Der Haken mit dem Kreuz - Interview mit Rechtsanwalt Stephan Mathé
Special
In unserem Special beschäftigen wir uns mit der Frage, warum die Darstellung von NS-Symbolen in Filmen erlaubt ist und indes in Videospielen nicht.
Quelle: Computec
Rechtsanwalt Stephan Mathé
Rechtsanwalt Stephan Mathé (40) ist Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz (Urheber-, Marken- und Wettbewerbsrecht), Lehrbeauftragter für Medienrecht und Partner der Hamburger Medien- und Wirtschaftskanzlei "Rode + Mathé Rechtsanwälte". Er vertritt führende Videospielentwickler und Publisher u.a. in Alterseinstufungs- und Jugendschutzverfahren. Vor seiner Tätigkeit als Anwalt war Mathé als Lokalisierungs- und Produktmanager für den Publisher Eidos tätig und betreute Spiele wie "F1 World Grand Prix", "Commandos" und "Resident Evil". Während seiner juristischen Ausbildung arbeitete er für die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM).
PC Games: Die Verwendung von verfassungsfeindlichen Symbolen ist in Deutschland verboten. Eine Ausnahme bietet die sogenannte Sozialadäquanzklausel in § 86 Abs. 3 des Strafgesetzbuches. Diese Klausel erlaubt die Verwendung von verfassungsfeindlichen Symbolen, wenn es der Förderung von Kunst und Wissenschaft oder der politischen Aufklärung im Sinne der Verfassung dient. Warum kann die Filmindustrie von dieser Klausel seit Jahren Gebrauch machen und Unterhaltungsfilme wie Inglourious Basterds in Deutschland mit Hakenkreuzen herausbringen während die Spieleindustrie immer noch bei verfassungsfeindlichen Symbolen zur Zensurschere greifen muss?
Mathé: Da diese Thematik sehr sensibel ist, möchte ich eingehend eines klarstellen: Persönlich verabscheue ich rechtsradikales Gedankengut aufs Tiefste. Wenn es also erwiesen wäre, dass die Verwendung von Nazi-Symbolen, insbesondere des Hakenkreuzes, in den Medien nachweislich dazu beiträgt, dass eine derartige Gesinnung in irgendeiner Weise gefördert wird, dann sollten wir alle entschieden dafür eintreten, dass sämtliche Hakenkreuze sofort aus allen deutschen Medien verschwinden - egal ob Kino, TV, Buch oder Videospiel. Dies scheint aber offensichtlich nicht der Fall zu sein, da Hakenkreuze nach wie vor in den Medien zu sehen sind. Die Frage, um die es hier geht, ist also in der Tat, warum Medien wie TV und Kino solche Symbole zeigen dürfen, wohingegen Videospiele dies nicht dürfen. Die Argumentation, die man in diesem Zusammenhang immer wieder hört, ist, dass Medien wie TV und Kino viel tiefgehender und dadurch auch viel eher in der Lage sind, die NS-Thematik kritisch zu beleuchten, wohingegen Computer- und Videospiele eben schlicht Unterhaltungsspiele seien und man mithin mit einem solch sensiblen Thema nicht während einer spielerischen Betätigung vernünftig umgehen könne.
Hinzu kommt, dass man einen Film nur als passiver Betrachter verfolgt, der entsprechend die dargebotenen Inhalte kritisch bewerten kann, während man als Spieler interaktiv beteiligt ist, was ein Hinterfragen der erlebten Inhalte erschweren kann. Diese Argumentation mag auch durchaus zutreffen, wenn man Filme wie "Schindlers Liste" vergleicht mit linear aufgebauten Egoshootern wie "Castle Wolfenstein". Eine derart klare Grenzziehung ist heute aber in den meisten Fällen kaum mehr möglich. So gibt es auf der einen Seite reine Unterhaltungsfilme wie "Indiana Jones" oder eben auch "Inglourious Basterds", die keinerlei kritische oder besonders künstlerische Behandlung der NS-Thematik aufweisen. Auf der anderen Seite sind Computer- und Videospiele heutzutage oftmals schon so künstlerisch und tiefgehend, dass sie sehr wohl auch sozialkritische Themen glaubhaft behandeln können. Aus diesem Grund ist eine pauschale Ungleichbehandlung dieser Medien schlicht ungerecht und geht an der heutigen Medienrealität vorbei.
PC Games: Ändert die Aufnahme des GAME Bundesverbandes in den Deutschen Kulturrat irgendetwas in dieser Sachlage? Hat ein Computerspiel durch die Aufnahme höhere Chancen vor Gericht als Kunst angesehen zu werden?
Mathé: Ich persönlich habe noch nie viel von der oftmals von Branchenvertretern geäußerten Forderung gehalten, Computer- und Videospiele als "Kulturgut anzuerkennen". Kultur ist nichts, was formell von irgendeiner Instanz angenommen werden muss oder kann. Kultur entwickelt sich vielmehr eigenständig durch uns alle, die wir Medien gestalten und nutzen. Daher sind aus meiner Sicht Computer- und Videospiele schon lange Teil unserer Kultur. Dass der GAME-Verband in den Kulturrat aufgenommen wird, ist daher nur die logische Konsequenz und nicht etwa die Voraussetzung. Eine der Ursachen dafür, dass klassische Medien wie Kino und TV noch immer anders behandelt werden als Computer- und Videospiele ist aber natürlich, dass erstere seit Jahrzehnten in der Gesellschaft etabliert sind, wohingegen letztere von einem gewissen Teil der Bevölkerung noch immer mit Skepsis und Abwehr betrachtet werden - wobei dieser Teil insbesondere in den letzten Jahren durch Family Entertainment-Konzepte wie Singstar, Wii etc. deutlich geschrumpft sein dürfte.
Dennoch müssen hier noch immer Ressentiments überwunden werden, wie es seinerzeit auch die Medien Kino und TV tun mussten. Auch damals war der Aufschrei groß. Diesen Kampf müssen Computer- und Videospiele erst noch gewinnen. Hier mag die Aufnahme eines Verbandes in den Kulturrat sicher nicht schaden. Viel wichtiger ist jedoch, dass alle Spieler den Spaß am Spielen nicht verlieren, auch selbstkritisch mit ihrem Medium umgehen, sich offen der Diskussion mit Andersdenkenden stellen und diesen einfach mal zeigen, wie viel Spaß ein gutes Game machen kann. Dann kommt die gesellschaftliche Akzeptanz von ganz allein, und ehrlich gesagt ist sie für mich schon fast erreicht. Und dann werden auch die staatlichen Institutionen Spiele anders bewerten.
PC Games: Wie drastisch sind die Konsequenzen für einen Publisher, der ein pädagogisch wertvolles Spiel mit Hakenkreuzen in Deutschland veröffentlicht? Würden Sie einen Mandanten dazu raten, vor Gericht zu gehen und auf die Sozialadäquanzklausel zu setzen oder eher die verfassungsfeindlichen Symbole aus einem pädagogisch wertvollen Spiel zu entfernen?
Mathé: Die möglichen Konsequenzen hängen natürlich vom konkreten Einzelfall ab. Das kann damit beginnen, dass die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) die Kennzeichnung aufgrund enthaltener NS-Symbole versagt. Wird das Spiel dennoch veröffentlicht, droht eine Indizierung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM). Dann könnte das Spiel nicht mehr über die üblichen Verkaufskanäle wie stationärer Handel oder Internetversand verkauft werden und wäre damit faktisch tot, da ein Publisher ohne diese Vertriebskanäle keinen hinreichenden Umsatz erzielen kann und das Produkt in der Regel vom Markt nimmt. Im schlimmsten Fall droht ein Strafverfahren wegen eines Verstoßes gegen besagten § 86 Strafgesetzbuch, welcher mit Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren oder Geldstrafe geahndet werden kann. Dies alles sind natürlich erhebliche Risiken, sodass ich als Anwalt dem Mandanten raten würde, auf die Verwendung derartiger Symbole zu verzichten. Hinzu kommt, dass bei der Veröffentlichung von Computer- und Videospielen auch immer der Zeitfaktor eine große Rolle spielt.
Es nützt dem Publisher also wenig, wenn er ein langes Gerichtsverfahren durchläuft und am Ende Recht bekommt, weil dann das Spiel schon längst veraltet sein kann. Dies führt dazu, dass in der Praxis ein solcher Fall kaum vom Publisher durchgekämpft würde. Man muss sich am Ende einfach fragen, ob sich der Aufwand lohnt. Diese Frage können vor allem die Spieler beantworten. Ich kann manchmal den Unmut der Fangemeinde gegenüber den Publishern nicht ganz nachvollziehen, wenn aus einem aktuellen Spiel derartige Symbole entfernt wurden. Mir persönlich ist es herzlich egal, ob beispielsweise auf den Kampfflugzeugen echte Hakenkreuze zu sehen sind oder nur Fantasiezeichen, viel wichtiger ist mir, ob das Spiel insgesamt gut gemacht ist und vor allem Spaß bringt. So richtig es ist, für eine Gleichberechtigung von Computer- und Videospielen im Vergleich zu anderen Medien zu kämpfen, sollte man sich doch auch fragen, wie wichtig einem im Einzelfall die "historische Korrektheit" eines Spiels im Sinne korrekt wiedergegebener Hakenkreuze tatsächlich ist.
