Das schwere Erbe von Star Trek TNG: Der komplizierte Beginn von Deep Space Nine

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Das schwere Erbe von Star Trek TNG: Der komplizierte Beginn von Deep Space Nine
Quelle: Paramount

Star Trek The Next Generation schrieb Fernsehgeschichte. Wie sollte man an diese Legende anknüpfen? Die Antwort hieß Deep Space Nine - und fiel sehr kontrovers aus ...

Um die Orte an Bord von Deep Space Nine zu konkretisieren, ging man zurück zur Western-Idee - oder besser gesagt: zu einem klassischen Westernstädtchen. Da gab es ein Rathaus mit dem Büro des Bürgermeisters vor Kopf am Ende der staubigen Straße - daraus wurde das Kontrollzentrum Ops mit dem Büro von Stationskommandant Sisko.

Entlang der einzigen Straße des Westernstädtchens, in der neuen Star-Trek-Serie räumlich ein wenig abgekoppelt vom Rathaus, befanden sich dann das Büro des Sheriffs (Wirkungsort von Sicherheitschef Odo mit den Arrestzellen nebenan), der Barbier, der sich oftmals nebenbei als Zahnarzt oder auch als Allgemeinmediziner betätigte (Dr. Bashirs Krankenstation), eine Schule (wo in der Serie die Gattin eines der Hauptcharaktere zur Lehrerin wurde), eine Kirche (der bajoranische Tempel, passend zum Glauben des außerirdischen Volkes, bei deren Planeten man sich befand), vor allem aber der Saloon (die Bar des habgierigen Ferengi Quark) mit Freudenhaus im Obergeschoss (die Holosuiten).

Viele Westernstädtchen hatten zudem hinter der Stadtgrenze den vernagelten Eingang zu einem alten Silberminenschacht - und so sollte auch Deep Space Nine in seinem früheren Leben eine Bergbaustation gewesen sein, in deren Untiefen noch immer stillgelegte Erzverarbeitungsanlagen und Transportloren vor sich hin rosteten.

Von Tartikoff ging der kreative Auftrag wie beschrieben an Star-Trek-Chef Berman, der reichte weiter an seinen Untergebenen und Next-Generation-Showrunner Michael Piller - und der brauchte nun seinerseits einen Angestellten, um die neue Station mit Leben zu füllen, und Piller hatte auch schon eine konkrete Personalie im Blick: Ira Steven Behr, der bereits während der dritten Staffel der Next Generation im Autorenzimmer gearbeitet hatte, bekam einen frühen Entwurf des Deep-Space-Nine-Serienkonzepts zugeschickt.

Behr schlug daraufhin die Hände über dem Kopf zusammen, denn noch nie in seiner Karriere hatte er eine verrücktere und stressige Zeit gehabt als 1989/90 bei Star Trek. Wer die Geschichte noch nicht kennt oder Erinnerung auffrischen möchte, kann meinen Artikel zur Entstehung der dritten Staffel Next Generation im Allgemeinen oder der klassischen Episode Yesterday's Enterprise (Die alte Enterprise) im Besonderen lesen - dieser Text hat von allem etwas: was zum Lachen, was zum Weinen.

Doch nicht nur die Arbeitsumstände hatten Behr seinerzeit nach nur einem Jahr das Weite suchen lassen, auch die Restriktionen, die Schöpfer Gene Roddenberry installiert hatte, trieben dem stets unkonventionellen Ira Behr (seit vielen Jahren färbt er sich seinen Bart lila) Tränen der Langeweile in die Augen. So dröge fand er die Enterprise-D unter Jean-Luc Picard, dass er sie gerne als das "Connecticut des Weltalls" bezeichnete.

Doch Michael Piller antizipierte bereits die Vorbehalte seines Wunschkandidaten und wusste genau, was er tun musste, um ihn vielleicht doch noch einmal zu Star Trek zu überreden. "To chum the water" heißt es im Englischen, "einen Eimer mit Ködern ins Meer schütten" wäre die deutsche Übersetzung.

Ausgerechnet ein Ferengi unter den Hauptcharakteren? Mit Quark sollte die Spezies rehabilitiert werden. Quelle: Paramount Ausgerechnet ein Ferengi unter den Hauptcharakteren? Mit Quark sollte die Spezies rehabilitiert werden. Michael Piller blickte bereits zwei weitere Jahre in die Zukunft und wusste, dass spätestens dann die Abenteuer der Next Generation im Fernsehen beendet sein würden, und ahnte korrekterweise, dass Chef Rick Berman ihn dann darum bitten würde, ein weiteres Spin-off, diesmal wieder mit einem Raumschiff, als Ersatz für die Next Generation an den Start zu bringen.

Die Serie Star Trek: Voyager war hier noch der sprichwörtliche Quark im Schaufenster, aber Piller rechnete fest damit. So konnte er Ira Behr jetzt vorschlagen: "Ich bin Showrunner, du wirst mein leitender Autor, aber in zwei, spätestens in drei Jahren werde ich Deep Space Nine verlassen und dann übernimmst du für den Rest der Serie als Chef."

Ein Angebot, das man nicht ausschlagen kann, wie der Pate sagen würde, doch Ira Behr winkte trotzdem ab. Seine Frau Laura war es, die ihm gut zuredete. Sie appellierte daran, dass er Star Trek ja eigentlich mochte und er jetzt, wo es keinen Gene Roddenberry mehr gab, dem Franchise als Showrunner einer Serie womöglich doch seinen ganz persönlichen Stempel aufdrücken konnte. Was Michael Piller nicht gelang, schaffte Gattin Laura; Behr sagte zu.

Schnell zeigte sich, dass Piller und Behr tatsächlich eigene Wege mit der neuen Serie gehen können würden. Die nach dem Serienschöpfer benannte Roddenberry-Box hatte zwar stets besagt, dass es innerhalb einer Sternenflotten-Crew, die ausschließlich aus perfekten Menschen des 24. Jahrhunderts bestand, keinerlei Zwist geben durfte. Diese Regel wurde von Gene Roddenberrys Nachfolger Rick Berman nach wie vor gewissenhaft durchgesetzt.

Doch hier auf Deep Space Nine würden ja Sternenflottenleute in eine unbekannte Umgebung mit Angehörigen anderer Spezies und Kulturen geworfen werden - und nirgendwo in der Roddenberry-Box besagte es, dass es keine Reibereien mit dem Fremdartigen geben dürfte, ganz im Gegenteil - es war Woche für Woche zentraler Konflikt, dass die Enterprise von einem Planeten zum nächsten reiste und mit den dort lebenden Individuen Probleme zu klären hatte.

Das gefiel Piller, vor allem aber gefiel es Behr. Sie beiden setzen sich an ihre Schreibmaschinen und entwarfen die frischen Hauptcharaktere und ihre fremdartige Umgebung so, dass es möglichst viele interpersonelle Schnittstellen im Geflecht des Ensembles geben würde, die Reibungs- und somit Konfliktpotenzial bieten würden.

Zunächst jedoch ein Blick auf den wichtigsten Charakter, der streng genommen gar nicht lebendig ist: die Raumstation selbst. Diese steckte gerade mitten im Entstehungsprozess beim Team unter dem Veteranen Herman Zimmerman und man hatte sich bereits eine zentrale Designphilosophie überlegt: Wenn es sich um eine viele Jahrzehnte alte Raumstation handeln sollte, dann war diese an ihren Aufgaben gewachsen.

Ein Teil der Station würde also der älteste sein, der bereits an Tag eins im Betrieb ging, doch im Laufe der Zeit hatten sich neue Anforderungen ergeben und so wurde nach und nach angebaut, weswegen Zimmermans frühe Stationsdesigns allesamt organisch gewachsen, inhomogen und gänzlich unsymmetrisch ausfielen.

Doch so richtig zufrieden war niemand mit dem zwar realistischen, aber doch visuellen Kuddelmuddel, bis schließlich Franchise-Chef Rick Berman ein Machtwort sprach. Genau wie die 60er-Jahre-Enterprise, die von Matt Jefferies entworfen worden war, sollte auch die Station Deep Space Nine ein Gebilde sein, das jedes Kind sofort erkannte, wenn es nur einen Sekundenbruchteil auf einem Fernsehbildschirm zu sehen war.

So folgerichtig ein komplexer Moloch im All wäre, so schlecht würde er sich eignen sowohl für den Wiedererkennungsfaktor als auch für rasch zu erwartendes Merchandising.

Da man sich mittlerweile sicher war, dass die Station außerirdischen Ursprungs sein würde, genauer gesagt cardassianisch, orientierte man sich an dem Aussehen dieses reptiloid-faschistoidischen Alienvolkes. Langgliedrig, visuell entfernt an ägyptische Einflüsse erinnernd, versehen mit krokodilhaften Schuppen, aber auch mit segmentierten Unterteilungsplatten wie bei Meeres-Krustentieren.

Und weil der Charakter der Cardassianer stets ein sperriger war, wurde aus der gewohnten Zweiersymmetrie - eine Warpgondel links, eine zweite rechts - beim Entwurf des "Rades im Weltall" eine ungerade Symmetrie, basierend auf der Zahl drei.

Michael Piller war es auch wichtig zu betonen: "Die Enterprise des Jean-Luc Picard ist gemütlich, pastellfarben, überall Teppiche und gemütliche Sitzgelegenheiten wie im Vorzimmer eines 80er-Jahre-Psychiaters, deswegen wollten wir nun einen grundlegend ungemütlichen Ort als Gegenentwurf schaffen."

Anders auch als bei der Enterprise-D würde sich diese zentrale Design-Philosophie bis zu den eigentlichen Sets durchziehen. Das Innere von Deep Space Nine passte viel mehr zum Äußeren, als dieser Zusammenhang bei der Enterprise gegeben war, überall wurden Formen zitiert.

Visuell spannend für Kamera- und Lichtleute sowie für Regisseure war außerdem die Idee, dass überall auf den Sets die Beleuchtung integriert wurde, immer indirekt, manchmal sogar hinter Gitterabdeckungen, die interessante Schatten auf das szenische Geschehen warfen.

Neben all diesen technischen Details war für Michael Piller das Schreiben eines erstklassigen Pilotfilm-Drehbuchs die wichtigste Aufgabe. Diesen Entstehungsprozess hier aufzufalten, mit all seinen kleinen Schritten vor und zurück, verworfenen Experimenten und Revisionen, das würde jeden Rahmen sprengen, aber interessierten Leserinnen und Lesern kann ich dazu das heutzutage nur noch antiquarisch verfügbare Buch The Making of Star Trek: Deep Space Nine der Eheleute Judith und Garfield Reeves-Stevens empfehlen, welches die kreative Entstehungsgeschichte des Pilotfilms minutiös aufdröselt.

Doch immerhin ein wichtiger Punkt muss hier erwähnt werden. Als das Grundgerüst der Geschichte eigentlich stand, nagte an Michael Piller, dass die Ankunft auf der Station viel zu glatt verlief, irgendetwas fehlte ihm. Die Charaktere der Sternenflotte dockten an der fremden Raumstation an und übernahmen deren Kontrolle, indem sie einfach in diese angenehme und hoch technisierte neue Umgebung hinausschritten.

"Die gehen ins Beverly Center", so drückte es Michael Piller aus - bei dem besagten Center handelt es sich um ein prunkvolles, in den 80er Jahren in Los Angeles eröffnetes Einkaufszentrum. Irgendwie fehlte darin das Drama - doch dann nahm das echte Weltgeschehen seinen Lauf.

Einige Zeit zuvor, im Frühjahr 1991, war in Los Angeles der schwarze Rodney King über alle Gebühr brutal und grundlos von Streifenpolizisten der LAPD verprügelt worden. Dumm für die Polizisten nur, dass ein Amateurfilmer sie während ihrer Tat vor seine Linse genommen hatte, sodass den vermeintlichen Ordnungshütern der Prozess gemacht werden konnte.

Der Urteilsspruch ereignete sich Anfang Mai 1992 und lautete unschuldig, ein herber Rückschlag im Kampf gegen den Rassismus und Auslöser von schweren Protesten, die bald schon in Gewalt umschlugen und als die "LA Riots" in die Geschichte eingingen. Ganze Stadtviertel wurden angezündet und in Schutt und Asche gelegt; sechs Tage lang wurde geplündert und am Ende waren 63 Todesopfer zu beklagen.

Rodney King selbst war während der Unruhen vor die Fernsehkameras getreten und hatte an alle auf der Straße Kämpfenden plädiert, mit Worten, die in den Jahrzehnten danach schon fast zu einem Meme-fähigen Ausspruch wurden: "Can we all get along?" Im Anschluss an die Unruhen war die Stadt Los Angeles vernarbt und traumatisiert, sah sich einem langen und beschwerlichen Wiederaufbau bevor, sowohl in Sachen Bausubstanz als auch emotional. In unmittelbarer Nachbarschaft der betroffenen Gegenden: Hollywood, wo Michael Piller am Drehbuch von Deep Space Nine saß.

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