Asset Flips: Der schnelle Reibach mit Fake-Spielen
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Assets billig einkaufen, mit minimalem Aufwand zusammenschustern - und dann ab damit in die Download-Portale dieser Welt. Wir fühlen in unserer Reportage dem Phänomen der Assets Flippings auf den Zahn und erklären, warum es für die Spielebranche so gefährlich ist.
Normalerweise finden nicht von der Presse oder Influencern besprochene Low-Budgetspiele im Nintendo eShop kaum bis gar keine Beachtung. Bei dem am 7. Mai 2020 veröffentlichten The Bullet: Time of Revenge von Art Game Studio war jedoch genau das Gegenteil der Fall. Bereits wenige Tage nach Release wimmelte es im Netz von Artikeln zum bisher völlig unbekannten Third-Person-Shooter.
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Jedoch nicht etwa, weil der Switch-Titel spielerisch besonders herausragend, innovativ oder andersartig wäre. Nein, sondern vielmehr, weil er es in den Augen vieler Konsumenten schlichtweg nicht verdient hat, überhaupt als "Spiel" bezeichnet zu werden. Richtig gelesen: Obwohl der 4,49 Euro teure Titel über einen Protagonisten, diverse Fahrzeuge, mehrere Gegnertypen und voll funktionsfähige Gameplay-Mechaniken verfügt, kategorisieren viele Tester das Ergebnis knallhart als Fake-Game oder sogenannten Asset Flip.
Doch was genau ist ein Asset Flip überhaupt? Der Begriff selbst wurde vor einigen Jahren vom bekannten Gaming-YouTuber Jim Sterling etabliert und leitet sich vom Englischen "House Flipping" ab. Gemeint ist eine durchaus gängige Praxis, bei der jemand eine meist renovierungsbedürftige Immobilie günstig kauft, anschließend saniert und dann für einen deutlich höheren Preis wiederverkauft. Übertragen auf die Spielebranche ist das Prozedere recht ähnlich, im Kern jedoch noch viel dreister.
Quelle: Narcos Digital
Im kommenden Asset Flip Tycoon Simulator für PC werdet ihr selbst zum Ersteller minderwertiger Spieleklons. Corona-bedingt wurde der ursprüngliche für Anfang März geplante Launch jedoch auf unbestimmte Zeit verschoben.
Auf den Punkt gebracht: Im Falle von The Bullet: Time of Revenge kauften die Art Game Studios im Online-Store des Engine-Hersteller Unity zunächst ein sogenanntes Full Game Kit von Hammer 2: Reloaded. Das Materialpaket aus der Feder von Xform Games mit Sitz im niederländischen Utrecht kostet im Unity Asset Store gerade einmal 44,66 Euro, erschien bereits Ende 2015 und ist eigentlich als voll spielbare Design-Grundlage für angehende Games-Entwickler gedacht.
Der vollständige Programmcode sowie sämtliche Grafik-, Sound- und Musikdateien - all das ist Teil eines handlichen, 104,8 Megabyte großen Rundum-Sorglos-Asset-Baukastens. Immer mit dem Ziel vor Augen, dass ein anderer Entwickler diese Materialien nach Belieben in Unity modifiziert, um sie dann als Fundament für eine eigenständige Gameplay-Erfahrung zu nutzen. So zumindest die Theorie.
Entwickler Art Game Studios aber trat dieses Konzept mit Füßen, änderte lediglich den Namen, machte minimale technische Anpassungen und schaufelte Hammer 2: Reloaded unter dem Decknamen The Bullet zum Schleuderpreis von 4,49 Euro in den Nintendo eShop. Stichwort Preis: Noch bis zum 16. Juli 2020 läuft eine Sonderaktion, die 30 Prozent Rabatt gewährt und allem Anschein nach noch mehr ahnungslose Kunden zum Kauf des Klon-Shooters verleiten soll.
Die Steamcalypse nimmt ihren Lauf
Quelle: Game Guru
Nebst Assets für die Engines Unity und Unreal ist auch der preiswerte Spielebaukasten Game Guru recht beliebt unter Asset Flippern.
Keine Frage, die Masche hinter The Bullet: Time of Revenge ist rotzfrech und verdammt unmoralisch, streng genommen aber ein ziemlich alter Hut und nur die Spitze eines riesigen Eisbergs. Ein Eisberg, der unter der Oberfläche seit Jahren wächst und wuchert, vor allem auf Valves Download-Plattform Steam.
Erstmals ins Rollen kam die Thematik mit der Einführung von Steam Greenlight im August 2012 - einer Art "Qualitätskontrolle" für neue Indie-Game-Projekte. Gegen einen Obolus von 100 Dollar konnten kleine Entwickler kommende Titel einreichen, eine Vorstellungsseite dazu erstellen und das Projekt dann von der Community bewerten lassen. Kam eine ausreichender Menge an positiven Stimmen zusammen, erhielt das Spiel "grünes Licht" und durfte auf Steam verkauft werden.
Was auf den ersten Blick durchaus sinnvoll und nach einer guten Idee klingt, wurde von zahlreichen schwarzen Schafen leider binnen kurzer Zeit massiv missbraucht. Nebst Bots, die automatisiert Bewertungen abgaben und Produktinformationsseiten mit gefälschten Screenshots und inhaltlichen Falschangaben, sickerten beispielsweise immer wieder Berichte über Bestechungsmanöver durch. So bezahlten einige Entwickler Nutzer unter anderem mit Geld oder Steam-Keys, damit diese ihr Projekt positiv bewerteten.
Quelle: Bennet Foddy
Der Plattformer Getting Over It with Bennett Foddy mauserte sich 2017 zum Indie-Hit. Da das herausfordernde Spielkonzept überzeugt, stört es jedoch kaum jemanden, dass hier größtenteils Unity-Store-Assets zum Einsatz kommen.
Resultat des an sich gut gemeinten, aber miserabel umgesetzten Greenlight-Systems war eine wahre Flut an Fake-Spielen. Ganz vorne mit dabei: die Digital Homicide Studios. Frei nach dem Motto "Masse statt Klasse" veröffentlichten die Gebrüder James und Robert Romine im Akkord "Spielerlebnisse", die komplett lustlos aus günstigen Unity-Store-Assets zusammengeschustert waren und stets dieselben Macken aufwiesen. Abseits unzähliger Programmfehler, unpräziser Steuerung und repetitiver Musik zeichneten sich die Titel der US-Amerikaner in der Regel durch ein fehlendes Pause-Menü und weggelassene Spielenden aus.
So auch im 2014 veröffentlichten Zombie-Survival-Shooter The Slaughtering Grounds, dem wohl bekanntesten Machwerk der Romine-Brüder. Nachdem man sich durch drei Spielebenen nicht enden wollender Klongegner gequält hatte, die alle auf ein und derselben KI-Routine basierten, ging es einfach wieder von vorne los. "Quälen" trifft den Nagel dabei übrigens auf den Kopf, denn der einzige Weg, einen Level abzuschließen, bestand darin, irgendwie 16 Minuten und 16 Sekunden zu überleben. Die Gesamtspielzeit belief sich damit auf knapp unter 49 Minuten. Support-Anfragen? Wurden konsequent ignoriert. Negative Nutzerbewertungen? Konsequent gelöscht.
Dass der Shitstorm rund um The Slaughtering Grounds dennoch schnell an Fahrt aufnahm, lag in erster Linie an diversen, besonders kritischen YouTubern, darunter James Stanton (alias Jim Sterling) und Joe Vargas (alias AngryJoe). Sie sezierten jedes Detail in umfangreichen Videostreams und förderten so die Aufmerksamkeit innerhalb der Steam-Community.
Quelle: NetEase Games
Viele Elemente aus dem Battle-Royale-Shooter Rules of Survival von NetEase Games – etwa das 3D-Modell des Helden – erinnern verblüffend an PUBG. Der daraus erstehende Rechtsstreit wurde erst im Frühjahr 2019 beigelegt.
Eskaliert ist das Ganze gleichwohl erst, als Jim Sterling später von Digital Homicide auf eine Schadensumme von 15 Millionen Dollar verklagt wurde. Begründung: Sterlings Test (der im Übrigen nur einen Ersteindruck darstellte) sei pure Verleumdung und Diffamierung. Doch damit nicht genug. Während sich Sterling bedingt durch den Rechtsstreit mit öffentlichen Äußerungen zurückhielt, führten viele Influencer den Kleinkrieg gegen Digital Homicide fort. Die wiederum nahmen dies zum Anlass, 100 ihnen kritisch gestimmte Steam-Nutzer ebenfalls zu verklagen - unter anderem wegen öffentlicher Demütigung, Einkommensverlusten sowie der Bildung von Hassgruppen. Schadensumme diesmal: 18 Millionen US-Dollar. Der Asset Flip mutierte zum zweiten Mal zum Rechtsstreit und belastete nun auch das Image von Steam. Da die Sachlage jedoch ziemlich eindeutig war und man feindselige Aktivitäten Nutzern gegenüber nicht hinnehmen wollte, erteilte Steam Digital Homicide noch im Sommer 2016 Store-Verbot.
Steam-Sammelkarten: Der ultimative Brandbeschleuniger
Zugegeben, der Rausschmiss von Digital Homicide zeigte Signalwirkung. Erledigt hatte sich das Thema Asset Flipping damit aber noch lange nicht. Die Gründe dafür sind vielfältig und stehen auch in direktem Zusammenhang mit dem Sammelkarten-System von Steam. Zur besseren Einordnung: Viele auf Steam verkaufte Spiele beinhalten digitale Sammelkarten. Verbringt der Nutzer eine gewisse Zeit mit dem Spiel oder meistert gewisse Herausforderungen, erfolgt eine Freischaltung der Karten. Allerdings wird maximal die Hälfte eines Sets durchs Spielen zugänglich. Die zweite Hälfte ergattert man nur durch Tauschen mit anderen Spielern, oder indem man sie auf einem eigenes dafür eingerichteten Marktplatz auf Steam gegen kleines Geld erwirbt.
