The Tomorrow Children Test: Schon bald wieder Schnee von gestern

Test Katharina Pache
Nur gucken, nicht anfassen: 
Fertiggstellte Städte, also Orte mit mehr als 500 Einwohnern, kann man nicht zu Fuß begutachten, sondern nur aus der Ferne. (PS4)
Quelle: Games Aktuell

Wenn Bezahlmodell und Spielprinzip von The Tomorrow Children zukunftsweisend sein sollen, leben wir lieber in der Vergangenheit.

Reflexartig wird heutzutage alles gerne mal mit dem Phänomen Minecraft verglichen. So auch The Tomorrow Children, eine Art postapokalyptisches Aufbaustrategiespiel mit UdSSR-Flair. Auf den ersten Blick besteht durchaus Ähnlichkeit - man baut per Spitzhacke, Schaufel und Kettensäge Rohstoffe ab -, bald wird aber klar, dass The Tomorrow Children weder in Sachen Charme noch was den Anspruch betrifft mit Notchs Lego-Simulation mithalten kann. Kreativität und Spaß an der Kooperation bleiben ebenfalls auf der Strecke.

Pssst: 
Verkäufer und Polizisten machen gerne Geschäfte unter der Hand. Auf dem Schwarzmarkt wird mit Freiheitsdollars bezahlt, der Miktrotransaktionswährung. (PS4) Quelle: Games Aktuell Pssst: Verkäufer und Polizisten machen gerne Geschäfte unter der Hand. Auf dem Schwarzmarkt wird mit Freiheitsdollars bezahlt, der Miktrotransaktionswährung. (PS4) Dazu kommt ein mehr als fragwürdiges Free2Play-System mit großzügig eingestreuten Mikrotransaktionen: Anfang September durfte man nur mitmischen, wenn man 20 Euro für Early Access blechte, erst Ende Oktober startete der reguläre Free2Play-Betrieb. Als Dank bekamen zahlende Kunden Privilegien wie das Recht, ein Haus bauen und wählen zu dürfen sowie Klamotten und eine gewisse Menge der kostenpflichtigen Zweitwährung im Spiel. Die wird an vielen Stellen eingefordert und verschafft Komfort, der eigentlich von vorneherein geboten sein sollte. Ob dieses dreiste Modell, wie es ja zum Beispiel auch auf dem Smartphone-App-Markt bereits eine Weile existiert, vermehrt bei Konsolentiteln Schule macht?

Schöner Schein

Einige Stunden lang gaukelt The Tomorrow Children dem Spieler mehr oder weniger erfolgreich hohe Komplexität vor, indem es so gut wie keine der Mechaniken erklärt. Die gleiche Verschleierungstaktik wird beim Setting genutzt. Die auf den ersten Blick faszinierende, bizarre Spielwelt entpuppt sich rasch als Zierblende, die notdürftig über ein simples Gerüst gekleistert wurde.

Izverg im Anmarsch: 
Die größten Monster sehen aus wie Godzilla und stapfen durch die Gegend. Lasst euch nicht zertrampeln und haltet sie von Städten fern. (PS4) Quelle: Games Aktuell Izverg im Anmarsch: Die größten Monster sehen aus wie Godzilla und stapfen durch die Gegend. Lasst euch nicht zertrampeln und haltet sie von Städten fern. (PS4) Nach einem globalen Experiment ist die ganze Welt im sogenannten Void versunken. Man selbst verkörpert eine 3D-Projektion, die als Arbeitsdrohne beim Wiederaufbau von Städten helfen soll. Seit dem Experiment bevölkern jedoch auch Monster das Void. Praktisch an so einem Void (bedeutet auf Deutsch "die Leere"): Man muss keine unterschiedlichen Umgebungsarten und Wettereffekte programmieren; und damit Spieler nicht einfach in der Gegend herumlaufen, macht man den Boden abseits von Stadt und Inseln einfach zu Treibsand.

Was denn nun die Hauptbeschäftigung in diesem Spiel ist? Der Abbau von Rohstoffen und das Transportieren derselbigen, garniert mit ungelenken Kämpfen, faden Rätseln und einer der unbefriedigendsten Aufbaumechaniken aller Zeiten.

Häusle bauen

Warten auf den Bus: 
Die Busfahrtsequenzen sind langweilig und lassen sich nicht überspringen. (PS4) Quelle: Games Aktuell Warten auf den Bus: Die Busfahrtsequenzen sind langweilig und lassen sich nicht überspringen. (PS4) Damit eine Stadt als wiederhergestellt gilt, müssen darin 500 Personen leben - nicht Spieler, wohlgemerkt. Personen generiert man, indem man Matrjoschkas sammelt und zu Menschen umwandelt. Dafür muss die Stadt aber über genug Wohnhäuser und andere Einrichtungen verfügen.

Und für die Errichtung der Gebäude braucht man die Rohstoffe: Holz, Kohle, Metall, Kristall. Den Kram findet man auf Inseln, die werden zufällig in der Nähe der Siedlung generiert (es gibt aber nur eine Handvoll Arten, bald hat man also alle gesehen), verschwinden ab und zu wieder und werden mit dem Bus angefahren - auf den man natürlich warten muss und dessen Fahr-Zwischensequenz man nicht überspringen kann. Später fährt man optional mit Skiern oder Schwebepanzern Richtung Inseln, was angesichts der gähnenden Leere im Umfeld verboten wenig Spaß bereitet. Oder man nutzt die sogenannten Void Powers, das sind Buffs.

Stimmungskiller: 
Bevor ihr ein Objekt oder ein Gebäude herstellen könnt, müsst ihr ein Schieberätsel absolvieren. Unter Zeitdruck. Oder ihr zahlt, um es zu überspringen. (PS4) Quelle: Games Aktuell Stimmungskiller: Bevor ihr ein Objekt oder ein Gebäude herstellen könnt, müsst ihr ein Schieberätsel absolvieren. Unter Zeitdruck. Oder ihr zahlt, um es zu überspringen. (PS4) Jede Menge Geduld sollte man auch in Sachen Rohstoffabbau mitbringen, denn die Werkzeuge, mit denen man fix arbeitet, kosten Echtgeldwährung. Genauso wie erweiterter Platz in den Taschen oder die Lizenzen, um Waffen, Werk- und Fahrzeuge überhaupt erst bedienen zu dürfen, und so weiter. An erster Stelle beim Spiel-Design stand offensichtlich nicht die Frage, ob das Spaß machen, sondern ob man vielleicht Geld dafür verlangen könnte. Dazu passt auch Folgendes: Gebäude werden in der Stadt an Werkbänken erstellt. Bevor ihr das Haus errichten dürft, müsst ihr aber zunächst ein Schieberätsel meistern. Unter Zeitdruck. Es sei denn, ihr lasst euch die sofortige Lösung etwas kosten...

In festen, langweiligen Bahnen

Da die Städte aber alle ohnehin nach dem gleichen Muster errichtet werden und es keine Rohstoffverarbeitung gibt, verpasst man nicht viel, wenn man die Schieberätsel anderen überlässt. Apropos andere: Mitspieler sieht man nur für kurze Zeit als Geistererscheinungen. Ein echtes Gemeinschaftsgefühl kommt nie auf.

Und um noch ein paar Worte zur Technik zu verlieren: Der Look von The Tomorrow Children ist wahrlich einzigartig, die Beleuchtung manchmal sehr schön. Lobenswert, dass die proprietäre Engine von The Tomorrow Children komplett auf globale Echtzeitbeleuchtung mitsamt direkter und indirekter Lichteinstrahlung setzt. Der starke Unschärfeeffekt und die Vignette ums Bild machen all das aber sogleich wieder zunichte.

Zahlensalat: 
Menüführung und Darstellung lassen zu wünschen übrig. Auch die Wertebezeichnungen sind schwammig. Was bedeutet Tapferkeit, was ist Stärke? (PS4) Quelle: Games Aktuell Zahlensalat: Menüführung und Darstellung lassen zu wünschen übrig. Auch die Wertebezeichnungen sind schwammig. Was bedeutet Tapferkeit, was ist Stärke? (PS4) Die Steuerung funktioniert zweckmäßig, gerade die Action-Sequenzen, bei denen man mit Raketenwerfern, Geschützen und Schrotflinten schießt, fühlen sich unglaublich indirekt und lasch an. Und die Übersicht innerhalb der Menüs geht rasch verloren, etwa bei den unterschiedlichen Werten, die man im Stadtmenü aufrufen kann.

Wer möchte, kann sich im Internet besser als im Spiel aneignen, welche Zahlen wie gesteigert werden und worauf das alles Auswirkungen hat. Dann stellt man aber auch fest, wie rudimentär die Aufbausimulationsaspekte eigentlich ausgeprägt sind. Es gibt keine Industrie, keine Produktionsketten, keine Wechselwirkung mit der Umgebung - wie auch, ist ja alles nur weiße Leere.

Nicht erwünscht, aber trotzdem anwesend sind dafür einige Bugs. Der Bus clippt auf seiner Fahrt fröhlich durch allerlei Häuser, genau wie Monsterkörper und Gegenstände. Manchmal verhaken sich Schwebepanzer ineinander und werden somit unbrauchbar. Quests, die verlangen, dass man einer bestimmten Stadt hilft, die man aber nicht abschließen kann, weil die jeweilige Stadt bereits komplett wiederhergestellt ist.

Kein Bug, aber trotzdem endlos nervig: Man möchte einen Rohstoff aufheben, die Figur bückt sich, doch dann kommt einem ein Mitspielergeist zuvor. Dann doch lieber eine Runde Minecraft.

Entwickler: Q-Games/SIE Japan Studios | Hersteller: Sony | Sprache: Deutsch | Altersfreigabe: nicht geprüft

Meinung

Wertung zu The Tomorrow Children (PS4)

Wertung:

5.0 /10
Pro & Contra
Auf den ersten Blick interessantes SettingEinzigartige Optik
Freche MikrotransaktionenSimples, monotones SpielprinzipUnzureichende ErläuterungenStarke Unschärfe und BildvignetteKein GemeinsamkeitsgefühlSchwammige SteuerungBugs
Fazit

Unpoliertes Strategiespiel mit frechen Mikrotransaktionen und einem einzigartigen Look.

Bildergalerie

  • Print / Abo
    Apps
    PC Games 08/2026 PCGH Magazin 08/2026 play5 08/2026 N-Zone 08/2026 Linux Magazin 08/2026 LinuxUser 08/2026 Raspberry Pi Geek 09/2026
    PC Games PC Games Hardware Linux Magazin Raspberry Pi Geek Computec Kiosk