The Medium im Test: Zwischen Licht und Schatten
Test
Mit The Medium kommt vom polnischen Entwicklungsstudio Bloober nach Layers of Fear und Blair Witch abermals ein ambitioniertes Horrorprojekt. Für die Geistergeschichte um eine junge Frau, die Kontakt zur Zwischenwelt aufnehmen kann, hat sich das Team diesmal am Genreklassiker Silent Hill orientiert. Wie das große Vorbild hat auch The Medium einen sehr düsteren und emotionalen Kern. Leider wird das narrative Potenzial aber von einer altbackenen und häufig wenig atmosphärischen Präsentation begraben.
Unheimlichkeit entsteht immer dann, wenn sich das Vertraute mit dem Unbegreiflichen verbindet. Aus dem Gefühl, dass etwas, das man das gesamte Leben lang in einer bestimmten Form kennt, plötzlich nicht mehr ganz richtig ist. Die Bilder des 2005 verstorbenen Künstlers Zdzislaw Beksinski, dessen alptraumhafte Malereien in der Zeit des Internets eine kleine Renaissance erleben, schlagen genau in diese Kerbe. Seine Werke zeigen nackte Körper mit einer grausam verzerrten Anatomie oder Landstriche, die auf unangenehme Weise menschliche Formen aufweisen. Diese verstörenden Bilder dienten seinen Landsleuten, dem polnischen Studio Bloober Team nun als Inspiration für das Videospiel The Medium.
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In The Medium (jetzt kaufen 35,17 € ) tauchen wir als Geisterflüsterin ein in eine Welt zwischen Leben und Tod. Wo in unseren Augen Bäume oder Gebäude stehen, sieht das Medium durch ihre übernatürlichen Kräfte auch das entsprechende Pendant in der Geisterwelt. Abstrakte, fleischige und verzerrte Formen, weite, karge Landstriche und die ständigen Wehklagen der Seelen, denen der Einzug ins Jenseits verwehrt bleibt, füllen diese Zone. Über einen geteilten Bildschirm können wir uns in beiden Welten gleichzeitig bewegen und direkt sehen, welche Form bestimmte Objekte in der Zwischenwelt annehmen. Ein cooler visueller Kniff und ein klares Highlight von The Medium, das auch sonst nicht mit ausgefallenem und erstaunlich detailliertem Umgebungsdesign geizt.
Unseren Einstieg in die Geschichte und damit in die Welt der Geister erleben wir durch eine Vision, von der uns unsere Hauptfigur erzählt. Marianne, das namensgebende Medium, arbeitet zu Beginn des Spiels für ihren Ziehvater Jack in einem Bestattungsinstitut, wo sie die Seelen der Verstorbenen wie der Fährmann Charon aus der griechischen Mythologie sicher ins Reich der Toten geleitet. Als Jack nach einer Operation verstirbt und selbst ihre Dienste in den Anspruch nehmen muss, geht damit die einzige Person, der Marianne jemals von ihrer Gabe erzählt hat. Als sie kurze Zeit später einen geheimnisvollen Anruf von einem Mann namens Thomas erhält, der behauptet, von ihrer Vision zu wissen und Antworten zu ihren übernatürlichen Kräften liefern zu können, begibt sie sich auf eine Spurensuche in die Vergangenheit...
Quelle: PC Games
So 90er - Unsere Heldin Marianne wird durch einen Anruf auf dem Festnetz in die Geschichte hineingezogen
Zurück zu den Wurzeln
Eine Reise in die Vergangenheit erleben wir mit The Medium gleich in mehrerlei Hinsicht. Einerseits ist die Handlung des Spiels im Polen der späten 1990er Jahre angesiedelt und dreht sich um die Aufarbeitung noch weiter zurückliegender Ereignisse, andererseits hat sich Bloober Team beim Gamedesign offensichtlich von einem Genreklassiker aus ebendieser Zeit orientiert: Mit einem starken Fokus auf Narrative über Gameplay und der vollständigen Abwesenheit einer Kampf-Mechanik werden beim Spielen sofort Erinnerungen an die Silent Hill Reihe geweckt, deren Komponist Akira Yamaoka auch den Soundtrack für The Medium beisteuert. Auch die Story, die unter anderem Kindheits-Traumata, sexuellen Missbrauch und den schleichenden Verlust psychischer Gesundheit behandelt, geht in erfreulich düstere Richtungen und lädt einen Vergleich mit der Horrorserie ein.
Leider enden die Parallelen aber nicht mit den positiven Einflüssen: So wirkt der Core Gameplay Loop für ein Spiel aus dem Jahr 2021 komplett aus der Zeit gefallen. Wer Sicherungen einsetzen, Notizen sammeln, Ketten mit Bolzenschneidern entfernen oder einen Schlüssel nach dem anderen suchen in aktuellen Horrortiteln schmerzlich vermisst hat, sollte mit The Medium voll auf seine Kosten kommen. So besteht das Gameplay eigentlich nur daraus, Abschnitt für Abschnitt den richtigen Weg in den nächsten Raum zu finden bzw. zu öffnen. Selbst bei einer vergleichsweise kurzen Spielzeit von acht-neun Stunden, strapaziert diese extrem konventionelle Design-Philosophie schon nach kurzer Zeit die Nerven.
Quelle: PC Games
Um im Spiel voranzukommen müssen wir häufig bestimmte Gegenstände, wie hier Masken für Verstorbene, finden, die wiederum durch das Finden anderer Gegenstände erreicht werden können.
Auch die Abschnitte, in denen dann einmal Action geboten wird, warten leider nicht mit besonders originellen Einfällen auf und sorgen im schlimmsten Fall sogar für richtig Frust. In den Schleichpassagen, in denen es eigentlich nur gilt, einen Knopf zu drücken, um in die Hocke zu gehen oder die Luft anzuhalten, und sich dann hinter einer Wand oder Kiste zu verstecken, wird man aufgrund der limitierten Areale und Optionen entweder ohne eigenes Verschulden entdeckt, oder erkennt auf Anhieb die geskriptete Route des Gegners, was diesem jeglichen Schrecken nimmt. Auch in Sequenzen, in denen es darum geht, vor einem Monster wegzurennen, handelt man eigentlich nur nach dem Prinzip Trial-and-Error. Das ist besonders deshalb so nervig, weil die Todesanimation bei einem Fehlversuch viel zu lang dauert und die automatischen Speicherpunkte genau in diesen Passagen nicht so großzügig gesetzt sind wie im Rest des Spiels.
Weitere Kleinigkeiten, die die Immersion ein wenig stören, sind einerseits der Einsatz von unsichtbaren Wänden oder kniehohen Hindernissen, die verhindern sollen, dass man sich zu weit von der Lösung eines Rätsels entfernt. Andererseits gilt es im letzten Drittel über diverse Holzplanken zu balancieren. Und hat man einmal mit der Überquerung in eine Richtung begonnen, kann diese nicht mehr geändert werden, sodass man immer bis zum anderen Ende manövrieren muss, selbst wenn man die Interaktion nur versehentlich durch einen Druck auf den X-Knopf gestartet hat.
Quelle: PC Games
Die Schleichpassagen nehmen einem eher die Furcht vor dem Monster, statt sie zu verstärken.
Eine Geschichte verschiedener Medien
Der eigentliche Fokus von The Medium liegt, wie bereits erwähnt, jedoch nicht auf dem Gameplay, sondern auf der Narrative. Die Geschichte handelt wie die meisten Geistergeschichten von den Sünden der Vergangenheit, die sich in Spuk manifestieren. Im verwaisten ehemaligen Arbeiterhotel Niwa, wo ein Großteil der Story spielt, bringen wir vergessene, teils wirklich abgründige Vorkommnisse ans Licht und bekämpfen sowohl die düsteren Mächte, die aus diesen entstanden sind, sowie Mariannes eigene Dämonen. An unserer Seite steht dabei Sadness, der Geist eines kleinen Mädchens, der uns nach und nach enthüllt, wie die ganzen verschiedenen Handlungsstränge, die sich im Lauf des Spiels entfalten, miteinander zusammenhängen.
Man merkt, dass Story und Artdesign bei der Entwicklung des Spiels priorisiert wurden und eine Menge Herzblut in diese Bereiche geflossen ist. Dass das Team hinter The Medium zudem fast komplett auf lästige Jumpscares verzichtet hat, unterstreicht den Eindruck, dass hier Leute am Werk waren, die in erster Linie eine Geschichte erzählen wollen und dieser auch vertrauen.
Leider gestaltet sich der Einstieg trotz der zweifelsohne vorhandenen und auch durchaus lobenswerten narrativen Ambitionen als holprig - und die ersten Spielstunden damit als ganz schön langweilig. Die wirklich spannenden Enthüllungen beginnen erst nach ungefähr vier Stunden, was bedeutet, dass die Aufgabe, uns in die Geschichte hineinzuziehen und uns neugierig zu machen, davor allein bei den Figuren und ihren Dialogen liegt. Leider weist The Medium aber genau dort erhebliche Schwächen auf.
Quelle: PC Games
Die furchteinflößendste Kreatur in The Medium - zumindest nach der Reaktion der Hauptfigur zu schließen.
Während Marianne in den Zwischensequenzen in erster Linie mit Geistermädel Sadness interagiert, verbringen wir den Rest der Zeit weitestgehend alleine mit der Protagonistin. Da ihr Charakter am besten mit dem Adjektiv "schnippisch" zusammengefasst werden kann, könnt ihr euch darauf einstellen, dass das Finden von Objekten, Betätigen von Schaltern oder Abhören von Nachrichten aus der Geisterwelt häufig von einem ihrer lockeren Sprüche begleitet wird. Hauptfiguren mit sardonischem Humor sind im Horrorgenre keineswegs eine Seltenheit, Marianne springt jedoch manchmal so schnell zwischen aufrichtiger Emotionalität und flapsigen Comedy-Versuchen hin und her, dass es schwerfällt, Zugang zum Innenleben des Charakters zu erhalten. Ihre zweite Eigenschaft, die sie mit dem ebenfalls übernatürlich begabten Thomas gemeinsam hat, ist dann ihre Angewohnheit, auf jedweden Spuk mit einer Aneinanderreihung von Kraftausdrücken zu reagieren. Die vielen Fucks und Shits sind zwar in den betreffenden Situationen nicht unbedingt unangebracht, das konstante Fluchen beraubt jedoch auch viele potenziell gruseligen Begegnungen ihrer Wirkung.
Im Zusammenhang mit narrativ orientieren Videospielen wird als Qualitätsmerkmal häufig das Wort "kinoreif" in den Mund genommen. Und auch bei The Medium wird es sicher die ein oder andere Publikation geben, die die Geschichte des Titels mit genau diesem Wort beschreibt. Würde man die exakten Dialoge allerdings tatsächlich auf die große Leinwand bringen, würde The Medium aus dem Saal gelacht werden, noch bevor die erste Popcorntüte geleert ist. Das hört sich hart an, ist aber auch schlicht und ergreifend der Tatsache geschuldet, dass wir es bei Film und Videospielen mit zwei verschiedenen Medien zu tun haben. In The Medium sind die Dialoge in erster Linie dazu da, Spieler*innen darüber zu informieren, was ihre nächste Aufgabe ist und wie sie diese erfüllen können. Diese Zweckmäßigkeit lässt sich eben nur schwer mit natürlich klingenden Gesprächen und subtiler Charakterzeichnung vereinen.
Die eigentliche Story ist ja auch durchaus solide, nur bei der Inszenierung einzelner Szenen wird häufig auf Genre-Tropen zurückgegriffen. So wird die erste Begegnung mit dem erwähnten Geisterkind mit einem ominös rollenden Ball angekündigt, Marianne erschreckt sich gleich zwei Mal am plötzlichen Auftauchen einer Hauskatze und eine Folterszene wird von einem Psychopathen - wie sollte es anders sein - mit klassischer Musik begleitet. Wer möchte, kann diese Momente jedoch auch einfach als bewusste Hommage abheften. Auch beim Ende der Geschichte, das an dieser Stelle natürlich nicht verraten, werden soll, bedient sich The Medium dann leider eines ärgerlichen Klischees, das so manche Spieler*innen unbefriedigt zurücklassen könnte. Außerdem werden einige, anfangs wichtige Figuren, schmerzlich von der Erzählung zurückgelassen.
Quelle: PC Games
Im Splitscreen-Modus bewegen wir uns gleichzeitig in beiden Welten
Grafik mit zwei Seiten
Dass The Medium happige Anforderungen an den PC stellt, berichteten wir bereits. Der Titel, der gleichzeitig für den Rechner und die Xbox Series X erscheint, braucht vor allem durch die Darstellung zweier unterschiedlicher Umgebungen im Splitscreen-Modus ordentlich Grafikspeicher. Die Optik ist dafür aber auch wirklich schön anzusehen. Die oben bereits erwähnten Areale warten mit starker Beleuchtung und vielen kleinen Details auf. Einzig bei den Charaktermodellen und -Animationen wirkt The Medium eher altbacken als Next-Gen.
So bewegen sich in Unterhaltungen manchmal nur wenige Gesichtszüge unserer Spielfigur. Und auch die restliche Mimik ist eher eingeschränkt. In manchen Sequenzen erinnern die Gesichter in The Medium weniger an aktuelle Titel wie Hellblade als mehr an ein Heavy Rain für die Playstation 3. Unterm Strich fallen die limitierten Animationen aber nicht so stark ins Gewicht, da es sich ja ohnehin nicht um ein Spiel mit schneller Action oder ausufernd langen Cutscenes handelt.
