Der Eigenversuch: Reise in den Tempel der Verführung

Special Manuel Fritsch Benedikt Plass-Fleßenkämper Wolfgang Fischer
Der Eigenversuch: Reise in den Tempel der Verführung
Quelle: PC Games

Mit dem Einzug der VR-Geräte ins heimische Wohnzimmer eröffnen sich für Anwender und auch für die Erotik-Industrie neue Möglichkeiten. Wird VR unser (Liebes-)Leben verändern?

Temptation Towers. Die Türme der Verführung. Was übersetzt wie der Titel eines billigen Erotik-Schundhefts klingt, soll den Versprechen der Website Vixen- Vr.com nach den "Durchbruch der virtuellen Pornografie" bedeuten. Das nächste große Ding, natürlich. Wir wagen den Selbstversuch.

Das Loft in den Temptation Towers hat einen begehbaren Kleiderschrank. Die App vermischt 3D-Architektur mit klassischen Pornovideos aus der Ego-Perspektive. Quelle: VixenVR.com Das Loft in den Temptation Towers hat einen begehbaren Kleiderschrank. Die App vermischt 3D-Architektur mit klassischen Pornovideos aus der Ego-Perspektive. Ehemalige Mitarbeiter von Activision (die wahrscheinlich rausgeflogen sind, weil sie am Arbeitsplatz heimlich Pornos konsumierten) haben eine Firma gegründet, die "das Myst für Pornos" erschaffen wollen. Jimmy Hess heißt der Mann hinter diesem Projekt. Okay, also wenn die früher Call of Duty und Konsorten gemacht haben, dann traue ich denen zumindest zu, dass sie mit der Unreal Engine umgehen können. Ich zücke meine Kreditkarte und kaufe mir für umgerechnet etwas 20 Euro die Software (kann ich das eigentlich auch als Recherchekosten einreichen, Wolf?), die mich angeblich in ein Wolkenkratzer-Loft in Los Angeles voll von sexhungrigen Frauen versetzt. Die Idee klingt im Gegensatz zu den ganzen normalen Videoanbietern wirklich clever. Hess und seine Kollegen haben mit dem Loft eine Art "Hub" gebaut, die einen nahtlosen Übergang schaffen soll von der Bewegung in dem Mit einem Aufzug können wir zwischen verschiedenen Fetischen wählen. Die Inhalte sollen bekannte Streaming-Anbieter wie BadoinkVR in die Hub-App liefern. Quelle: VixenVR.com Mit einem Aufzug können wir zwischen verschiedenen Fetischen wählen. Die Inhalte sollen bekannte Streaming-Anbieter wie BadoinkVR in die Hub-App liefern. 3D-gerenderten Apartment und den Videos des Anbieters VixenVR.

Nach dem Aufsetzen der Oculus finde ich mich in einem etwas lieblos gestalteten Raum wieder. Vor mir steht die typische Porno-Couch, die ich ohne Desinfektionstücher nicht mal in der virtuellen Variante berühren möchte. Davor an der Wand hängt ein großer Fernseher, auf dem ein Video läuft, in dem Frauen eine VR-Brille aufhaben und darüber reden, dass sie sich selber gerade die Aufnahmen anschauen, die sie für die Firma gedreht haben. Aha. Ist das jetzt diese berühmte Metaebene, von der so oft die Rede ist? Ich sehe mich weiter um, und auf einmal wird es interessanter. Ich beobachte, wie sich eine Frau in Unterwäsche in einem begehbaren Kleiderschrank umzieht. Ich laufe mit dem Controller in ihre Richtung und fühle mich an Duke Nukem 3D erinnert. Während der Raum natürlich in 3D erstellt wurde, ist die sich umziehende Frau als flaches Video auf eine Wand projiziert. Von wegen technischer Durchbruch. Als ich versuche, irgendwie mit dem animierten Wandbild mit Knöpfen zu agieren, falle ich in die Szene hinein. Einen kurzen Ladebalken (no pun intended) später, und ich stehe auf einmal mit der Frau im Schrank in einer in 3D-gedrehten Szene. So funktioniert also der Wechsel in den Videobereich. Keine schlechte Idee. Schade nur, dass ich mich nun nicht mehr frei bewegen kann. Ich bin wie festgewachsen und kann mich nur noch umschauen. Leider verzerrt sich das Bild extrem an den Rändern, und ich fühle mich extrem eingesperrt und verlasse die Szene per Tastendruck wieder. Die Frau hat sich eh nicht für mich interessiert und war nur mit der Auswahl ihrer Kleider beschäftigt.

Solange CGI-Figuren noch nicht glaubhaft und menschlich genug wirken, ist die Vermischung von Video und 3D-Objekten sicherlich eine interessante Zwischenlösung.Mit meiner neu erlernten Fähigkeit springe ich daraufhin direkt nebenan in die Dusche. Auch dort lädt mich ein animiertes GIF dazu ein, doch hereinzukommen. Das lasse ich mir natürlich nicht zweimal sagen. Ab hier wird es jedoch vollends skurril: Diese Frau will auch keinen Sex mit mir, sondern erzählt mir nackt unter der Dusche, was für ein Idiot ich doch bin und beschimpft mich in einer Tour, ohne Luft zu holen. Während sie ihre Brüste einseift, wirft sie mir vor, ich würde ja ständig mit anderen Frauen SMS schreiben und sei überhaupt zu viel mit den Jungs unterwegs und würde dann das ganze Wochenende verkatert rumgammeln. Und Aufräumen könnte ich ja auch mal wieder.

Erstens trinke ich nicht und zweitens merke ich in diesem Moment, dass in mir wohl nicht mal der Ansatz einer masochistischen Veranlagung steckt und ich hier nur noch raus möchte aus der Verbale-Ohrfeigen- Dusche. Als ich die Brause verlasse, falle ich kurz darauf aus dem Fenster der Villa und finde mich in einem Kerkerverlies wieder. Ich blicke zur Seite und sehe das virtuelle Abbild des Programmierers der App, der sich selbst in Ketten gelegt und als Easter Egg verewigt hat. Ich bemitleide den armen Kerl etwas und bin froh, dass ich im Gegensatz zu ihm einfach die Oculus absetzen kann. Was für ein Reinfall.

Die Idee, dass man aus gebauten 3D-Umgebungen ohne einen Play-Button drücken zu müssen in eine passende Videoszene einsteigt, ist durchaus vielversprechend. Solange CGI-Figuren noch nicht glaubhaft und menschlich genug wirken, ist die Vermischung von Video und 3D-Objekten sicherlich eine interessante Zwischenlösung. Doch ohne extra dafür produzierte Inhalte und Settings ist die aktuelle Umsetzung - nicht nur wegen meiner ungemütlichen Duschpartnerin - absolut unprofessionell. In dieser Form erinnert Temptation Towers eher an die schnelle Abzocknummer, in die eine Handvoll Videos aus der Resterampe in ein klappriges 3D-Modell geschmissen wurden, um es als neu und innovativ verkaufen zu können.

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