Sea of Solitude: The Director's Cut für Switch im Test - Auf der Depri-Welle schwimmen oder untergehen?
Test
Knapp zwei Jahre nach der Originalversion veröffentlichen das deutsche Studio Jo-Mei Games und Quantic Dream eine überarbeitete Fassung des psychologischen Adventures Sea of Solitude. Wir haben die Switch-exklusive Neuauflage des umstrittenen Titels getestet und zeigen, wie gelungen das brisante Thema angegangen wird.
Seit seinem ursprünglichen Release im Sommer 2019 kommt das Action-Adventure Sea of Solitude immer wieder zur Sprache, wenn es um Spiele geht, die sich mit seelischer Gesundheit auseinandersetzen. Depression, Ängste und die Dämonen der eigenen Vergangenheit - das Spiel erzählt eine sehr persönliche Geschichte und beinhaltet auch die eigenen Erfahrungen von Creative Director Cornelia Geppert, die als Inspirationen für Kay, die schwarz gefiederte Hauptfigur, verwendet wurden.
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Und trotz der noblen Intention wurden in der ursprünglichen Version des Spiels dessen Botschaften gerne als "mit dem Holzhammer vermittelt" beschrieben. Ein Kritikpunkt, der auch am Berliner Entwicklerstudio Jo-Mei Games nicht spurlos vorbeiging, weswegen nun exklusiv für Nintendo Switch eine überarbeitete Version von Sea of Solitude erstellt wurde. Ein Director's Cut mit neuen Sprechern, neuen Zwischensequenzen und überarbeitetem Skript.
Introspektion
Quelle: PC Games
Vor allem zu Beginn des Spiels werdet ihr in der überfluteten Stadt von einer bissigen Seeschlange verfolgt. Hier müsst ihr im richtigen Moment von Hausdächern zu schützenden Lichtquellen gelangen.
Seine Story erzählt Sea of Solitude bruchstückhaft, zumindest in Bezug auf die Spielwelt und den Grund eurer Reise. Ihr erwacht auf eurem motorisierten Holzboot auf stürmischer See, als euch ein fliegendes Mädchen im gelben Regenmantel fröhlich begrüßt und die Laterne an eurem Kahn entzündet. In den dunklen Tiefen unter euch schwimmt eine schwarze Kreatur, die Kay anscheinend schon seit längerem verfolgt. Die Grundpfeiler des Storytellings in Sea of Solitude werden schon in diesem Prolog deutlich: Kay erzählt euch Eindrücke aus ihrem Innenleben, den Rest erledigen die Umgebung und das Design der anderen Figuren. Da Kay optische Parallelen zu den ebenfalls rotäugigen, gefiederten Monstern aufweist, wird relativ schnell deutlich, dass sie aus demselben Holz geschnitzt sein müssen, beziehungsweise dass die Kreaturen Aspekte von Kay abbilden sollen. Das Mädchen im Regenmantel stellt schließlich den aufgeweckten Gegenpart zur in sich gekehrten, melancholischen Hauptfigur dar und führt euch an das simple Gameplay von Sea of Solitude heran.
Quelle: PC Games
Moses in Berlin: Ebbe und Flut sind zentrale Elemente des Spielwelt-Designs und sorgen immer wieder für hübsche Szenarien.
Aus der Third-Person-Perspektive erkundet ihr die überschwemmte, an Berlin angelehnte Stadt, immer auf der Suche nach Schnipseln aus Kays Vergangenheit, die in Form von schwarz qualmenden Leuchtkugeln auftauchen. Solange ihr euch im sonnigen Lichtradius eures Bootes aufhaltet, kann euch das im jeweiligen Abschnitt beheimatete Monster nichts anhaben. Den Großteil eurer Reise werdet jedoch zu Fuß durch die Trümmerlandschaften geschickt, um etwa Tore zu öffnen oder Gebäude zu erkunden. Verlauft ihr euch in der relativ abwechslungsarmen Umgebung, schießt ihr eine Leuchtfackel aus eurer Hand, die euch den Weg zum nächsten interessanten Punkt weist. Da euch das Wassermonster aus dem Prolog über weite Teile des Spiels auflauert, solltet ihr nicht ins Meer fallen, solange stürmisches Wetter herrscht!
Quelle: PC Games
In der dunklen, verfallenen Schule verfolgen euch die Peiniger von Kays Bruder Sunny. Diese müsst ihr von Durchgängen und Dunkelheitsfragmenten weglocken.
Dann gilt es, zwischen Hausdächern und Bojen zu springen, die bissige Seeschlange im Auge zu behalten und erst im günstigen Moment ins kühle Nass zu tauchen. Viel mehr als sich über unspektakuläre Jump&Run-Kurse von A nach B zu bewegen und per Leuchtfackel das nächste Story-Fragment ausfindig zu machen verlangt Sea of Solitude (jetzt kaufen 59,95 € ) dabei selten von euch, Rätsel existieren quasi nicht und im Falle eines vorzeitigen Ablebens erwacht ihr einfach auf der letzten sicheren Plattform wieder. Spätere Abschnitte konfrontieren euch zwar zusätzlich mit kleineren Gegnern, die ihr von wichtigen Punkten weglocken sollt oder schicken euch auf nicht sofort ersichtliche Umwege, der spielerische Gehalt von Sea of Solitude hält sich jedoch durchweg in ziemlich anspruchslosen Grenzen.
Quelle: PC Games
Einige Handlungsstränge in Sea of Solitude wirken arg aufs Auge gedrückt. Hier hätten weniger Details eine einfachere Identifikation mit Kays Geschichte ermöglicht.
Psyche in Seenot
Quelle: PC Games
Warum hast du nichts gesagt? Eine Frage, die Angehörigen von psychisch angeschlagenen Menschen wohl des Öfteren im Kopf herumgeistert. Kay quält sich mit der Mitschuld an den Problemen ihres Bruders.
Der Anspruch in Sea of Solitude liegt also weniger im Gameplay als vielmehr in den komplexen, wichtigen und schwer zu vermittelnden Themen, die das Spiel angreifen will. Kay ist eine junge Frau, die von diversen psychischen Problemen geplagt wird, denen ihr euch nun in ihrer metaphorischen Gefühlswelt stellen sollt. Nicht nur die Abschnitte der Spielwelt sind thematisch an einzelne Schlüsselmomente in ihrem Leben angelehnt, auch die zumeist feindlich gesinnten Bewohner entstammen früheren, unverarbeiteten Krisensituationen. Einer der ersten Abschnitte etwa führt euch durch ein verfallenes Schulgebäude, in dem ihr immer wieder einem großen, schwarzen Vogel begegnet. Nach einigen Streifzügen durch Klassenräume und Turnhallen, untermalt von Hänseleien gegen euren Bruder Sunny und dessen Hilferufen, lässt euch der Vogel schließlich näher an sich heran.
Er entpuppt sich als Kays manifestiertes Schuldgefühl, da sie das Mobbing ihres Bruders nicht ernst genug nahm und er deswegen auf sich allein gestellt war. In einer Art Bosskampf sammelt ihr dann Dunkelheitsfragmente in eurem Rucksack, bis die Erinnerung getilgt ist und Kay mit der Situation abschließen kann. Dieses Muster wiederholt sich mehrere Male, von der zerfahrenen Beziehung der Eltern bis zu Kays Partner, der selbst in eine mentale Notlage gerät und sich zunehmend von seiner Freundin entfremdet. Da die Protagonistin jeden Gedankengang und jede Gefühlslage kommentiert, kommt die Geschichte wenig subtil daher und driftet ab und an ins Melodramatische ab.
Das Unsichtbare sichtbar machen
Quelle: PC Games
Die Auseinandersetzungen mit den inneren Dämonen inszeniert das Spiel als immer ähnlich gestrickte Setpieces, in denen ihr Dunkelheitsfragmente freilegen und absorbieren sollt.
Dass einige der Szenarien in Sea of Solitude trotz des belanglosen Gameplays und des teils etwas dick aufgetragenen Plots den richtigen Nerv treffen, liegt an ihrer optischen und akustischen Darstellung. Vor allem beim Design der Monster kann das Spiel mit cleveren, eindringlichen Metaphern punkten: Kays ängstliche Seite wird als abgemagerte Frauenfigur in einem muschelartigen Panzer gezeigt, die ihr immer wieder warnend ins Gewissen reden will. Der depressive Freund erscheint zunächst als stolzer, weißer Wolf mit brüchigem Eis-Fell, Streitereien der Eltern spielen sich in Kays Psyche vor rotem Himmel mit Feuer und Rauch ab.
Subtil ist auch das nicht, aber effektiv. Am Anfang lassen euch bei Anwesenheit des Angst-Monsters Blitze zusammenzucken, gegen Ende des Spiels haben wir uns so viele Probleme in den Rucksack geladen, dass Kays Laufanimation sichtbar anders aussieht - die Entwickler haben sich also durchaus Mühe gegeben, psychische Vorgänge glaubhaft optisch darzustellen. Ein weiterer großer Pluspunkt ist der tolle Soundtrack, der bedrohliche Szenarien gelungen und subtil untermalt, während sanfte Piano- und Geigenmusik zum Verweilen einlädt, sobald sich das Wetter in Kays Psyche lichtet. Der schlichte Grafikstil reißt technisch keine Bäume aus und erinnert in der Switch-Version an die PS360-Generation, Texturen sind meist einfarbige Flächen und die Optik wirkt permanent leicht unscharf.
Quelle: PC Games
Im Schatten des Kolosses: Die Monster in Kays Psyche sind grotesk veränderte Abbilder ihrer Mitmenschen und Sorgen.
Trotzdem zeichnet das Spiel gelegentlich eindrucksvolle und stimmige Bilder, wenn etwa der schwarze Riesenvogel über euch hinwegschwebt und sich eure Umgebung dabei nahtlos in ein graubraunes Apokalypse-Szenario mit schwebenden Aschepartikeln verwandelt. Solche schlagartigen Veränderungen der Atmosphäre werden euch im Verlauf des Spiels mehrmals begegnen - nicht nur ein grafisches Highlight, sondern kluges Design, um die Schwankungen in Kays Psyche abzubilden! Auch die deutschen Synchronsprecher leisten gute Arbeit, gerade die Protagonistin fügt sich mit ihrer sanften, melancholischen Erzählweise prima in die mal bedrückende, mal bittersüße Stimmung von Sea of Solitude ein.
Quelle: PC Games
Seefahrt zu neuen Ufern: Die schönsten Momente in Sea of Solitude erlebt ihr, nachdem ihr mit einem inneren Konflikt abgeschlossen habt.
Ob und wie sehr euch der Titel zusagt wird maßgeblich davon abhängen, wie sehr ihr euch in Kays Lage versetzen könnt und ob ihr euch mit den Themen identifizieren könnt. Rein als Videospiel betrachtet ist Sea of Solitude recht kurz und spielerisch sowie technisch bestenfalls Durchschnitt. Als Versuch, einen schwer zu verstehenden Geisteszustand digital abzubilden und damit zugänglicher zu machen, kann man Sea of Solitude durchaus als gelungen bezeichnen, die Qualität und den emotionalen Impact eines Gris oder Hellblade erreicht das Spiel dabei aber nicht.
