Brettspiel-Rezension: Kooperatives Steinzeitabenteuer Paleo
Special 53,99 €
Das zum Kennerspiel des Jahres 2021 gekürte Paleo überzeugt mit viel Abwechslung, guter Spannung und tollem Miteinander-Gefühl für lauschige Brettspiel-Abende. Damit ist es eine gute Wahl für alle, die gerne gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten und eine gute Balance aus spielerischem Geschick und Zufall bevorzugen.
Auf dieser Seite
Wenn man sich unter den erfolgreichsten PC- und Videospielen umsieht, stößt man immer wieder auf Games, die unsere Urinstinkte als Jäger und Sammler ansprechen. Bei Pokémon sammelt man die titelgebenden Taschenmonster, in Fortnite gibt's ständig neue Skins freizuspielen, bei FIFA Ultimate Team locken stets bessere Karten und in so ziemlich jedem Rollenspiel wird die Item-Sammelwut geweckt. Auch im Brettspiel Paleo, das 2021 zum Spiel des Jahres in der Kategorie Kennerspiel gekürt wurde, geht es um das Jagen und Sammeln. Jedoch mit dem großen Unterschied, dass es hier nicht um eine Spielmechanik geht, die diesen Urinstinkt aufgreift. Nein, bei Paleo ist das absolut wörtlich zu verstehen. Denn in diesem kooperativen Brettspiel von Peter Rustemeyer für 2-4 Spieler lenkt ihr gemeinsam die Geschicke eines Menschenstammes durch die Tücken der unerbittlichen Steinzeit und sichert dessen Fortbestand.
Wie funktioniert Paleo?
In Paleo übernimmt jeder Spieler eine Gruppe des gemeinsamen Stammes, mit der er tagsüber verschiedene Gebiete erkundet, Rohstoffe sammelt, Tiere erlegt, Gefahren trotzt, Werkzeuge herstellt und noch einiges mehr. Nachts geht es hingegen darum, den Stamm zu ernähren und bestimmte Missionen zu erfüllen, die zumeist wertvolle Rohstoffe kosten. Die Rahmenbedingungen sind dabei sehr simpel: Ziel des Spiels ist es, fünf Siegpunkt-Plättchen durch verschiedene Aufgaben zu erhalten und damit eine Höhlenmalerei zu vervollständigen. Allerdings muss das gelingen, bevor der Stamm zugrunde geht, was durch das Sammeln von fünf Totenschädel-Plättchen symbolisiert wird.
Quelle: Hans im Glück Verlag
Das Spielmaterial von Paleo ist hochwertig verarbeitet und schick gestaltet. Im Bild ist alles zu sehen, was für eine Partie benötigt wird.
Der Ablauf des Abenteuers wird durch verschiedene, abwechslungsreiche Ereigniskarten ausgespielt, die gleichmäßig an alle Spieler verteilt werden. Diese Karten erkunden die Spieler in Zügen, bis der Kartenstapel bei allen aufgebraucht und der Tag somit vorbei ist. Der Clou dabei: Zu Beginn eines Zuges nimmt sich jeder Spieler je drei Aktionskarten verdeckt vom Stapel und muss anschließend nur anhand der Kartenrückseiten entscheiden, was der Stamm macht. Die Rückseite einer Karte gibt zwar Aufschluss darüber, was man in etwa erwarten kann, mit Sicherheit weiß man es aber nie. In Flussgebieten trifft der Stamm womöglich auf Wild, im Wald ist häufig Holz zu finden und im Gebirge können die Urzeitmenschen wertvolle Steine ergattern. Doch ebenso lauern auch ungeahnte Gefahren wie Steinschläge oder aggressive Tiere auf den Kartenvorderseiten. Nur im Lager ist man immer sicher und kann dort den Stamm vergrößern, Werkzeuge herstellen oder neue Ideen austüfteln.
Gemeinsam stark
Entsprechend wichtig ist eine gute Absprache in Paleo und immerzu gilt es, interessante Entscheidungen zu treffen. Wer erkundet welches Gebiet? Welche Rohstoffe werden dringend benötigt? Wer riskiert einen Kampf, um möglicherweise wertvolle Beute davonzutragen? Und vor allem: Welche Aufgaben werden gemeinsam bestritten? Denn auf den Kartenvorderseiten befinden sich unterschiedliche Aktionen. Oftmals sind das Fähigkeitsprüfungen verschiedener Art. In vielen Situationen besteht aber auch die Möglichkeit, statt mit seiner Gruppe selbst etwas zu erledigen, der Gruppe eines anderen Spielers zu helfen und somit sämtliche Fähigkeiten, Menschen und Werkzeuge zu kombinieren. Hier glänzt der kooperative Ansatz von Paleo, denn nur gemeinsam kann der Stamm überleben und für viele Aufgaben ist das Zusammenspiel notwendig.
Quelle: PC Games
Während der Tag-Phase entscheiden sich die Spieler basierend auf den Kartenrücken zwischen drei Ereigniskarten (links unten im Bild).
Eine Mammutjagd erfordert beispielsweise sehr viel Können und Anstrengungen, doch im Gegenzug winkt dicke Beute. Gemeinsames Taktieren ist daher ein zentraler Aspekt während einer Partie Paleo und sogar kurzfristige Boni müssen hin und wieder gegen langfristige Absicherung abgewogen werden. So kann man einen Beerenbusch abholzen, um auf einen Schlag mehr Nahrung und Holz für die Gemeinschaft zu sichern, doch dadurch landet die Karte auf dem Friedhof und scheidet somit für den Rest der Partie aus. Oder man nimmt nur ein paar Beeren und somit wenig Nahrung mit, dafür bleibt der Busch für künftige Tage erhalten und kann immer wieder genutzt werden. Zudem bietet Paleo ein sehr gutes Fortschrittsgefühl. Während man am ersten Spieltag mit seiner kleinen, schlecht ausgerüsteten Menschengruppe selbst mithilfe an schwierigen Herausforderungen richtig zu knabbern hat, ist das gleiche Ereignis am dritten oder vierten Tag plötzlich kein Problem mehr.
Abwechslungsreiche Abenteuer
Eines der Highlights des Spiels ist der modulare Aufbau der Abenteuer. Zu den Basiskarten, die in jeder Partie genutzt werden, wählt man vorab zwischen 2 und 3 zusätzlichen Modul-Kartensätzen, die beigemischt werden. Die Module sind thematisch gegliedert und stellen den Stamm vor spezielle Herausforderungen. In der Anleitung werden sieben verschiedene Modulkombinationen empfohlen, wodurch sich verschiedene Level ergeben, die wiederum eine zunehmend kniffliger werdende, aber nur lose zusammenhängende Kampagne bilden. Wenn man in Paleo bereits geübt ist, kann man die Module aber auch frei miteinander kombinieren. Sogar das Erstellen eines komplett eigenen Moduls ist durch die Beigabe von Blanko-Karten möglich.
Quelle: PC Games
In der Werkstatt fertigen die Steinzeitmenschen Werkzeuge und andere nützliche Dinge.
Dieser modulare Ansatz hat gleich zwei große Vorteile. Einerseits kann man den Schwierigkeitsgrad so perfekt passend zur jeweiligen Spielergruppe wählen. Befinden sich Paleo-Neulinge in der Runde, liegt der Griff zu leichten Modulen nahe. Können hingegen alle bereits auf die Erfahrungen aus ein paar gespielten Runden Paleo bauen, sorgen herausfordernde Module für Spannung. Andererseits fördert das die Abwechslung und den Wiederspielwert ungemein. Am meisten Spaß macht es, eine Modulkombination zum ersten Mal zu erleben. Denn in diesen Fällen muss man zunächst im Verlauf der Partie rausfinden, wie man am besten vorgeht, worin die größten Herausforderungen bestehen und wie man an die begehrten Teile der Wandmalerei rankommt. Doch auch bei wiederholtem Spielen von bereits bekannten Modulen bleibt das Abenteuer durch den karteneigenen Zufallsfaktor und die Koop-Mechaniken stets abwechslungsreich und motivierend.
Gutes Material, mangelhafte Anleitung
Der (erste) Aufbau des hochwertigen Spielmaterials ist unkompliziert, geht gut von der Hand und dauert nicht allzu lange. Im Lieferumfang enthalten sind zudem ausreichend viele wiederverschließbare Klarsichttütchen, um alle Karten, Rohstoff-Klötzchen und Spielchips gut sortiert und sicher nach dem Ausflug in die Steinzeit wieder in der Verpackung zu verstauen.
Das eine Manko von Paleo ist die umständlich aufgebaute und mit ein paar kleineren Lücken versehene Spielanleitung. Oft muss man bei Regelfragen zwischen den zwölf Seiten der Anleitung hin und her springen, weil es diverse Querverweise gibt, oder auch mal besondere Karten im Beiblatt nachschlagen. Auch das per QR-Code erreichbare 6-Minuten-Regelvideo fasst die Grundlagen zwar schön anschaulich zusammen, hilft aber nicht bei den tiefergehenden Regelfragen. Hilfreicher wäre eine gut strukturiere Kurz-Übersicht für den Ablauf einer Runde gewesen. Doch zum Glück tut die suboptimale Spielanleitung dem Spielspaß keinen Abbruch, denn spätestens nach der ersten Partie sind die eigentlich simplen Grundregeln des Überlebenskampfes in der Steinzeit verinnerlicht und dem Spaß am Abenteuer steht nichts mehr im Weg.
Fazit
Quelle: Hans im Glück Verlag
Das zum Kennerspiel des Jahres 2021 gewählte Paleo.
In Paleo schreiben die Spieler eine dynamische Abenteuer-Geschichte, in der sie mit dem eigenen Stamm mal gerade noch gegen fiese Wölfe bestehen, mal um jedes bisschen Nahrung kämpfen, mal den Naturgewalten trotzen und mal von den Anstrengungen des Überlebenskampfes übermannt werden. Dabei steht das kooperative Miteinander immer an vorderster Stelle und Abwechslung ist selbst nach zahlreichen Partien geboten. Paleo bietet eine ordentliche Portion Tiefgang, ohne dabei übermäßig kompliziert oder langwierig zu werden. Am besten entfaltet sich der Reiz des Steinzeit-Abenteuers zu zweit oder zu dritt, da mit jedem weiteren Spieler die Bandbreite der Möglichkeiten größer wird und somit die Menge der Absprachen steigt, wodurch der Spielfluss ein wenig ins Stocken geraten kann. Auch die Angabe von etwa 45 bis 60 Minuten für ein Spiel entspricht bei dieser Zahl an Teilnehmern am ehesten der Praxis, vorausgesetzt, die Spieler kennen die Regeln bereits. Was aber nicht heißen soll, dass Paleo nichts für vier Spieler ist, ganz im Gegenteil, auch für einen lauschigen Viererabend ist Paleo auf jeden Fall eine klare Empfehlung!
Noch mehr Paleo gefällig?
Ein paar erste Erweiterungen für Paleo gibt es übrigens auch schon. Das Zusatzmodul Initiationsritus dient als Anfänger-Modul und soll einen interessanteren Einstieg ins Spiel ermöglichen. Das Erweiterungsmodul Terrorvögel ist eher für Fortgeschrittene gedacht und konfrontiert die Steinzeitbewohner mit neuen Herausforderungen. Wer bei Paleo auf den Geschmack gekommen ist, dürfte aber am meisten von der ersten großen Erweiterung Ein neuer Anfang haben. Diese bietet ein komplett neues Basiskarten-Set, sechs neue Module, zusätzliche Werkzeuge und mehr. In der Erweiterung können Spieler mit ihrem Stamm sesshaft werden, wodurch sie nicht mehr auf die Jagd allein angewiesen sind. Aber natürlich lauern auch neue Gefahren.
