Star Trek 5 The Final Frontier: William Shatners Pechsträhne am Rande des Universums
Special
Teil 6 der Star-Trek-Retrospektive von Sebastian Göttling begibt sich in Flop-Gefilde: Blickt gemeinsam mit ihm zurück auf Star Trek 5: The Final Frontier!
Nach diesen zwei Fehlstarts haute sich William Shatner erst einmal frustriert vor die Glotze, und was er dort sah, erstaunte, entsetzte und inspirierte ihn. Jim und Tammy Faye Bakker, ihres Zeichens TV-Prediger einer der US-Mega-Churches, standen im Fernsehen auf einer Bühne, inszenierten sich dort als persönliche Abgesandte Gottes und machten damit ordentlichen Reibach. Shatner war komplett fasziniert davon, dass solche, wie er sie nannte, "vulgären Leute" mit dieser Masche Millionen scheffeln konnten. Daraufhin ließ er sich die Geschichte eines verschlagenen Wanderpredigers einfallen, dem unter anderem die Enterprise-Crew auf den Leim geht. Erstaunlicherweise kam Shatner mit dieser Idee durch. Warum erstaunlicherweise? Nun, einer der Verantwortlichen bei Paramount, Frank Mancuso jr., war selbst überzeugter freikirchlicher Christ, er gab für diese potenziell blasphemische Geschichte aber trotzdem sein Go.
Die Geschichte war zu dem Zeitpunkt jedoch noch äußerst vage gehalten, ging nicht weit über die Grundidee hinaus. Deshalb brauchte es noch einen Autor, der wusste, was er tat. Wie so oft klopfte man an der Tür des Nicholas Meyer, der schon für die Storys der erfolgreichen Filme 2 und 4 verantwortlich gezeichnet hatte. Doch bei dieser Televangelisten-Idee winkte er ab.
Eine Zusage bekam Shatner vom aufstrebenden Jungautor David Loughery, der zuvor 1984 den Film "Dreamscape - Höllische Träume" geschrieben hatte. Doch Shatners Pechsträhne, die noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht haben sollte, schlug direkt wieder zu in Form des 1988er-Hollywood-Autorenstreiks.
Das war genau ein solcher Streik, wie er sich 2023 wieder zuträgt. Wer auch immer in Hollywood für Film oder Fernsehen schreiben möchte, muss zwingend der Gewerkschaft WGA (Writers' Guild of America) beitreten - und wenn die zum Streik aufrufen, versiegt in der Filmfabrik die Geschichtenquelle komplett.
Für Loughery war an Arbeit vorerst nicht mehr zu denken. Nach langer Schreibpause ging es im Spätsommer 1988 endlich weiter, nur leider war William Shatner zu dem Zeitpunkt gerade im Himalaja unterwegs und konnte nicht aktiv am kreativen Schaffensprozess teilnehmen. Nach seiner Heimkehr hatte er einige Änderungswünsche, die daraufhin äußerst hektisch umgesetzt werden mussten, denn viel Zeit blieb nicht mehr.
Kurz die Handlung des Films. Unser Lieblingsvulkanier Spock hat einen geheim gehaltenen Halbbruder namens Sybok, der empörender Weise Emotionen auslebt, einen Rauschebart und wallendes Haar hat und auf einem gottverlassenen Westernplaneten Botschafterinnen und Botschafter der Romulaner, Klingonen und der Föderation in Geiselhaft nimmt.
Sybok spekuliert darauf, dass die Sternenflotte ein Rettungsschiff schickt, und hat Glück, denn diese Mission wird selbstverständlich angeführt von der Enterprise, auf der auch sein Halbbruder Dienst tut. Sybok hat die wundersame Begabung, in die schmerzhaften Erinnerungen von Lebewesen einzudringen, sie ihnen - scheinbar - zu nehmen, sich die so "Berührten" gefügig zu machen und auf diese Art und Weise eine Armee bestehend aus seiner religiöser Gefolgschaft aufzubauen.
Quelle: Paramount Pictures
König der Berge und im Regiestuhl: William Shatner alias Captain Kirk
Nach und nach zieht er sämtliche Heldinnen und Helden der Enterprise-Crew auf seine Seite, übernimmt das Schiff und setzt Kurs auf sein eigentliches Ziel, das Zentrum der Galaxis. Die Enterprise durchfliegt eine eigentlich undurchdringliche Energiebarriere, denn dahinter vermutet Sybok das Paradies, den Garten Eden - und nicht nur das: Gott höchstselbst.
Als unser Triumvirat und Sybok sich "Gott" gegenüberstellen, kippt die Stimmung schnell, denn es handelt sich in Wirklichkeit um ein bösartiges Alien, das mit der Enterprise aus seinem planetaren Gefängnis ausbrechen möchte. Sybok opfert sein Leben und dank einer historischen Allianz mit den Klingonen wird der fiese Dämon pulverisiert.
Die Crew kehrt zurück in ihren Sommerurlaub auf der guten alten Erde, wo wir sie schon zu Beginn des Films antrafen. Am Ende lassen wir Kirk, Spock und McCoy singend am Lagerfeuer zurück.
Enter Gene Roddenberry, der Star-Trek-Erfinder. Der las das Drehbuch und war mächtig erstaunt darüber, dass die Geschichte sehr seiner eigenen Story mit dem Titel "The God Thing" ähnelte. Diese war einstmals als Pilotfilm der gescheiterten Phase-2-Fernsehserie vorgesehen, ging anschließend durch zahlreiche Iterationen, auch unter Mithilfe des Autors Alan Dean Foster, und wurde in stark abgewandelter Form zur Grundlage des ersten Kinofilms "Star Trek: The Motion Picture".
In der ursprünglichsten Fassung der Geschichte jedoch begegnet Kirk einem übermächtigen Wesen, das sich als Gott ausgibt - und am Ende kommt es zum zünftigen Faustkampf zwischen Jim Kirk und Jesus Christus. (Ja, meine Damen und Herren, Sie haben ganz richtig gelesen: Boxing Jesus.) Die wahrgenommenen Story-Parallelen brachten Gene Roddenberry unverzüglich auf die Palme.
Vor allem, weil er zehn Jahre zuvor eben kläglich daran gescheitert war, diese seine Originalgeschichte umzusetzen - und weil William Shatner das jetzt einfach so gelungen war, ohne jeglichen Gegenwind. Es half auch nicht sonderlich, dass Gene Roddenberrys Privatsekretärin und Geliebte Susan Sackett durchs Büro lief und laut ausrief: "Bill ist ein Arschloch, der hat dir die Story geklaut!"
Roddenberrys Anwalt Leonard Maizlish - Leserinnen und Lesern meines kürzlich erschienenen Next-Generation-Artikels dürfte der Name dieses diabolischen Advokaten ein Begriff sein - empfahl seinem Mandanten, unverzüglich Klage einzureichen.
Doch Roddenberry war nach wie vor Executive Consultant der Star-Trek-Kinoreihe, eine Position, die keinerlei Klage gegen den eigenen Arbeitgeber erlaubte. Außerdem war Roddenberry zeitgleich als ausführender Produzent bei Next Generation tätig.
Weil er auch diesen Job weiterhin machen wollte, konnte er nur ein einigermaßen begrenztes Arsenal gegen den fünften Kinofilm aufbringen. In letzter Konsequenz entschied er sich dazu, den Film, wo er nur konnte, als apokryphal zu bezeichnen, also als Nicht-Kanon, als keinen offiziellen Teil der fiktiven Star-Trek-Historie.
Viel spekuliert wurde in den darauffolgenden Jahrzehnten darüber, ob der für Roddenberry nicht-kanonische Aspekt der Geschichte die Existenz eines Halbbruders Spocks sein könnte, doch im Endeffekt ging es ihm bei seinen Äußerungen gar nicht um einzelne, konkrete Storydetails, sondern lediglich um einen Stinkefinger in Richtung Shatner und Paramount.
