Über fremde Länder und Schlagabtausche
Special
Der dritte Teil von Yu Suzukis Meisterwerk nimmt konkrete Formen an. Zeit für eine Bestandsaufnahme.
In diesem Artikel
Das Leben des Anderen
Quelle: Ys Net
Prächtig: Die Szenerien sind wie immer wunderschön. Yu Suzuki reiste für maximale Authentizität eine ganze Weile durch China und besuchte Weltkulturerbe-Stätten. Wie man sieht, lohnte es sich!
Bis heute gibt es nur wenige Spiele, welche auf erzählerischer Ebene mit Shenmue mithalten können. Der Spieler begleitet den jungen Japaner Ryo Hazuki auf seinem Rachefeldzug gegen Lan Di, den Mörder seines Vaters, dessen Tod er gleich zu Beginn des Spiels hilflos miterleben muss. Teil 1 behandelt Ryos Reise von Japan nach China. Dafür begab sich Mastermind Suzuki im Vorfeld der Produktion sogar persönlich ins Reich der Mitte und besuchte diverse Schauplätze wie die Stadt Guilin, um sich Inspiration zu suchen, bevor er wieder nach Japan zurückkehrte. Für Teil drei tat er dies übrigens nochmals. Auf der Webseite shenmuedojo.com sowie dem dazugehörigen Twitter- und Instagram-Account gibt es zahlreiche Fotos von den realen Äquivalenten vergangener und geplanter Schauplätze. Schon in den ersten beiden Spielen konnte Suzuki durch seine akribische Vorrecherche eine überaus überzeugende Atmosphäre erschaffen.
Für damalige Verhältnisse war es schier unglaublich, welchen Detailgrad Sega auf die Discs presste. Ryo Hazukis Haus, die Parks, Gassen, Restaurants, Bars und Shops in der Spielwelt sahen dank großartiger Texturen und schöner Effekte nicht nur wunderbar aus. Die Kulisse war auch mit zahllosen Requisiten und Gegenständen ausgestattet, welche der Spielwelt Leben einhauchten. Ob detaillierte Inneneinrichtung, mit Telefonen, Dekogegenständen, gut gefüllten Regalen und Schuhschränken, oder Büros mit vollgekritzelten Kalendern an den Wänden - die Szenerie war stets überzeugend.
Quelle: Shenmue Kickstarter Page
Tolle Landschaften mit typischen Japano-Flair
Und nicht nur das: Durch die zahlreichen NPCs und das dialoglastige Gameplay, erreicht Shenmue einen hohen Grad an Immersion. Der Spieler taucht tief in das Leben von Ryo ein und baut eine emotionale Bindung zu ihm auf, die sich nicht zuletzt auch durch zahlreiche banale Aktivitäten entwickelt, die ihn menschlicher erscheinen lassen. So kann Ryo sich am Automaten Limo und Cola besorgen, sinnlos Zeit mit dem Kauf von Sammelfiguren verplempern oder muss sich sein Geld als Gabelstaplerfahrer am Hafen verdienen.
Durch die Interaktionen mit den Charakteren in der Spielwelt wird die Story immer dichter und gerade die starken zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich im Handlungsverlauf entwickeln, machen Ryo zu einem der glaubwürdigsten Charaktere der Videospielgeschichte. Ob die zarte Romanze mit seiner Freundin Nozomi oder die Freundschaft zu seinem Kumpel Tom.
Bemerkenswert ist auch, dass Shenmue bereits 1999 nicht nur äußerst fein gezeichnete Gesichtstexturen für die Hauptcharaktere bot, sondern jeder Figur im Spiel ein individuelles, liebevoll entworfenes Gesicht verpasst wurde. Dadurch gewinnen auch "Statisten" an Profil und der Eindruck einer überzeugenden Spielwelt wird verstärkt. Bei insgesamt 500 Charakteren ein unglaublicher Aufwand, der erklärt, warum das Spiel seinerzeit das mit Abstand teuerste Projekt war, welches die Branche je gesehen hatte.
Knöpfchenhauen
Suzuki und AM2 entschieden sich für eine sehr cineastische Präsentation und integrierten zudem eine hohe Zahl an synchronisierten Passagen sowie die bereits angesprochenen Quick-Time-Events. In diesen mittlerweile aus zahlreichen anderen Titeln bekannten und berüchtigten Sequenzen hat der Spieler nur wenig Kontrolle über den Charakter. Die Interaktionsmöglichkeiten beschränken sich darauf, schnell auf Buttonvorgaben zu reagieren, die auf dem Bildschirm angezeigt werden - eine recht seichte Form des Gameplays. Andererseits erlaubt es diese Herangehensweise, die Szenen besser zu choreografieren und sie kinoreifer wirken zu lassen. Betrachtet man es aus anderer Perspektive, so kann man auch argumentieren, dass ansonsten passive Sequenzen deutlich interaktiver werden, was auch das Credo von Suzuki war.
Quelle: Ys Net
Die Kämpfe in den Vorgängern wirken aus heutiger Sicht mitunter etwas altbacken.
Wesentlich freier präsentierten sich die Umgebungen des Spiels wie die Stadt Yokosuka aus dem ersten Teil oder die chinesischen Regionen Kowloon und Guilin aus dem Nachfolger. Sie waren zwar weitaus kleiner als moderne Open-World-Games, jedoch wie bereits beschrieben bis zum Anschlag mit Leben gefüllt - zumindest soweit das damals technisch möglich war.
Shenmue 3 wird hier sicherlich noch mal einige Schippen drauflegen, denn die Standards hinsichtlich offener Welten haben sich in den letzten
Quelle: Ys Net
Shenmue 3: Ryos Reise geht endlich weiter (11)
Jahren stark nach oben bewegt. Die Freiheit lag bei den Shenmue-Teilen jedoch von Beginn an weniger in der Größe der Welt, sondern vielmehr in den Entscheidungsmöglichkeiten. Shenmue gab dem Spieler nur spärliche Hinweise darauf, wie er voranschreiten sollte. Diese hielt Ryo stets in seinem Notizbuch fest - ein Element, welches in Shenmue 3 sicher wieder auftauchen wird.
Detektivarbeit machte einen großen Teil des Charmes von Shenmue 1 und 2 aus. Und in gewisser Weise ist auch Detektivarbeit nötig, um mehr über Teil 3 zu schreiben. Viel ist bislang nicht bekannt und eine große Präsentation des Spiels steht noch aus. Gameplaymaterial ist praktisch kaum vorhanden und so können wir uns hauptsächlich auf die Versprechen des Teams stützen.
