Edmund McMillen ist Held der Indie-Szene und bekannt für Werke wie The Binding of Isaac und Super Meat Boy. Da sind die Erwartungen an The End is Nigh natürlich gigantisch. Doch Vorsicht: Wer eine Art Super Meat Boy 2 erwartet, der wird eine unangenehme Überraschung erleben.
Ash, gesprochen von Rich Evans, hat die Apokalypse überlebt. Er lässt sich davon aber nicht die Laune vermiesen, hat er doch alles, was er zum Glücklichsein braucht: eine Konsole, ein Streaming-Set-Up und eine Cartridge. Doch dann verabschiedet sich - auch noch live im Stream, zum Glück hat Ash sowieso keine Zuschauer - das Spielemodul und Ash sieht sich gezwungen, seine Hausruine zu verlassen. Vielleicht findet er ja einen Freund in der lebensfeindlichen Postapokalypse? Oder gar eine neue Cartridge?
The next Super Meat Boy?
Indie-Entwickler Edmund McMillen (man kennt ihn unter anderem aus Indie Game: The Movie und als Schöpfer von Super Meat Boy und The Binding of Isaac) hat ein Faible für anspruchsvolle Spiele, wenig überraschend schlägt The End is Nigh in die gleiche Kerbe. Ein Treffer? Ash ist futsch, nächster Versuch! Der kleine schwarze Held kann laufen, springen und sich an Kanten festhalten, mit diesem überschaubaren Move-Repertoire muss er die Hölle der Postapokalypse überleben. Anders als bei Super Meat Boy steht in diesem 2D-Jump&Run Präzision statt Tempo im Vordergrund. Die Kontrolle sorgt dafür, dass dieses Konzept wunderbar aufgeht, sie ist direkt und extrem genau; mit einem Tastendruck etwa greift Ash automatisch nach der nächsten Kante, Manöver lassen sich so immer punktgenau ausführen. Zumindest theoretisch, die Fehlertoleranz ist niedrig, an vielen Stellen erfordert The End is Nigh hohe Konzentration und eine Portion Einfallsreichtum, vor allem, wenn man alle Tumore sammeln und Geheimnisse aufdecken will.
Quelle: PC Games
Mario lässt grüßen: Die Welt SS Exodus erinnert sicher nicht zufällig an die Schiffslevel in den Mario-Spielen.
Klassisch geschmacklos
Tumore? Ebenso wie für den hohen Schwierigkeitsgrad sind McMillens Spiele bekannt für einen gewissen Ekelfaktor und den makaberen Humor. In jedem Level ist einer der Zellhaufen versteckt. Um diese einzusammeln, genügt es, sie zu berühren. Danach müsst ihr Ash allerdings in den nächsten Level bugsieren, also den Rand erreichen. Jedes der über 600 Level besteht aus einem Bildschirm, jeweils 20 sind zu einer Welt zusammengefasst. Zwischen den einzelnen Bildschirmen kann man hin- und herwechseln, viele Geheimwege und -Räume erreicht Ash nur, wenn er aus der entgegengesetzten Richtung, nach oben oder unten durch das Bild hüpft. Die bereits erwähnten Tumore löst Ash ein, um Zutritt zu speziellen Bereichen zu erlangen, außerdem fungieren sie in einem Extraabschnitt als Leben. Im normalen Abenteuer müsst ihr euch aber keine Gedanken um ein etwaiges Games Over machen, ihr dürft nach Herzenslust sterben und neue Anläufe starten.
Quelle: PC Games
Von links nach rechts: Generell müsst ihr die gegenüberliegende Seite erreichen, um das Level abzuschließen. Oft geht es aber auch oben, unten oder rückwärts weiter.
Der Stil von The End is Nigh ähnelt dem von Super Meat Boy, mit einem winzigen Helden inmitten einer riesigen, schlichten 2D-Umgebung. Ashs Abenteuer jedoch ist farbärmer und dementsprechend trister - das passt aber auch zum Setting. Ab und zu leidet die Übersicht unter dunklen Levelelementen die Ash beinahe verschlucken, und in Sachen Level-Design haben sich zwischen all den hervorragend gestalteten Arealen eine Handvoll enttäuschende Areale eingeschlichen. In jedem Fall ist eine gewisse Vorliebe für schwierige Hüpfeinlagen von Vorteil, wenn man The End is Nigh komplett erleben will. Gerade die späteren Welten und Cartridge-Retro-Level stellen Ashs Können auf eine harte Probe. Die Verknüpfung der Abschnitte entpuppt sich manchmal als nervig, wenn man auf der Suche ist nach vergessenen Tumoren in der Mitte einer Welt, die klug versteckten Geheimnisse machen das Backtracking aber die meiste Zeit wett. Enttäuschend für McMillen-Verhältnisse ist die Hintergrundmusik. Ridiculon (das Duo hat bereits die Musik für The Binding of Isaac: Rebirth beigesteuert) haben klassische Stücke wie Griegs In der Halle des Bergkönigs geremixt. Das Ergebnis fällt zwar nicht negativ auf, ist aber im Vergleich zum herausragenden Soundtrack für Super Meat Boy von Danny Baranowsky ziemlich enttäuschend.
Makes u think
Quelle: PC Games
Schatz im Himmel: Geheime Räume erreicht man oft, indem man versteckte Abzweigungen nimmt. Hier wartet ein riesiger Tumor als Belohnung auf Ash.
Erst denken, dann springen: The End is Nigh kopiert nicht das blitzschnelle Spielgefühl von Super Meat Boy, sondern setzt andere Akzente. Dieses langsamere Vorgehen mit Backtracking kombiniert eignet sich eher für geduldige Spieler mit den Nerven, auch nach tausend Toden nicht entmutigt den Controller beiseitezulegen. So wie auch bei Super Meat Boy wird der Otto-Normal-Spieler ab einem gewissen Punkt ohnehin die Segel streichen und die Cotton Alley Cotton Alley sein lassen, oder bei The End is Nigh auf die fehlenden Tumore pfeifen. McMillens neues Werk ist ein Spiel für alle Indie-Liebhaber, Fans anspruchsvoller, langsamer Platformer und präziser Steuerung.
