The Day Before: Der größte Scam des Jahres?

Kolumne David Benke
The Day Before: Der größte Scam des Jahres?
Quelle: FNTASTIC

Feiert das Survival-MMO The Day Before wirklich am 1. März seinen Release auf Steam? Redakteur David erklärt in der Kolumne, warum er so seine Zweifel hat.

Für Material direkt aus dem Spiel wirkt das oft viel zu linear, zu gescriptet. Von der versprochenen Open World sieht man eigentlich nie was. Immer verdecken irgendwelche Bäume die Sicht. Angebliche Gegenspieler verhalten sich überhaupt nicht menschlich. Zombies zerplatzen spektakulär in ihre Einzelteile, obwohl niemand gezielt auf sie geschossen hat. Das hat alles mehr von einem Vertical Slice - also eines vorgerenderten Ausschnitts eines Spiels, der für Investor-Präsentationen oder ähnliches genutzt wird. Das sagen sogar Leute aus der Entwicklungsbranche selbst, die sich das Video auf YouTube mal näher angeschaut und eine Reaction dazu aufgenommen haben.

Und dann haben wir noch gar nicht darüber gesprochen, dass das Design-Konzept von The Day Before wie wild aus anderen Titeln zusammengeklaut wirkt. Man erkennt ein bisschen DayZ, ein bisschen Days Gone. Die Schriftart wurde von The Last of Us übernommen. Die Spielwelt sieht eins zu eins wie die von Ubisofts The Division 1 aus. Dazu kommen Szenen und Screenshots, die von der Aufmachung her frappierende Ähnlichkeiten zu Snowrunner und dem Remake von Resident Evil 2 haben.

Zu viele Red Flags

Kurzum: Das komplette Projekt macht nicht unbedingt den vertrauenswürdigsten Eindruck. Interviews mit dem russischen Studio lesen sich immer verdächtig gleich und irgendwie nichtssagend, weil kritischen Nachfragen einfach ausgewichen wird. Streams mussten wegen "technischer Probleme" kurzfristig verschoben werden. Auf Twitter kündigte man groß an, bei 10.000 Likes einen umfangreichen Gameplay-Clip zu veröffentlichen, konnte dann aber nicht liefern. Nicht mal die Release-Termine wurden eingehalten! Aus dem zweiten Quartal 2021 wurde Juni 2022, nur um dann im Mai zu sagen: "Ach upsi, es kommt dann doch erst 2023. Wir satteln jetzt nämlich auf die Unreal Engine 5 um."

Und dann ist da noch die Sache mit den Volunteers. Im Juli 2022 wandte sich FNTASTIC an die Öffentlichkeit, um freiwillige Unterstützer für das Projekt zu suchen. Die sollten bei der Weiterentwicklung von The Day Before helfen, allerdings vollkommen unbezahlt. Stattdessen gäbe es "coole Rewards" wie kostenlose Codes oder ein Teilnahmezertifikat. Kein Scherz! Wer an einem selbsternannten Triple-A-Projekt mitarbeitet, bekommt nicht mehr als ein Grundschüler bei den Bundesjugendspielen!

Zwar ruderten die Macher später unter dem enormen öffentlichen Druck zurück: Volunteers wären nicht direkt in die Entwicklung involviert. Es ginge mehr um Aufgaben wie Übersetzung, Playtesting und Community-Management. Aber der Schaden war schon angerichtet.
Seitdem herrschte weitestgehend Funkstille. In den folgenden knapp sechs Monaten gab es nicht mehr zu sehen als zwei nichtssagende Screenshots von irgendeinem generischen Vorort und einem unförmigen Händler mit langweiligen Dialogoptionen.

Böse Erinnerung an Cyberpunk

Bis zum großen Auftritt auf der Consumer Electronics Show in der vergangenen Woche! Im Rahmen des GeForce Beyond Streams von Nvidia zeigten die Macher einen Teaser mit sagenhaften 15 Sekunden Gameplay, ergänzt um ein paar Mood Shots aus der Spielwelt. Sogar mit aktiviertem RayTracing, oh la la! Dazu gewährte FNTASTIC einen Blick hinter die Kulissen des Studios, in dem wir zwar sehen konnten, wie eine Frau um einen Weihnachtsbaum tanzt und ein Typ bei -70 Grad Celcius Holz hackt. Aufschlüsse über Spielinhalte oder -mechaniken suchte man aber vergeblich. Zwei Monate vor Release! Angesichts so vieler Red Flags sollten selbst bei den leidenschaftlichsten Fans langsam die Alarmglocken losgehen.

NPC in The Day Before Quelle: FNTASTIC The Day Before: Warum ich nicht glaube, dass das Spiel jemals (so) erscheint (6) Niemand hat The Day Before bisher spielen können. Und ich meine wirklich absolut niemand! Es gab weder Beta-Tests für ausgewählte Vorbesteller noch Hands-on-Events für Pressevertreter. Wir müssen also darauf vertrauen, dass uns die Macher nicht mit geschöntem Gameplay hinters Licht führen; dass es das Spiel genauso gibt und dass es sich genauso spielt, wie in den Trailern zu sehen ist. Das hat ja schon bei Watch Dogs und Cyberpunk 2077 so gut funktioniert!

Natürlich kann mich mit meinem Pessimismus täuschen. Ich würde mich sogar richtig gerne vom Gegenteil überzeugen lassen. Aber mit Blick auf den aktuellen Stand der Dinge halte ich es für deutlich realistischer, dass der 1. März für alle Fans von The Day Before zu einer ziemlich herben Enttäuschung wird. Entweder, weil wir überhaupt nicht das Spiel bekommen, das uns versprochen wurde; weil der Release aus irgendwelchen hanebüchenen Gründen wieder verschoben werden muss; oder, weil wir am Ende einfach gar kein Spiel bekommen.

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