The Many Pieces of Mr. Coo im Test: Ist das Kunst oder kann man das spielen?
Test
Videospiel, Kunstprojekt, Animationsfilm oder irgendwas dazwischen? The Many Pieces of Mr. Coo sieht schön aus, ist aber mechanisch oberflächlich und extrem kurz. Viel "Spiel" bekommt man hier nicht. Trotzdem ist der kreative Indie-Titel einen Blick wert.
Videospiele als Medium unterscheiden sich von anderen Unterhaltungsformen in erster Linie durch die Möglichkeit, mit dem Dargestellten interagieren zu können. Selbst in extrem linearen Spielen finden wir oft einen hohen Grad an Interaktivität. Uncharted orientiert sich stark an Abenteuer-Blockbustern und verfügt über schlauchartige Levelpassagen, erlaubt innerhalb dieser Zonen aber unterschiedliche Inputs und Herangehensweisen. Adventure-Games brauchen wenig Eingaben, zwingen uns aber, mit der Spielwelt auf kognitive Weise zu interagieren und stellen uns vor Rätsel, bei denen wir Wissen über das dargestellte Universum anwenden müssen, um weiterzukommen. Vor allem bei Spielen mit vermeintlich minimalem Gameplay, abwertend als Walking Simulators bezeichnet, kommt immer wieder die Frage auf, ob es sich hier überhaupt noch um das gleiche Medium handelt, der Begriff Spiel auch noch zutrifft, wenn unsere Interaktion sich darauf beschränkt, einen virtuellen Raum zu durchwandern, oder wir es hier mit etwas anderem zu tun haben.
The Many Pieces of Mr. Coo (jetzt kaufen 17,39 € ) ist auf den ersten Blick deutlich näher an einem klassischen Videospiel als beispielsweise Firewatch oder Dear Esther. Es handelt sich um ein 2D-Adventure mit herausragendem Art-Style, bei dem teilweise reale Hintergründe und Zeichentrick-Animation verbunden werden.
Auch interessant: Top 10: Die aktuell besten Adventures und Puzzle-Games
Kunstvoller Klickfilm
Wir spielen den Titelhelden Mr. Coo, ein kleines gelbes Geschöpf, das mit seinem schlichten Aussehen ein wenig an das HB-Männchen oder die Hauptfigur der La-Linea -Reihe erinnert. Die Spielwelt ist hingegen alles andere als schlicht. Vor detailreichen Kulissen tummeln sich allerlei skurrile Kreaturen, deren Design einem die Animationen von Bill Plympton oder surreale, nur bedingt für Kinder geeignete, Animationsfilme wie "Der wilde Planet" ins Gedächtnis rufen.
Die Rahmenhandlung, in deren Verlauf Mr. Coo in drei Teile zerhackt wird, die dann wieder zusammengesetzt werden müssen, weckt Erinnerungen an Disneys Musikfilm Fantasia. Die Figuren sprechen nicht, Gestik, Mimik und der Soundtrack übernehmen das gesamte Storytelling.
Quelle: Meridiem Games
Gesteuert wird Mr. Coo ausschließlich mit der Maus, statt uns frei zu bewegen, können wir nur auf einige wenige Punkte klicken, um Aktionen auszuführen. Um weiterzukommen, müssen wir, wie im Genre üblich, kleine Rätsel lösen. Die bestehen aber eigentlich nur daraus, Dinge in der richtigen Reihenfolge hintereinander anzuklicken, um die korrekte Handlungsfolge auszulösen.
Wirklich anspruchsvoll sind die Rätsel zwar nicht, aber durch den surrealen Charakter des Spiels auch nicht klar ersichtlich. Außerdem kann es schnell frustrierend sein, Handlungsketten immer wieder von vorn beginnen zu müssen, wenn wir einen Schritt durch einen falschen Klick vergeigt haben.
Es kam sogar ein paar Mal vor, dass wir durch eine unpassende Aktion einen Softlock des Spiels herbeiführten und neu laden mussten. So war etwa ein wichtiges Objekt plötzlich nicht mehr klickbar. Zum Glück sind die Autosave-Punkte großzügig verteilt.
Frisch von der Gamescom: Indie Games: Diese Highlights solltet ihr nicht verpassen!
Wer hat an der Uhr gedreht?
Kommen wir an einer Stelle partout nicht weiter, steht uns ein Buch mit "Tipps" zur Verfügung, in dem uns die Lösung Schritt für Schritt dargestellt wird. Wer keine Lust auf langes Rätseln hat oder an einer Stelle feststeckt und ahnt, auf einen Bug gestoßen zu sein, kann also auch einfach nachschauen, was getan werden muss, um flott zum nächsten Spielabschnitt zu kommen.
Egal, ob man diese Funktion nutzt oder nicht: Nach ungefähr zwei Stunden Spielzeit läuft bei The Many Pieces of Mr. Coo schon der Abspann. Mit Hilfen lässt sich das Spiel wahrscheinlich sogar noch deutlich schneller beenden. Was sich anfühlt wie das Ende eines ersten Aktes, stellt sich als das Finale des Spiels heraus und alles, was uns bleibt, ist von vorn zu beginnen.
Haben wir das Spiel bereits einmal abgeschlossen, werden Papierblätter mit Zeichnungen in der Spielwelt versteckt, die wir einsammeln können, ansonsten ist der Spieldurchlauf aber exakt der gleiche. An sich ist das kein Problem, womöglich sogar ein Feature. Die meisten Titel sind heutzutage deutlich zu lang und mäandernd, weshalb wir die schlanke Spielzeit eigentlich begrüßen.
Darauf hinweisen wollten wir trotzdem, zumal das Ende schon etwas abrupt wirkt. Das oberflächliche Gameplay und die extrem kurze Spielzeit lassen den Titel eher wie einen Animationsfilm wirken, bei dem wir zwischendurch kurz ein wenig grübeln müssen.
Quelle: Meridiem Games
Die Präsentation ist eindeutig der stärkste Selling Point, der Art Style sieht prächtig aus und der Soundtrack von Komponistin Julie Reier ist stimmungsvoll. Entworfen wurde das Spiel von Künstler Nacho Rodriguez, der jede einzelne Einstellung selbst animiert hat.
Als virtuellen Showroom für das Medium der Animation und Rodriguez' Kreativität würden wir Mr. Coo getrost empfehlen. Selten können wir erahnen, was genau passieren wird, wenn wir mit der Maus auf etwas klicken oder wie unsere Umwelt am Ende darauf reagieren wird, was zu teilweise schön absurden Überraschungen führt.
Verspielte Chancen
Da wir am Ende mit einem "to be continued" verabschiedet werden, liegt nahe, dass ein Nachfolger bereits fest eingeplant ist. Rodriguez ist ohne Frage ein versierter und ideenreicher Künstler, der es zudem schafft, seine Vision ohne große Kompromisse realisiert und veröffentlicht zu bekommen. Und von solchen Leuten kann es in der Videospielindustrie nicht genug geben.
Dennoch würden wir uns für einen weiteren Ableger mit seinem Maskottchen wünschen, dass die gleiche Verspieltheit und der gleiche Feinschliff, die offensichtlich in die Darstellung der Welt flossen, auch in anderen Bereichen Einzug finden.
Betrachtet man den Titel als reines Videospiel, wird von diesen Tugenden nämlich nur ein Minimum geboten. Selbst im Vergleich zu anderen Spielen mit wenig spielerischer Freiheit fehlen einfach die kleinen Schnörkel, die eine Spielerfahrung diesen einen entscheidenden Tick immersiver machen.
Dinge, die außerhalb dessen liegen, was das Spiel von einem erwartet. Kleine Easter Eggs oder Aktionen, die keinen Effekt haben, außer die Spielfigur oder Welt etwas lebendiger zu machen. Momente, in denen man einfach kurz innehalten und staunen möchte oder die sogar zum Nachdenken anregen.
Passend zum Thema:
Simon the Sorcerer - Origins in der Vorschau: Wer braucht schon Harry Potter?!
Baphomets Fluch 2: Retro-Special zum Point&Click-Abenteuer
Best of Style: Zehn Videospiel-Schönheiten zum Verlieben!
The Many Pieces of Mr. Coo ist seit dem 07. September 2023 auf nahezu allen gängigen Plattformen erhältlich. Getestet wurde die PC-Version. Das Spiel gibt es für Current- und Last-Gen-Konsolen von Playstation und Xbox sowie für Nintendo Switch und PC bzw. Mac. Der Preis liegt für die Konsolen bei 19,99 Euro und bei 14,99 Euro auf Steam. Zum Start gibt es den Titel dort um 15 Prozent reduziert für 12,74 Euro. Das Angebot endet am 14. September.
