The Spectrum Retreat im Test: Interessantes Rätselspiel mit packender Hintergrundgeschichte
Test
2016 heimste Ein-Mann-Entwickler Dan Smith mit der Demo von The Spectrum Retreat den BAFTA Young Game Designers Award ein. Zwei Jahre später ist der Puzzler nun als Vollversion erhältlich und will neben fordernden Rätseln auch eine interessante Geschichte bieten. Ob der Titel sich seine Vorschusslorbeeren tatsächlich verdient hat, haben wir für euch einmal getestet.
Die meisten Menschen verbinden Hotels wohl mit positiven Erinnerungen: Urlaub, Entspannung, Sonnenschein. Die Sorgen des Alltags einmal weit hinter sich lassen. Dass ein solcher Aufenthalt allerdings nicht immer ganz so erholsam verlaufen muss, dass haben wohl spätestens Filme wie Stanley Kubricks "Shining" bewiesen. Enge Korridore, flackernde Lichter und seltsame Gastgeber können schon einmal dafür sorgen, dass sich die Reise schnell zu einem Albtraum entwickelt.
Auch das futuristische Penrose Hotel, das im Zentrum von The Spectrum Retreat steht, macht auf den zweiten Blick keinen besonders einladenden Eindruck. Allerdings zieht die Unterkunft ihre ungemütliche Stimmung nicht aus offensichtlichen Gruselelementen. Hier läuft kein Axt-Mörder durch die Gänge und kein Blut fließt aus der Dusche. Die Anspannung entsteht wesentlich subtiler. Zum Beispiel schon einmal dadurch, dass ihr anscheinend der einzige Gast an diesem zunächst friedlich wirkenden Rückzugsort seid.
Quelle: Ripstone
Das Penrose Hotel besticht mit zuvorkommendem Service und einem schicken Art Deco-Stil.
Als dieser werdet ihr natürlich bevorzugt behandelt. Zu Beginn des Spiels weckt euch daher der robotische Hotel-Manager höchstpersönlich durch ein freundliches Klopfen an der Tür. In britischem Dialekt erklärt der Angestellte, der mit Smoking und weißem Gesicht wie eine Mischung aus Slender Man und einer Schaufensterpuppe aussieht, das Frühstück stehe für euch im Restaurant im Untergeschoss bereit.
Wenn ihr euch vor dem Essen noch umziehen wollt, erwartet euch eine unschöne Überraschung: Euer Zimmer bietet keinerlei Interaktionsmöglichkeiten. Es lassen sich keine Türen öffnen, keine Gegenstände untersuchen. Eure vier Wände wirken beinahe wie eine prunkvoll eingerichtete Gefängniszelle. Das einzige, was ihr tun könnt, ist, den aktuellen Tag in eurem Kalender neben dem Bett durchzustreichen. Eine Tätigkeit, die ihr augenscheinlich schon einige Male hinter euch gebracht habt.
Auf dieser Seite
Gefangen im Ferien-Domizil
Wenn ihr euch aufmacht, in Ego-Perspektive die Art-Deko Gänge des Hotels zu erkunden, könnt ihr prachtvollen Stuck und eindrucksvolle Gemälde bewundern. Das Penrose wurde durch die Unity Engine zum Leben erweckt, die ihm eine Art glänzenden Look verleiht. Dennoch wirkt das Interieur ein wenig eintönig. Es kommt keine heimelige, sondern eher eine beunruhigende Atmosphäre auf. Euer neues Zuhause wirkt kalt, leer und abweisend. Das Licht scheint in einem sterilen Weiß, alle Türen sind verschlossen und kein Ton zu hören. Ihr seid abgeschieden, ohne jeden Kontakt zur
Quelle: Ripstone
Doch die Idylle trügt: Hinter der friedlich wirkenden Fassade lauert ein dunkles Geheimnis.
Außenwelt. Bis euer Kommunikator sich meldet, mit einer mysteriösen Frau namens Cooper an der anderen Seite. Und der Info, dass ihr hier gegen euren Willen festgehalten werdet.
In der Folge gilt es, eure Unterkunft genauer unter die Lupe zu nehmen und die Geschichte hinter dem Hotel und eurem dortigen Aufenthalt herauszufinden. Dabei folgt ihr, wie bereits aus Spielen wie Firewatch bekannt, der unbekannten Frauenstimme aus eurem Telefon, die euch erklärt, was ihr zu tun habt. Versucht, keinen Verdacht beim Personal zu wecken, während ihr gleichzeitig die verschiedenen Etagen erkundet und die Wahrheit Stück für Stück ans Licht bringt. The Spectrum Retreat spielt sich dabei teilweise wie ein Walking Simulator. Ihr bewegt euch durch euer Ferien-Domizil, findet Scan-Protokolle finden und andere Hinweise. Die Story wird also nicht explizit erzählt, sondern muss Stück für Stück selbst entschlüsselt werden. Manchmal triggert ihr, ähnlich wie in Everybody's Gone to the Rapture, auch Flashback-Passagen, die euch über die einzigartige Geschichte um menschliche Schicksale, Leben und Tod aufklären. Die Erzählung ist vielleicht nicht sonderlich komplex und lässt menschliche Interaktionen vermissen. Dank der guten englischen Synchronsprecher wird sie aber emotional vorgetragen und bietet somit ein stimmiges Fundament für die Spielwelt und die verschiedenen Rätsel, die es zu lösen gilt.
Ein heiteres Farbenspiel
Diese stellen den zentralen Punkt des Spiels dar und nehmen damit am meisten Zeit ein. Die Puzzlepassagen finden in separaten Räumen statt, deren Umgebung mit ihrem sterilen Design und der unterschwelligen Musik ein wenig an Portal erinnern. Die Aufgaben, die euch erwarten, sind nicht ganz so revolutionär wie in Valves Klassiker aber dennoch interessant gemacht. Alle Rätsel basieren auf Farben - diese liegen in Klötzen verstreut herum und können aufgenommen und ausgetauscht werden. Nur wenn ihr eine bestimmte Farbe tragt, könnt ihr durch Barrieren derselben Couleur passieren. Es ist also Taktik und Geschick gefragt, um den Ausgang des Levels zu erreichen.
Quelle: Ripstone
Die Puzzles in The Spectrum Retreat basieren alle auf Farben und verlangen euch einiges ab.
Die Puzzles werden mit der Zeit immer komplizierter: Beginnt ihr anfangs nur mit Rot und Weiß, gilt es am Ende, gleich fünf verschiedene Töne zu meistern. Dazu kommen in den späteren Stages dann noch Teleport-Funktionen sowie Felder, mit denen sich die Schwerkraft umkehren lässt. So lauft ihr plötzlich an Wänden oder der Decke, das Farb-Tausch-Konzept bleibt aber das wichtigste Feature. Die insgesamt fünf Stages mit bis zu zehn Leveln gestalten sich durchaus fordernd. Die Schwierigkeit und Komplexität wird allerdings in angemessenem Maße angehoben. Wir sind während unseres Spieldurchlaufs nirgends stecken geblieben. Die eine passende Lösung ließ sich mit etwas Mühe und Experimentieren früher oder später schon herausfinden. Ärgerlich war lediglich das exzessive Backtracking - gerade in den letzten Levels. Für manche Aufgaben müsst ihr schon einiges an Strecke zurücklegen. Umso ärgerlicher ist es dann, wenn ihr euch aufgrund falscher Entscheidungen in eine Sackgasse manövriert und dann das gesamte Level von neuem starten müsst. Ähnlich verhält es sich, wenn ihr in eine Grube fallt oder versehentlich eine Farbe verliert, die ihr innerhalb des Levels nicht mehr zurückbeschaffen könnt.
Aufgezwungenes Tempo
Auch sonst leidet The Spectrum Retreat noch unter diversen kleineren Defiziten. So sieht das Hotel zwar recht anständig aus und passt sich im Verlauf des Spiels sogar an. Fünf-Sterne-Optik dürft ihr aber nicht erwarten. Zudem zwingt euch das Penrose dazu, immer und immer wieder durch die gleichen langweiligen Korridore zu laufen. Um ein neues Stockwerk zu betreten, müsst ihr vorher eine Nacht schlafen und den Tageszyklus mit dem üblichen Weck- und Frühstücksritual neu starten. Nach jedem Rätselabschnitt geht es also erst einmal zurück in euer Zimmer, was durch die fehlende Sprint-Option schon mal etwas zeitaufwändiger werden kann. Zu guter Letzt hat uns ein wenig der Zusammenhang zwischen Puzzles und der restlichen Geschichte gefehlt. Sie existieren einfach, ohne eine weitere Erklärung. All diese Punkte lassen sich aber verkraften, bekommt ihr für vergleichsweise kleines Geld doch einen soliden Puzzler geboten - der immerhin von einem nur einem einzigen Entwickler gemacht wurde, welcher zu Beginn des Projekts gerade einmal 18 Jahre alt war.
Quelle: Ripstone
Ein Hauch von Portal: Im Verlauf des Spiels schaltet ihr eine Teleport-Funktion frei, mit der ihr euch durch die Level beamen könnt.
