Star Wars Galaxies: Requiem zum 10. Todestag - Matthias erinnert sich an die letzten Stunden
Special
Der 15. Dezember 2011 wird für PC-Games-Redakteur Matthias Dammes immer mit der traurigen Erinnerung an das Ende von Star Wars: Galaxies verbunden bleiben. Nun, da sich dieser Tag zum zehnten Mal jährt, erinnert er sich, was er in den letzten Stunden seines Lieblings-Online-Rollenspiels erlebt hat.
Es geschah am 15. Dezember vor genau zehn Jahren. Ich war gerade erst seit gut einem Monat Praktikant hier im Verlag. Doch an jenem Abend, in jener Nacht galten meine Gedanken nicht dem nächsten Arbeitstag und der Aufgaben, die mich dort erwarten würden. Es war ein Tag, um Abschied zu nehmen von acht Jahren der eigenen Gamer-Geschichte. Es war der Tag, an dem die Server von Star Wars: Galaxies für immer abgeschaltet wurden. Der genaue Zeitpunkt der Abschaltung lag bei uns aufgrund der Zeitverschiebung am frühen Morgen des nächsten Tags um 6 Uhr. Doch an schlafen, war in jener Nacht kaum zu denken.
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Sandkasten-Freundschaften
Nun gehört es zum normalen Lauf der Dinge, dass ausgediente Onlinespiele, wenn sie wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll zu betreiben sind, abgeschaltet werden. An Star Wars: Galaxies hing jedoch bis zuletzt mein Herz und sein unausweichliches Ende, war kein Ereignis, das einfach spurlos an mir vorüberziehen würde. Mit Begeisterung hatte ich seit Oktober 2003 viele Jahre in der weit entfernten Galaxie verbracht. Noch heute bezeichne ich das Spiel als das beste Online-Rollenspiel, das je gemacht wurde und dazu stehe ich. Star Wars: Galaxies war ein galaktischer Sandkasten, wie man ihn sich als Star-Wars-Fan nur wünschen konnte.
Quelle: buffed
Rancoren und andere gefährliche Biester waren in der Anfangszeit des Spiels große Herausforderungen. Meist schlossen wir uns Montags zu gemeinsamen Jagdausflügen nach Dathomir zusammen.
Hier gab es keine vom Spiel erzählten epischen Geschichten, keine Myriaden von Quests, kein Überfluss an täglichen Events und Aktivitäten. Hier wurde dem Spieler das Star-Wars-Universum als Kulisse hingestellt, mit dem er anstellen konnte, was er wollte. Das Spiel hat sich über die Jahre häufig stark verändert. Meist nicht zum guten, weil die Entwickler versuchten Konzepte erfolgreicher Konkurrenten wie World of Warcraft auf SWG zu übertragen. Aber der starke Fokus auf Player Agency suchte bis zum Schluss und im Grunde bis heute seinesgleichen. Wir haben uns in Star Wars: Galaxies (jetzt kaufen 17,98 € ) unsere eigene Welt aufgebaut und die epischen Geschichten sind aus dem Zusammenspiel miteinander entstanden. Manche von ganz allein, zum Beispiel, wenn sich der Server mal wieder montags zum Jagen auf dem gefährlichen Planeten Dathomir traf. Andere Geschichten entsprangen der kreativen Gestaltungskraft der Rollenspieler, die oft so hervorragend organisierte Events und Handlungsbögen auf die Beine stellten, dass sie sogar Rollenspiel-Muffel wie mich angezogen und zur Teilnahme animiert haben.
Ich habe dabei auch Freunde fürs Leben getroffen. Mit einigen von ihnen treffen wir uns noch heute einmal im Jahr zum fröhlichen Zusammensein. Auch wenn wir schon länger keine Spiele mehr zusammen spielen. In Star Wars: Galaxies waren wir eine eingeschworene Gemeinschaft. Wir haben eine Gilde gegründet, inklusive eigener Hintergrundgeschichte, Kommandostruktur, RP-Rollenverteilungen und allem was dazu gehört. Wir haben unsere eigene Stadt errichtet und uns sogar einen gewissen Namen auf dem Server gemacht. Ich betrieb in unserer Stadt einen Laden, in dem ich diverse Handwerks-Erzeugnisse verkaufte. Passend dazu baute ich in der ganzen Galaxie meine Rohstoffproduktion auf. Mein Hauptcharakter machte sich auf die beschwerliche Reise, den Pfad zur Macht zu finden. Das war noch lange bevor, der Jedi als einfache wählbare Klasse ins Spiel integriert wurde. Später machte ich mit einem anderen Charakter Karriere als Jägerpilot in der imperialen Navy. Irgendwann eröffnete ich dann ein kleines Museum, in dem ich all die Artefakte und besonderen Gegenstände zur Schau stellte, die sich im Verlauf der Jahre bei meinen Abenteuern angesammelt hatten. Egal, welchen Weg ich gerade verfolgte, ich fühlte mich stets wohl in der Star-Wars-Existenz, die ich für mich aufgebaut hatte. All das sollte nach etwas mehr als acht Jahren nun also endgültig vorbei sein.
Quelle: PC Games
Der Hauptraum meines kleinen Museums, in dem ich Artefakte meiner Abenteuer ausgestellt habe. Vorne rechts auf dem kleinen Tisch zum Beispiel Kristalle, Holocrons und Fragmente von meiner beschwerlichen Reise zur Macht-Sensitivität.
Party mit Jabba
Das Ende kam allerdings nicht plötzlich. Es war ein schleichender Prozess. Immer mehr Leute aus unserer Gemeinschaft hörten im Verlauf der Jahre auf zu spielen. Auch bei mir wurden die Pausen zwischen aktiven Spielphasen in den letzten 2-3 Jahren immer länger. So richtig loslassen konnte ich aber bis zum Schluss nie. So bestand für mich auch gar kein Zweifel daran, das Ende von SWG live auf dem Server zu begleiten. Einiges von dem Abend habe ich auch aufgezeichnet. Daher besitze ich bis heute gut eine Stunde Videomaterial aus den letzten Stunden von Star Wars: Galaxies. Vermutlich die am sorgsamsten gehütete Videodatei, die ich je besessen habe. Immerhin schaue ich sie mir immer mal wieder an, um wehmütig in Erinnerungen zu schwelgen.
Quelle: PC Games
Bib Fortuna war zum Abschied zu Späßen aufgelegt und verwandelte uns auf Wunsch in verschiedenste NPCs. So stapfte ich eine weile als kleiner grüner Yoda durch die Wüste.
Die unweigerlich letzte Nacht begann für uns gegen halb zehn am Abend des 15. Dezember. Eine Reihe der verbliebenen Spieler der deutschen Community auf unserem Server versammelte sich in unserer Stadt Atralis. Treffpunkt war das Velvet Moon, eine Taverne, die von der mit unserer Gilde befreundeten Entertainer-Gruppe der Moonlights betrieben wurde. Bei Musik und Drinks stimmten wir uns auf den Abend ein - und bufften unsere Charaktere für ein letztes Abenteuer in den Weiten der Galaxie. Die Entwickler hatten zum Abschied ein paar Events vorbereitet, die wir uns in den letzten Stunden zu Gemüte führen wollten.
Erstes Ziel war Tatooine, wo wir uns mit einer Luxusjacht auf den Weg zu Jabbas Palast begaben. Am Rand des Schlunds des großen Sarlacc hatte der Hutte ein kleines Festival aufgebaut. Hier konnte man sich zum Beispiel mit dem übermächtigen Boba Fett anlegen. Der Kopfgeldjäger war mit Stufe 150 gleich mal 60 Level stärker als jeder Spieler und machte mit einzelnen Angreifern kurzen Prozess. Wesentlich lustiger waren die angebotenen Services von Bib Fortuna. Bei ihm konnte man sich in verschiedene Figuren verwandeln und die eigene Größe verändern lassen. Meine Leidensgenossen und ich hatten eine Weile sichtlich Spaß mit den verschiedenen Verkleidungen.
Gamemaster und Großangriffe
Nach einem kurzen Abstecher nach Endor, wo sich einige von uns in einem PvP-Gebiet mitten im Wald mit freundschaftlichem Kräftemessen vergnügten, kamen wir schließlich in Coronet zusammen. Vor dem Sternenhafen der Hauptstadt von Corellia verlagerte sich die Abschiedsparty auf die Straße. Unter anderem auch, weil hier Gerüchten zufolge eines der größeren Events zum Spielfinale stattfinden sollte. Es war sogar ein Gamemaster zugegen. Jene mysteriösen, allmächtigen Helfer, die eigentlich nur auftauchen, wenn man ein Problem hatte, das das Eingreifen eines Spieladmins nötig machte. Seinerzeit habe ich gar nicht so darüber nachgedacht, aber diese letzte Nacht wird auch für die GMs nicht leicht gewesen sein. Für uns Spieler schlossen die Server eines geliebten Spiels, aber für diese Mitarbeiter bedeutete dies das Ende eines Arbeitsplatzes.
Quelle: PC Games
Gamemaster-Chrol mischte sich unter die Spieler und sorgte mit seinen allmächtigen Fähigkeiten für ein wenig Aufheiterung.
Immerhin konnte der GM zum Abschied seine Kräfte zur Unterhaltung der anwesenden Spieler einsetzen. So übertrug er zum Beispiel die Machtgeist-Fähigkeit meines Jedi auf alle anderen Spieler und ließ seltene Gegenstände sowie NPCs spawnen. Außerdem durchforstete er die Log-Dateien unserer Charaktere, um uns die Berufe zu nennen, die wir in der Anfangszeit des Spiels zur Meisterschaft haben bringen müssen, um den Pfad zur Macht freizuschalten. Das führte unmittelbar zu zahlreichen Wortmeldungen über die guten alten Zeiten. Als unsere kleine Straßenparty gerade gemütlich zu werden schien und die Musikinstrumente ausgepackt wurden, begann das erwartete Event.
Das Imperium war gekommen, um die von Rebellen kontrollierte Stadt zu erobern. Mit Lambda-Shuttles wurden Sturmtruppen und andere Einheiten abgesetzt. Die Rebellen versuchten mit Geschütztürmen und Spezialtruppen die Stadt zu verteidigen. Über der Stadt hatte sich ein gewaltiger Sternenzerstörer platziert, um die Luftwege abzuschneiden. Ich entschied mich ebenfalls mich in meinem Jäger in die Lüfte zu schwinden und den Angriff zu unterstützen. Mangels rebellischer Luftabwehr konnte ich mich auch recht entspannt dem Zerlegen von Geschütztürmen widmen. Zu einer wirklich epischen Sache entwickelte sich das Event aber leider nicht. Es stand vielmehr als eine traurige Erinnerung im Raum. Eine Erinnerung an die guten alten Zeiten, als bei solchen Ereignissen sich noch hunderte und tausende Spieler versammelt hatten, um der Galaxie ein neues episches Kapitel hinzuzufügen.
Eine letzte Ehrenrunde
Es wurde inzwischen 1 Uhr nachts, noch fünf Stunden bis zum finalen Shutdown. Unsere Festivitätengruppe zerstreute sich allmählich etwas, weil jeder noch einigen persönlichen Dingen nachging, die es ein letztes Mal zu erleben galt. Ich besuchte noch einmal ein paar Orte, die für meine Zeit in Star Wars: Galaxies besondere Bedeutung hatten. So zum Beispiel die Grassebenen vor Naboos Hauptstadt Theed, wo ich acht Jahre zuvor als kompletter Noob versucht habe in der Galaxie Fuß zu fassen. Wo sich ein freundlicher Amerikaner Zeit nahm, um mir die wichtigsten Dinge des Spiels zu erklären. Wo ich die ersten Leute kennenlernte, aus denen später unsere Gilde und Freundeskreis entstehen sollte. Ich reiste auch noch einmal auf Tatooines Mond Lok, wo wir vor vielen Jahren unsere erste eigene Stadt errichteten. Ein paar verlassene Häuser zeugten noch immer davon, obwohl wir unsere Stadt schon vor langer Zeit nach Talus hatten umziehen lassen.
Nach einigen weiteren Abschiedsbesuchen zog ich mich schließlich an das Ufer eines Sees auf Naboo zurück. Hier wollte ich die letzten Stunden meditierend verbringen. Mit anderen Worten, ich machte ein kurzes Nickerchen, um am nächsten Arbeitstag nicht völlig zerstört zu sein. Allerdings wollte ich natürlich den allerletzten Moment von Star Wars: Galaxies nicht verschlafen. Also stand ich um 5 Uhr 30 wieder auf der Matte. Ich machte mich auf den Weg nach Tatooine, denn die verbliebene Spielergemeinde hatte sich dort inzwischen in einer Cantina versammelt, um bei Musik, Tanz und Alkohol in den Untergang zu feiern. Es war eine merkwürdige Stimmung. Auf der einen Seite fröhliche Klänge von der Band, klatschende und jubelnde Gäste. Auf der anderen Seite sah man immer häufiger Gesten des Abschieds. Leute umarmten sich, verdrückten Tränen und bekundeten sich das gegenseitige Vermissen.
Quelle: PC Games
Tanzen bis in den Untergang. Auf diesem Bild ist der Shutdown keine zwei Minuten mehr entfernt. Dankbarkeit und Wehmut erfüllten den Raum.
The Final Countdown
Spätestens 15 Minuten vor sechs wurde das nahende Ende bittere Realität. "The Server will be shutting down soon. Please find a safe place to logout." Es war die gleiche Mitteilung, wie wir sie über die Jahre so häufig vor jedem Server-Shutdown gelesen hatten. So eine unschuldige kleine Warnung, die so tut, als wäre alles wie immer, als würde es noch eine Rolle spielen, ob man sicher ausloggt oder nicht. Doch diesmal sollte es kein Zurück geben. Uns blieb nicht viel anderes übrig als letzte Worte des Abschieds auszutauschen und der bis zum bitteren Ende spielenden Band zu lauschen. Goodbye, Farewell, es war eine Ehre mit euch. May the force be with us. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass mich diese letzten Minuten nicht emotional berührt haben.
Es geschah am 16. Dezember um 6 Uhr und 42 Sekunden als mein Client die letzte Nachricht im Chat empfing und auf dem Bildschirm die Einblendung "Connection to SWG lost!" auftauchte. Das war es also. Star Wars: Galaxies ist für immer Geschichte. Es vergingen noch einige Sekunden, bis mich der Client aus dem Spiel zurück in die Charakterauswahl schmiss. In Verweigerung der Realität klickte ich noch einmal auf Login. "You cannot connect to that Galaxy at this time. The connection server is unavailable. Please try again later." Das Spiel schien mich zu verspotten. Denn ein "later" würde es nicht mehr geben. Schwermütig blieb mir nichts Anderes übrig als auf "Exit" zu klicken - ein allerletztes Mal.
Es schmerzt noch immer - auch zehn Jahre später. Nie wieder sollte ich ein Spielerlebnis haben, wie in diesem Spiel. Ruhe in Frieden, Star Wars: Galaxies.
