Tetris im Retro-Special: Wie ein Spiel dem Game Boy zum Erfolg verhalf
Special
Quadratisch, praktisch und megaerfolgreich: Tetris war einer der Hauptgründe, warum der Game Boy zu dem Platzhirschen werden konnte, der er war. Wir blicken in unserem Retro-Special zurück auf die Geschichte und den Erfolg der mobilen Version des ikonischen Block-Puzzlers.
Da, dadada, dadada, dada, dadada, dada, dada, dadaaa, da, dada, dadada, dada, dadada, dada, dada, da daaa. Na, ist der Ohrwurm geweckt? Wohl wenige Melodien haben sich so im kollektiven Spieler-Gedächtnis festgesetzt wie das Tetris-Theme, im ursprünglichen Spiel einfach "A-Type" genannt. Kein Wunder, denn erstens geht es einfach unfassbar ins Ohr, zweitens hat wohl so gut wie jeder, der alt genug ist, irgendwann einmal den guten, alten Game Boy mit dem Tetris-Modul in Händen gehabt und hat den Puzzle-Klassiker gespielt. Die Geschichten von Game Boy und Tetris sind untrennbar miteinander verbunden. Dabei war die Nintendo-Handheld-Fassung des Titels keineswegs die erste jemals erschienene Variante.
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Der russische Software-Entwickler Alexey Pajitnov, seines Zeichens Vater von Tetris, hatte die Idee bereits 1984. Er wollte ein Spiel schaffen, bei dem man unterschiedliche Blöcke zusammenfügen und damit Reihen ausfüllen musste. Der Name war schnell ersonnen: Er ist eine Mischung aus Tetra, also Vier, wegen der vier Blöcke, aus denen die verschiedenen Tetrissteine oder Tetrominos bestanden, und Tennis, Pajitnovs Lieblingssport. Eigentlich Spracherkennungsforscher am wissenschaftlichen Institut im Moskau, nutzte der Entwickler den dort beheimateten Computer Electronica 60, um seine Vision Wirklichkeit werden zu lassen, alles mit einem edlen Ziel: Er wollte die Menschen einfach fröhlich machen. Als das Spiel fertig war, waren seine Mitarbeiter geradezu begeistert davon.
Das Spiel verbreitete sich über alle Moskauer Universitäten hinweg, und Pajitnov schloss sich mit dem erst 16-jährigen Computer-Genie Vladim Gerasimov zusammen, um eine technisch erweiterte Fassung des Titels für den IBM-PC zu entwickeln. Das Spiel wanderte auf immer mehr Geräte, aber Pajitnov, der leider über keinerlei wirtschaftliche Expertise verfügte, konnte kaum Gewinn daraus schlagen. Auch sonst herrschte Chaos vor, mehrere Fimen beanspruchten die Rechte an Tetris für sich, unter anderem das Unternehmen BPs, welches im Jahre 1988 eine Umsetzung für das japanische NES, das Famicom, erschuf. Trotz aller Unklarheiten war Tetris fast überall ein Erfolg, und Pajitnov, obwohl er nach wie vor kaum jemals Geld durch seine Kreation erhielt, fühlte sich nach eigener Aussage dennoch stolz, so vielen Menschen auf der ganzen Welt Freude gebracht zu haben.
Tetris für alle!
Quelle: PC Games
& Bei Game Type B starten wir wahlweise mit bereits gefüllten Zeilen, wer am höchsten Schwierigkeitsgrad besteht, bekommt eine kurze „Cutscene“ zu sehen.
Als die Game-Boy-Fassung 1989 erschien, waren die rechtlichen Probleme keineswegs ausgestanden, zahlreichen Firmen stritten sich um die Rechte und zu Beginn befanden sich tatsächlich auch zwei Unternehmen auf einmal im Gespräch wegen der Handheld-Fassung. Entwickelt wurde diese Umsetzung von Nintendo selbst, und die herausragende Relevanz dieser Version geht auf eine richtungsweisende Entscheidung zurück: Anstatt dem Game Boy Super Mario Land beizulegen, mit dem man vor allem, so die Annahme, Jungs und junge Männer erreicht hätte, würde man stattdessen Tetris mit ins Paket legen, ein Spiel, mit dem beide Geschlechter und absolut alle Altersklassen erreicht werden könnten. Die Idee ging auf, Der Game Boy wurde zum Verkaufssschlager und mit ihm das Puzzlespiel, welches nun in Millionen Haushalten weltweit eine neue Heimat fand.
Tetronimo iacta est
Quelle: PC Games
& Wer will, steigt gleich in einem der höheren der insgesamt neun Schwierigkeitsgrade ein, dann fallen die Blöcke in deutlich schnellerer Geschwindigkeit herab.
Dabei war das erste portable Tetris zwar inhaltsgleich mit den bisherigen Fassungen des Spiels, aber wohl definitiv nicht die technisch beste Umsetzung, Farbe wie auf manchen anderen Geräten etwa gab es nicht. Dass man nun jederzeit, überall und völlig unkompliziert dem süchtigmachenden Spielprinzip fröhnen konnte, war aber natürlich ein unschlagbares Argument. Und was macht man nun eigentlich in Tetris? Nun, im Kern ist's unfassbar simpel: Auf einem vertikal ausgerichteten Feld fallen nacheinander in zufälliger Reihenfolge unterschiedliche Tetrominos hinab. Entweder bilden sie ein Viereck, eine gerade Linie, eine Art Pyramide, ein L oder eine Treppe, wobei die letzten beiden Varianten in jeweils zwei gespiegelten Versionen herabfallen können. Mit dem Steuerkreuz bewegen wir die Tetrominos nach links und rechts, außerdem können wir sie auf Knopfdruck in oder gegen den Uhrzeigersinn drehen und sie schneller nach unten sausen lassen, sobald sie so ausgerichtet sind, dass sie dort landen, wo wir sie haben wollen. Unser Ziel: Den Highscore zu knacken, indem wir Linien bilden, die sich anschließend auflösen.
Quelle: PC Games
& Wenig überraschend stecken hinter den verschiedenen Musik-Typen unterschiedliche Lieder, der Game Type erlaubt leicht angepasste Spielvarianten.
Allerdings, wer vorbaut und anschließend gleich vier Reihen auf einmal vaporisiert, bekommt besonders viele Punkte, diesen Vorgang nennt man passenderweise einen Tetris. Nach und nach wird das Geschehen immer schneller, wo man am Anfang ausreichend Zeit hat, um seine Schritte zu planen, muss man irgendwann fast schon intuitiv agieren, um noch eine Chance zu haben. Einerseits Stress pur, weil es Multitasking erfordert, andererseits unabdingbar, wenn man effektiv spielen will, sehen wir auch jederzeit, welcher der nächste Stein seid wird, der gleich herunterfällt, und können entsprechend planen. Dieses Prinzip ist so schnell verstanden, dass es auch bei einem Neuling nicht länger als ein paar Sekunden benötigt, bis er weiß, was er zu tun hat.
Jedoch, wie bei den besten Puzzlern zeigen sich die unzähligen Finessen und Kniffe, um immer besser zu werden, erst im Laufe der Zeit. Wie baue ich am besten vor, um einen Tetris zu erhalten? Welche Steine lassen sich am besten miteinander kombinieren? Und ist es möglich, einen Tetromino an einer scheinbar unmöglichen Stelle abzulegen, wenn ich ihn im genau richtigen Moment drehe? Nicht ohne Grund sind Tetris-Weltrekordsversuche bis heute bei Veranstaltungen wie Awesome Games Done Quick gern gesehen. Einem Spieler, der ganz genau weiß, was er tut, dabei zuzusehen, wie er eigentlich menschenunmögliche Tetris-Runs absolviert, ist einfach absolut faszinierend. Und all das existiert nur, weil ein begabter Entwickler irgendwann mal eine tolle Idee hatte und seinen Kollegen eine Freude machen wollte!
Genau mein Type!
Quelle: PC Games
& Der Puls rast, immer höher stapeln sich die Blöcke – wer erfolgreich sein will, muss konzentriert spielen und schnell reagieren.
Was Tetris noch so besonders macht, ist, dass es einem sehr viel Individualisierungspielraum dabei bietet, wie man rangehen möchte. So kann man etwa von Anfang an die maximale Fallgeschwindigkeit aktivieren, was natürlich gerade für geübte Spieler ein tolles Feature ist. Sich jedes Mal durch quälend langsame Runden schlagen zu müssen, würde wohl schnell nerven. Zusätzlich stehen einem auch noch zwei verschiedene Spielvarianten zur Verfügung: A-Type, welches wir bis zu diesem Punkt besprochen haben, und B-Type. Auch hier können wir die Geschwindigkeit wählen, uns das Leben aber noch zusätzlich schwer machen. Die Option "Lines" lässt uns hier einstellen, dass mehere Zeilen bereits nach einem zufälligen Muster voller Aussparungen gefüllt sind, wodurch wir viel weniger Platz zum Agieren haben und nicht nur gut spielen müssen, sondern auch noch die Block-Bescherung unter uns möglichst schnell und effektiv auflösen. Auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad gibt es im B-Type übrigens für all diejenigen, welche bestehen, eine Art rudimentäre End-Cutscene zu sehen, in der eine Rakete abhebt. Eine nette kleine Belohnung! Übrigens beinhaltet die Game-Boy-Variante von Tetris einen Spielmodus, über welchen nicht alle davor erhältlichen Versionen des Spiels verfügten: einen Multiplayer!
Quelle: PC Games
Der Frust, wenn man versagt hat und die grauen, über das Feld wandernden Blöcke einem das Game Over anzeigen, ist groß, trotzdem will man sofort wieder ran
Dafür braucht's zwar ganz schön viel Peripherie, neben zwei Game Boys und zwei Modulen des Titels auch noch ein Linkkabel. Dann aber kann man sich mit einem Freund messen und gucken, wer im wahrsten Sinne des Wortes der bessere Hochstapler ist. Prinzipiell spielen wir hierbei ganz normal unsere Runden, lösen wir jedoch zwei oder drei Reihen auf einmal auf oder es gelingt uns gar ein Tetris, dann wandern entsprechend viele unvollständige Reihen aufs Feld unseres Widersachers. Also muss man gleichzeitig schnell sein, um vor dem Gegner Hindernisse legen zu können, aber auch sehr präzise und bedacht spielen, um überhaupt die Gelegenheit dazu zu bekommen. Ein spannender Spagat, der für nervenzerfetzende Gefechte sorgt und im Kampf gegen 98 Widersacher auf einmal vor nicht allzu langer Zeit auf der Switch an die Spitze getrieben wurde. Und auch hier gilt wieder: Im Kern ist das Spielprinzip von anno dazumal bis heute unverändert - beeindruckend!
Ein Lied, das Geschichte schrieb
Quelle: PC Games
Wir präsentieren: den vielleicht ikonischsten Titelbildschirm aller Zeiten. Kaum zu glauben, wie viel Videospielgeschichte sich hinter ein paar Pixeln verbergen kann.
Zu guter Letzt noch ein paar Worte zur Musik. Hier hat man die Wahl zwischen drei verschiedenen Stücken, es hat aber natürlich einen Grund, warum wir diesen Artikel mit der holprigen Verschriftlichung nur eines der Stücke begonnen haben: Die anderen beiden Stücke konnten sich neben diesem vielleicht ikonischsten aller Videospiele-Lieder niemals behaupten, Tetris ist fest mit dem Lied A-Type verbunden. B-Type ist die einzige rein für das Spiel angefertigte Komposition, C-Type basiert auf der Französischen Suite Nr. 3 in B-Minor von Johann Sebastian Bach. Bei A-Type schließlich handelt es sich in der Ursprungsfassung um ein russisches Volkslied namens Korobeinki, welches erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts in Erscheinung trat eben dank des Puzzlers über die ganze Welt hinweg Berühmtheit erlangte.
Ein unsterblicher Klassiker
Viele Worte, schlussendlich ist aber nur eines wichtig: Tetris ist Kult und seine komplizierte Entstehungsgeschichte voller rechtlicher Probleme macht es nur noch interessanter. Auch nach dem Game-Boy-Teil wechselte die Lizenz noch öfters ihren Besitzer, es gab mal mehr, mal weniger gelungene Umsetzungen des Klassikers. Aber sogar der schlechtesten Version gelang es nicht, dem ebenso simplen wie genialen Spielprinzip vollends seinen Geist zu rauben. Wir sind schon gespannt, wie es mit Tetris weitergehen wird, wissen aber ganz genau: Egal, was noch passieren wird, zu Game Boy samt Tetris-Modul werden wir auch in vielen Jahren noch immer wieder gerne zurückkehren.
