Star Trek 2 Der Zorn des Khan: Eine Reise aus der Midlife-Crisis und zurück

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Star Trek 2 Der Zorn des Khan: Eine Reise aus der Midlife-Crisis und zurück
Quelle: Paramount 

Unser Autor und ausgewiesener Star-Trek-Experte Sebastian Göttling blickt zurück auf den vielleicht besten Star Trek-Film: Star Trek 2: Der Zorn des Khan!

Einen folgenschweren Fehler, den die Führungsriege bei Paramount vom ersten Film 1:1 übernahm, war die felsenfeste Buchung in die US-Kinos für den Juni 1982. Dieser Termin musste eingehalten werden, denn die Alternative waren ruinöse Regresszahlungen. Und da es bereits Dezember 1980 war, tickte die Uhr wieder genauso unerbittlich wie beim ersten Kinofilm. Eigentlich noch ein Stückchen unerbittlicher, denn anderthalb Jahre vor Erscheinen des "Motion Picture" hatte man wenigstens schon einen groben Eindruck seiner Story. Hier stand man noch praktisch bei null.

Der erste Story-Entwurf Bennetts war eine bloß eine Schreibmaschinenseite lange Zusammenfassung mit dem Titel "War of the Generations": Auf einer entlegenen Welt der Föderation entbrennt eine Rebellion, woraufhin Kirk entsandt wird, um diese zu untersuchen und bei Bedarf zu beenden. Dort angekommen, stellt er fest, dass der Anführer der Rebellion sein Sohn ist. Ein Sohn, von dessen Existenz er bis zu diesem Zeitpunkt nichts wusste. Schließlich stellt sich heraus, dass Khan das Mastermind hinter dem großen Aufstand ist. Vater und Sohn verbünden sich, vernichten den Superschurken und Kirk Junior heuert an Bord der Enterprise an. Die in dieser Geschichte übrigens nicht mit Mister Spock unterwegs ist, sondern mit einem Vulkanier namens Mister Wicks, denn Leonard Nimoy hatte seine Teilnahme am Franchise nach dem ersten Kinofilm zunächst aufgekündigt.

Um die Story weiterzuentwickeln, holte Bennett den Fernsehautoren Jack B. Sowards an Bord, auf dessen Konto vorrangig Westernserien der 60er-Jahre gingen. Sehr passend, denn eigentlich ist Star Trek immer schon eine Westerngeschichte im Weltall gewesen. Sowards' wichtigster Beitrag ist ein brillanter Coup, denn er ahnte genau, dass Star Trek nicht ohne, sondern nur mit seiner bekanntesten Figur Mister Spock ein Erfolg bleiben würde.

Wie also konnte der widerwillige Nimoy geködert werden? Na so, wie man Schauspieler am besten ködert: Mit einer saftigen Todesszene! Die zu spielen und seinem Charakter so einen Schlusspunkt geben zu können, ist eine Verlockung, der nur wenige Akteure widerstehen können - und siehe da, Leonard Nimoy sagte unter dieser Bedingung zu.

Star Trek 2 Der Zorn des Khan: Eine Reise aus der Midlife-Crisis und zurück (4) Quelle: Paramount  Star Trek 2 Der Zorn des Khan: Eine Reise aus der Midlife-Crisis und zurück (4)

Der beliebte Spock sollte bereits nach einem Drittel des Films sein Ende finden, eine Anlehnung an Janet Leighs Charakter in Alfred Hitchcocks "Psycho", die als scheinbarer Hauptcharakter des Films ebenfalls relativ früh unter der Dusche abgestochen wird. Der Titel von Sowards' Entwurf: "The Omega System". Diese Geschichte hat schon etliche Gemeinsamkeiten mit dem Film, so wie wir ihn heute kennen, nur ist Omega eine fürchterliche Waffe, nichts anderes.

Spektakulär ist außerdem, dass am Ende des Films Kirk und Khan in einen Kampf der Psyche abtauchen. Sie geben sich also keine körperlichen Backpfeifen, sondern sind in einer Welt des Unterbewusstseins gefangen, die ebenso surreal wie gefährlich ist. Eine weitere entscheidende Idee kam nicht aus dem Autorenzimmer, sondern von Art Director Mike Minor.

Der meinte: Eine Superwaffe ist zwar einigermaßen spannend, aber das damals neuartige Konzept Terraforming ist doch viel interessantere Science-Fiction. Zudem ist es irgendwie lyrisch, wenn mit der ultimativen Zerstörung das Erschaffen neuen Lebens einhergeht.

Der Vulkanier Mr. Wicks mutierte in Sowards' Entwurf zur Vulkanierin Saavik und während Drehbuchentwurf über Drehbuchentwurf geschrieben wurde, ereignete sich der Tod Spocks mit jeder Revision nicht mehr im ersten Drittel des Films, sondern rückte zunehmend weiter in Richtung Finale.

Im Prinzip passte die Story des Films so, fand Bennett, doch es fehlte ihm noch die Kirsche auf der Sahnehaube des Khan-Eisbechers. Irgendwie war ihm das, was Sowards und er bisher geschrieben hatten, noch nicht episch genug. Also wandte er sich an einen weiteren Autor: Sam Peeples, auf dessen Konto schon der zweite Pilotfilm der Urserie ging, "Where No Man Has Gone Before", zu Deutsch "Die Spitze des Eisbergs". Peeples jedoch strich Khan aus der Geschichte und ersetzte ihn durch Sojin und Moray, zwei außerdimensionale Wesen mit gottesgleicher Kraft.

Diese Idee fand Bennett allerdings noch weniger episch als das bisher Geschriebene - und vor allen Dingen deutlich weirder und nahezu unverfilmbar. (Das einzig Interessante und Erhaltenswerte aus Peeples' Drehbuch ist, dass Saavik keine volle Vulkanierin mehr ist, sondern außerdem eine halbe Romulanerin. Aus dem fertigen Film fällt das zwar raus, in der schon erwähnten Romanumsetzung von Vonda N. McIntyre jedoch wird dieser Umstand wunderbar genutzt.)

Als Bennett das feststellte, schrieb man bereits den 24. August 1981. Der Kinostart war in weniger als einem Jahr, man befand sich wieder einmal in den größten Terminschwierigkeiten.

Den größten Druck machte Industrial Light & Magic, kurz ILM, George Lucas' berühmte Effektschmiede, die für den zweiten Kinofilm tätig werden sollte. Eine hervorragende Idee übrigens, an dieser Stelle nicht zu sparen, denn ILM war schon Anfang der 80er ein Garant für solide bis spektakuläre Effekte, die mit denen des Douglas Trumbull aus dem ersten Kinofilm mithalten konnten. ILMs Ultimatum lautete: "Entweder, wir bekommen sofort das Drehbuch, oder wir können nicht mehr garantieren, dass ihr in eurem Film im nächsten Juni fertige Effekte zeigen könnt."

Doch die Rettung nahte und ihr Name war Nicholas Meyer. Den Jungregisseur hatte Harve Bennett mittlerweile angestellt, nachdem Meyer bereits einige Fernsehfilme und seinen ersten eigenen Kinofilm routiniert und rasant inszeniert hatte. Nick Meyer rief Ende August Bennett zu sich, um zu fragen, wie denn der aktuelle Status des Drehbuchs war.

Star Trek 2 Der Zorn des Khan: Eine Reise aus der Midlife-Crisis und zurück (5) Quelle: Paramount  Star Trek 2 Der Zorn des Khan: Eine Reise aus der Midlife-Crisis und zurück (5)

Bennett war zunächst außerordentlich peinlich berührt und wollte die vorliegenden, eher kümmerlichen Ergebnisse auf keinen Fall teilen, aber Meyer konnte ihn schließlich davon überzeugen, ihm dennoch den Stand der Dinge zuzuschicken. Nick las, war entsetzt und rief Bennett und den Co-Produzenten Bob Sallin hektisch zu sich zur Krisensitzung. Gemeinsam schlossen sich die Drei so lange in einem Raum mit bloß einer Schreibmaschine ein, bis sie einen fertigen Entwurf der Roh-Geschichte zusammengezimmert hatten, der Bestandteile aller bisherigen Fassungen enthielt.

Was nach diesem Story-Konsens folgte, war eine nahezu herkulische Leistung Meyers. In nur zwölf Tagen nahm er die Geschichte, brachte alle Szenen in dramaturgisch ansprechende Reihenfolge und verwendete dabei nichts Vorhandenes, sondern ausschließlich seine eigenen Worte. Meyer wusste, wenn er Regie führen sollte, dann musste die Geschichte auch in seiner ihm eigenen "Sprache" geschrieben sein, deshalb schrieb er die Geschichte im Prinzip noch mal von Grund auf neu.

Trotzdem ging der Drehbuch-Credit im fertigen Film ausschließlich an die Herren Bennett und Sowards, Held und Arbeitstier Nick Meyer blieb in der Abteilung Drehbuch völlig ungenannt und ist einer der unbesungenen Autorenhelden Star Treks.

Wie verlief sie denn nun, die fertige Handlung? Eine kurze Zusammenfassung: An seinem 50. (oder so) Geburtstag steckt Admiral Kirk mitten in der Midlife-Crisis, bricht aber trotzdem mit einer Enterprise voller Kadetten unter dem Kommando von Spock zur großen Trainingsmission auf, quasi die Gorch Fock in Space. Währenddessen ermächtigt sich besagter Khan, den Kirk auf einem Planeten im Ceti-Alpha-System ins Exil gesteckt hatte, des Raumschiffs Reliant.

Khan geht auf große Rachetour, stiehlt das Genesis-Projekt, das gleichzeitig Terraforming und fürchterliche Waffe ist, und will fortan nur eines: Kirk umbringen. Am Ende siegt Kirk, doch der Preis ist hoch: Sein bester Freund Spock kommt ums Leben, als er die Enterprise rettet. Trotzdem hat Kirk seine Midlife-Crisis überwunden und neuen Lebensmut gefasst. Bittersüßes Happy End.

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