Terranigma: 25 Jahre Liebe für den Planeten

Special Dominik Pache
Terranigma: 25 Jahre Liebe für den Planeten
Quelle: Quintet

Terranigma feiert am 19. Dezember 2021 seinen 25-jährigen Geburtstag seines Europa-Releases. Wir blicken in unserem Retro-Special auf die Geschichte des Spiels zurück, klären warum das Spiel nicht in den USA veröffentlicht wurde und zeigen wie sich die Übersetzung auf das Spielgefühl auswirkt.


Leben, Tod, Wiedergeburt, Liebe und Hass: Terranigma vereint, trotz seiner kindlichen Optik, extrem erwachsene Themen in einer wortwörtlich biblischen Geschichte. Von der Erschaffung der Welt bis zu ihrem vermeintlichen Untergang, den ersten Tieren und Pflanzen bis zum Aufstieg großer Zivilisationen und der Erfindung technischer Errungenschaften: Das Spiel erzählt die Geschichte der Erde und weckt eine tiefe Verbundenheit zu unserem Planeten.

Dabei lässt sich Terranigma keinem bestimmten Genre zuordnen. Ist es nun ein Action-Adventure oder ein Rollenspiel? Sogar Elemente von Aufbauspielen sind darin zu finden. Wir nehmen euch in unserem Retro-Special mit auf eine Reise durch die Zeit, auf der Basis eines mittlerweile ein viertel Jahrhundert alten Super-Nintendo-Klassikers.

Warum ist Terranigma Europa exklusiv?

Das Entwicklerstudio Quintet war in den 90ern für die ActRaiser-Serie bekannt, die 2021 mit ActRaiser Renaissance seine Auferstehung feierte. Vor allem aber blieb das Studio für die legendäre und eigentlich nur inoffizielle Soul-Blazer-Trilogie im Gedächtnis. Soul Blazer, Illusion of Time und schließlich Terranigma haben mit der Erschaffung der Erde zwar dasselbe Thema gemein, sonst aber nichts miteinander zu tun.

Die Entwickler bei Quintet haben es sich nicht nehmen lassen, ihr Büro im Spiel zu verewigen. Inklusive aller Abteilungen und man kann mit den Mitarbeitern sprechen. Quelle: PC Games Die Entwickler bei Quintet haben es sich nicht nehmen lassen, ihr Büro im Spiel zu verewigen. Inklusive aller Abteilungen und man kann mit den Mitarbeitern sprechen. Die Krone der Schöpfung dieser Trilogie ist das von vielen Spielern heißgeliebte Terranigma. Die Entwickler quetschten aus dem 1996 schon recht betagten SNES noch das letzte Quäntchen Leistung heraus und erschufen ein Meisterwerk, das außerhalb Japans tatsächlich nur in Europa erschien. Sonst wurde in Sachen japanischer Rollenspiele immer den Amis der Vorzug gegeben. Spiele wie Final Fantasy VI oder Chrono Trigger mussten in der Vergangenheit erst einmal in importierter Form über den großen Teich wandern, wo sie europäische Spielerherzen höherschlagen ließen.

Warum also diese Europa-Exklusivität von Terranigma? In den beiden vorherigen Spielen der Soul-Blazer-Reihe schwang man in den USA ordentlich mit der Zensurkeule. Die Thematik war den amerikanischen Sittenwächtern zu nah an der biblischen Genesis. Deshalb wurden Soul Blazer und Illusion of Time in den Vereinigten Staaten nur geschnitten veröffentlicht. Verhinderten die USA also selbst den Release von Terranigma auf dem heimischen Markt? Nein. Der Grund war um einiges weltlicher. Das amerikanische Büro von Publisher Enix schloss einfach kurz vor Release seine Pforten. Den Vertrieb der PAL-Version von Terranigma übernahm dafür - wie bei vielen anderen europäischen Portierungen - Nintendo selbst.
Cover des neuaufgenommenen Orchester-Soundtracks 'Return of Ark' (Japan-exklusiv) Quelle: Miyoko / Masanori Cover des neuaufgenommenen Orchester-Soundtracks "Return of Ark" (Japan-exklusiv)

Im Anfang - Die Schöpfung nach Ark

Mit der Behauptung, das Spiel würde die biblische Schöpfung der Welt in verzerrter Form darstellen, lag die amerikanische Zensur aber gar nicht mal so falsch. Ob das aber so schlimm ist? Der Held von Terranigma heißt Ark und hat sein Leben bisher in der Unterwelt verbracht. Nach einem kleinen Unfall mit einer versiegelten Kiste wird er vom Ältesten der Siedlung aufgefordert, das Dorf samt Freundin Melina zu verlassen. Arks In der Unterwelt rollt der Planet über Ark hinweg. Quelle: PC Games In der Unterwelt rollt der Planet über Ark hinweg. Aufgabe ist quasi, Gott zu werden und in fünf Türmen die entsprechenden Kontinente der Erde aus den Tiefen des Meeres wieder aufsteigen zu lassen. Wird einer dieser Türme also abgeschlossen gibt's eine Belohnung, die eine Wonne für die 16-bit-vertrauten Augen ist. In topographisch zu den Landmassen passenden und für die damalige Zeit ziemlich realistischen Zwischensequenzen wird der erste Teil der Schöpfungsgeschichte spektakulär inszeniert.

Auf der Weltkarte, die Ark zwischen den Türmen bereist, bekommt man tatsächlich das Gefühl, sich in der Unterwelt zu befinden. Bewegt sich die Spielfigur, rollt über ihrem Kopf die Oberwelt hinweg. Ein für damalige Verhältnisse wirklich netter Effekt, besonders da wir nach der Einführung lange Zeit nicht mehr an diesen Ort zurückkehren werden und die Entwickler sich den Aufwand allein für die erste Stunde des Spiels gemacht haben. Für erkundungslustige Spieler gibt es sogar noch zwei vollkommen optionale Türme, die auf der Unterweltkarte versteckt sind. Schließt man die kurzen Rätsel dort ab, darf man sich später auf den beiden Inseln, die dadurch erscheinen, eine ziemlich starke Waffe abholen und ein, naja, sagen wir mal, "Macho-Hotel" besuchen.

Wer die Bibel gelesen hat, weiß aber, dass da noch was fehlt. Auf der Oberwelt angekommen, muss Ark sich zunächst um die Begrünung der Welt kümmern. Noch ist der Planet eine graue und giftige Einöde. Nach den übersichtlichen Türmen in der Unterwelt öffnen sich nun Gameplay Die Hadeshexe bleibt bei vielen Spielern als erster Plotstopper-Boss in Erinnerung. Entgegen der Aussagen im Spieleberater ist sie aber auch ohne Grind in ca. 5 Minuten besiegt. Quelle: PC Games Die Hadeshexe bleibt bei vielen Spielern als erster Plotstopper-Boss in Erinnerung. Entgegen der Aussagen im Spieleberater ist sie aber auch ohne Grind in ca. 5 Minuten besiegt. und Umgebung. Am Ende des ersten großen Dungeon lauert ein ausgewachsener Bosskampf. Typisches lineares Action-Adventure-Gameplay eben. Ist die erste größere Aufgabe geschafft, erblüht die Landschaft und Ark bekommt seine ersten Gesprächspartner: die Blumen. Ja, Ark kann mit Pflanzen sprechen und erhält von ihnen wertvolle Tipps und Gegenstände. Viel bessere Gesprächspartner sind aber natürlich Tiere, denn was hat eine festgewachsene Blume schon von der Welt gesehen? So ein Vogel hat schon deutlich bessere Geschichten auf Lager und ist offensichtlich auch ziemlich stark. Per gefiedertem Flugtaxi kann Ark nun Schnellreisen.

Die lineare Erzählweise in Dungeons und Oberwelt erstreckt sich über das komplette zweite Kapitel, wobei teils tragische Geschichten aus der Tierwelt immer wieder eingestreut werden. Die von einer Lawine in einer Höhle verschüttete Ziege, deren einzige Chance zu überleben es ist, ihren toten Freund zu verspeisen, ist für ein Spiel mit kindlichem Look schon harter Tobak. Doch es gibt auch erfreuliche Zusammentreffen, wie mit dem jungen Löwen Liam. Ihm müssen wir bei einer Prüfung helfen, damit er für seinen künftigen Job als König der Löwen gewappnet ist.

Ark kann aber nicht im Stil des Dschungelbuchs ewig unter den Tieren leben. Ein bisschen menschliche Interaktion tut schließlich jedem gut. Nach einem nervenaufreibendem Bosskampf mit dem Morphdämon spendiert uns das Spiel eine mal so gar nicht biblische Zwischensequenz. Wir sehen, wie sich Tiere zu Menschen weiterentwickeln. Ob das vielleicht doch der wahre Grund der Amerikaner war, das Spiel nicht zu veröffentlichen?

Original Artwork Quelle: Quintet Original Artwork

Seiner Zeit voraus

Mit dem Erscheinen der Menschen wandelt sich die komplette Spielwelt. Städte und Nomaden bevölkern nun die Erde, und sie haben jede Menge Aufgaben für Ark. Die meisten Leute sind zwar bloße Staffage, aber jeder hat etwas zu sagen und nicht gerade Wenige entwickeln sich zu wichtigen Charakteren auf unserer Reise. Ein ganz bestimmtes Mädchen, das Arks Freundin aus seinem Heimatdorf in der Unterwelt wie aus Mit dem Erscheinen der Menschen öffnet sich die Spielwelt komplett. Terranigma ist jetzt ein Open-World-Game. Quelle: PC Games Mit dem Erscheinen der Menschen öffnet sich die Spielwelt komplett. Terranigma ist jetzt ein Open-World-Game. dem Gesicht geschnitten ist, wird noch eine ganz spezielle Rolle spielen. Eine kleine Nervensäge namens Mei-Lin, die den zu Zombies mutierten Bewohnern eines Dorfes mit Hilfe von Illusionen vorgaukelt, sie seien noch am Leben, möchte gerne mit Ark anbandeln.

Im Großen und Ganzen also eine ausgewachsene Vierecksbeziehung zwischen Ark, der Unterwelt-Melina, der Oberwelt-Melina und auch ein bisschen Mei-Lin. Ein Haufen ganz neue Probleme also für den göttlichen Helden. Wäre er doch nur mal bei den Tieren und Pflanzen geblieben! Mit denen kann Ark leider nicht mehr sprechen, seitdem die Menschen aufgetaucht sind. Doch sie erkennen ihn, und der eine oder andere alte Bekannte wird ihm noch auf seiner Reise helfen.

Von etwas ganz anderem als dem Tiergeflüster verabschiedet sich das Spiel im dritten Kapitel aber ebenso: der Linearität. Kurz nachdem die Menschheit ihrer Wiege entspringt, wird Terranigma zum Open-World-Action-Adventure. In der heutigen Zeit liegt das Spiel somit voll im Trend. Auch einige Features von Aufbauspielen haben ihren Weg ins Gameplay gefunden. Erledigen wir nämlich bestimmte Quests für Einwohner der Städte Loire, Ahola, Liberita, Seeheim und Goldküste, entwickeln diese sich weiter. Dann haben die Händler neue Waren im Angebot, die Optik der anfangs kleinen Dörfer wandelt sich extrem und manche wachsen sogar um Stadtteile oder bieten neue Das ist doch! Die Prinzessin Loires ist Arks Freundin aus der Unterwelt wie aus dem Gesicht geschnitten. Quelle: PC Games Das ist doch! Die Prinzessin Loires ist Arks Freundin aus der Unterwelt wie aus dem Gesicht geschnitten. Spielelemente.

Für den Ausbau der Städte wird bei vielen Spielern wohl die meiste Zeit draufgegangen sein. Arks neuer Job als Entwicklungshilfeminister lohnt sich aber. So taucht man tief in die Spielwelt ein und erkennt, dass nicht nur die Städte Vorbilder in der echten Welt besitzen, sondern auch deren Einwohner auf realen Persönlichkeiten basieren. Im an New York angelehnten Liberita trifft Ark zum Beispiel auf John und Sam. John betreibt Experimente mit elektrischem Strom und Sam hat ein Gerät erfunden, mit dem man sich über weite Distanzen unterhalten kann. Die offensichtlichen Vorbilder der beiden sind natürlich Thomas Edison und Alexander Graham Bell. In der englischen Version des Spiels wird das noch klarer, denn dort heißen die beiden nicht John und Sam, sondern Eddie und Bell.

Sperrt eure Töchter ein - Hier kommt Moyse!

Warum die deutsche Lokalisierung so stark von der englischen abweicht, liegt am deutschen Übersetzer des Spiels: Claude Moyse. Der ehemalige Chefredakteur des Club-Nintendo-Magazins drückte in den 90ern so manchem Spiel seinen verbalen Stempel auf. Am bekanntesten ist dabei wahrscheinlich die allgegenwärtige Begrüßung "Hollerö", die nicht nur in Terranigma vorkommt. Das kann man jetzt sehen wie man will, aber die freiere Auslegung des Scripts verlieh den Spielen einen ganz eigenen Charme.

Die so aber verloren gegangenen Anspielungen und ein paar schlichte Nachlässigkeitsfehler sind dagegen schon kritischer zu beurteilen. Neben John und Sam bekam zum Beispiel auch die stärkste Waffe im Spiel einen neuen Namen. Die Terralanze bildet zusammen mit der Enigmarüstung den Titel von Terranigma. Jedoch heißt sie im deutschen Elfenbeinlanze. Komischerweise wird sie beim ersten Aufheben noch Tanz vs. Massage - Was sich hier der Übersetzer wohl gedacht hat? Quelle: PC Games Tanz vs. Massage - Was sich hier der Übersetzer wohl gedacht hat? richtig betitelt. Hier wusste Moyse wohl nicht mehr, was er schon umbenannt hat und was nicht.

Ein Easteregg kann man durch die Übersetzung sogar komplett verpassen. Ein Nomadenmädchen fragt im Original, ob Ark sie massieren könnte. Das erledigt man, indem Ark permanent gegen ihren Rücken rennt. Im Spiel sieht das durch die Animation tatsächlich ein wenig nach einer Massage aus. Das Mädchen bedankt sich anschließend bei Ark. In der deutschen Version ist sie jedoch eine Tänzerin und verrät, dass Ark noch viel zu jung für ihre Tänze sei. Schade. Auch die Untoten im von Mei-Lin verhexten Dorf sprechen von einem Typen, der Jagd auf Zombies macht. Dabei wissen die Einwohner durch die Illusion doch eigentlich gar nicht, dass sie nicht mehr am Leben sind!

Was Moyse aber am Ende für uns persönlich doch wieder ein wenig rehabilitiert, ist ein kleiner optionaler Dialog, der sich im Städtchen Liotto finden lässt. Ein kleiner Junge in der an Rio de Janeiro angelehnten Ortschaft ist nämlich ein riesiger Fußballfan. Wenn wir ihn nun drei Mal ansprechen und Ark sich zu seiner Schande als Bayern-Fan outet, verrät uns der Kleine, dass sein Lieblingsverein der FC St. Pauli ist. Guter Junge!

Tod und Wiedergeburt?

Abgesehen von ein paar Übersetzungs-Fauxpas und der ein oder anderen Passage, in der einen das Spiel zum Grind zwingt, um überhaupt gegen gewisse Bosse Land zu sehen, bleibt uns Terranigma als ein nahezu perfektes Spiel in Erinnerung. Auch das Finale, der Abspann und eine bittersüße Szene danach werden wir wohl nie vergessen. Terranigma ist ein Spiel, in dessen Genuss nur wenige gekommen sind. Neben dem Fernbleiben auf dem extrem wichtigen Markt in den USA und der dadurch mangelnden medialen Beachtung wurde Terranigma bis heute auf keine weitere Plattform neben dem Super Nintendo portiert. Warum das so ist, konnte uns auf Nachfrage niemand bei Square Enix sagen. Wird Terranigma also für immer nur ein - wenn auch leuchtendes Kapitel - in der Bibel der Videospielgeschichte bleiben?
Ein japanischer Fan startete eine Petition zur Wiederbelebung von Terranigma, zusammen mit dem ursprünglichen Character Designer und der Komponistin. Quelle: change.org Ein japanischer Fan startete eine Petition zur Wiederbelebung von Terranigma, zusammen mit dem ursprünglichen Character Designer und der Komponistin.
Vielleicht nicht! In Japan gibt es nämlich immer noch Fans des Spiels, und so startete dort ein Terranigma-Liebhaber gemeinsam mit dem Character Designer und der Komponistin von damals eine Petition zur Wiederauferstehung des Spiels. Ob Ark uns in Form einer Portierung, oder gar eines Remakes bald wieder auf Erden besuchen wird, steht jedoch in den Sternen.

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