Square Enix und Tomb Raider: Diese Trennung ist für alle Seiten das Beste

Kolumne David Benke
Square Enix und Tomb Raider: Diese Trennung ist für alle Seiten das Beste
Quelle: Crystal Dynamics

Läppische 300 Millionen Dollar für Weltmarken wie Tomb Raider und Deus Ex! Auf dem Papier wirkte die Embracer Group wie der klare Gewinner, als sie Square Enix die beiden Entwicklerstudios Crystal Dynamics und Eidos Montreal abkaufte. Aber auch für alle anderen beteiligten Parteien hat der Deal definitiv eine positive Seite, wie Redakteur David Benke in seiner Kolumne erklärt.

Es war die größte Nachricht der vergangenen Woche, die Schlagzeile, die die Videospielwelt am meisten in Aufruhr versetzte: Square Enix trennt sich von all seinen westlichen Studios! Die Spieleschmieden von Crystal Dynamics, Eidos Montreal und Square Enix Montreal gehören künftig zur schwedischen Embracer Group, also dem Konzern, der unter anderem schon Videospielunternehmen wie THQ Nordic, Koch Media oder Saber Interactive aufgekauft hat.

Als Teil des Deals sichern sich die Skandinavier nicht nur 1100 Mitarbeiter an insgesamt acht weltweiten Standorten. Natürlich wechseln auch alle Marken, an denen die Entwickler in den letzten Jahren gearbeitet haben, den Besitzer. Dazu gehören große Namen wie Tomb Raider, Deus Ex oder Thief - aber eben auch ein Katalog von über 50 weiteren Spielen. Sogar Marvel's Avengers könnte künftig unter anderer Führung weiterlaufen! Interesse seitens der neuen Besitzer wäre wohl zumindest da, wie CEO Lars Wingefors in einem Investorengespräch verriet. Man müsste sich eben nur noch mit den Lizenzinhabern von Disney einigen.

Embracer macht ein Schnäppchen

Und was zahlt die Embracer Group für dieses attraktive Gesamtpaket? Läppische 300 Millionen Dollar! Zum Vergleich: Für Gearbox Software, die mit 1300 Mitarbeitern ähnlich groß ausfallen, mit Borderlands aber nur eine wirklich große Marke im Portfolio haben, legte man letztes Jahr noch ganze 1,3 Milliarden auf den Tisch - also mal eben das Vierfache. Unter Branchen-Analysten gilt der Deal deshalb schon jetzt als ein absolutes Schnäppchen, zu dem man eigentlich nur gratulieren kann.

Deus Ex: Mankind Divided Pre-order-DLC Desperate Measures Quelle: PC Games Deus Ex: Mankind Divided endete 2016 mit einem fiesen Cliffhanger. Kommt jetzt endlich die Auflösung? Aber die Embracer Group geht nicht als einziger Gewinner aus der ganzen Sache hervor. Denn schaut man sich den Verkauf mal im Detail an, dann ist er doch eigentlich für alle Beteiligten die bestmögliche Lösung. Klingt vielleicht komisch, aber lasst mich erklären!
Zunächst mal profitieren auch die drei Studios, die in letzter Zeit doch ohnehin eher stiefmütterlich behandelt wurden. Square Enix schien nie so wirklich zufrieden mit der Leistung seiner westlichen Niederlassungen. Crystal Dynamics und Eidos Montreal wirkten mehr wie die lästigen Problemkinder, die es den strengen Eltern nie so wirklich recht machen konnten. Vor allem dann nicht, wenn es um es den finanziellen Erfolg ihrer produzierten Spiele ging.

Die Deus-Ex-Serie wurde nach dem 2016 erschienen Mankind Divided beispielsweise auf Eis gelegt, weil sie sie zwar bei Kritikern ein Erfolg war, aber eben nicht an den Ladentheken. Guardians of the Galaxy heimste bei den Game Awards letztes Jahr den Preis für die beste Erzählung ein, war in Square Enix' Augen aber trotzdem ein Flop. Sogar der erste Teil des Tomb-Raider-Reboots, der sich 2013 allein im Launch-Monat 3,4 Millionen Mal verkaufte, wurde als Enttäuschung abgestempelt. Aufgrund der überzogenen Erwartungen des Publishers waren alle westlichen Produktionen eigentlich schon von vornherein zum Scheitern verurteilt. Und dann wurden den Teams auch noch Projekte aufgezwungen, die mal so gar nicht zu ihnen passen - Live-Service-Games wie Marvel's Avengers zum Beispiel.

Freiheit für Deus Ex!

Dieses Missverständnis hat nun glücklicherweise ein Ende. Unter neuer Führung können Crystal Dynamics und Eidos Montreal wieder Spiele machen, auf die sie Bock haben, die nicht unter enormen Erfolgsdruck stehen und die endlich wieder ihre Stärken widerspiegeln. Und das sind eben keine Online-Grindfeste mit nervigen Season Passes und aufdringlichen Mikrotransaktionen, sondern starke Singleplayer-Abenteuer. Das wissen die neuen Besitzer offenbar auch. Die Embracer Group wird in ihrem offiziellen Statement zur Studio-Übernahme nicht müde von den Qualitäten ihrer Neuerwerbungen zu schwärmen: Crystal Dynamics sei ein Meister im Bereich der storybasierten Triple-A-Action-Adventures, Eidos Montreal unschlagbar, wenn es um erinnerungswürdige Spielerfahrungen mit Fokus auf einzigartige Geschichten und starke Charaktere geht.

Und da Embracer der festen Überzeugung ist, dass es im Laufe der kommenden Jahre auch weiterhin eine starke Nachfrage nach solchen qualitativ hochwertigen Einzelspielerinhalten geben wird, sind nun sogar Revivals von Legacy of Kain: Soul Reaver und anderen vergessenen Marken im Bereich des Möglichen. Also ebenfalls gute Nachrichten für uns Spieler!
Die Legacy-of-Kain-Reihe liegt seit fast 19 Jahren im Winterschlaf. Der Embracer-Deal könnte das ändern. Quelle: PC Games  Die Legacy-of-Kain-Reihe liegt seit fast 19 Jahren im Winterschlaf. Der Embracer-Deal könnte das ändern.

Doch keine Reise in den Westen

Und zu guter Letzt kann auch Square Enix selbst etwas Positives aus der ganzen Angelegenheit mitnehmen. Das mag jetzt im ersten Moment vielleicht ein wenig komisch klingen. Denn natürlich lässt sich darüber diskutieren, ob die Japaner bei dem Deal nicht doch etwas mehr hätten herausholen können. Wir sprechen hier schließlich von Lara Croft, einer Ikone der Videospielgeschichte. Die muss doch mehr Geld wert sein!

Muss man aber eben auch sehen, dass der Unterhalt der westlichen Studios zuletzt recht teuer und kaum rentabel war. Vor allem die Marvel-Spiele haben wohl ein enormes Loch in Square Enix' Budget gerissen: 200 Millionen US-Dollar soll man für Lizenzen und Entwicklungskosten verpulvert haben, schätzen Branchen-Insider. Crystal Dynamics schloss das Geschäftsjahr 2021 trotzdem nur mit einem Gewinn von knapp 3,3 Millionen US-Dollar ab. Bei Eidos standen am Ende gerade mal 640.000 Dollar zu Buche. So wirklich viel warfen die also nicht ab, vor allem im Vergleich zu anderen Studios, bei denen die Gewinnmarge deutlich höher lag.

Mit Triangle Strategy landete Square Enix in diesem Frühjahr bereits einen weiteren JRPG-Hit. Quelle: PC Games Mit Triangle Strategy landete Square Enix in diesem Frühjahr bereits einen weiteren JRPG-Hit. Zuletzt waren vorwiegend die heimisch produzierten Marken von Square Enix immer mehr im Kommen. Nier, Dragon Quest, Kingdom Hearts und die Mana-Reihe, aber auch neue IPs wie Triangle Strategy fanden auf dem westlichen Markt zunehmend Anklang. Beispielhaft nennen wir mal das Jahr 2017, in dem allein die Titel aus dem JRPG-Bereich für 24 Prozent mehr Umsatz gesorgt haben. Oder den letztjährigen Höhenflug von Final Fantasy 14, das mit seiner Endwalker-Erweiterung nicht nur Spielerrekorde, sondern gleichzeitig auch noch die eigenen Server sprengte, weshalb der Titel zwischenzeitlich aus dem Store genommen werden musste.

Der Verkauf von Crystal Dynamics und Eidos Montreal ist rein wirtschaftlich betrachtet also ein absoluter sinnvoller Schritt. Man trennt sich von wenig profitablen Altlasten, hört auf damit, sich auf Teufel komm raus dem westlichen Markt anzubiedern und macht wieder mehr Spiele, die der eigenen Identität entsprechen. Und offensichtlich auch gut ankommen! Das fordert der Firmenchef ja ohnehin schon seit geraumer Zeit: In einem Interview mit Yahoo Japan erklärte CEO Yosuke Matsuda erst kürzlich, man solle nicht blind anderen nacheifern, sondern mehr auf seine Individualität als Stärke setzen. "Die Märkte in Übersee sind zwar wichtig, aber nicht so wichtig, Spiele alleine für sie zu entwickeln", stellte er klar.

Vorsicht vor der Blockchain!

Man hat jetzt also die Chance, eine erfolgreiche Route einzuschlagen, die viele andere japanische Publisher bereits länger fahren: Bandai Namco setzt etwa vermehrt auf Anime-Versoftungen von One Piece, Digimon und Dragon Ball. Sega auf Persona, Shin Megami Tensei und Yakuza. Capcom auf Resident Evil, Devil May Cry und Monster Hunter. Und Konami, naja, anderes Thema.

Und wenn es mit der geplanten Umstrukturierung in Sachen Organisation und Publishing-Strategie nicht ganz so toll läuft, dann hat man im Zweifelsfall ja immer noch ein paar westliche Marken wie Just Cause, Outriders und Life is Strange in der Hinterhand. Die kommen dann aber eben ausnahmslos von Third-Party-Studios. Man muss also deutlich weniger Ressourcen in die Entwicklung stecken und kann das Geld anderweitig besser investieren.

Für Outriders erscheint demnächst die zweite Erweiterung Worldslayer. Quelle: PC Games Für Outriders erscheint demnächst die zweite Erweiterung Worldslayer. Dabei sollte Square Enix nur aufpassen, sich nicht direkt wieder zu verspekulieren. Was die Japaner mit den 300 Millionen Dollar planen, die ihnen der Embracer-Deal einbringt, klingt nämlich schon ein wenig besorgniserregend. Wie das Unternehmen in einem offiziellen Statement verlauten ließ, soll der Gewinn den Start neuer Geschäfte und Investitionen in Bereiche wie Blockchain, KI und die Cloud finanzieren. Wenn das mal nicht nach hinten losgeht.

Denn ob Square Enix es wirklich schafft, den Spielern Dinge wie NFTs und "Play to Earn"-Modelle schmackhaft zu machen, darf man dann doch stark bezweifeln. Und im schlimmsten Fall müsste man dann nicht nur ein paar Studios verkaufen, sondern sich dann komplett von einem anderen Konzern schlucken lassen. Ich habe gehört, Sony soll ja schon interessiert sein.

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