The Bradwell Conspiracy im Test: Sympathischer Kurztrip mit einigen Ärgernissen
Test
Das Grafik-Adventure The Bradwell Conspiracy erinnert stark an Titel wie Portal oder The Witness, präsentiert sich aber dank zeitgemäßer Themen, einer realistisch dargestellten fiktiven Firma und ihrer mysteriösen Geheimnisse angenehm frisch. Wir haben jeden Winkel des Stonehenge Museums unter die Lupe genommen und sagen euch, für wen sich ein Trip nach England lohnt.
Für das Adventure The Bradwell Conspiracy schließt sich ein Team der Extraklasse zusammen. Auf der einen Seite wäre da der Publisher Bossa Studios, vor allem bekannt durch Spiele wie I am Bread oder dem Surgeon Simulator. Auf der anderen Seite - noch weitaus interessanter - ein komplett neues Studio: A Brave Plan. Jenes beeindruckt mit einer insgesamt 60-jährigen Games-Expertise. Im Entwicklerteam finden sich mehrere BAFTA-Gewinner und diverse AAA-Veteranen, die bereits an beliebten Spielereihen wie Batman, Fable, Ether One oder Tomb Raider gearbeitet haben. Das Team schloss sich 2014 mit dem Ziel zusammen, herausragende und ikonische Spiele zu entwerfen. Erstes Projekt des Studios ist das Grafik-Adventure The Bradwell Conspiracy, welches neben einem tollem Cast und talentiertem Team noch mit einigen anderen Punkten auftrumpfen möchte. Zuallererst, wie es sich für ein Adventure gehört, mit einer spannenden Narrative.
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Vergangenheit erforschen, Zukunft gestalten
Quelle: Bossa Studios
Vom Logo bis zur Firmenideologie: Bradwell Electronics fühlt sich wie eine echte Firma an. Ganz besonders dank der Liebe zum Detail.
Wir schreiben das Jahr 2026. Das Familienunternehmen Bradwell Electronics gehört zu den bedeutenden Pionieren der Technikbranche. Wer das nicht glaubt, dem empfehlen wir einen Blick auf die "offizielle" Firmen-Website, die den geschichtlichen Fußbadruck der Firma kompakt und schön zusammenfasst. Jedem, dem das zu trocken ist, legen wir einen Besuch des Stonehenge Museums nahe - Sitz der englischen Firma. Darin lässt sich, wie jeder weiß, Geschichte spannend und informativ erleben! Bradwell war nämlich in der Vergangenheit enorm fleißig und hat viele Innovationen vorzuweisen. Wirft man einen Blick auf das Portfolio der Firma, dann findet man Farbfernseher, den familienfreundlichen Heimcomputer B-16 oder super-moderne Geräte wie die sogenannten "AR Guide Glasses". Brillen, die Computerabläufe so menschlich, simpel und angenehm machen, wie man es sich nur wünschen kann (Alexa lässt grüßen!). Darüber hinaus befasst sich Bradwell aber auch mit der Zukunft der Menschheit. Dafür bietet sich ein Besuch am Tag der Sommersonnenwende an. An diesem Tag zelebriert Bradwell nämlich ihre neu gestartete "Clean Water Initiative". Sauberes Wasser, überall und für jeden. Klingt nach einem guten Grund, das Museum zu besuchen, oder?
Trümmer statt Trüffel
So oder so ähnliche Beweggründe hatte vermutlich auch unser Protagonist, ein namenloser Besucher der Veranstaltung, der nach einer mysteriösen Explosion im evakuierten Stonehenge Museum erwacht. Neben einem Ausweg oder einer Bezugsperson fehlt uns ebenfalls unsere Stimme - Folgen der Explosion. Alle Besucher wurden zu unserem Glück mit den AR Guide Glasses ausgestattet und so hilft uns der toll vertonte Guide bei unseren ersten Schritten durch die Trümmer des Gebäudes. Beim Versuch, einen offenen Evakuierungsweg zu finden, stoßen wir auf eine zweite Überlebende: die Bradwell-Mitarbeiterin Dr. Amber Randall.
Quelle: Bossa Studios
In gewissen Momenten, wie im verwüsteten Galasaal, entfaltet sich der Stil von The Bradwell Conspiracy ganz besonders toll.
Mit Amber startet unsere Flucht aus dem Gebäude, zumindest ist das Anfangs der Plan. Schnell verschiebt sich jedoch unser Fokus und wenig später finden wir uns knietief in den Geheimnissen und dem Mysterium der Firma Bradwell. Das vier- bis sechsstündige Abenteuer hinterlässt den Spieler mit zwei Geschmäckern: auf der einen Seite gefällt die liebevolle Ausarbeitung der Firma und ihrer Geschichte, auf der anderen Seite fehlt es an einer ordentlichen Menge Mut. Mit der Handlung versucht Entwickler A Brave Plan zwar, moderne und relevante Themen anzusprechen, speißt den Spieler aber dann doch lieber mit etwas zu viel Klischeekost ab. Die Narrative lässt sich am besten beschreiben als eine leicht vorhersehbare Rahmenhandlung - nicht mehr und nicht weniger. Die einzige wirkliche Überraschung ist, dass es kaum eine gibt. The Bradwell Conspiracy kann trotz alledem unterhalten und die Erzählung ist keineswegs schlecht präsentiert, mit mehr Mut zu aktuell aufheizenden Themen, einem mehrschichtigeren Plot oder emotional mitreißenderen Momenten wäre jedoch weitaus mehr drin gewesen.
Druck die Welt, wie sie dir gefällt
Quelle: Bossa Studios
Bei diesem Rätsel müssen wir die Rohre mit verschiedenen Bauteilen neu verbinden und reparieren. Zum Glück haben wir einen 3D-Drucker!
Das Kern-Feature von The Bradwell Conspiracy ist ein mobiler 3D-Drucker, den wir mit "Bradwellium" (einer geheimen Super-Substanz der Firma) füllen. Der 3D-Drucker erlaubt uns das Verwerten von bestimmten Objekten, sowie das Produzieren von Gegenständen, zu denen wir nur gefundene Blaupausen benötigen. Einen Abgrund überqueren? Kein Problem! Wir drucken ein paar Holzbretter, positionieren sie passend und schlendern innerhalb kürzester Zeit mit Leichtigkeit über den Abgrund. Die Knobeleien sind dabei sehr angenehm, überfordern nie, regen aber trotzdem zum Denken an. Enttäuschend ist das Fehlen einer Lernkurve, die den Spielverlauf fordernder gestalten würde. Sind die Rätsel zu Beginn noch angenehm, werden sie spätestens zur Halbzeit des Spiels auffällig einfach und unkreativ. Schade ist ebenfalls, dass wir nach jedem Abschnitt im Spiel alle gesammelten Substanzen und Blaupausen verlieren. Ein seichtes Metroidvania-Spielprinzip hätte der linearen Spielerfahrung durchaus gutgetan. Große Gameplay-Überraschungen bietet The Bradwell Conspiracy also nicht. Vom Spiel ist genau vorbestimmt, zu welchem Zeitpunkt wir welchen Bereich des großen Gebäudes erkunden dürfen und welchen nicht. Jedoch ist das nicht, wie oft in anderen Spielen, mit unsichtbaren Schranken oder unschön platzierten Absperrungen umgesetzt. Viel mehr leitet uns das Spiel angenehm und ohne, dass es uns groß auffällt. Neben dem Guide, der angenehm als Hilfe eingesetzt wird, hilft uns auch die liebenswerte Amber mit Ratschlägen und Hinweisen. Zusätzlich rundet sie das Grundprinzip von The Bradwell Conspiracy toll ab.
Teamwork ist Kommunikation
Quelle: Bossa Studios
In den diversen Büros lassen sich viele Dokumente finden, die einen Einblick in die Firma und ihre Mitarbeiter gibt.
Amber ist das pochende Herz von The Bradwell Conspiracy. Zwar läuft unsere Kommunikation die meiste Zeit nur über Funk ab, da sich die beiden fast ausschließlich in unterschiedlichen Bereichen des Gebäudes befinden, die fühlt sich aber sehr natürlich an. Den Verlust unserer Stimme und den AR-Guide nutzt A Brave Plan clever, um mit den verfügbaren Mitteln qualitativ hochwertig eine realistische Beziehung zu inszenieren. Denn zu unserem Glück wird Bradwell's Hightech-Brille ebenfalls mit einer Fotofunktion ausgeliefert. Dadurch können wir Rätsel, bestimmte Situationen oder willkürliche Dinge, die wir Amber zeigen wollen, fotografieren und automatisch weiterleiten. Mal erzählt sie interessante Details über ihre Vergangenheit oder die Firma, an anderer Stelle gibt sie uns kleine Hinweise, die zur Lösung unseres Problems führen. Dabei merken wir im Spielverlauf, wie die Grenzen zwischen der Interaktion mit Amber, den vielen Knobeleien und der Handlung immer mehr verwischen und natürlich ineinander verlaufen. In einigen Momenten vergessen wir beinahe, dass Amber ein NPC ist und bewerten ihre Aussagen als die von einer echten Person.
Das hat auch sehr viel mit der tollen Vertonung von Amber zu tun. Allgemein gefallen die Sprecher des Spiels sehr gut. Alle klingen professionell und sind gut besetzt. Auch Komponist Austin Wintory überzeugt, der sich spätestens mit seiner musikalischen Arbeit zu Journey in unzählige Spielerohren eingebrannt hat. Die Lieder, meist sehr mysteriös, passen sich stets sehr gut den Gegebenheiten des Spiels an. Manchmal soll die Musik auffallen und die Szenerie, wie bei epischen Rollenspielen und Action-Hits, vollkommen in ihren Bann ziehen. In anderen Momenten ist sie umso gelungener, da sie sich dezent dem Spielgeschehen unterwerfen und trotz alledem dieses emotional abrunden. Oft verschwimmt die Musik von The Bradwell Conspiracy mit den Momenten und wir als Spieler nehmen sie kaum mehr wahr. In Rätselpassagen motiviert sie uns und in stark von der Handlung beeinflussten Situationen lenkt sie. Das gefällt gut und erfüllt die Erwartungen beinahe durchgehend.
Die Technik bricht das Genick
Quelle: Bossa Studios
Zwar macht es Spaß, den Gebäudekomplex von Bradwell zu erkunden, mehr Abwechslung und eine reichere Anzahl an Details hätten wir uns dennoch gewünscht.
Ironischerweise enttäuscht das Grafik-Adventure rund um den Tech-Riesen Bradwell aus der Feder von einem Team mit so viel Videospielexpertise besonders auf der technischen Seite. Immer wieder hatten wir mit der Framerate ordentlich zu kämpfen. Fotografien für Amber wurden mehrfach nicht vom Spiel akzeptiert, obwohl Winkel und Porträt eigentlich perfekt passen sollten. Oft half ein Neustart, ab und an brauchte es sogar mehrere Anläufe, um wieder zurück zum Spielfluss zu finden. Auch stecken bleiben zwischen Objekten und Wänden ist leider mehr als nur einmal vorgekommen. Die Steuerung erwies sich oft als fummelig, vor allem dann, wenn man mehrere Gegenstände zum Anvisieren oder Interagieren zur Auswahl hat. Alles wirkt ein paar Schritte vor dem Ende beiseite gelegt. Die Genauigkeit lässt oftmals zu wünschen übrig und manche Raumgestaltungen und Objektpositionierungen werfen dicke Fragezeichen auf. Zu einem Zeitpunkt im Spiel findet man zum Beispiel eine gute Menge der Super-Substanz hinter einer Glasscheibe. Einen Sinn hat die jedoch nicht, nach unzähligen Versuchen blieb uns der "Schatz" verwehrt. Später im Spiel stellt sich ebenfalls heraus, dass wir nie angewiesen waren auf die Substanz. Das ergibt schlussendlich leider nur eines: fragwürdiges Game-Design, welches nur unnötig verwirrt. Wir haben jedoch bei den Entwicklern angeklopft und uns wurde bestätigt, dass diverse Patches geplant sind.
Der grafische Stil des Titels ist minimalistisch, abstrakt und eher schlicht. Manche Kulissen, wie der Festsaal der Gala, sehen schön aus, The Bradwell Conspiracy kann mit seinem Aussehen aber nie so richtig überzeugen. Zusätzlich ist das einseitige Design der Spielwelt zwar im Kontext der Prämisse nachvollziehbar, etwas mehr Kreativität und Abwechslung hätte dem Adventure aber gutgestanden.
Offensichtliche Schwächen & Versteckte Stärken
Quelle: Bossa Studios
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Jetzt könnte man denken, The Bradwell Conspiracy ist ein solides Adventure mit interessanten Ideen, doch enttäuschender Umsetzung. Teilweise stimmt das auch, The Bradwell Conspiracy bietet aber auch richtig tolle Stärken. Die Vertonung ist erste Sahne, die Dialoge und die Kommunikation mit Amber fühlen sich enorm natürlich an und die Ausarbeitung der Firma Bradwell punktet durch viel Fleißarbeit. Klickt man sich durch die anfangs erwähnte Firmen-Website, dann glaubt man fast, diese Firma existiert im Hier und Jetzt. Zusätzlich entfaltet sich die Handlung noch einmal um einiges mehr durch unterschiedliche Fundobjekte wie Dokumente oder Sprachnachrichten. Logo, das ist heutzutage bei vielen Spielen so, bei The Bradwell Conspiracy aber besonders gut umgesetzt. Es fühlt sich nicht wie simples Lückenfüllen an und viel mehr wie eine wirkliche Spielbereicherung. Am Ende bleibt nur eines zu sagen: The Bradwell Conspiracy hat einige Probleme und viele sind sicherlich für den ein oder anderen ein K.O.-Kriterium, wir haben das Spiel aber mit mehr positiven als negativen Aspekten ad acta gelegt und unseren Besuch im Stonehenge Universum nicht bereut.
