The Artful Escape im Test: Eine audiovisuelle Achterbahnfahrt
Test
Ist das Kunst oder nur ganz nett? The Artful Escape nimmt euch mit auf eine intergalaktische Reise durch Zeit, Raum und den Wachstumsschmerz des jungen Helden. Unser Test!
Francis Vendetti, der Protagonist in The Artful Escape, hat ein deutlich angenehmeres Leben als so mancher seiner Videospielkollegen. Weder wurde seine Heimat zerstört, noch seine Freundin entführt, nein, eigentlich fehlt es ihm an nichts. Er lebt in einer pittoresken Kleinstadt in Colorado in einem majestätischen Haus ganz oben auf dem Berg. Begnadeter Musiker und der Neffe eines großen Folk-Stars ist er obendrein. Wieso also das lange Gesicht? Nun, zum einen ist Francis eine unsichere, introvertierte Person, zum anderen soll er zu Ehren seines verstorbenen Weltstar-Onkels dessen größte Hits auf einem ausverkauften Gedenkkonzert zum Besten geben. Dabei schlägt Francis' Herz nicht für Folk, sondern für Gitarrenmelodien, die Planetenkerne schmelzen, das dritte Auge öffnen und die tiefschwarzen Weiten des Universums mit flüssigem Licht übergießen - kurz gesagt, er steht auf Space Rock.
Auch, wenn man selbst vielleicht nicht zufällig gerade in der gleichen Situation steckt, fällt es doch leicht, sich mit dem gehemmten Francis zu identifizieren, der sich gerne verwirklichen würde, aber erstens zu viel Angst davor hat, gesehen zu werden und zweitens nicht wagt, sich den Erwartungen von Familie und Gesellschaft zu verweigern. The Artful Escape ist, wie es der Name andeutet, die eskapistische Reise von Francis durch eine fremde Galaxie, in der er zu sich selbst findet.
Auf dieser Seite
Ferne Welten
Quelle: PC Games
Spielerisch ist zwar nicht viel los in The Artful Escape, aber die Optik ist wirklich wunderschön.
Wie und warum Francis in der Nacht vor dem Konzert ein Raumschiff betritt, ist nicht wichtig und da The Artful Escape kurz ausfällt (etwa vier Stunden seid ihr beschäftigt), möchten wir möglichst wenig vorwegnehmen. Das Ende kommt schnell, man hätte gerne weiter in den Tiefen von Francis' Seele gewühlt, das Writing ist passend zur psychedelischen Akustik ein wenig abgehoben. Dennoch: Die Story von The Artful Escape funktioniert.
Die Optik des Trips zur Selbsterkenntnis jedenfalls ist in einigen Momenten atemberaubend. Wenn gigantische Raumschiffe durch Wolkenberge im Abendrot fremder Sonnen gleiten oder Schädel längst verstorbener Kreaturen im Takt Laserstrahlen spucken, dann kann man sich am Spiel kaum sattsehen. Und das, obwohl die Optik der Switch-Fassung schwächer ist als die der restlichen Ausgaben.
Auf der Nintendo-Plattform leidet The Artful Escape unter ekligem Kantenflimmern und nachladenden Texturen. Trotzdem ist es eine Freude, diese schräge Galaxie zu erkunden, die eine tolle Bildsprache aufweist; vom Heavy-Metal-Magazin über Ziggy Stardust, von den Werken des Künstlers Moebius bis hin zu Platten-Covern von Genre-Kultband Hawkwind, die Inspirationsquellen sind mannigfaltig und verschmelzen opulent miteinander.
Raum für den Klang
Quelle: PC Games
Beim Laufen und Springen (hier reisen wir auf einem riesigen Schmetterling) schlagen wir ohne Hemmungen in die Saiten.
In einem Spiel, das sich um Musik dreht, ist der Sound mindestens ebenso wichtig wie die Grafik. Passend zu Thema weint die Gitarre hier in den schönsten Tönen und der interaktive Soundtrack kommt zwar nicht mit vielen Ohrwürmern, aber dafür mit sphärischen Soli daher. Auch die Sprecher machen einen guten Job, allerdings sind die Stimmen nur auf Englisch - die Texte immerhin lest ihr auf Deutsch.
Dass wir erst jetzt das Gameplay ansprechen, hat einen Grund: Es muss im Vergleich zu Story, Präsentation und Sound deutlich zurückstecken.
The Artful Escape ist kein klassisches Rhythmusspiel wie Guitar Hero, auch wenn ihr manchmal mit Buttons und Schultertasten des Controllers Melodien nachspielen müsst - es gibt keine Punkte, keine Wertung, kein Game Over. The Artful Escape ist kein Platformer, obwohl ihr die meiste Zeit herumlauft, springt und schlittert. Zu guter Letzte weist das Indie-Spiel Adventure-Elemente auf, ihr wählt manchmal zwischen unterschiedlichen Antworten.
Die meiste Zeit könnt ihr Francis bei der Fortbewegung Gitarre spielen lassen, dann verändert sich die Hintergrundmusik basierend auf eurem (teils automatischen) Geschrammel. Das war es auch schon - The Artful Escape ist in spielerischer Hinsicht anspruchslos, dadurch fällt es jedoch leichter, in die bildgewaltigen Szenerien einzutauchen, die auf dem Bildschirm erblühen.
Wie bei so vielen Indie-Spielen ist die Konzentration auf eine ganz spezifische Nische - hier das Thema Space Rock kombiniert mit einer Coming-of-Age-Story - Fluch und Segen zugleich. Wen das nicht interessiert, der bekommt abseits davon spielerisch wenig geboten. Liebhaber von Gitarrenmusik, Retro-Sci-Fi-Fans, Künstlerseelen und Indie-Zocker sollten The Artful Escape aber definitiv erleben.
Meinung
The Artful Escape ist seit Ende Januar 2022 erhältlich. Ihr halt eine breite Auswahl an Plattformen, auf denen ihr den Titel spielen könnt: Er ist für den PC, für Playstation 5 und Playstation 4, die Nintendo Switch, Xbox Series X/S und Xbox One und zusätzlich auch noch für Linux, Mac OS und Smartphones und Tablets mit iOS-Betriebssystem verfügbar.
