Wie weit lässt sich der Reiz eines hochinteressanten Brettspiels auf den PC übertragen? Nur sehr eingeschränkt.
Vor knapp zwei Jahren brach eine wahre Welle von Brettspiel-Umsetzungen über uns herein. Nachdem es bald wieder sehr ruhig um das Genre wurde, erfolgt nun mit Puerto Rico ein weiterer Anlauf. Die Vorlage von Ravensburger wurde exzellent gewählt, denn der Wirtschafts-Strategie-Mix gehört neben den Siedlern von Catan zu den besten und erfolgreichsten deutschen Brettspielen überhaupt.
Geld oder Punkte?
Ziel ist, auf einer Insel einen funktionierenden Wirtschaftskreislauf aufzubauen. Dazu errichten Sie Plantagen und pflanzen Mais, Zucker, Tabak, Indigo und Kaffee an. Erträge erzielen Sie aber nur, wenn auch die passenden Produktionsgebäude bereit stehen. Zudem müssen alle Plantagen und Bauwerke mit Arbeitern besetzt sein, sonst sind sie wirkungslos.
Produzierte Waren verkaufen Sie für dringend benötigte Dublonen an ein Handelshaus oder verladen sie auf Transportschiffe im Austausch gegen Siegpunkte. Die sind das eigentliche Ziel: Der Spieler mit den meisten Punkten gewinnt -- neben verschifften Waren bringen auch errichtete Gebäude Siegpunkte ein.
Zusätzlich zu den Produktionsstätten haben Sie in der Bauphase auch noch etliche Sondergebäude mit einer bestimmten Funktion zur Auswahl. Ein Lagerhaus etwa kann Waren speichern, die ansonsten »verfaulen« würden. Mit einer Hazienda darf man gleich noch eine zweite Plantage errichten. Und die besonders teuren, gleich zwei Bauplätze einnehmende Top-Gebäude haben keine spezielle Funktion, bringen am Ende aber zusätzliche, oftmals entscheidende Siegpunkte ein.
Karibische Rollenspiele
Puerto Rico läuft in den brettspielüblichen Runden ab. Der Mechanismus ist dabei hochinteressant, weil wir jedes Mal in eine neue »Rolle« schlüpfen. Wählen wir den Baumeister, darf reihum jeder ein Gebäude errichten. Wer die jeweilige Rolle gewählt hat, ist nicht nur als erster dran, sondern erhält ein zusätzliches Privileg -- in diesem Fall etwa niedrigere Baukosten. Das Spiel lebt neben seinen vielfältigen Strategien davon, dass man gerne viel mehr machen möchte, als gerade möglich ist: Den Plantagen fehlt es an Arbeitern, für das dringend nötige Produktionsgebäude muss man erst Geld erwirtschaften. Und wenn nicht bald ein Lagerhaus dasteht, dann verfaulen die mühsam angehäuften Vorräte ...
Die PC-Umsetzung krankt neben einer gewissen Sinnlosigkeit an den typischen Unzulänglichkeiten solcher Konvertierungen. Die normale 2D-Ansicht wirkt unübersichtlich, da die Spielelemente fast alle auf einen einzigen Bildschirm gepfercht sind. Und die alternative 3D-Ansicht macht sich vielleicht gut auf der Packungsrückseite, ist aber überflüssig wie ein Kropf. Immerhin liegen die im Spiel enthaltenen neuen Gebäude auch in Kartonform fürs Brett-Original bei. Und dort sind sie auch eindeutig besser eingesetzt.
Michael Galuschka
