Pokémon Snap: Fotos schießen, Pokémon treffen - wir nehmen das N64-Abenteuer im Retro-Special unter die Lupe
Special
Retro-Special zu Pokémon Snap: Zur Jahrtausendwende war der Pokémon-Hype auf seinem Höhepunkt: Im Zuge dessen erschien vor 18 Jahren ein ungewöhnliches Spiel für das altehrwürdige Nintendo 64, bei dem sich neben den Monsterchen alles um die Fotografie dreht: Pokémon Snap. Wir werfen in underer Retro-Reportage einen Blick zurück auf das Abenteuer.
Wisst ihr noch, damals: Als Fotografie noch etwas Kostspieliges und Besonderes war? Als moderne Smartphones noch kein Thema waren und gerade die ersten der damaligen Handys mit simpelsten Kameras ausgestattet wurden? Es erscheint heute selbstverständlich, doch hochwertige Fotos waren noch vor wenigen Jahren bei Weitem nicht für jedermann möglich so wie heutzutage.
Auf dieser Seite
Von welcher Zeit die Sprache ist? Nun, gehen wir doch einfach zurück ins Jahr 2000. Damals war der erste große Pokémon -Hype gerade mehr oder minder auf seinem Zenit und die Taschenmonster daher natürlich allgegenwärtig. In Japan und Nordamerika bereits 1999 veröffentlicht, kam 2000 auch hierzulande ein ungewöhnliches Pokémon-Spin-off auf den Markt, das die Fotografie mit den japanischen Fantasie-Wesen vereint: Pokémon Snap.
Entwicklung auf Umwegen
Quelle: Nintendo
Euer treues Fahrzeug mit dem Namen Zero-One bringt euch in allen sieben Levels sicher und zuverlässig von A nach B. Damit könnt ihr euch voll den Fotos widmen.
Bis das Spiel 1999 respektive in Europa 2000 erschien, gab es bei der Entwicklung zunächst einige Umschwünge. So hatte der Titel am Anfang gar nichts mit Pokémon zu tun, stattdessen solltet ihr bei eurer Foto-Safari eigentlich reale Tiere ablichten. Weil das den Entwicklern aber zu wenig motivierend erschien, wurden später die Taschenmonster integriert, um einen deutlich stärkeren Spielanreiz zu schaffen. Der Pokémon-Hype war ja wie gesagt damals gerade enorm groß und jedes Spiel mit den japanischen Fantasiewesen versprach gut bei den Spielern anzukommen und sich ordentlich zu verkaufen. Von daher eine nachvollziehbare Entscheidung.
Ursprünglich sollte Pokémon Snap zudem für die Nintendo-64-Erweiterung namens 64DD erscheinen, nach deren Misserfolg und schließlich der Einstellung der Produktion wurde das Spiel dann aber doch für das normale Nintendo 64 zu Ende entwickelt und veröffentlicht. Übrigens befanden sich unter den Produzenten des von HAL Laboratory (Super Smash Bros., Kirby und mehr) entwickelten Spiels niemand Geringeres als Satoru Iwata sowie Shigeru Miyamoto.
Bilder für den Professor
Quelle: Nintendo
Im versteckten Bonus-Level Regenbogen-Wolke trefft ihr Mew!
In Pokémon Snap übernehmt ihr die Rolle des Protagonisten Todd Snap (ja, er heißt wirklich "Snap" mit Nachnamen), der von Professor Eich auf Pokémon Island eingeladen wird, um für ihn Fotos von wilden Pokémon der geografisch sehr unterschiedlichen Regionen der Insel zu schießen, die der Professor für seine Forschungen benötigt. Als Todd bewegt ihr euch in einem Gefährt namens Zero-One automatisch auf Schienen durch die linearen Spielwelten und schießt aus der Ego-Perspektive möglichst gute Fotos von den Taschenmonstern in ihren natürlichen Habitaten. Um die wilden Pokémon hübsch in Szene zu setzen, anzulocken oder teilweise auch zur Weiterentwicklung zu animieren, verfügt ihr über verschiedene helfende Items, die ihr aber nach und nach erst freischalten müsst.
Quelle: Nintendo
Karpador ist das einzige Taschenmonster in Pokémon Snap, das ihr (bis auf den Level Regenbogen-Wolke) in allen Levels des Spiels antreffen könnt.
Mit Äpfeln könnt ihr beispielsweise Monsterchen zu euch locken oder verscheuchen, mit Rauchbällen unter anderem Pokémon kurzzeitig verwirren, mit der Poké-Flöte zum Tanzen bringen und mit dem Dash-Beschleuniger den Zero-One aufrüsten. Nach jeder Runde, also nach dem Abschluss eines linearen Levels, werden eure Fotos von Professor Eich bewertet und die besten dem Pokémon-Report beigefügt. Aus den 60 Fotos, die ihr pro Runde maximal schießen dürft, wählt ihr einige eurer besten Schnappschüsse aus und zeigt sie dem Professor. Der erstellt seine Bewertung auf der Grundlage mehrerer Kriterien: Größe des abgebildeten Pokémon, seine Pose und die Technik, also Platzierung innerhalb des Bildes. Extrapunkte gibt's für besondere Posen oder für mehrere Individuen der gleichen Art auf einem Bild. Manche der Levels verfügen über alternative Routen, die ihr entdecken könnt, sowie versteckte Pokémon und mehr Elemente, die ihr beim ersten Durchlauf stets verpasst. Nach dem Erhalt neuer Items müsst ihr zu alten Levels zurückkehren, um mit deren Hilfe alle Möglichkeiten zu entdecken. Backtracking ist somit fester Bestandteil des Spielkonzepts.
Kleine, aber feine Welt
Quelle: Nintendo
Dieses Foto wird bei der späteren Bewertung durch den Professor wohl durchschnittliche Punkte bringen. Besser wäre eine andere Pose oder weitere Pikachu.
Die Spielwelt von Pokémon Snap besteht neben dem zentralen Labor des Professors, zu dem ihr zwischen euren Ausflügen immer wieder zurückkehrt, aus insgesamt sieben Levels: Strand, Tunnel, Vulkan, Fluss, Höhle, Tal und Regenbogen-Wolke. Manche der Levels schaltet ihr nur frei, wenn ihr mit neuen Items zu früheren Levels zurückkehrt und dort alternative Routen freilegt. Die Regenbogen-Wolke ist ein Spezial-Level im Weltraum, in dem ihr das legendäre und extrem seltene Taschenmonster Mew ablichten könnt. Leider beinhaltet Pokémon Snap nicht alle 151 Taschenmonster der ersten Pokémon-Generation, sondern lediglich 63. Aber immerhin: Die 3D-Modelle dieser 63 Pokémon sind für die damalige Zeit recht detailliert und vor allem vielseitig in ihren Bewegungen.
Quelle: Nintendo
Werft ihr wilden Taschenmonstern Äpfel zu, reagieren diese ganz unterschiedlich auf das Obst.
Genauso wie auf 88 Taschenmonster der ersten Generation müsst ihr auch auf irgendwelche Multiplayer-Möglichkeiten verzichten, denn Pokémon Snap beschränkt sich auf den Fotosafari-Modus für nur einen Spieler und bietet darüber hinaus keine weiteren Modi. Daher habt ihr das gesamte Spiel auch in recht kurzer Zeit durch. In die Länge gezogen wird die Spielzeit außer durch Backtracking vor allem dadurch, dass ihr für wirklich perfekte Aufnahmen der Pokémon fast immer zahlreiche Versuche braucht und die Levels zu diesem Zweck immer und immer wieder durchspielen müsst. Weil sich eure Spielfigur im Schienen-Gefährt dauerhaft vorwärtsbewegt und niemals anhält sowie obendrein viele der wilden Taschenmonster auch noch in Bewegung sind, ist das richtige Timing eines Fotos keine leichte Aufgabe und viele Versuche sind eher die Regel als die Ausnahme.
Technisches Mittelmaß
Grafisch war Pokémon Snap zur Zeit der Erstveröffentlichung sicher kein Genie-Streich, es konnte sich aber durchaus sehen lassen. Richtig gut kamen bei den Fans die 3D-Modelle der Taschenmonster an, die mit Details und viel Bewegung glänzten. Für die damalige Zeit unüblich kam Pokémon Snap, ähnlich wie schon Pokémon Stadium (lest unbedingt unser Retro-Special zum Spiel!), mit einer rudimentären deutschen Sprachausgabe auf den Markt. Angesichts des stark begrenzten Speicherplatzes auf den Nintendo-64-Cartridges und des vergleichsweise hohen Speicherbedarfs von Audioaufnahmen keine Selbstverständlichkeit vor immerhin fast 20 Jahren.
Marketing und Hype
Quelle: Nintendo
In Pokémon Snap trefft ihr Pokémon wie Glurak in ihren natürlichen Habitaten. Und wo lebt ein Feuer-Pokémon gerne? Natürlich in einem kleinen Lava-See!
Pokémon Snap kam seinerzeit nicht nur bei Fans der Serie, sondern auch bei der Fachpresse gut an. Das umfangreiche Marketing seitens Nintendo trug sicher ordentlich zum Erfolg bei. So konnte man die N64-Cartridge des Spiels Ende der 1990er-/Anfang der 2000er-Jahre sowohl in Japan als auch in den USA mit zu diversen Läden bringen und dort an speziellen Automaten ausgewählte Schnappschüsse aus dem Spiel als Sticker ausdrucken. In den USA lag Pokémon Snap zudem in den Zimmern von landesweit über 86.000 Hotels für Gäste bereit. Beides führte zu einer starken Markenreichweite des Spiels und ordnete sich stimmig in den damaligen Pokémon-Hype ein. Das führte dazu, dass Pokémon Snap allein im Release-Jahr 1999 rund 1,5 Millionen Mal verkauft wurde, was es zu einem der erfolgreichsten Spiele des Jahres in den USA machte. Und da war der Titel in Europa und Australien ja sogar noch nicht einmal erschienen. Auch beim damals noch weit verbreiteten Spielverleih rangierte Pokémon Snap lange Zeit unter den Top-Titeln. Auf der Wertungen aggregierenden Website Metracritic kommt das Spiel indes auf eine durchschnittliche Wertung von 77, für unser Nintendo-Printmagazin N-ZONE bewertete der Redakteur Matthias Glaser das Spiel in der Ausgabe 09/2000 sogar mit einer extrem guten 95er-Wertung.
Kommt ein Nachfolger?
Quelle: Nintendo
Während ihr an ihnen vorbeifahrt, könnt ihr wilde Taschenmonster in Interaktion mit gleichen oder artfremden Pokémon beobachten und fotografieren.
Fast 20 Jahre ist die Veröffentlichung von Pokémon Snap nun schon her. Einen zweiten Teil oder einen sonstwie gearteten Nachfolger hat es seither nie gegeben. Ein neues Pokémon Snap oder zumindest ein geistiger Nachfolger wird von den zahlreichen Fans des Spiels oder Taschenmonster-Fans im Allgemeinen aber schon länger sehnlichst gewünscht und gefordert, und zwar so lautstark und vehement, dass sich bereits einige der Mitarbeiter am N64-Spiel irgendwann einmal zu Wort meldeten. Der Grund-Tenor: In der heutigen Zeit wäre das Spielkonzept von Pokémon Snap einfach zu langweilig.
Quelle: Nintendo
Bisasam gehört zu den insgesamt 63 Pokémon, die ihr in Pokémon Snap entdecken und fotografieren könnt. Der Rest der ersten Generation fehlt im Spiel leider.
Zum Release vor rund 20 Jahren war nicht nur der Pokémon-Hype extrem groß, Fotografie war auch noch etwas Aufwendiges, Besonderes und bei Weitem nicht alltäglich. Heutzutage kann jeder mit seinem Smartphone in Sekunden jederzeit Schnappschüsse in einer Qualität machen, die im Jahr 2000 noch extrem aufwendig, kostspielig und nur mit viel Equipment realisierbar waren. Sowohl die Verantwortlichen bei HAL Laboratory als auch bei The Pokémon Company sprachen sich in der Vergangenheit dafür aus, für ein zweites Pokémon Snap oder einen andersartigen Nachfolger jederzeit offen zu sein und eine Entwicklung nicht abzulehnen. Sollte sich eine spaßige und erfolgversprechende Idee finden, wie man das Konzept sinnvoll in die heutige Zeit portieren könnte, wäre ein Nachfolger durchaus spannend.
Pokémon Snap für Switch?
Quelle: Nintendo
Nach jedem Abschluss eines Levels wählt ihr aus euren Schnappschüssen die besten aus und zeigt sie dem Professor, der Bewertungen vergibt.
Bis zu einem potenziellen Nachfolger, der möglicherweise aber auch niemals Realität wird, habt ihr aber auch heutzutage recht problemlos die Möglichkeit, Pokémon Snap zu spielen. Solltet ihr im Besitz einer Nintendo-64-Konsole sein, bekommt ihr das Original-Spiel auf Cartridge - in der Regel ohne Verpackung oder Spielanleitung - online bereits für wenige Euro bei den gängigen Anbietern oder über Privatverkäufer. Auch auf Flohmärkten könnt ihr regelmäßig über die graue Kassette stolpern, dort dann meist noch etwas günstiger als online. Außerdem hat Nintendo das Spiel 2007 beziehungsweise 2016 für Wii und Wii U als Virtual-Console -Variante erneut veröffentlicht. Da die Wii nun schon einige Jahre auf dem Buckel hat, solltet ihr euch möglichst auf die Wii-U-Version stürzen, die weiterhin im eShop der Konsole erhältlich ist. Und vielleicht wird es irgendwann in Zukunft ja auch eine Portierung für die Switch geben, beispielsweise im Rahmen des kostenpflichtigen Online-Service, der eine stetig wachsende Auswahl klassischer Nintendo-Spiele aus alten Tagen mit sich bringt. Dieser startet zunächst zwar nur mit NES-Titeln, die Erweiterung um weitere Retro-Konsolen von Big N wäre aber nicht nur wünschenswert, sondern mittelfristig gesehen auch durchaus realistisch.
Quelle: Nintendo
Neben den Taschenmonstern solltet ihr auch die Handvoll Pokémon-Sternbilder fotografieren.
Schön wäre ein Release von Pokémon Snap für die Switch allemal, denn das Spiel überzeugt auch heute noch mit ordentlichem Spielspaß. Klar, natürlich ist es richtig, dass Fotografie als zentrales Gameplay-Element in der heutigen Zeit kaum mehr Spieler anlockt, Pokémon Snap überzeugt aber vor allem durch seinen nur schwer einzuordnenden Charme und natürlich durch das Retro-Feeling und die nostalgischen Erinnerungen an Kindheitstage, die viele mittlerweile erwachsende Spieler und Pokémon-Fans mit dem Spiel verknüpfen. Besonders die zunächst versteckten Elemente wie Pokémon-Entwicklungen, alternative Routen und versteckte Taschenmonster sowie besondere Posen einzelner Taschenmonster, die ihr erst nach und nach mithilfe neu freigeschalteter Items entdeckt, motivieren ungemein und verleihen Pokémon Snap einen guten Teil seines Reizes. Das sollte auch jüngeren Spielern nicht vorenthalten bleiben, die teilweise sogar erst nach Release des Spiels geboren wurden und gerne die Frühzeit der Pokémon-Serie nachholen möchten. Noch schöner wäre natürlich ein waschechter Nachfolger.
