The Great Perhaps im Test: Kurzweiliges, atmosphärisches Sci-Fi-Adventure mit wenig Anspruch
Test
Der neueste von Daedalic gepublishte Titel The Great Perhaps zeichnet eine deprimierende und erdrückende Zukunftsvision, in der wir durch die Augen des Astronauten Kosmos versuchen, dem tragischen Ende der menschlichen Zivilisation nachzugehen und dieses sogar im besten Fall zu verhindern. Wir klären im Test, wie sehr, und vor allem für wen sich der Kurztrip lohnt.
Das Hamburger Studio Daedalic Entertainment gehört längst zu den bedeutenden Größen der deutschen Videospielindustrie und hat in der Vergangenheit selbst internationale Relevanz bewiesen. Ihr neuestes Puzzle-Adventure deportiert uns in eine deprimierende Dystopie. Das menschliche Volk scheint vollkommen ausgerottet, die Erde nicht mehr bewohnt und Hoffnung sucht sich selbst mit der professionellsten Taschenlumpe vergeblich. Das Erstlingswerk des russischen Entwicklerstudios Caligari Games präsentiert sich bewusst minimalistisch und entführt uns auf eine kurzweilige und sympathische 2D-Reise in die Vergangenheit - buchstäblich!
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Nur wer die Vergangenheit kennt...
Zu Beginn des Abenteuers blickt Protagonist Kosmos auf eine graue, leblose Erde hinab. Wie kam es dazu? An einem normalen Routinetag, während die Crew ihrer Arbeit nachging, erfolgte eine Explosion auf dem blauen Planeten. Deren Hintergründe sind nicht bekannt und Versuche, mit der Erde Kontakt aufzunehmen scheitern kläglich. Ein Einsatzteam macht sich auf, der Tragödie nachzugehen. Kosmos bleibt alleine auf der Station zurück und soll sich zum Ressourcenschutz in einen Kryoschlaf begeben. Sollte Kosmos gebraucht werden, so weckt ihn die im Raumschiff installierte künstliche Intelligenz L9. Viel Zeit vergeht bis zu seinem Erwachen, die Situation hat sich aber keineswegs gebessert. Ganz im Gegenteil, Kosmos findet sich verzweifelt und alleine gelassen in einer scheinbar ausweglosen Situation wieder. Den Selbstmord bereits vorbereitend, überredet ihn jedoch die durchaus sympathische L9, die Hoffnung nicht aufzugeben, selbst die Reise zur Erde anzutreten und somit dem vermeintlichen Ende der Menschheit nachzugehen. Ganz besonders die Frage nach Kosmos Familie treibt unseren Helden an. Zwar stehen die Überlebenschancen nach über 100 Jahren mehr als schlecht, aber vielleicht... wer weiß?
Quelle: PC Games
Ganz besonders die kleinen Details und die tragische Atmosphäre von The Great Perhaps wissen zu überzeugen. (1)
Angekommen erwartet uns die Erde in einem düsterem, schwermütigem und Soviet-ästhetischem Gewand. Wir finden keine Lebewesen, jedoch ein mysteriöses Artefakt - eine Laterne, welche die Kraft in sich trägt, uns einen kurzen Blick in die Vergangenheit werfen zu lassen. Hierbei zeigt sich das Kernfeature von The Great Perhaps. Beim Nutzen der Lampe tauchen wir für einen kurzen Zeitraum ein in die Zeit vor der Katastrophe. Mehrfach erwischen wir uns dabei, die kleinen Details der Umgebung in ihren beiden Zeitphasen zu vergleichen. So finden wir beispielsweise zu einem Zeitpunkt im Spiel das Skelett eines Mannes in einem Gewächshaus, umschlungen von einer gigantischen Pflanze. Durch das kurze Benutzen unserer magischen Lampe erhalten wir einen interessanten Einblick in das Leben des schrägen Botanikers.
Vergleich der beiden Zeitphasen
Viele solche kleinen Details lassen sich in dem ungefähr sechsstündigen Abenteuer ausmachen und wissen durch die Bank zu gefallen. Die Umgebungen erzählen - zumindest für aufmerksame Spieler - stets interessante Geschichten und regen an, sich selbst die einzelnen Fragmente der vergangenen Jahre zusammenzusetzen.
Tolle Inszenierung einer düsteren Zukunftsvision
Die Stimmung von The Great Perhaps bleibt trotz der kurzen Ausflüge in die noch heile Welt vor dem Unglück trostlos und deprimierend. Immer und immer wieder erwischt man sich als Spieler dabei, mehr zu wollen.
Mehr Interaktionen mit Charakteren, mehr spannende und aufschlussreiche Gespräche über die Welt und ihrer heutigen Normen und Regeln, mehr Fülle. Jedoch ist genau das ein großer Reiz des Spiels. Das nachdem wir, nachdem sich Kosmos qualvoll sehnt, scheint einfach nicht zu existieren. Die handgemalten Landschaften sind zu keiner Sekunde überschmückt mit Details. Sie präsentieren sich stets minimalistisch, getränkt in Kummer und Melancholie. Unter der Leere leiden wir, fast wie unser Protagonist, selbst. Wie Kosmos suchen wir nach Leben. Nach einer Person, die uns Antworten geben kann auf unsere Fragen. Das erzeugt eine bittersüße Grundstimmung, die uns vom ersten Moment in ihren Bann zieht.
Anstatt unserem Wunsch nach freundlichen Mitstreitern nachzukommen, serviert uns das Spiel schaurig mutierte Tiere und übernatürliche Horrorgestalten, die zwar allesamt an bereits bekannte Science-Fiction-Kreaturen erinnern, sich aber trotz allem gelungen in das Gesamtwerk von Caligari Games einfügen. Begegnen wir zum ersten Mal der mysteriösen Schattengestalt, die es aus unerfindlichen Gründen auf uns abgesehen hat, löst das vor allem eins in uns aus: Furcht.
Quelle: PC Games
Auf die mysteriöse Schattengestalt treffen wir öfters im Spiel. Was es wohl auf sich hat mit ihr?
Diese wird noch verstärkt durch den toll ans Gameplay angepassten Soundtrack. Neigt sich unsere Zeit in der Vergangenheit zum Beispiel dem Ende zu, so wird dies dem Spieler clever durch die Musik nähergebracht. Auch abseits von Spieldesignentscheidungen weiß die Musik stets zu gefallen und verstärkt die ohnehin schon tolle Atmosphäre von The Great Perhaps.
Leider mäßige Rätsel mit zu wenig Anspruch
Keine Frage, der Spielumfang des 2D-Adventures ist gering. Die verwaiste Welt von The Great Perhaps will uns nicht mit Minispielen, abgedrehten Gesprächen und abwechslungsreichen Kulissen unterhalten. Der Anspruch an den Spieler bleibt stets gering und so bilden die Rätsel den Kern der Spielerfahrung. Hier müssen wir die Erwartungen leider herunterschrauben. Kreative und knifflige Denkaufgaben bleiben den Großteil der Spielzeit leider aus. Viel zu oft erwartet das Spiel von uns das unsympathische Trial-and-Error-Prinzip. Dabei stößt uns vor allem das auf der Strecke liegen gebliebene Potential sauer auf. Viele Genre-Nachbarn nutzen die beliebte Zeitreisefunktion kreativer und fordern uns Spieler intellektuell mehr heraus.
