Shadowrun Returns im Test: Dank großzügiger Kickstarter-Spenden konnte Harebrained Schemes die Tabletop-Vorlage als düsteres Taktik-RPG umsetzen. Wie gut sich das fertige Werk im Retro-Stil schlägt und mit welchen Erwartungen man an das Spiel herangehen sollte, das und mehr klärt unser Artikel.
XCOM light: Solide Rundentaktik-Kämpfe, aber wenig Tiefgang
Alle Kämpfe laufen als rundenbasierte Gefechte ab, die spielerisch an ein simples XCOM erinnern. Zug um Zug bringt man zunächst sein Team in Stellung, lässt es möglichst hinter Deckung Schutz suchen – ein Schild-Symbol am Mauscursor zeigt dazu an, wie sicher die Deckung ist. Gegner nimmt man dann mit Waffen, Magie und Granaten aufs Korn, dabei wird die Trefferchance direkt über den Widersachern als Prozentwert eingeblendet. Die geeigneten Charakterwerte, aber auch die Distanz zum Ziel und natürlich die gewählte Waffe/Zauber entscheiden darüber, ob man den Feind trifft oder verfehlt. Ein schlichtes, aber spaßiges Kampfsystem, das allerdings ein paar Bedienungsschwächen hat: Da die Kamera beispielsweise stets in einem festen Winkel auf das isometrische Geschehen blickt, erkennt man manchmal nicht genau, ob ein Charakter hinter einem Objekt Schutz suchen kann oder nicht. Außerdem kann man einen Zug nicht rückgängig machen – wer sich verklickt, hat Pech gehabt.
Das Kampfsystem ist nicht sonderlich tiefgängig, vor allem in den ersten Stunden meistert man viele Auseinandersetzungen einfach durch stures Draufballern. Erst in größeren Gefechten gegen mehrere Gegner müssen wir auch mal taktisch vorgehen, und das macht dann gleich deutlich mehr Spaß: Einmal sollen wir etwa gegen unverwundbare Riesenkäfer antreten, was uns nur gelang, als wir mit unserem Schamanen einen Dämon auf's Schlachtfeld riefen, der die Feinde in Schach hielt, während sich zwei Decker derweil im Cyberspace rumtrieben, um uns einen Fluchtweg zu öffnen. An anderer Stelle hätten wir ins Gras gebissen, als wir gegen mehrere schwer bewaffnete Gegner und riesige Basilisken (natürlich stilecht mit Versteinerungsblick) antraten. Auch hier brachte ein Hacker-Angriff den entscheidenden Vorteil: Während unser Magier die Gegner mit einer Flammenwand auf Distanz hielt, aktivierte unser Decker ein automatisches Geschütz, das die Gegner unter Beschuss nahm. Solche Kampfszenen sind cool, weil wir hier unser ganzes Repertoire an Waffen, Zaubern und Ausrüstung nutzen müssen. Es dauert allerdings ein paar Spielstunden, bis die Auseinandersetzungen anspruchsvoller werden, zumindest auf normaler Stufe. Wem das Spiel zu leicht ist, der kann den Anspruch über vier Schwierigkeitsgrade regeln.
Quelle: Harebrained Schemes/PC Games
Coole Idee: Auf dem Friedhof bekommen wir's mit einer Übermacht zu tun, werden gleichzeitig aber auch von Untoten angegriffen - die unsere Gegner nach und nach dezimieren.
Retro-Präsentation, nerviges Speichersystem
Technisch ist Shadowrun Returns sehr schlicht geraten, das hätte man so auch problemlos in den 90ern veröffentlichen können. Die gezeichneten Umgebungen versprühen hübschen Retro-Charme, die 3D-Figuren wirken jedoch ziemlich lieblos und detailarm – nicht weiter schlimm. Allerdings hätten der Geschichte ein paar schöne Zwischensequenzen gut getan, selbst wenn es nur einfache, teilanimierte Standbilder gewesen wären. Doch nichts dergleichen: Das gesamte Spiel wird aus der isometrischen Perspektive mithilfe von Dialogen und Textfenstern inszeniert, mehr gibt es einfach nicht. Shadowrun Returns bleibt seiner strengen Retro-Richtlinie auch beim Sound treu: Es gibt keine Sprachausgabe. In Kämpfen hört man zwar mal einen Schmerzensschrei, doch damit hat es sich auch schon. Manchen Spielern dürfte das vielleicht zu altmodisch sein, uns hat's jedoch nicht gestört, denn so konnten wir uns ganz auf die feinen Texte konzentrieren.
Abseits der Grafik hat die Technik auch ein paar Macken. Das Spiel lief weitestgehend fehlerfrei, nur einmal gegen Spielende mussten wir einen Levelabschnitt neu starten, weil sich ein Hotspot nicht aktivieren ließ. Der sehr simplen Maussteuerung mit ihren großzügigen Symbolen merkt man außerdem an, dass Shadowrun Returns auch für Tablets erscheinen soll. Wirklich nervig ist aber das Speichersystem: Freies Speichern ist grundsätzlich nicht möglich, man muss sich stets auf das Autosave-System verlassen. Da ist es besonders ärgerlich, dass manche der automatischen Checkpoints unnötig weit auseinander liegen. Vor allem gegen Spielende haben wir uns daran gestört, da die Kämpfe hier deutlich länger und kniffliger ausfallen als zuvor - wer kurz vor Erreichen des Checkpoints ins Gras beißt, muss den gesamten Level von vorn beginnen.
Aus Sicht des Einsteigers
So faszinierend das Shadowrun-Universum auch ist, wird es Neulingen nicht gerade leicht gemacht, sich darin zurechtzufinden: Shadowrun Returns beginnt ohne Intro, ohne Erklärungen. Man erfährt im Spielverlauf und während der Charaktererstellung zwar einiges über das Setting und die Hintergründe, doch etwas mehr Story-Einführung oder zumindest ein nützliches Ingame-Glossar, dass die komplexe Zeitlinie des Spiels erklärt (zum Beispiel im Stil von Mass Effect), hätten den Einstieg angenehmer gemacht.
Geringer Wiederspielwert, aber mächtiger Editor
Wer das Spiel ausreichend per Kickstarter unterstützt hat, bekommt ab Releasetag eine DRM-freie Version zur Verfügung gestellt. Für alle anderen ist Shadowrun Returns über Steam erhältlich (ca. 19 Euro). Beide Fassungen werden mit einem umfangreichen Editor ausgeliefert, dank dem die Spieler selbst komplette Kampagnen basteln und untereinander tauschen können – ein mächtiges Tool, das dem Spiel ein langes Leben bescheren dürfte. Immerhin gibt es schon jetzt eine vorfreudige, aktive Community, die bereits an ersten Geschichten bastelt. Das entschädigt auch etwas für den geringen Wiederspielwert: Es lohnt sich einfach nicht, die Dead Man's Switch-Kampagne ein weiteres Mal anzugehen, da sich die Wahl der Klasse ohnehin nicht auf die Geschichte auswirkt und der Spielverlauf streng linear ist.
Über DRM und DLC
Auch Harebrained Schemes wird das Spiel weiter unterstützen – derzeit sind die Entwickler mit den Arbeiten an einer umfangreichen Berlin-Kampagne beschäftigt, die per DLC nachgereicht werden soll. Diese Berlin-Erweiterung wird mit allen Fassungen kompatibel sein. Alle weiteren kommenden DLCs werden allerdings nur für die Steam-Version erhältlich sein, sehr zum Verdruss einiger Kickstarter-Backer – denn die gingen zurecht davon aus, dass auch künftige DLCs mit ihrer DRM-freien Version kompatibel sind. Weil es hierzu viele Gerüchte und Ärger in der Community gab, haben sich die Entwickler bemüht, die Hintergründe zu erörtern und einen Überblick zu liefern, welche Version – Steam oder DRM-frei – welche Inhalte unterstützt. Mehr Infos dazu gibt's in einem Beitrag der Entwickler auf ihrer offiziellen Website.
