Sea of Thieves: Schiffbruch mit Ansage? Warum die Macher von Sea of Thieves zu nett für die Spiele-Welt sind

Kolumne Lukas Schmid
Sea of Thieves: Schiffbruch mit Ansage? Warum die Macher von Sea of Thieves zu nett für die Spiele-Welt sind
Quelle: Microsoft / Rare

Nach einigen schönen Stunden in der Welt von Rares Sea of Thieves hat Redakteur Lukas Schmid sich in das farbenfrohe Freibeuter-Abenteuer verliebt - und denkt dennoch nicht, dass es ein Erfolg wird. Was das alles mit dem Glauben an das Gute im Menschen, Bären und Vögeln zu tun hat, erklärt er in dieser Kolumne.

Als Sea of Thieves (jetzt kaufen ) 2015 auf Microsofts E3-Pressekonferenz angekündigt wurde, hielt sich meine Begeisterung in Grenzen. Das war es also, das neue Spiel des Kult-Entwicklerstudios Rare? Jenes Studio, das mir mit - unter anderem - der Donkey Kong Country -Trilogie, Diddy Kong Racing und vor allem den Abenteuern von Bär Banjo und Vogeldame Kazooie in Banjo-Kazooie und dem Nachfolger einige meiner schönsten Spiele­erinnerungen beschert hat? Ein MMO? So sehr ich mich als Spieleredakteur von subjektiven Empfindungen gegenüber bestimmten Spielen auch zu distanzieren versuche - ich gebe zu, ich war enttäuscht. Der kleine Lukas mit dem Nintendo 64 im Herzen wollte Banjo-Threeie haben und zig Stunden lang in einem elaborierten Einzelspieler-Abenteuer versinken.

Ein MMO klang für mich nach versuchter Anbiederung an eine möglichst breite Käuferschaft und ich hatte schon das Klingeln der virtuellen Münzen im Mikrotransaktions-Shop in den Ohren. Das war nicht mehr das Rare(ware), das ich einst so mochte, war ich mir sicher. Das war ein Studio wie so viele andere, die nicht mit Herz, sondern mit Geldbeutel in der Brust an ihren Titeln schrauben.

Piraterie mit Herz

Allerdings, dann kam die E3 2016. Und auch wenn der Fanboy-Lukas in mir noch immer skeptisch war, so offenbarte sich mir doch langsam der Reiz hinter der Spielidee. Als ich im Anschluss an Microsofts Pressekonferenz erstmals selbst Hand anlegen durfte, gelang es mir nicht, mich dem Reiz dahinter zu entziehen. Gemeinsam mit drei Mitpiraten über das Meer zu segeln machte schlichtweg Laune! Es störte auch nicht, dass der cartoonartige Grafikstil des Titels wirklich sehr charmant wirkte. Auf der E3 2017 durfte ich wieder ran und diesmal zusätzlich zum Meer auch auf der Suche nach Schätzen diverse Inseln unsicher machen. Immer mehr erwärmte sich mein kaltes Spielerherz - denn ich hatte schlicht und ergreifend Spaß! Endgültig zum Freibeuter-Fan wurde ich anlässlich eines Besuches bei Rare in Birmingham wenige Wochen vor dem Release des Spiels.
Zu einer Insel fahren, Schatz finden, zurückfahren, wiederholen. Ob das auf Dauer nicht langweilig wird? Quelle: Microsoft Zu einer Insel fahren, Schatz finden, zurückfahren, wiederholen. Ob das auf Dauer nicht langweilig wird?
Ja, das Team dort hat personell kaum noch etwas mit jenem aus Rares goldenen Tagen zu tun, aber es trägt die Seele von einst weiterhin in sich. Das waren und sind keine kühl berechnenden menschlichen Monetarisierungsmaschinen - das sind Menschen, die eine kreative Idee für ein Spiel hatten und um diese herum mit viel Herzblut das ihrer Meinung nach bestmögliche Produkt abliefern wollen. Der Geist von Rare lebt und so viel Koop-Spaß wie mit Sea of Thieves während meiner umfangreichen Anspiel-Session hatte ich schon lange nicht mehr! Weswegen es mir umso mehr leid tut, zu sagen, dass Sea of Thieves meiner Meinung nach grandios scheitern wird.

Friedfertige Freibeuter

Warum denke ich das? Nun, weil die Entwickler - überspitzt formuliert - zu nett für die Spiele-Welt sind. Spaß soll Sea of Thieves machen, Spaß, Spaß, Spaß - dieser Grundsatz wurde uns wieder und wieder mantraartig - und glaubhaft - vorgetragen. Ein ebenso löblicher wie traurigerweise nicht immer selbstverständlicher Ansatz. Dazu gehört, dass die Macher um jeden Preis ein, wie sie es nennen, toxisches Klima auf ihren Servern verhinden wollen. Weit fortgeschrittene, mächtige Spieler, die Anfängern ohne entsprechender Ausrüstung und Fähigkeiten das Leben schwer machen, sollen hier keine Rolle spielen. Und wie soll das gelingen?

Indem man das Abenteuer dessen beraubt, was eigentlich Grundlage so gut wie jedes Spiels ist - Progression, das Gefühl, dass etwas weitergeht. In Sea of Thieves aber startet man mit einer Auswahl an Items und ganz egal, wie viel Zeit man in der virtuellen Piratenwelt verbringt - zehn Minuten, zehn Stunden, 100 Stunden -, am Ende steht man nach wie vor mit denselben Gegenständen wie am Anfang da, die genau dieselben Funktionen, Eigenschaften und Statuswerte haben. Unsere Flinte ist nach einem Schuss so stark wie nach 10.000. Unser Boot fährt immer mit demselben Tempo, egal, wie viele Seemeilen wir damit schon zurückgelegt haben. Gut, das Aussehen der Gegenstände ändert sich. Wie in unserer Vorschau zum Spiel zu lesen ist, läuft jede Aufgabe im Spiel darauf hinaus, Gold zu erlangen, um neue Ausrüstung zu kaufen. Die Veränderungen sind aber eben rein kosmetischer Natur und haben somit keinerlei spielerischen Einfluss. Wie, frage ich mich, soll hier auf Dauer die Motivation aufrecht erhalten werden, weiterzuspielen, wenn alles, was sich ändert, die Farbe meiner Gürtelschnalle und das Muster auf meiner Jacke sind?
Allein die Suche nach Reichtum und Ruhm soll virtuelle Piraten bei der Stange halten. Ob das genügt? Quelle: Microsoft Allein die Suche nach Reichtum und Ruhm soll virtuelle Piraten bei der Stange halten. Ob das genügt? Die Entwickler haben darauf eine Antwort, die ich ebenso sympathisch wie naiv finde: Spieler sollen sehen, über welche Gegenstände andere Piraten verfügen und dadurch den Ansporn erhalten, dieselbe Ausrüstung zu erhalten - weil sie eben so hübsch ist. Der einzige wirkliche Fortschritt - der im Grunde aber auch nur kosmetisch ausfällt - ist der Erfahrungslevel unseres Piraten, der aber von niemand anderem gesehen werden kann und nur bestimmt, ob wir Zugriff auf noch mehr Ausrüstungsteile haben. Rare träumt hier von einer virtuellen Welt, in der Anfänger und fortgeschrittene Spieler in trauter Zweisamkeit zusammenleben und eine von gegenseitigem Respekt geprägte Atmosphäre aufbauen. Ein Blick in die Weiten des Internets zeigt: So funktionieren Spieler nicht, so funktioniert die Welt nicht. Dafür laufen zu viele Menschen auf den Servern diverser Titel herum, deren Mütter nach Aussage anderer Spieler einem zweifelhaften Beruf nachgehen.
Anstatt verbesserter Fähigkeiten gibt es als Auflevel-Belohnung nur Prestige - und die Möglichkeit, als 'legendärer Pirat' ein spezielles Gebiet zu betreten. Quelle: Microsoft Anstatt verbesserter Fähigkeiten gibt es als Auflevel-Belohnung nur Prestige - und die Möglichkeit, als "legendärer Pirat" ein spezielles Gebiet zu betreten.

Some men just want to see the world burn

Dieses friedliche Zusammenspiel funktioniert (wenn überhaupt) nur innerhalb von Gruppen von Spielern, die sich auch privat kennen, aber wohl kaum mit Zufallsbekanntschaften. Ich frage mich, wie viel Spaß es, auch mit Freunden, nach zehn, 20 Stunden noch machen wird, auf Freibeuter-Tour zu gehen, wenn sich dadurch kein spielerischer Fortschritt ergibt - und ich meine die Antwort darauf zu kennen. Ganz abgesehen davon torpediert Rare diesen löblichen, wenn auch meiner Meinung nach nicht funktionierenden friedlichen Ansatz dadurch, dass sich Piraten-Gruppen durchaus angreifen und gegenseitig die Schätze stehlen können. Nicht falsch verstehen - ich finde dieses Spielelement wichtig und richtig! Beim Anspielen ergaben sich dadurch einige meiner spannendsten und vergnüglichsten Momente mit dem Abenteuer. Aber von einer nicht-toxischen Umgebung wird dadurch wohl flugs nichts mehr zu spüren sein. Denn auch wenn alle dieselbe Ausgangslage in den Auseinandersetzungen haben und es abseits von Gold nichts zu gewinnen gibt: Viel zu viele Spieler finden Vergnügen darin, anderen das Spielerlebnis zu versauen. Nicht, weil sie einen Vorteil dadurch erlangen würden, sondern einfach, weil sie es können. Man denke nur an das sinnlose Geschlachte in diversen Survival-Titeln wie zum Beispiel DayZ.

Ausgebuddelt

Außerdem ist es ja auch nicht so, als ob die Quests vor Abwechslung strotzen. Wie lange also kann es unterhalten, immer wieder auf Schifffahrt zu gehen, immer wieder Skelette zu bekämpfen, immer wieder Schätze auszubuddeln und immer wieder zurück zum Hafen zu fahren, um dafür Gold zu erhalten, wenn die Belohung dafür im Grunde bloß Augenwischerei ist? Diese Momente werden erst durch die Zusammenarbeit mit anderen Spielern lustig. Aber irgendwann wird man wohl alles gesehen und erlebt haben, inklusive spezieller Events wie dem Angriff eines Riesenkraken. Und was dann? Ganz abgesehen davon bereitet mir die geplante Einbindung von Mikrotransaktionen ins Spiel Sorge, denn diese werden sich wohl um kosmetische Objekte drehen - in einem Spiel, in dem es nur solche gibt, durchaus ein Problem. Ich wünsche Sea of Thieves wirklich nur das Beste. Der Plan der Macher, das Spiel über Jahre am Leben zu erhalten, erscheint mir angesichts der angesprochenen Probleme aber mehr als illusorisch.

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