Videospiele als Wegwerfprodukt? DRM, DLCs und Free2Play in der Zukunft - die Auswertung

Special Jonathan Harsch

War früher wirklich alles besser? Vermutlich nicht - aber einfacher allemal. Dies gilt für die meisten Lebensbereiche, trifft im elektronischen Entertainment-Sektor, durch die rapiden technischen Fortschritte, jedoch besonders zu. Nostalgisch erinnern wir uns an Zeiten zurück, in denen man ein Spiel kaufte und einem alles offen stand, das die Entwickler hineingesteckt hatten. Heute sind wir mit zusätzlichen DLCs, Vorbesteller-Boni, Apps und Mikro-Transaktionen weit von diesem Ideal entfernt. Wenn alle digitalen Zusatzinhalte irgendwann verschwinden, was bleibt dann von den Spielen noch übrig?

Update: Ihr habt zahlreich an unserer Umfrage zur Zukunft der Videospielbranche teilgenommen und nun möchten wir euch die Ergebnisse präsentieren. Videospiele sind beliebt wie nie zuvor und der Markt ist weiter am wachsen. Trotz allem bevorzugt mit über 80 Prozent die überwältigende Mehrheit von euch Old-School-Gaming. Die im Artikel angesprochenen Probleme der heutigen Videospielindustrie scheinen also einige von euch zu beschäftigen. Dies spiegelt sich auch in den anderen Fragen wider. Nur gut 18 Prozent von euch laden sich regelmäßig DLCs aus dem Netz, womit einem Großteil die ursprünglichen Inhalte genügen. Die größte Ablehnung erfahren jedoch Free2Play-Titel. Fast 90 Prozent bevorzugen das klassische Modell, was sicherlich auch am momentanen Umgang vieler Studios mit dieser Art von Spielen liegt. Das perfekte Beispiel ist das kürzliche Aus für das geplante Free2Play-Command & Conquer. Vielen Dank für die vielen Stimmen. Die ausgewerteten Diagramme findet ihr in der Bildergalerie.

Original: Die etwas Älteren unter uns erinnern sich sicher gerne an ihre Kindheit zurück - und die damit verbundenen Erinnerungen an damalige Videospiele. Super Nintendo, NES, Atari, C64 - wo auch immer die Zocker-Karriere begann, die Titel von damals sind uns teilweise heilig. Immer wieder holen wir die alten Perlen hervor und spielen sie zum x-ten Mal durch. Dabei fühlen wir genau das, das wir früher schon gefühlt hatten und entdecken vielleicht noch das eine oder andere Detail. Die Spiele waren in sich geschlossen, und wenn man möchte, lassen sie sich bis zum letzten ergründen.

Was passiert aber, wenn Videospiele plötzlich als Service begriffen werden? Dies bringt natürlich viele Vorteile mit sich: neue Inhalte können hinzugefügt, Unfeinheiten geschliffen und Fehler behoben werden. Einige Titel wurden allerdings gerade durch ihre Kanten, Glitches und Bugs zu echten Klassikern. Wenn Spiele, auch nach Erscheinen, immer flexibler und formbarer werden, so verlieren sie ihren Nimbus als das eine Juwel, an das wir uns erinnern - diese eine Cartridge oder CD-Rom. Digitale Daten sind wie ein Fluss. Auf Datenträgern sind sie abgeriegelt und als Einheit konsumierbar.

Durch eine ständige Anbindung an das Internet schöpfen wir nur noch Daten für uns ab. Der Fluss fließt jedoch weiter - und uns die Inhalte durch die Finger. Auch die von uns gesammelten Daten sind nicht sicher. Wenn wir sie einmal verlieren, haben wir eventuell nie wieder Zugriff auf sie. Was dies genau für die Zukunft der aktuellen Spiele bedeutet, kann man nur erahnen, da wir uns mit der Xbox 360, PS3 und Wii U noch immer in der ersten komplett auf eine Online-Nutzung ausgelegten Konsolen-Generation befinden. Xbox One und PS4 werden mit ihren Vorgängern schon nicht mehr kompatibel sein.

Wer dies als Problem sieht, lebt laut Microsoft in der Vergangenheit. Die Konsumenten sollen sich nicht mit alten Spielen beschäftigen, um mehr Kaufkraft für den nächsten großen Hit zu generieren. So groß der Hype bei Blockbuster-Titeln ist, so schnell klingt er nach Erscheinen auch wieder ab. Fortsetzungen häufen sich, und wer das neue Call of Duty oder FIFA sein Eigen nennt, der kann die alte Version nicht mehr gebrauchen. Sportspiele sind hierfür das perfekte Beispiel. Ältere Versionen bekommt man praktisch geschenkt, während Zelda- oder Mario-Klassiker, trotz ihrer weiten Verbreitung, noch immer gut gehandelt werden.

Fehlende Nachhaltigkeit kennt man sonst nur aus der Ökologie, ist aber auch im Spielbereich ein Problem. Inhalte wurden früher durch Können und Ausdauer freigeschaltet - heute kann man sie kaufen. Die Qualität dieser käuflichen Zusatzinhalte ist in der Regel jedoch mangelhaft und steht häufig in keinem Verhältnis zum Preis. Eigentlich geniale Spiele wie Borderlands, Bioshock Infinite oder Fallout 3 werden beispielsweise mit lieblosen Kampfarenen versehen. Zusätzliche Achievements und Trophäen animieren dazu, sich die überteuerten DLCs zuzulegen. Einige Firmen erdreisten sich offenbar sogar, Inhalte auf den Datenträgern erst im Nachhinein gegen Bares freizuschalten.

In einigen Jahren wird es unmöglich sein, sich eine ordentliche Xbox 360 oder PS3-Sammlung anzuschaffen, denn wenn die Unterstützung der Entwickler versiegt, so verschwinden auch große Teile der Spiele. Wir werden beispielsweise bei Assassin's Creed 2 nicht mehr auf Machiavelli treffen oder die wahren Enden von Asura's Wrath und Alan Wake zu Gesicht bekommen. Andere Titel, die eine konstante Internetverbindung benötigen, werden überhaupt nicht mehr spielbar sein. Für Gamer, die Spiele gerne komplett genießen, sind Vorbesteller-Boni, DLCs und Mikro-Transaktionen ein Ärgernis.

Patches am Erscheinungstag, der Erfolg von Steam und die ursprüngliche Xbox One-Politik zeigen einen klaren Trend. Laufwerke werden auf Konsolen bald der Vergangenheit angehören und jegliche Inhalte in den digitalen Äther verlagert. Das Free2Play-Modell wird sich in der nächsten Generation auch auf Konsolen im großen Stil etablieren. Ziehen die Entwickler irgendwann weiter, so bleiben diese Titel als dürres Skelett in der Ecke zurück. Nie gehen sie in die Videospiel-Geschichte ein und werden Jahrzehnte später noch gezockt und rezitiert.

Die Qualität von Videospielen wird zukünftig in der Breite eher noch zunehmen - echte Klassiker, die wir in 20 Jahren noch aus dem Regal holen, werden jedoch zur Mangelware. Es ist ein zweischneidiges Schwert: Videospiele erlangen durch mehr Flexibilität eine weitere Verbreitung, verlieren jedoch an Identität. Es liegt an den Entwicklern, wie sie mit den gegebenen Möglichkeiten umgehen. Auf Add-Ons wie Undead Nightmare oder Episodes from Liberty City möchte ich nicht verzichten, auf eine Pferderüstung für 2,50 Euro jedoch schon.

Nehmt an der Umfrage teil und teilt uns eure Meinung zu der Thematik im Kommentarbereich mit.

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