Retro-Special: Der Strategie-Klassiker Seven Cities of Gold

Special Thomas Szedlak
Retro-Special: Der Strategie-Klassiker Seven Cities of Gold
Quelle: PC Games

Retro-Special zu Seven Cities of Gold: Für Seven Cities of Gold, einen ganz besonderen Strategie-Klassiker, reisen wir über 30 Jahre in die Vergangenheit. Ja, so alt ist Autor und Spiele-Nostalgiker Thomas schon ... In unserem Special klären wir, was das Spiel so besonders macht und warum Thomas auch nach so langer Zeit noch gerne daran zurückdenkt.

Open-World-Games sind heutzutage die beliebteste Spiele­gattung. Eine virtuelle Welt frei erkunden zu können, Entscheidungen zu treffen, völlig ins Spiel einzutauchen, diese Vorstellung reizt Millionen Gamer und macht Serien wie Assassin's Creed, The Witcher oder GTA, aber auch Minecraft zu Welt­erfolgen.

Ja, man sieht dem Spiel sein 33-jähriges Alter durchaus an. Aber versucht ihr mal, ein Open-­World-Game in 64 KB RAM zu pressen. (C64) Quelle: PC Games Ja, man sieht dem Spiel sein 33-jähriges Alter durchaus an. Aber versucht ihr mal, ein Open-­World-Game in 64 KB RAM zu pressen. (C64) 1986 überstieg der Gedanke an Open-World-Games noch ­komplett meine Vorstellungskraft. Die meisten Spiele, die ich damals auf riesigen 5 ¼-Zoll-Disketten in das C64-­Laufwerk schob, spielten auf EINEM Bildschirm. Scrolling über mehrere Screens hinweg schien für mich das höchste der Gefühle. Doch dann kam der Tag, der meine Weltanschauung veränderte. Ich startete ein Spiel namens Seven ­Cities of Gold, das sich auf einer der ­Disketten befand, die mir ein Freund (ich sag mal) "geliehen" hatte. Ich hatte von dem Spiel noch nie etwas gehört, Informationsquellen für Gamer waren damals rar. Schließlich wurden gerade mal die ersten Spielemagazine in Deutschland erfunden. Und so etwas wie ein "Internetz" gab es nur in Science-Fiction-Romanen.

Umso faszinierter war ich von diesem Erkundungsspiel, in dem man mit dem Schiff und dem Segen des Königshauses in der Gründungsphase des Spanischen Weltreichs (1492 bis 1540) in die "Neue Welt" aufbrach, um die "Sieben ­goldenen Städte von Cibola" zu ­entdecken.

Mit den Belohnungen durch die Spanische Krone durfte man sein Schiff ausbauen. (C64) Quelle: PC Games Mit den Belohnungen durch die Spanische Krone durfte man sein Schiff ausbauen. (C64) Das Spiel war unterteilt in Hafen-, Expeditions- und Dorfsequenzen. Im Hafen kümmerte man sich im Palast, im Pub und beim Händler um Ausrüstung, Verpflegung und Besatzung seines Schiffs.

Bedeutend spannender war das Erkunden auf hoher See. Man ­überquerte den Atlantik und stieß auf bisher unentdecktes Land. Hier galt es, Missionsstationen und Forts zu errichten sowie Kontakt mit Ureinwohnern aufzunehmen. In der Dorfsequenz musste man selbst entscheiden, ob man sich vorsichtig durch die Eingeborenen bis zum Häuptling bewegt und mit diesem friedlichen Handel betreibt oder aggressiv einmarschiert, die aufgebrachte Bevölkerung ­niedermetzelt und deren Vorräte plündert.War man erfolgreich, wurde man bei der Rückkehr vom König mit größeren Mitteln für die nächste Überfahrt belohnt. Langfristig winkte der Aufstieg zum Gouverneur oder gar zum Vizekönig der Neuen Welt.

Wegweisend

Dass man per Knopfdruck eine neue, zufallsgenerierte Spielwelt erschaffen konnte, war 1984 revolutionär. (C64) Quelle: PC Games Dass man per Knopfdruck eine neue, zufallsgenerierte Spielwelt erschaffen konnte, war 1984 revolutionär. (C64) Seven Cities of Gold wies einige ­Besonderheiten auf, die heutzutage selbstverständlich sind, damals aber revolutionär waren. So gilt die ins Spielgeschehen integrierte Karten-Engine, die einen großen, zweidimensionalen Spielplan generiert, als Fortschritt in der Geschichte der Computerspiele. Zusätzlich zu der dem amerikanischen Kontinent nachgebildeten Karte konnte man sich eine zufällige Landkarte erzeugen lassen. So hatte Seven Cities of Gold einen großen Wiederspielwert, da die Lage von Schätzen oder entscheidenden ­Orten immer wieder anders war. Auch die Weiterentwicklung der Spielfigur mit fortschreitendem Spielverlauf war damals neuartig.

Kam man mit Eroberungen und Schätzen zurück ins Spanische Königreich, wurde man von der Krone mit reichlich Gold belohnt. (C64) Quelle: PC Games Kam man mit Eroberungen und Schätzen zurück ins Spanische Königreich, wurde man von der Krone mit reichlich Gold belohnt. (C64) Klar, nach heutigen Maßstäben sieht Seven Cities of Gold furchtbar hässlich aus, aber man muss sich vor Augen führen, dass das Spiel über 30 Jahre alt ist und der ­Commodore 64 mickrige 64 Kilobyte Hauptspeicher hatte. Ich fand es damals schier unglaublich, was die Entwickler rund um Dan/­Danielle Bunten (siehe Kasten) auf den Bildschirm zauberten. Seven Cities of Gold war ein Vorreiter im Bereich der Entdeckerspiele und inspirierte unter anderem Entwicklerlegende Sid Meier zu seinen Klassikern Sid Meier's Pirates! (1987) und Sid Meier's Colonization (1994).

Mit 15.000 verkauften Exemplaren gehörte Seven Cities of Gold damals zu den kommerziell erfolgreichen Games. 1993 veröffentlichte Original-Entwickler Ozark Softscape mit Unterstützung von Sega ein Remake namens Seven Cities of Gold: Commemorative Edition mit höher aufgelöster Grafik und musikalischer Untermalung. Dank Unterstützung der Online-Community auf GOG.com wurde dieses Remake für aktuelle Betriebssysteme (Windows, Mac, Linux) angepasst und ist dort für zirka 5 Euro erhältlich.

1993 erschien die generalüberholte ­Commemorative Edition, die auf GOG.com erhältlich ist und auf aktuellen Betriebssytemen läuft. (PC) Quelle: PC Games Ob man beim Erkunder fremder Dörfer friedlich oder gewalttätig agierte, blieb dem Spieler überlassen. (C64) Quelle: PC Games Wo man mit seinem Schiff anlegte und seine Expedition an Land begann, wollte wohlüberlegt sein. (C64) Quelle: PC Games

Entwicklerlegende Danielle Bunten Berry

Als Seven Cities of Gold 1984 erschien, kannte man Danielle Bunten Berry noch unter dem Namen Dan Bunten.

Bunten gehörte in den Anfangs­tagen der Spielehistorie nicht nur weg­en ­Seven ­Cities of Gold, sondern auch dank M.U.L.E. zu den bekanntesten Persönlichkeiten. Die Multiplayer-Wirtschafts­simulation von 1983 gilt als äußerst bedeutend für die Games-Geschichte. M.U.L.E. war nicht nur eines der ersten Strategiespiele für mehrere Spieler, es beeinflusste auch eine ganze Entwickler-­Generation. So widmete Will Wright, Erfinder von Die Sims, sein Werk bei Erscheinen im Jahr 2000 seinem Idol Bunten. Auch Sid ­Meier, bekannt für zahlreiche Klassiker wie ­Pirates!, Civili­zation, Colonization oder Railroad Tycoon, bezeichnet M.U.L.E. als Vorbild und Inspirationsquelle.

Als Junge geboren, ... Quelle: Games Aktuell ... ließ sich Dan Bunten im Alter von 43 Jahren zur Frau umoperieren. Quelle: Games Aktuell

Zudem war das von Dan Bunten 1988 veröffentlichte Modem Wars das erste kommerzielle ­Online-Spiel. Dan Bunten gilt als erster bekannter Trans­sexueller in der Spielebranche. Nachdem seine dritte Ehe scheiterte, entschloss er sich zu einer geschlechtsangleichenden Operation und lebte fortan als Frau unter dem Namen Danielle Bunten Berry (Berry war der Mädchenname der Mutter). Danielle Bunten Berry war starke Raucherin und starb am 3. Juli 1998 mit nur 49 Jahren an Lungenkrebs. Posthum wurde Bunten 2007 in die Hall of Fame der US-amerikanischen Academy of Interactive Arts & Sciences aufgenommen.

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