Der drohende Fall von Wata Games: Ist Video Game Grading bereits am Ende?
Kolumne 53,99 €Videospiele in Plastikhüllen einschweißen, um ihren Wert künstlich zu erhöhen, ist und bleibt ein strittiges Thema. Doch die jüngsten Erkenntnisse über die Grading-Firma Wata Games sind so brisant, dass inzwischen eine ernsthafte Warnung angebracht ist, meint unser Autor Andreas Altenheimer.
Um es gleich unmissverständlich klarzumachen: Ich hasse Video Game Grading! In meinen Augen werden hier seit Jahren künstliche Wertanlagen geschaffen, die einzelne Leute bereichern. Und dies hat rein gar nichts mit der Leidenschaft eines echten Spielesammlers zu tun. In unserem Artikel über Videospiele als Wertanlage wollte und konnte ich es nicht so direkt sagen - schlicht, weil es meine persönliche Meinung ist. So manch einer sieht dies allerdings anders und betrachtet das Verpacken von eingeschweißten Retro-Games in robuste Hüllen als eine sinnvolle oder gar bereichernde Form des Sammelns.
Die jüngsten Berichte über einen alten Super-Mario-Titel, der bei einer Versteigerung mehr als zwei Million Dollar eingebracht hat, machten mich trotzdem sofort stutzig. Allen voran: Wer gibt so viel Geld für ein Spiel aus? Und warum?
Am meisten störte mich an der Geschichte, dass es sich um ein stinknormales Super Mario Bros. handelt - einem der meistverkauften und daher meistproduzierten Spiele der Welt. Solch astronomisch hohe Beträge klingen selbst für wirklich seltene Games wie Rendering Ranger: R2 oder Magical Chase unangebracht, die man derzeit auf vierstellige Summen schätzen würde. Und dann soll ein gewöhnliches Super Mario Bros. das Tausendfache wert sein? Weil ein paar selbst ernannte Experten es in ein Stück Plastik geschweißt haben? Ja, ne, ist klar.
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Richtig dumm wird es, wenn Kunden der Grading-Firma Wata Games ) nicht zufrieden mit der Punktzahl sind, die ihr eingereichtes Sammelstück erhalten hat, deswegen die teuer erstandene Hülle aufreißen und das Objekt erneut zum Graden einschicken. Einfach nur in der Hoffnung, dass danach keine 9.4, sondern eine 9.6 auf dem Label steht und somit der "Wert" um ein Vielfaches steigt.
So wertvoll wie eine Blaue Mauritius
Schaut euch andere Sammelmärkte an und ihr werdet feststellen, wie absurd das alles ist: Jeder hat bestimmt von der berühmten Blauen Mauritius gehört, eine der seltensten und begehrtesten Briefmarken der Welt. Ihr Wert liegt geschätzt bei einer Million Euro - und damit deutlich unter dem von Wata Games gegradeten Super Mario Bros., das jüngst für fast das Doppelte über den Auktionstisch ging!
Quelle: Wikimedia Commons
Kein Scherz: Diese dunkelrote Briefmarke, deren Schrift nahezu ausgebleicht ist, hat vor einigen Monaten eine Rekordsumme von über acht Millionen Dollar erzielt. Und wenn Wata Games weiterhin Erfolg hat, könnte bald auch ein Videospiel diese Marke knacken ...
Nochmal zum Mitschreiben: Eine der seltensten Briefmarken der Welt, die im wahrsten Sinne des Wortes Jahrhunderte bis zur Million gebraucht hat, soll weniger wertvoll sein als ein gewöhnliches Super Mario Bros. von 1985. Mit Verlaub: Die Sache stinkt!
Nun bin ich voreingenommen und vermute, was so manche Grading-Verfechter jetzt von mir denken: "Du bist doch nur neidisch, weil du deine Spiele vergammeln lässt und sie von Jahr zu Jahr mehr Abnutzungserscheinungen zeigen!" Richtig: Viele Exemplare in meiner Sammlung haben den sogenannten Mint-Status längst hinter sich. Eingeschweißt ist bei mir so gut wie gar nichts, weil ich Plastikfolien hasse und meine geliebten Games so schnell wie möglich davon befreien möchte.
Doch den jüngsten Ereignissen zufolge scheine ich nicht allein mit meiner Meinung zu sein. Denn es sind gerade die passionierten Sammler, die sich aktuell gegen diesen Unsinn stemmen - und innerhalb weniger Monate wahrhaft Abenteuerliches über Wata Games herausgefunden haben.
Quelle: Ebay / Screenshot
Selbst moderne Titel wie die relativ seltene physische Playstation-4-Version von Fortnite sind nicht vor dem Wata-Games-Wahn sicher und animieren Ebay-Verkäufer zu abenteuerlichen Sofortkauf-Preisen von knapp 60.000 Dollar!
Aufdeckung dubioser Machenschaften
Den Anfang machte Pat Contri alias Pat the NES Punk: Der US-Amerikaner gehört zu den leidenschaftlichsten Fans alter Nintendo-Entertainment-System-Spiele und besitzt eine der heiß begehrten Gold-Cartridges von Nintendo World Championships 1990 - die im Übrigen "nur" knapp 20.000 Dollar wert sein soll.
Pat führt schon seit geraumer Zeit einen Feldzug gegen Wata Games, gemeinsam mit seinem Podcast-Kollegen Ian Ferguson. Die beiden diskutieren regelmäßig über die irren Auktionsbeträge, die gegradete Spiele einbringen - und stellen sich ebenfalls die Frage: Wer hat ein ehrliches Interesse, solche Spiele für diese Mondpreise zu erstehen? Am Ende kommen sie immer auf das gleiche Fazit: Es geht schlicht und ergreifend um eine zukunftssichere Geldanlage.
Ein ähnliches Fazit zieht der Australier Karl Jobst ), der eher für seine analytischen YouTube-Videos über Speedruns und Highscore-Weltrekorde bekannt ist. Bereits bei diesem Thema scheute er sich nicht davor, sich mit diversen "Stars" wie Billy Mitchell anzulegen und dessen unter dubiosen Umständen entstandene Donkey-Kong-Punktzahl mit stichhaltigen Beweisen anzuzweifeln.
Nun hat Jobst kurzfristig die Front gewechselt und am 23. August 2021 sein bisheriges Meisterwerk veröffentlicht: das Video "Exposing FRAUD and DECEPTION In The Retro Video Game Market" . Darin demontiert er innerhalb von 53 Minuten die Machenschaften von Wata Games und wirft einige schwerwiegende Anschuldigen in den Raum.
So wäre es erst einmal nichts Ungewöhnliches, dass ein Sammler-Markt in kurzer Zeit stark an Ansehen gewinnt und die Preise entsprechend in die Höhe schnellen. Es gäbe genügend Beispiele aus der Vergangenheit, demnach ein solcher Hype meist in einer Blase endet und bereits nach ein paar Jahren platzt, sobald das allgemeine Interesse verfliegt.
Quelle: Wikimedia Commons
Wie tief steckt Heritage Auctions im Sumpf des Videospiel-Grading-Marktes? Zumindest ist nachgewiesen, dass Persönlichkeiten wie Mitbegründer James L. Halperin sowohl dort als auch bei Wata Games eine wichtige Rolle spielen.
Jobst behauptet kühn, dass diese Blase im Falle des Video Game Grading künstlich erschaffen werde. Genauer gesagt würde Wata Games im Gegensatz zum Konkurrenten Video Game Authority ) gezielt den Markt steuern, um sich zu bereichern.
Unabhängig davon, dass sowohl Wata Games als auch das Online-Auktionshaus Heritage Auctions bereits ordentlich Prozente durch das Graden sowie Versteigern der Spiele einheimsen und bei höher erzielten Beiträgen entsprechend mehr Geld verdienen, deckt Jobst mehrere Interessenskonflikte zwischen den Gründern und Nutzern von Wata Games auf.
So wird James L. Halperin, der Co-Vorsitzende von Heritage Auctions, von Beginn an als offizieller Berater von Wata bezeichnet. Gleichzeitig gehörte der Mann zu den drei Käufern eines der ersten versteigerten Super-Mario-Bros.-Exemplare, das immerhin einen Preis von 100.000 Dollar erzielte. Dies ist umso prekärer, weil Halperin anscheinend schon seit Jahrzehnten dafür bekannt sei, begehrte Sammelobjekte zu kaufen und sie alle paar Jahre in Auktionen anzubieten, einfach nur um den Preis nach oben zu treiben. Zugegebenermaßen präsentiert Jobst keine konkreten Beweise und lässt nur einen Augenzeugen zu Wort kommen, dessen Vater mit Halperin zusammengearbeitet und dessen Machenschaften mitbekommen haben soll.
Jobst konnte zum Glück bei seinen Recherchen weitere Käufer aufdecken: Die meisten sind Gesellschaften wie Mythic Markets oder Rally, die unter anderem Videospiele wie Aktien behandeln und anteilsmäßig weiterverkaufen. Der einzige Sinn für die Käufer: Die Anteile zu einem späteren Zeitpunkt für einen größeren Beitrag abzustoßen ... denn was bringt ihnen sonst ein Zehntel Videospiel?
Quelle: Quest / Medienagentur plassma
Warum wird eigentlich nicht das wirklich seltene Magical Chase für PC-Engine gegradet? Der Zyniker mutmaßt, dass sich dies aufgrund der Unbekanntheit des Spiels weniger gut vermarkten ließe und man lieber Schlagzeilen über ein generisches Super Mario Bros. bevorzugt.
Die lautesten Alarmsignale schrillen jedoch bei Mark Haspel, dem ehemaligen Präsidenten der Comic-Grading-Firma CGC : Haspel wurde von mehreren renommierten Sammlern - darunter auch der erwähnte Pat Contri - auf allerlei Retrobörsen gesichtet und fiel aufgrund seines hohen Interesse an eingeschweißten Spielen auf, von denen er möglichst viele einkaufte. Dies geschah wohlgemerkt unmittelbar vor der Gründung von Wata Games im Jahr 2018. Und seither lässt Haspel natürlich all diese Spiele fleißig graden.
Allein das müsste sich massiv mit der von Firmenchef Deniz Khan vorgegebenen Richtlinie beißen, demnach Mitarbeiter von Wata Games keine Spiele graden dürfen. Das Irre: Haspel selbst macht gar keinen Hehl aus diesem "Konflikt" und behauptete in einem (inzwischen gelöschten) Facebook-Beitrag, er sei nie ein "Mitarbeiter" von Wata Games gewesen, sondern nur ein "Berater". Allerdings ist belegt, dass seine Tätigkeiten weit darüber hinausgehen und Haspel unter anderem aggressiv Werbung für den Verein betreibt. Ja, Herrgott nochmal: Auf der offiziellen Webseite wird er unter der Überschrift "Executive Team" als dritte Person aufgeführt!
Ein eindringlicher Appell
So oder so ist mir klar, was einige von euch denken: "Warum sich aufregen? Ist doch klar, dass es moralisch korrupte Menschen gibt, die jedes Schlupfloch zur eigenen Bereicherung nutzen." Das stimmt, aber umso mehr muss ich mit dieser Kolumne eindringlich vor den Machenschaften des Grading warnen und klipp und klar sagen: Bitte unterstützt Wata Games nicht. Bitte kauft keine gegradeten Spiele. Bitte ratet jedem davon ab, der mit solch einem Gedanken spielt.
Ich gebe zu, dass sich mir persönlich bereits der Sinn hinter dem Graden nicht erschließt. Bei Briefmarken oder Münzen verstehe ich es noch halbwegs: Wer so etwas sammelt, der kann seine Schmuckstücke nur in ein Album stecken, sie betrachten oder anderen zeigen. Doch das Einschweißen von Spielen, die man in eine Konsole einstecken und spielen könnte, empfinde ich regelrecht als widersinnig.
Quelle: Medienagentur plassma
Geht es nach Wata Games, dann müsste man all diese Schmuckstücke in lebloses Plastik schweißen. Wogegen sich der Autor dieser Kolumne bis zum letzten Atemzug wehren wird!
Karl Jobst erklärt ganz zu Beginn seines oben erwähnten Videos einen der wichtigsten Reize des Spielesammelns, den ich komplett unterstreiche: Es macht Spaß, weil es nicht arm macht. Bislang konnte sich jeder eine hübsche Sammlung an Games zurechtzimmern und selbst entscheiden, wie tief er dabei in die Tasche greifen möchte.
Aber der Grading-Unsinn, den insbesondere Wata Games auf die Spitze treibt, sorgt aktuell bei einigen für Größenwahn und schädigt den Markt. Einerseits sind die Preise flächendeckend gestiegen und die von Ebay-Verkäufern veranschlagten Sofort-Kaufen-Beträge sorgen mehr und mehr für hysterische Lachanfälle. Auf der anderen Seite werden Sammler und Käufer immer zurückhaltender. Bekannte YouTuber wie der bereits erwähnte Pat the NES Punk oder MetalJesusRocks warnen genau wie ich eindringlich davor, bei dem ganzen Zirkus mitzumischen.
Deswegen spricht einiges dafür, dass diese Blase früher platzt, als es den Drahtziehern lieb ist. Und deshalb solltet ihr umso geduldiger sein, bis sich die Situation wieder beruhigt hat und in ein paar Monaten oder spätestens Jahren wieder alles normal ist. Hoffentlich.