Das schwere Erbe von Star Trek TNG: Der komplizierte Beginn von Deep Space Nine
Special
Star Trek The Next Generation schrieb Fernsehgeschichte. Wie sollte man an diese Legende anknüpfen? Die Antwort hieß Deep Space Nine - und fiel sehr kontrovers aus ...
Vor allem aber, wenn mir persönlich etwas nicht gefällt, dieses private Urteil nicht zu etwas viel Wichtigerem künstlich aufzublasen versuchen, indem ich das mittlerweile jahrzehntealte Totschlagargument auspacke: "Gene Roddenberry hätte das nicht gewollt!" Ich kann und will zu meinem individuellen Geschmack stehen, ohne den Toten fragwürdige Aussagen unterzujubeln.
Die ersten deutschsprachigen Kritiken wurden dann in der Trekworld 27 aus April 1993 abgedruckt. Leitartikel wurde die leider unfaire und unverschämte Kritik des selbst ernannten Hollywood-Branchenkenners Oliver Denker, der verheißungsvoll titelte mit: "Kein Zweifel, Roddenberry ist tot" (da mochte ihm auch niemand widersprechen). Denker gab zu, dass er kein Trekkie wäre, trotzdem urteilte er, dass die Serie nicht interessant wäre, und sie nur "entworfen wurde, um den Star-Trek-Kult wie eine Zitrone auszupressen".
Und: "Roddenberrys Disney-artiges Beharren, dass die Charaktere moralisch fleckenlos bleiben müssen, haben Berman und Piller wie unartige Schüler, die ihre Mathematik-Hausaufgaben in Konfetti verwandeln, sofort über Bord geworfen." Weiter: "Jeder, der sie kennt, weiß, sie sind nicht mit dem Herzen dabei." So so, Denker kannte Piller und Behr also persönlich und konnte sogar in ihr Innerstes blicken.
Dann hätte er eigentlich wissen müssen, dass beide niemals erklärte Science-Fiction-Fans waren. Berman war zuvor begeisterter Dokumentarfilmer, und Piller sah die Science-Fiction als Mittel zum Zweck, um charakterbezogene Geschichten zu erzählen. Dennoch schloss ihr "persönlicher Bekannter" Oliver Denker:
"Hatte ich nicht immer dieses Gefühl, dass Star Trek ruiniert würde, wenn SF-Fans es in ihre Kontrolle bekommen würden?" Dass jemand, der sich kantig profilieren möchte, einen solchen Text schreibt, ist unbenommen. Dass aber das damals bedeutendste deutsche Star-Trek-Fanmagazin diesen Fiebertraum als wichtigste Kritik abdruckte, war keine redaktionelle Glanzleistung.
Immerhin folgte unmittelbar darauf eine deutlich wohlwollendere und sachlichere Betrachtung von Clubmitglied Martin Stahl, der es weniger auf Pöbeleien abgesehen hatte. Den Schluss bildete eine charakteristisch rustikale Einlassung von Fanclub-Chef Dirk Bartholomä: "Auch ich fand den Pilotfilm nicht gerade berauschend, [aber] die neuen Folgen sind wesentlich besser." Immerhin. Fans wie ich waren im Prä-Internet-Zeitalter trotzdem dankbar für jedes Stückchen News, für jede abgedruckte Einschätzung.
Als sich mein bereits erwähnter Freund Christian am 14. Januar 1994 beim Kiosk seines Vertrauens die TV-Spielfilm kaufte, hatten wir endlich Gewissheit, dass SAT.1 zwei Wochen später am Freitag, den 28. Januar zur besten Sendezeit um 20:15 Uhr, den Deep-Space-Nine-Pilotfilm als Wochenend-Filmevent ausstrahlen würde. Wow!
Nur steckte SAT.1 noch mitten in der Wiederholung von Next-Generation-Episoden, die zuvor auf dem ZDF gelaufen waren, und noch vor allen oben genannten Geschichten, die eigentlich die Grundlage für das Spin-off bildeten, doch dem Privatsender brannte die Raumstation anscheinend unter den Nägeln.
Abgesehen von den Episoden der Originalserie, die das ZDF in den 70ern liegen gelassen hatte, und die SAT.1 1987/88 mit zwanzigjähriger Verspätung endlich nachgeholt hatte, war dies der Auftakt zu Erstausstrahlungen von modernem Star Trek im deutschen Privatfernsehen. Die Werbekampagne war auch hierzulande großangelegt, die Erwartungen angesichts des spektakulären Sendeplatzes galaktisch.
Die Einschaltquoten waren herausragend und die Mainstream-Kritik, die verständlicherweise nicht so tief in der Materie steckte, wie es die Serie verblüffenderweise eigentlich voraussetzte, war wohlwollend und knapp überdurchschnittlich. Ob Deep Space Nine dem von SAT.1 erhofften Hype mit dem Rest von Staffel 1 gerecht werden konnte, das ist eine Geschichte für einen anderen Tag.
Man braucht es nicht schönzureden: Viele deutsche Star-Trek-Fans, die von der Next Generation Raum-Anomalien, Holodeck-Abenteuer und Borg-Scharmützel gewohnt waren, fanden den überaus philosophischen Serienauftakt voller Politik, Religion und depressiver Verstimmung des Hauptcharakters nicht gerade überragend und verwendeten einen weiteren Totschlagsbegriff: langweilig.
Dem konnte ich mich damals nicht anschließen, so besagt mein Tagebuch vom 28. Januar 1994 wörtlich: "Um 20.15 Uhr ging es dann auf Sat 1 rund. Der Pilotfilm von Star Trek - Deep Space Nine war angesagt. Was glaubt ihr, wofür ich mir die Videokassette gekauft hatte! Das war echt super. Wer das verpaßt hat, ist selber schuld."
Doch wie finde ich Emissary heute, 31 Jahre nach der US-Erstausstrahlung? Strukturell geschickt umrahmen zwei große Schlachten - gegen die Borg bei Wolf 359 und ein Rückeroberungsversuch der Station durch die Cardassianer - actiongeladen den 90-Minüter und halten so den Teil des Publikums, der sich hauptsächlich Schauwerte wünscht, gut bei der Stange. Im Inneren dieses Action-Sandwiches steckt eine sehr komplexe, verkopfte und dennoch realistische Handlung.
Freilich geht es um Wurmloch-Aliens, die die Zeit nicht verstehen, das meine ich nicht mit "realistisch". Stattdessen ist es eine emotionale Authentizität; die persönliche Geschichte des Sisko, der mit dem Tod seiner Frau ein tiefes Trauma erlitt und dem nun eine Star-Trek-typische Therapie zuteilwird: Gespräche mit außerdimensionalen Wesen und die harte, aber Optimismus verbreitende Aufgabe des Wiederaufbaus.
So richtig ist das keine Geschichte für 15-jährige Jugendliche, wie ich damals beim ersten Ansehen einer war, da blieb ich dann auch eher bei den Schauwerten hängen und blickte nicht tiefer. Nein, anders als die Next Generation ist der Auftakt von Deep Space Nine eine Geschichte für Erwachsene, die mindestens eine Lebenskrise hinter sich gebracht haben.
Als jemand, der sich selbst so beschreiben würde, der Ende 30 und Anfang 40 durch unruhige emotionale See fuhr, bin ich jedes Mal zu Tränen gerührt von der Wahrhaftigkeit des Moments, wenn Sisko versteht, dass er bei seiner eigenen Lebenskrise selbst in der Zeit eingefroren ist, so wie es die Aliens eigentlich sind, und dass es zwar schmerzhaft, aber auch ein heilsamer Prozess sein wird, wenn er sich nach Jahren der inneren Lähmung wieder in Bewegung setzt.
Für mich ist Emissary einerseits ein von großartigem und ambitioniertem Worldbuilding geprägter Auftakt, aber eben aus diesen ganz persönlichen Gründen der bisher beste unter allen Star-Trek-Pilotfilmen.
Doch zurück zu meinem 15-jährigen Ich. Als ich am Freitagabend der deutschen Erstausstrahlung fertig war mit dem ersten Paukenschlag in Sachen Deep Space Nine, freute ich mich bereits auf den übernächsten Tag, denn dann sollte die wöchentliche Ausstrahlung der verheißungsvollen ersten Staffel so richtig losgehen. Fortsetzung folgt am Sonntagnachmittag, am 30. Januar 1994.
Sebastians bisherige Star-Trek-Retrospecials
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- Star Trek 2 Der Zorn des Khan: Eine Reise aus der Midlife-Crisis und zurück
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- Utopie, Zoff & Teerpfützen: Die erste Staffel von Star Trek The Next Generation
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- Star Trek TNG Staffel 3: Zwei neue Michaels und eine alte Enterprise
- Star Trek TNG Staffel 3, Teil 2: Morgenluft und ein legendärer Cliffhanger
- Das Borg-Rätsel ist gelöst: Die vierte Staffel von Star Trek TNG
- Die vierte Staffel von Star Trek TNG Teil 2: Es bleibt ja in der Familie
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- Sommer 1969: Was die Mondlandung mit Star Trek und Captain Kirk zu tun hatte
- Star Trek TNG Staffel 6: Viele Reisen ins Ich im sechsten Jahr von Captain Picard
Verfügbarkeitshinweis: Verfügbarkeitshinweis: Alle Staffeln von Star Trek: Deep Space Nine sind im Streaming verfügbar auf Paramount+, außerdem auf DVD.
Sebastian Göttling, Jahrgang 1978, ist Co-Moderator von Deutschlands beliebtestem Star-Trek-Podcast "Trek am Dienstag". Er forscht beharrlich auf den Retro-Gebieten Film und Fernsehen im Allgemeinen, Star Trek im Besonderen, Kultur- und Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts zwischen Space-Race und Mauerfall, Medienentwicklung, Kunst und Kommerz.
