Review Bombing: Wenn Spiele-Blockbuster in den roten Zahlen stecken - mit Video!
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Während The Last of Us Part 2 in der Spielepresse durchweg positive Kritiken erhält, wird das Action-Adventure von Nutzern gerade mit massenhaft Negativbewertungen überschüttet. Viele Fans sind mit einigen Spiel- und Storyelement alles andere als einverstanden und nutzen Seiten wie Metacritic und Co., um ihrem Unmut ordentlich Luft zu machen. Wir nehmen uns diesen neuesten Fall von Review Bombing zum Anlass, das Phänomen mal ein wenig näher zu beleuchten.
"Dieses Spiel ist eine Beleidigung", "absoluter Müll" oder "ein Mittelfinger an alle Fans" - diese Worte schlagen einem ins Gesicht, wenn man auf Metacritic die User-Kommentare zu The Last of Us Part 2 liest. Auf der Website, die Bewertungen von Spielern und Kritikern zusammenfasst und daraus einen Durchschnittswert ermittelt, steht Naughty Dogs Action-Adventure momentan bei einem eher mäßigen Score von gerade einmal 5,3.
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Über 56.000 Menschen haben teils ziemlich wütende Negativ-Reviews hinterlassen und ihren Worten dann auch noch in Zahlenform Nachdruck verliehen. Damit ist The Last of Us Part 2 das neueste prominente Opfer von Review Bombing geworden - dem Phänomen, wenn Spieler absichtlich negative Rezensionen hinterlassen, um den Wertungsdurchschnitt eines Spiels zu senken und so idealerweise auch dem Image sowie den Verkaufszahlen zu schaden.
Ob der digitale Aufschrei gerechtfertigt ist oder nicht - dieser sensiblen Frage widmen wir uns an dieser Stelle erstmal nicht. Stattdessen wollen wir uns zunächst lieber die Praxis Review Bombing selbst näher anschauen und klären: Wie funktioniert sie überhaupt? Wie sinnvoll ist sie? Und was ließe sich dagegen eigentlich tun?
Keine Ego-Trips auf Steam
Um die erste Frage, also das "Wie?" zu klären, schauen wir uns zuerst die zwei Seiten an, die von Review Bombing am häufigsten getroffen werden: Valves Spieleplattform Steam (jetzt kaufen / 53,99 € ) und den Review-Aggregator Metacritic. Die sind nicht nur die zwei größten Plattformen, wenn es um Nutzerbewertungen geht, sondern auch grundverschieden, was ihre Funktionsweise betrifft. Deshalb ist es besonders interessant, sie genauer zu analysieren und gegenüberzustellen.
Quelle: Deep Silver, 4A Games
Nach der angekündigten Epic-Exklusivität von Metro: Exodus wurden auf Steam die beiden Vorgänger mit negativen Userwertungen überschüttet.
Um auf Steam eine Rezension hinterlassen zu können, muss man natürlich erst einmal ein entsprechendes Konto besitzen, das über eine Email-Adresse verifiziert wird. Zudem lassen sich nur Spiele reviewen, die ihr auch tatsächlich in eurer Bibliothek, also gekauft habt, und bei denen ihr zumindest eine gewisse Spielzeit vorweisen könnt. Seien es auch nur ein paar Minuten. Zudem ist für jedes Spiel nur eine Bewertung pro Account möglich.
Entsprechend ist Review Bombing auf Steam eher eine kollektive Sache. Heißt: Hier schließen sich viele Nutzer zusammen, um gemeinsam die Nutzerbewertungen eines Titels gezielt in den Keller zu treiben. In der Regel gibt es nicht den einen Kopf, sondern mehr eine Art Schwarmintelligenz, die sich unter einem Banner für eine Sache zusammentut - ohne das eine große Absprache dafür überhaupt nötig wäre.
Viele Schlupflöcher auf Metacritic
Metacritic funktioniert da etwas anders. Zwar müsst ihr auch hier zunächst einen per Mail verifizierten Account erstellen. Ab diesem Zeitpunkt machen sich aber eklatante Unterschiede bemerkbar: Ihr müsst ein Spiel nämlich nicht besitzen, um es zu bewerten. Stattdessen könnt ihr jeden beliebigen Titel, der auf der Seite aufgeführt ist, mit einer Bewertung versehen - ganz gleich, ob ihr ihn jemals gespielt habt. Ihr braucht nicht einmal einen ausführlichen Kommentar dazu schreiben. Einfach 0 von 10 geben, abschicken, fertig!
Quelle: New World Interactive
Für das Review Bombing von Insurgency: Sandstorm war angeblich nur ein einziger User verantwortlich. Der vergriff sich später auch noch am Metroidvania KUNAI.
Das eröffnet besonders böswilligen Individuen natürlich andere Optionen als Steam, wie im Fall von Insurgency: Sandstorm. Der Metascore des Ego-Shooters stand zwischenzeitlich bei einem desaströsen Wert von 3,6 - und das aufgrund eines einzigen verbitterten Users! Der meldete sich später in einem Post im Online-Forum reddit zu Wort und erläuterte sein Vorgehen: Per Wegwerf-Email-Adressen hatte er sich innerhalb weniger Stunden Dutzende Accounts erstellt und mit diesen massenhaft negative Bewertungen dagelassen. Erschreckend simpel. Noch fassungsloser macht jedoch das angebliche Motiv des Review Bombers. Der war laut eigener Aussage sauer über eine Pokemon-Folge, in der sein Lieblingscharakter nicht auftauchte, und ließ seine Wut einfach am nächstbesten "Opfer" aus - Insurgency: Sandstorm, das er nur wenige Stunden vorher gespielt hatte.
User-Wertungen als Sprachrohr der Community
Das klingt zugegebenermaßen schon fast nach Satire, entsprechend muss man das Geständnis des Täters hier wohl mit enormer Vorsicht genießen. Von solch kuriosen Fällen einmal abgesehen, kann Review Bombing aber tatsächlich auch durchaus nachvollziehbare Gründe haben. Oftmals ist die Vergabe negativer User-Bewertungen nämlich die einzige Möglichkeit, sich als Spieler Gehör zu verschaffen, wenn man mit gewissen Design- oder Geschäftsentscheidungen nicht einverstanden sind.
Quelle: Activision
In der Kampagne von Call of Duty: Modern Warfare wird Russland als das ultimative Böse stilisiert. Im russischen PSN-Store war das Spiel daher nicht verfügbar.
Prominente Beispiele gibt es dafür einige, besonders in den vergangenen Jahren. Im Oktober 2019 geriet beispielsweise Call of Duty: Modern Warfare überraschend in den Fokus russischer Spieler, die dem Titel Geschichtsverfälschung vorwarfen. Auslöser der Kritik war dabei die achte Mission der Einzelspielerkampagne, in der ihr einen Hinterhalt am "Highway des Todes" aufbaut - einer ehemaligen Schnellstraße, die die Russen durch einen Bombenangriff in Schutt und Asche legten und dabei Hunderte Zivilisten töteten. Zumindest laut Ingame-Lore. Tatsächlich liegt der "Highway des Todes" jedoch zwischen Kuwait und der irakischen Stadt Basra und wurde 1991 in Folge des Zweiten Golfkrieges von US-amerikanischen Streitkräften bombardiert. Für diese Falschdarstellung einer realen Situation hagelte es massiv Negativwertungen auf Metacritic. Aktuell steht die PC-Version von Modern Warfare bei einem User-Score von 2,4.
Auf Steam sahen sich wiederum die Ableger des Metro-Franchise enormem Anfeindungen ausgesetzt, nachdem bekannt geworden war, dass der dritte Teil der Shooter-Reihe zeitexklusiv im Epic Games Store erscheinen würde. Langjährige Fans störten sich vor allem an der Kurzfristigkeit der Entscheidung, die gerade mal zwei Wochen vor Release verkündet wurde. Auch fehlende Features und Sicherheitsprobleme des Epic Launchers wurden kritisiert.
Nichts als verschenkte Lebensmühe?
Viel geändert haben die lautstarken Unmutsäußerungen in diesen ausgewählten Fällen nicht. Das ist aber kein Indiz dafür, dass Review Bombing vollkommen sinnlos ist: Die Entwickler von Star Wars: Battlefront 2 strichen beispielsweise vorübergehend Mikrotransaktionen aus dem Spiel, nachdem sich Fans über Pay2Win-Aspekte beschwert hatten. Nach einem Review-Bombing-Angriff auf Steam wurden aus Doom: Eternal die Denuvo Anti-Cheat-Maßnahmen herausgepatcht. Und der Indie-Horror-Titel Devotion verschwand sogar komplett vom Markt, nachdem sich chinesische Spieler über eine im Spiel versteckte Beleidigung des Staatspräsidenten Xi Jingping echauffiert hatten.
Quelle: Bethesda
Selbst Bethesda beugte sich dem Willen der Spieler: Nach einem Review-Bombing-Angriff auf Steam entfernten die Entwickler die Denuvo Anti-Cheat-Maßnahmen aus Doom: Eternal.
Dennoch darf man nicht unterschlagen, dass besonders größere Produktionen meist weniger unter den Auswirkungen von Review Bombing leiden. Das eingangs erwähnte The Last of Us Part 2 verkaufte sich trotz schlechter User-Wertungen über vier Millionen Mal und ist damit das am schnellsten verkaufte PS4-Exklusivspiel aller Zeiten. Der Launch von Metro: Exodus war laut Publisher THQ Nordic der beste der Unternehmensgeschichte. Insgesamt wurden etwa zweieinhalb Mal so viele Kopien verkauft wie vom letzten Ableger Metro: Last Light. "Es scheint, dass Review Bombing den kurzfristigen Verkäufen nicht allzu sehr schadet", resümierte daher auch Sergey Galyonkin, der Gründer von SteamSpy, in einem Interview mit PCGamer.
Manche Spiele verkaufen sich sogar besser, wie etwa im kuriosen Fall von AI: The Somnium Files. Auch das Mystery-Adventure wurde von einem einzigen User mit miesen Wertungen überschüttet, nachdem dieser mit der Charakter-Entwicklung einer bestimmten Figur nicht einverstanden war. Das löste wiederum eine Gegenbewegung, eine Art positives Review Bombing aus. Spieler hinterließen auf Metacritic massenhaft 10er-Wertungen, wodurch AI: The Somnium Files zwischenzeitlich zum Switch-Spiel mit der besten User-Wertung aller Zeiten wurde.
Die Frage bleibt: Was tun?
Solche Aktionen sind natürlich herzerwärmend, aber trotzdem nicht wirklich hilfreich. Denn auch ein paar nett gemeinte Positivbewertungen verzerren nunmal den Durchschnitt. Objektiv betrachtet ist AI: The Somnium Files sicher kein Meilenstein der Nintendo-Geschichte. Die Frage bleibt also nach wie vor: Wie kann man Review Bombing einen Riegel vorschieben? Man könnte natürlich vorschlagen, nur noch perfekte Spiele zu machen, sie immer auf allen Plattformen und am besten auch gleich ohne Mikrotransaktionen anzubieten. Das ist aber offensichtlich utopisch. Gleiches gilt für die komplette Abschaffung von User-Scores, die zuletzt tatsächlich auch in Teilen der deutschen Gaming-Community gefordert wurde. Viel sinnvoller ist es, die vorhandenen Systeme zu verbessern. So wie Steam das bereits seit einiger Zeit macht.
Zum einen schließt Valve bei der Berechnung der Durchschnittswertung jegliche Rezensionen aus, die auf Basis von kostenlosen Spielversionen wie etwa Review-Fassungen basieren. Zum anderen werden Nutzerwertungen in einem Histogramm angezeigt, das positive und negative Reviews gegenüberstellt. Für potenzielle Käufer ist es somit einfacher, vorübergehende Verfälschungen zu erkennen und zu berücksichtigen. Ungewöhnliche Aktivitäten, die klar als Review Bombing zu identifizieren sind, werden zudem markiert und nicht in die Gesamtbewertung eines Spiels mit einberechnet. Das passierte 2019 insgesamt 44-mal.
Quelle: PC Games
Im Steam-Histogramm könnt ihr gut nachvollziehen, wie ein Titel bewertet wurde. Vorübergehende Negativtrends, etwa durch Review Bombing, lassen sich so leicht erkennen.
Im Fall von Metacritic ist die ganze Angelegenheit schon etwas komplizierter. Das liegt schon mal daran, dass die Seite auf User-generierten Content angewiesen ist. Ohne Nutzerwertungen beziehungsweise deren Diskussion, bekäme der Review-Aggregator weitaus weniger Traffic und damit einhergehend weniger Werbeeinnahmen. Community-Kommentare abzuschaffen ist daher keine Option, alleine aus rein wirtschaftlicher Sicht. Es gibt aber diverse andere Lösungswege, die durchaus umsetzbar wären.
Drei Wege zu Besserung
Quelle: PC Games
Solange Metacritic nichts an seinen Regeln ändert, werden Review Bombings wie im Falle von The Last of Us Part 2 auch weiterhin keine Seltenheit bleiben.
Der offensichtlichste ist: mehr menschliche Moderatoren. Metacritic erklärt zwar, man habe bereits ein Team, das regelmäßig unpassende und anstößige Einträge löscht. Mehr Augen sehen aber nun mal auch mehr. Mit zusätzlicher Manpower wäre es zum Beispiel möglich, Einträge händisch zu prüfen und dann freizugeben - zumindest bei kontroversen Titeln wie The Last of Us Part 2. So ließe sich Review Bombing wenigstens eindämmen. Ähnliches könnte auch ein Verbot von extrem frühzeitigen Nutzerreviews erreichen. Ellies neuestes Abenteuer lässt sich beispielsweise nicht in unter 25 Stunden durchspielen. Warum also Bewertungen direkt ab Releasetag erlauben, wenn sich der Großteil der Spielerschaft noch gar kein umfassendes Bild machen konnte, auf dem sich eine kompetente Einschätzung begründen ließe?
Zu guter Letzt lohnt sich auch noch ein Blick auf diverse technische Lösungen: Man könnte etwa den Besitz des bewerteten Spiels verifizieren lassen, Wegwerf-Emailaccounts verbieten, pro IP-Adresse nur ein Review erlauben oder neu angelegte Konten erst eine Art "Bewährungszeit" durchlaufen lassen, bevor sie Rezensionen verfassen dürfen.
Natürlich lassen sich solche Schritte nicht über Nacht einleiten. Und höchstwahrscheinlich werden sie das Problem mit Review Bombing auch nicht endgültig lösen können. Sie wären aber immerhin mal ein guter erster Schritt in die richtige Richtung. Sollte sich nämlich weiterhin nichts tun, dann werden sich Seiten wie Metacritic mehr zu einem Schlachtfeld für Glaubenskriege entwickeln und weniger zu einem geeigneten Anlaufpunkt für Spiele-Empfehlungen.
