The Last of Us Part 2: Warum es das Spiel nicht geben sollte - Kolumne
Kolumne
Der Release von The Last of Us Part 2 naht mit Riesenschritten. Viele Spieler gehen davon aus, dass uns hier eines der besten Spiele der letzten Jahre erwartet und zumindest ein wirklich tolles Ding dürfte fast gesetzt sein. Auch Redakteur Lukas freut sich schon auf die Rückkehr in die brutale Postapokalypse. Warum er trotzdem noch lieber darauf verzichtet hätte, erklärt er in seiner Kolumne.
The Matrix ist einer meiner Lieblingsfilme. Nicht allzu kreativ, ich weiß, aber man muss ja nicht immer schwedischen Stummfilmen in Schwarzweiß aus den 1960ern den Vorzug geben - auch im Mainstream finden sich verdammt gute Sachen. Die einzigartige Atmosphäre und die Metaphern-geschwängerte Erzählung sind für mich bis heute eine absolute Sternstunde des Kinos.
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Vor allem das Ende ist für mich bis heute unerreicht. Keine Sorge, ich spoilere jetzt keinen 21 Jahre alten Film. Es reicht zu sagen, dass es ihm perfekt gelingt, offen zu sein und trotzdem einen mehr als stimmigen Abschluss für die Erzählung zu finden.
Dann, einige Jahre später, folgten die beiden Fortsetzungen The Matrix Reloaded und The Matrix Revolutions. War ich im Vorfeld noch positiv gespannt, so folgte dann im Kino die Ernüchterung, als ich feststellte, dass die beiden Filme nicht nur pseudophilosophischer Rotz waren, sondern den ersten Teil auch rückwirkend schlechter machten. Die Symbolik, die Figurenmotivationen, so viele Aspekte der ursprünglichen Erzählung wurden durch Entscheidungen der Drehbuchautoren in den Sequels drastisch verändert oder zunichte gemacht.
And now this
Quelle: Sony
The Last of Us Part 2: Warum es das Spiel nicht geben sollte - Kolumne (2)
Ganz schön viele Worte zu The Matrix in einer Kolumne, die sich um The Last of Us Part 2 (jetzt kaufen ) dreht, aber ich denke, es ist klar, worauf ich hinauswill: Ich mache mir Sorgen um das Spiel, wenn auch auf etwas andere Art und Weise, als man vielleicht denke möge. Karten auf den Tisch: Ich mochte und mag The Last of Us, für mich persönlich war es aber nie das große Meisterwerk, welches nach Ansicht vieler Fans diese Spielegeneration so nachhaltig prägte. Dazu fand ich das Gameplay zu belanglos. Nicht schlecht, bitte nicht falsch verstehen, aber auch nicht herausragend. Die Story finde ich absolut fantastisch erzählt und kaum jemand versteht es so gut wie Naughty Dog, glaubwürdige Figuren zu erschaffen. Kreativ ist die Erzählung rund um eine von Infizieren überlaufene Welt aber auch nicht.
Der Aspekt der Geschichte, der mir aber ähnlich wie eben bei The Matrix wahrscheinlich für immer in Erinnerung bleiben wird, ist das Ende. So, jetzt greife ich doch zur Spoiler-Sirene, aber ich denke, wer diesen Text liest, wird wissen, wie das Finale des Abenteuers aussieht; wenn nicht, dann empfehle ich an dieser Stelle meinen Story-Recap (Spoiler! Nur zur Sicherheit). Eigenwerbung, hurray!
Alles andere als eine White Lie
Quelle: Games Aktuell
The Last of Us Part 2: Warum es das Spiel nicht geben sollte - Kolumne (3)
The Last of Us endet mit einer Lüge. Protagonist Joel lügt seiner Ziehtochter Ellie ins Gesicht, dass die potenziellen Antikörper in ihrem Körper, die das Ende der Infizierten-Apokalypse bedeuten könnten, nicht erfolgsversprechend wären. In Wahrheit hat er die geplante Entnahme mit einem Blutbad verhindert, da Ellie bei der Prozedur gestorben wäre. Kein Krachbumm, kein letzter Twist: Einfach zwei Menschen, eine Lüge und das Wissen, dass diese unweigerlich auf Joel zurückfallen wird. Dann fällt der Vorhang.
Ein ungemein offenes Ende, denn schon während der Abspann läuft, denkt man unweigerlich darüber nach, was als nächstes passieren könnte. Der Witz daran ist aber, dass das Ende gerade deswegen so stark ist, weil es keine Antwort auf all die offenen Fragen verspricht. Es beendet die meisterhafte Erzählung mit einer derart subtilen, durchdachten Note, dass man mit offenem Mund dasitzt und mehr will, gerade deswegen, weil man weiß, dass da nichts mehr kommt. In seiner Offenheit bietet The Last of Us ein befriedigenderes Ende, als jedwelche Erklärung der nachfolgenden Ereignisse es jemals tun könnte.
Tja, und jetzt kommt genau das: Eine Erklärung. Ich habe The Last of Us Part 2 noch nicht gespielt und weiß nicht, inwieweit direkt an das Finale des ersten Teils angeknüpft wird. Das Problem, dass ich habe, ist aber, dass überhaupt weitererzählt wird. Egal, wie gut das Spiel auch ist, der erzählerische Wert des Vorgängers hat durch die bloße Existenz des zweiten Teils für mich an Wert verloren.
Nehmt euch ein Beispiel an der Mafia!
Ein weiteres Finale, an welches ich in diesem Zusammenhang denken musste, ist jenes der Fernsehserie The Sopranos. Hier gingen die Autoren einen ähnlichen Weg. Auch hier gilt wieder: Spoiler! Ab dem übernächsten Absatz könnt ihr wieder gefahrlos weiterlesen. Es wird offengelassen, ob Mafiapate Tony Soprano stirbt oder nicht, bevor es auf diese Frage eine Antwort gibt, endet die Serie mit einem schwarzen Bildschirm.
Quelle: HBO.com
The Last of Us Part 2: Warum es das Spiel nicht geben sollte - Kolumne (4)
Viele Zuseher waren mit dieser Entscheidung alles andere als glücklich, im Laufe der Jahre haben sich die positiven Stimmen zu dieser Entscheidung aber gemehrt. Showrunner David Chase sagte einmal in diesem Zusammenhang etwas sehr Kluges: Es sei egal, ob Tony sterben würde oder nicht. Was wichtig sei, wären die Ereignisse gewesen, die zu diesem Moment geführt hätten, das, was die Figuren ausmachte.
Hier wie dort hätte eine finite Antwort auf offene Fragen mehr kaputtgemacht als dass sie der Handlung geholfen hätte. Nicht jede Geschichte braucht einen solchen Schritt, aber manchmal liefert ein offenes Ende den letzten, benötigten Kniff, um eine sehr gute Erzählung großartig zu machen.
Wahrscheinlich großartig, aber ...
Damit will ich übrigens keineswegs sagen, dass ich mit von The Last of Us 2 ein Debakel erwarte wie von den Matrix-Sequels. Im Gegenteil, ich bin mir sicher, dass hier absolute Qualitätsware abgeliefert wird und nach allem, was ich bisher gehört habe, bin ich auch mit den weiteren Ereignissen in der Erzählung zufrieden. Ich glaube nicht, dass die Fortsetzung irgendwelche Figurenmotivationen so verändern wird, dass ich sie nicht wiedererkenne oder dass die Geschichte auf irgendeinen Unsinn hinauslaufen wird. Ich bin mir sicher, ich werde Last of Us Part 2 spielen und am Ende ähnlich emotional mitgenommen zurückgelassen werden wie beim ersten Teil.
Meine Erinnerung an den Vorgänger wird aber nicht mehr dieselbe sein. Der eine Moment des Abenteuers, der mich mehr gefesselt hat als jeder andere, wird entwertet worden sein, ganz egal, was passiert.
