden, dass es den Entwicklern ein Anliegen war, hier eine Singleplayer-Kampagne abzuliefern, die eben nicht nur Action-Kino zum Selberspielen zu bieten hat, sondern das Genre clever um neue Ideen erweitert. Schlussendlich läuft alles darauf hinaus, einen möglichst befriedigenden Spielfluss zu erlauben: Keine halbgaren Massenballereien, keine langweiligen Story-Momente - alles so, wie es dem individuellen Geschmack zusagt. Wenn wir einmal ein temporäres Spielelement wie die Zeitreise-Funktion zur Verfügung gestellt bekommen, fühlt sich dieses eben nicht nur wie ein Gimmick an, sondern wie etwas, das genau in diesem Moment das Spielgefühl bereichert. Und das Parcours-System erweitert das generelle Gameplay dermaßen kompetent, dass man nie das Gefühl hat, "nur" einen Shooter zu spielen.
Die Titan-Abschnitte sind nicht ganz so spaßig wie das Piloten-Gameplay, tragen aber zur Abwechslung bei. Quelle: PC Games Die Titan-Abschnitte sind nicht ganz so spaßig wie das Piloten-Gameplay, tragen aber zur Abwechslung bei. Und dabei haben wir noch nicht einmal die Titan-Abschnitte erwähnt! Auch, wenn diese Momente sich nicht ganz so frisch anfühlen wie das Gameplay als Pilot, bestätigen sie das Gefühl, dass das Spiel Abwechslung bieten will, um das Spielgefühl zu verbessern, und nicht nur um der Abwechslung willen.

Titanfall 2: Mehr Möglichkeiten im Multiplayer

Auch im Mehrspielermodus profitiert das Spiel von den gelungenen Gameplay-Ideen. Quelle: PC Games Auch im Mehrspielermodus profitiert das Spiel von den gelungenen Gameplay-Ideen. Auch der Mehrspielermodus profitiert, wie schon beim ersten Teil, von diesem Ansatz: Bekanntes nehmen - Mehrspielerduelle - und sie durch neue, sinnvolle Elemente erweitern und verbessern. Ohne Parcours-System und Titans wäre Titanfall 2 ein ziemlich gewöhnlicher Online-Shooter. Da die Riesen-Roboter und die Möglichkeit, an Wänden zu laufen und so gut wie jedes Objekt zu erklimmen, allerdings massiv Einfluss darauf haben, wie wir die Maps wahrnehmen und erforschen und wie wir gegen unsere Feinde vorgehen, stellt sich auch hier das Gefühl ein, dass man deutlich mehr Freiheiten hat, als einem das Genre normalerweise an die Hand gibt.

Titanfall 2: Ein Spiel mit Vorbildcharakter

Jetzt bleibt bloß zu hoffen, dass die Spieler diesen Mut zur Veränderung auch zu würdigen wissen und Titanfall 2 nicht bloß als "einen weiteren Shooter" abschreiben. Es ist nämlich viel mehr als das: Es ist ein Spiel, welches das Genre auf sehr positive Art und Weise voranbringen kann. Hoffen wir, dass ihm der verdiente Erfolg vergönnt ist, damit wir nicht nur einen dritten Teil sehen, sondern auch, dass Shooter-Kampagnen anderer Spiele sich an dem, was Titalfall 2 alles richtig macht, ein Beispiel nehmen; den positiven Einfluss des Mehrspielermodus des ersten Teils hat man in Titeln wie Advanced Warfare oder Black Ops 3 ja schon gesehen.

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