Horror vs. Action: Ist Capcom mit der Mischung aus beidem auf dem richtigen Weg?
Kolumne
Resident Evil Requiem vereint Horror und Action in einem durchgehenden Wechsel. Macht dieses Wechselspiel Resident Evil 9 zum bisher stärksten Teil der Reihe?
Zwei Charaktere - zwei Spielweisen
Um sowohl eingefleischte Resi-Fans als auch neue Spieler abzuholen und den Spagat zwischen atmosphärischem Horror und Action zu meistern, spielen in Resident Evil Requiem zwei Charaktere eine zentrale Rolle. Grace, als zurückhaltende, etwas unsichere FBI-Analystin, wird zum ersten Mal mit den Auswirkungen des T-Virus konfrontiert und hat darüber hinaus wenig Kampferfahrung. Auch wenn sie nicht völlig hilflos ist, ist es in den meisten Fällen eine schlechte Idee, sich mit ihr in einen offenen Kampf zu begeben.
Beim Halten ihrer Waffe zittert Grace stark, was das Zielen schwieriger macht, und beim Rennen stellt sie sich tollpatschig an, stolpert, fällt hin. Kurz: Grace ist für den Kampf gegen Infizierte nicht geschaffen. Zumindest rein körperlich. Also heißt es in den Passagen mit Grace: Möglichst versteckt bleiben, vorsichtig agieren, aus dem Hinterhalt angreifen. Hier schlägt mein Horror-Herz gewaltig aus. Zu wissen, dass es jedes Mal, wenn ich von einem Gegner entdeckt werde, meinen Tod bedeuten könnte, sorgt für das richtige Horror-Feeling.
Gleichzeitig wird Grace aber durch ihre analytischen Fähigkeiten im fortlaufenden Spiel nicht nur stärker, sondern auch zu einem unglaublich interessanten Charakter. Neue Rezepte erforschen, um mich mit wissenschaftlichen Hilfsmitteln dem T-Virus entgegenzustellen, hebt die Spielweise mit Grace noch einmal deutlich von vielen anderen "herkömmlichen" Horrorspielen ab. In gewisser Weise entwickelte ich so, mit Grace gemeinsam, ein besseres Verständnis über die Infizierten und über den Umgang mit ihnen.
Quelle: PC Games Hardware
In Kämpfen ist Grace körperlich unterlegen und wird schnell verletzt.
Als andere Seite der Medaille: Leon, Mister harter Bad-Ass-Ich-hau-100-Infizierte-als-Warm-up-zu-Klump-Agent, der vermutlich einmal zu oft mit den Auswirkungen von Umbrella zu tun hatte. Mit ihm wird nicht nur ordentlich Fanservice betrieben, sondern in puncto Action auch so richtig auf die Kacke gehauen. Bis an die Zähne bewaffnet metzelt, schießt, sprengt, kickt und boxt sich Leon durch unzählige Infizierte und hat jedes Mal noch einen dummen Spruch auf Lager.
Obwohl ich mich, wie anfangs bereits erwähnt, eher im Lager der Horrorliebhaber sehe und mir bei zu viel Action oft der Gruselfaktor verloren geht, macht die Metzelei mit Leon einfach unbeschreiblich viel Spaß. Man könnte an dieser Stelle zwar argumentieren, dass einige seiner Finisher oder auch das Zersebeln infizierter Menschen mit einer Kettensäge unnötig brutal seien, aber genau dieses völlig übertriebene Geschnetzel mit der absurden Menge an spritzendem Blut macht es so unweigerlich komisch. Zudem gehen das Schießen, Kicken und anschließend meine Axt im Kopf Versenken so butterweich von der Hand, als würde ich seit Jahren nichts anderes machen - in Leons Fall vermutlich Tatsache.
Quelle: PC Games
Leon ist so kampferprobt, dass ihm sogar Kettensägen nichts mehr ausmachen. Die blockt er easy mit seiner Allzweck-Axt.
Durch den geskripteten Wechsel der beiden Figuren muss ich mich zum Glück auch nicht noch vor dem Spielen entscheiden, ob ich Requiem lieber als Horror- oder als Action-Spiel erleben möchte, sondern komme in den verschiedenen Kapiteln in den Genuss beider Spielstile. Zudem findet der Wechsel zwischen den beiden Protagonisten angenehm natürlich statt. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich mitten in der Handlung mit dem einen abgeschnitten wurde, um erst mal mit dem anderen weiterzuspielen. Capcom ist damit der schwierige Spagat zweier Charaktere, zweier Handlungsstränge und zweier Spielstile tatsächlich ausgesprochen gut gelungen.
Weiter so!
Bei der Wahl Horror oder Action würde ich mich wohl immer für Horror entscheiden (nein, ich werde es nicht leid, das immer wieder zu erwähnen). Und als geborener Horror-Enthusiast bin ich außerdem auch noch extrem pingelig, was meinen Horror angeht. Es gibt Regeln, an die sich Horrorelemente, Kreaturen usw. halten müssen, ansonsten wird mein innerer Horror-Nerd laut und zerlegt alle Unstimmigkeiten in Einzelteile. Aber Resident Evil Requiem hat es geschafft, mich sowohl mit dem Horror als auch mit der geballten Action vollends zu überzeugen.
Die Horrorpassagen sind durch neue Elemente, wie Graces analytische Fähigkeiten oder den kleinen Rest an Persönlichkeit, der den Infizierten erhalten bleibt, interessant gehalten und heben sich vom Standardkram ab. Und die Actionpassagen mit Leon machen einfach Laune.
Quelle: PC Games Hardware
Graces analytische Fähigkeiten bringen noch einmal interessante Features in den Stealth-Horror.
Ohne Zweifel ist Requiem von allen Resident Evils, die ich bisher gespielt habe, der Teil, der mir mit Abstand am meisten Spaß gemacht hat. Das Konzept, die beiden großen Horrorstile miteinander zu vereinen, Freiheit bei der Perspektive zu geben und alles in einen stimmigen Wechsel zu verpacken, ist eine Glanzleistung, die so gern in kommenden Teilen beibehalten werden darf.
Einen kleinen Kritikpunkt habe ich dennoch (ich habe euch gewarnt, bei Horror bin ich penibel): die Dauer der wechselnden Passagen. Bis auf kurze Ausreißer ist die erste Hälfte des Spiels hauptsächlich der Grace-Part, während sich die zweite Spielhälfte zum Großteil auf Leon konzentriert. Zwar gibt es im Vorfeld auch schon ein paar Wechsel. Diese sind allerdings jeweils sehr kurz gehalten.
Statt der beiden sehr langen Abschnitte mit den jeweiligen Protagonisten würde ich mir wünschen, von Anfang an mehr Wechsel zu haben und dafür die Abschnitte etwas kürzer zu halten, sodass noch mehr Abwechslung zwischen den verschiedenen Stilen entsteht. Demnach ist Capcom auf dem besten Weg, den ich mir für Resident Evil wünschen kann. Die rundum perfekte Mischung aus Süß und Salzig ist es zwar noch nicht, aber es ist verdammt nah dran.
