Activision Blizzard: Warum die Übernahme eine einmalige Chance ist

Kolumne Carlo Siebenhüner 53,99 €
Activision Blizzard: Warum die Übernahme eine einmalige Chance ist
Quelle: Activision Blizzard, Bildmontage: PC Games

Microsoft kauft Activision Blizzard und die Spielewelt steht kopf. Doch zwischen all dem Rauch zieht auch Hoffnung auf. Hoffnung, dass Activision und Blizzard ihre Chance erkennen. Durch den Deal mit Microsoft haben sie nämlich die einzigartige Möglichkeit, Call of Duty, Blizzard und den gesamten Ruf der Firma zu restaurieren. In seiner Kolumne erklärt Carlo, was dringend getan werden muss.

Da ahnt man nichts Böses und will doch einfach nur in Ruhe spielen, doch dann kommt Microsoft aus dem Nichts und kauft einfach mal so Activision Blizzard weg. Auf einmal steht die ganze Spielewelt Kopf. Fast 70 Milliarden, Call of Duty exklusiv für die Xbox, die Konsequenzen aus diesem Deal werden wir erst sehr viel später spüren.

Doch bei aller Schwarzmalerei könnte die Übernahme auch gute Seiten haben. Vor allem für den hart angeschlagenen Ruf von Activision. Mit neuer Führung und einem Megakonzern im Rücken, der Verfehlungen am Image nicht dulden wird, ist es höchste Zeit, die Altlasten der letzten Jahre aufzuarbeiten und geradezubiegen.

Oder kurz gesagt: Microsofts Kauf ist die eine Chance für Activision Blizzard, sich endlich wieder zu erneuern und zurück auf die Spur zu kommen.

Ich persönlich sehe drei große Baustellen, die mit einer neuen Führung angegangen werden müssen und bei denen Microsoft auch durchgreifen muss, um den Ruf von Activision wieder aufzupolieren.

Das sind die verfahrene Situation mit Call of Duty, die enttäuschende Entwicklung bei Blizzard und natürlich die massiven Missbrauchs- und Diskriminierungsfälle, die Activision eigentlich das gesamte letzte Jahr überschattet haben.

Eine Milchkuh namens Call of Duty

Die fetteste Kuh, die Activision im Stall stehen hat, ist natürlich Call of Duty. Seit 2006 erscheint jedes Jahr ein neuer Teil. Insgesamt kommt die Serie auf 18 Spiele und sie ist nach wie vor eine Gelddruckmaschine. Damit diese immer weiterläuft, hat Activision sieben Studios, die seit Jahren an der Serie arbeiten.

Drei davon kümmern sich um neue Teile der Serie und vier machen Aushilfe und Support. Jeweils drei Jahre Entwicklungszeit sind für einen Serienteil pro Hauptstudio geplant.

Call of Duty wird seit einigen Jahren von Problemen überschattet. Der Produktionstakt ist durcheinander.  Quelle: PC Games Hardware Call of Duty wird seit einigen Jahren von Problemen überschattet. Der Produktionstakt ist durcheinander.  Das funktioniert auch, wenn man den Plan nicht durcheinander bringt. Dass so etwas aber schnell passiert, sehen wir aktuell. 2020 vermelden Sledgehammer Games, sie bräuchten mehr Zeit für ihr Call of Duty. Im durchgetakteten Entwicklungszyklus ist das eine Katastrophe. Treyarch springt ein und cruncht Black Ops Cold War durch, das eigentlich erst im Jahr danach dran gewesen wäre. Das Ergebnis ist unterwältigend und enttäuscht die Spieler.

Sledgehammer haben trotz zusätzlicher Zeit weiterhin Probleme und müssen bei Vanguard und dem Warzone-Update auch nach Release viele Baustellen flicken. Nach allem, was man von Insidern hört, ist auch Call of Duty 2022 jetzt schon von Problemen geplagt und Activision wirft alle Ressourcen darauf, die sie haben, um den Kahn zu retten. Alles wegen einer kleinen Unruhe in der Maschine.

Es ist ein Teufelskreis, der eigentlich nur durchbrochen werden kann, wenn man auf die jährlichen Releases verzichtet und der Serie endlich Zeit zum Atmen gibt. Bei einem autark agierenden Activision ist das unmöglich, schließlich ist es die Lebensader der Firma und ein Jahr ohne Call of Duty würde ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten bedeuten.

Unter der Xbox-Marke sieht das anders aus. Dort stehen mittlerweile genügend andere Titel bereit, die erscheinen und Geld einspielen. Mit dem Game Pass gibt es eh einen stetigen Cashflow von hunderten Millionen Dollar pro Monat. Microsoft könnte den Studios also Zeit geben, sich neu zu sortieren und kreative Ideen besser auszuarbeiten, um der Serie aus dem Loch zu helfen.

Vielleicht lässt man die Studios auch gleich etwas ganz Anderes machen. Nach fast zwei Jahrzehnten ausschließlich Call of Duty wäre das vielleicht auch nicht die schlechteste Idee.

Oh, Blizzard ...

Jaina beschwört ihre Magie Quelle: Activision Blizzard Das Debakel rund um Warcraft 3 Reforged steckt den Spielern noch tief in den Knochen.  Das zweite Sorgenkind, um das sich Microsoft kümmern muss, ist Blizzard. Der legendäre Ruf ist in den letzten Jahren größtenteils durch fragwürdige Entscheidungen und Projekte abgeblättert, etwa den außerplanmäßigen Aprilscherz namens Diablo Immortal, das seltsame Wegducken vor China oder ganz einfach wegen des Qualitätsverlustes der letzten Spiele.

Mit Warcraft 3 Reforged oder den letzten WoW-Addons hat das Image gelitten. Schließlich war Blizzard mal die Firma, auf die man sich verlassen konnte, doch das ist sie nicht mehr.

Leider muss man sagen, dass viele dieser Schäden - gerade im Entwicklerbereich - irreparabel sind. Zu viele gute Entwickler sind gegangen und haben eigene Studios gegründet, weil sie keine Lust mehr auf Activisions Machenschaften hatten. Die haben Insidern zufolge aktiv versucht, Blizzard von ihrem "Wir entwickeln so lange, bis es geil ist" - Weg abzubringen und zu einer willenlosen Gelddruckmaschine zu machen.

Hier muss Microsoft handeln und Blizzard wieder zur alten Größe verhelfen, indem sie kreative Köpfe fördern und gleichzeitig die Leute aus Marketing und Finanzabteilung aus Entscheidungspositionen nehmen. In Blizzard steckt meiner Meinung nach auch heute noch eine Menge Potenzial für großartige Spiele. Es muss nur wieder aktiviert und der alte Ruf wiederhergestellt werden.

Menschliche Schicksale ernst nehmen

Die letzte Baustelle, die ich ansprechen möchte, ist gleichzeitig die Größte. Die Berichte über Missbrauch und Diskriminierung bei Activision Blizzard müssen aufgearbeitet und die Situation der Opfer muss aktiv verbessert werden. Gleichzeitig muss die Unternehmenskultur neu geformt werden.

Die Skandale, die letztes Jahr ans Licht kamen, haben die gesamte Gamingwelt erschüttert. Unzählige Belege zu kontinuierlicher sexueller Belästigung, Ungleichbehandlung und schlechteren Karrierechancen für Minderheiten haben sogar den Staat Kalifornien dazu gebracht, Activision zu verklagen.

Selbst wenn nur ein Teil davon stimmen sollte, ist es erbärmlich, was sich hier über Jahre für eine toxische Kultur entwickeln konnte. Alles durch ein paar wenige Führungskräfte und die Rückendeckung durch CEO Bobby Kotick.
Der Chef von Activision-Blizzard Bobby Kotick. Quelle: Bobby Kotick in NYC photographed by Jordan, CC-BY 2.0 Unzählige Berichte über systematische Diskriminierung und Belästigung überschatten Activision seit einem Jahr. Der CEO soll von alledem gewusst haben. 
Microsoft muss hier nach Abschluss des Deals handeln, noch mehr als bei den anderen Baustellen. Einerseits stellt sich die Xbox-Division nämlich immer als eine Firma hin, die extrem für Inklusion ist und aktiv gegen Diskriminierung, Rassismus und Missbrauch arbeitet. Andererseits geht es hier verdammt nochmal um die Schicksale von Menschen, und die haben ein Recht darauf, dass man sie hört und man mit ihnen gemeinsam an einer Lösung arbeitet.

Das alles wird jetzt aber erst einmal eine Sache brauchen: Zeit. Allein bis der Kauf selbst unter Dach und Fach ist, kann es noch bis nächstes Jahr dauern, und erst dann kann Microsoft überhaupt erst eingreifen.

Die Aussicht, dass Bobby Kotick und Teile seiner Führungsriege wahrscheinlich nach Abschluss des Deals endlich ihre Plätze räumen, ist zumindest schon mal ein positiver Anfang. Darüber hinaus muss Microsoft aber zeigen, dass hinter ihren Worten um Spielekultur und Inklusion nicht nur viel heiße Luft steckt.

Microsoft muss hier eine Suppe auslöffeln, die Activision sich selbst eingebrockt ha,t und da haben sie sich eine ordentliche Aufgabe ans Bein gebunden. Doch ich bin nun mal ein verkappter Optimist und deswegen hoffe ich wirklich, dass sich etwas verändert und die Verantwortlichen sich ihrer Aufgabe bewusst sind.

So eine zweite Chance bekommt man nämlich nie wieder, und die kreativen Köpfe bei Activision und Blizzard haben es verdient, wieder ernst genommen zu werden.

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