Hintergrund: Der Haken mit dem Kreuz - Die Darstellung von NS-Symbolen in Videospielen
Special
In der TV-Serie South Park werden fröhlich Hakenkreuze ausgestrahlt, während jegliche verfassungsfeindlichen Symbole aus Videospielen verschwinden müssen. Warum dürfen NS-Symbole in Filmen wie Indiana Jones gezeigt werden und im Ego-Shooter Wolfenstein nicht? Update: Aufgrund der baldigen Releases von Call of Duty: WW2 und Wolfenstein 2 wollen wir in Erinnerung rufen, warum Publisher ihre Spiele in Deutschland zensieren.
Bereits mehr als drei Jahre ist es her, dass wir uns ausführlich mit dem Thema Zensur und insbesondere der Darstellung von verfassungsfeindlichen Symbolen in Videospielen beschäftigt haben. Schon damals haben wir nicht damit gerechnet, dass sich in puncto NS-Symbolik irgend etwas in den nächsten Jahren verändern wird - und haben damit auch recht behalten. Da bald mit Call of Duty: WW2 und Wolfenstein 2: The New Colossus zwei vielversprechende Ego-Shooter mit Nazi-Thematik erscheinen, wollen wir euch die Gründe in Erinnerung rufen, warum Spiele im Gegensatz zu Filmen in Deutschland noch immer zensiert werden.
Bei der Entwicklung von Call of Duty: WW2 wird es übrigens wieder deutlich, wie sensibel das Thema weiterhin für Publisher ist. So verzichtet Activision auch in den internationalen Fassungen auf Symbole wie Hakenkreuze, SS-Runen und ähnliches im dem Mehrspielermodus, obwohl man in den Multiplayer-Gefechte auch aufseiten der Deutschen spielen kann. Als Begründung gibt man den Spielspaß an, der im Mehrspielermodus an erster Stelle steht. Wir vermuten aber, dass Activision dabei auch insbesondere an die Problematik mit deutschen Spielern denkt, die ja bei MP-Partien auf internationalen Servern womöglich Hakenkreuze zu sehen bekommen könnten. Dies und die Tatsache, dass bis heute kein einziger Videospielhersteller für den nötigen Präzedenzfall gesorgt hat, unterstreicht unsere Vermutung, dass sich zum einen auch in den nächsten Jahren nichts in der Darstellung von NS-Symbolen in Videospielen verändern wird und zum anderen, dass der nun bereits mehr als drei Jahre alte Artikel in seinen Aussagen weiterhin aktuell ist. Wir veröffentlichen ihn hier deshalb passend zum Spielejahr 2017 noch einmal. Viel Spaß beim Lesen!
In keinem anderen demokratischen Land der Welt herrschen strengere Regeln beim Spieleverkauf als in Deutschland. Neben den international gängigen Auflagen für die Darstellung von Gewalt, Sex und Drogenkonsum müssen Spielepublisher hierzulande peinlichst darauf achten, dass keine verfassungsfeindlichen Symbole wie etwa Hakenkreuze in ihren Titeln vorkommen. Dass die öffentliche Darstellung von NS-Symbolen in der Bundesrepublik verboten ist und gar strafrechtlich verfolgt wird, hat aufgrund der deutschen Geschichte berechtigte und nachvollziehbare Gründe, und sollte - um es von vornherein klarzustellen - unserer Meinung nach auch nicht erlaubt sein, falls sie auch nur im Geringsten zur Verbreitung von rechtsradikalem Gedankengut beiträgt.
Quelle: Ubisoft
Die Auslieferung von South Park: Der Stab der Wahrheit musste in Deutschland und Österreich gestoppt werden, da Ubisoft ein verfassungswidriges Symbol übersehen hatte.
Laut Paragraph 86 des deutschen Strafgesetzbuches wird die öffentliche Darstellung von verfassungsfeindlichen Symbolen - oder von Symbolen mit großer Ähnlichkeit - mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder mit einer Geldstrafe geahndet, es sei denn, das betroffene Werk trägt zur Förderung von Kunst und Wissenschaft bei oder dient der politischen Aufklärung im Sinne der Verfassung. Diese Ausnahmeregelung wird in der sogenannten Sozialadäquanzklausel festgehalten und erlaubt etwa Lehrbüchern oder Dokumentarfilmen die Verwendung von NS-Symbolen.
Für eine gewisse Verwirrung sorgt aber, dass scheinbar auch in reinen Unterhaltungsfilmen wie Indiana Jones oder Inglourious Basterds ohne Probleme Hakenkreuze vorkommen dürfen, während die Verwendung von Hakenkreuzen in Computerspielen bis heute untersagt ist. Dieser Ungleichstellung wollen wir in unserem Artikel auf den Grund gehen und anhand von Beispielen verdeutlichen, mit welchen Schwierigkeiten die Spieleindustrie in dieser Hinsicht in Deutschland zu kämpfen hat.
In diesem Artikel
Ein Teufelskreis
Quelle: PC Games
Damit keine Hakenkreuze in Wolfenstein: The New Order auftauchen, lässt Bethesda zwei unterschiedliche Versionen direkt bei Machine Games entwickeln.
Für die Ausnahme bei Filmen sorgt die in der Klausel enthaltene Regelung über die Förderung der Kunst und der Wissenschaft. Denn vor einem Gericht konnten die Filmvertreiber in Deutschland des Öfteren entweder den künstlerischen oder bildenden Aspekt ihrer Werke nachweisen und so die Filme ohne Zensur in die Kinos bringen. Auch die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK), das Pendant zur Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK), vergibt Alterskennzeichnungen für Filme mit Hakenkreuzen, während es bei der USK gang und gäbe ist, dass Spiele mit verfassungsfeindlichen Symbolen keine Kennzeichnung bekommen.
Dadurch, dass die USK Spielen mit Hakenkreuzen die Kennzeichnung verweigert, ergibt sich ein Teufelskreis für die Spielepublisher in Deutschland: Die Hersteller können - oder wollen - es aus wirtschaftlichen Gründen gar nicht zu einer Gerichtsverhandlung kommen lassen, da sie ohne ein USK-Siegel ihr Produkt in Deutschland nicht guten Gewissens verkaufen können. Ein Spiel ohne USK-Kennzeichnung kann nämlich von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) indiziert werden, und das Werk darf dann weder öffentlich verkauft, noch darf Werbung für das Produkt gemacht werden. Zudem ist nach einer möglichen USK-Kennzeichnung nur die erste Hürde für einen Publisher bewältigt, denn die USK ist kein Gericht und so kann die Staatsanwaltschaft ein Verbot und die Beschlagnahmung eines Titels auch nach der Veröffentlichung mit USK-Alterskennzeichnung anfordern.
Quelle: PC Games
In der internationalen Version von Call of Duty: World at War gab es einen Mehrspielermodus, in dem man gegen Nazi-Zombies kämpfen musste. In der deutschen Version sucht man nach dem Nazi-Zombie-Modus vergeblich.
Es kann Monate oder gar Jahre dauern, bis ein Gerichtsurteil ausgesprochen ist und eine hohe Wahrscheinlichkeit ist nicht unbedingt gegeben, dass ein Spielehersteller den künstlerischen Aspekts seines Titels vor einem Richter beweisen kann. Man merkt: Ein Publisher mit wirtschaftlichen Interessen und Erfahrung wird es tunlichst vermeiden, in Deutschland ein Spiel mit Hakenkreuzen herauszubringen. Im Interview mit dem Anwalt Stephan Mathé äußert sich der Experte für gewerblichen Rechtsschutz ebenfalls so, dass er keinem Mandanten es zurzeit anraten würde, Hakenkreuze in einem Computerspiel zu lassen.
Ebenso einleuchtend ist, dass kaum ein Hersteller Interesse daran hegt, die Lanze für die Darstellung von Hakenkreuzen zu brechen. Zum einen vermissen die wenigsten Spieler die verfassungsfeindlichen Symbole als solches; viel mehr missfällt den meisten Gamern einfach die Tatsache, dass ein Titel überhaupt zensiert wurde. Zum anderen wäre es wohl kaum ein guter Werbeslogan, wenn ein bunter Aufkleber mit "Jetzt auch mit Hakenkreuzen!" eine Spieleverpackung schmücken würde. Daher versuchen es Publisher lieber, ein Spiel "komplett uncut" auf den Markt zu bringen. Das ist übrigens oft in ihren Augen bereits dann der Fall ist, wenn lediglich die NS-Symbole aus einem Titel entfernt wurden, aber die gewalttätigen Szenen hingegen nicht zensiert wurden.
Positive Tendenzen
Aus diesen Gründen kam es in den letzten Jahren zu keiner Gerichtsverhandlung, die für einen Präzedenzfall hätte sorgen können. Ob sich die Lage seit dem letztem verhandelten Fall aus dem Jahr 1994 verändert hat, bei dem es um einen Ego-Shooter mit Nazis als Feinde ging und der Titel beschlagnahmt wurde, lässt sich schwer sagen. Es gibt Tendenzen, die dafür sprechen, dass Computerspiele heute als ein Kulturgut gelten und einzelne Titel entsprechend vor einem Gericht als Kunst angesehen werden könnten. Zum Beispiel wurde der GAME Bundesverband 2008 in den Deutschen Kulturrat aufgenommen, und die USK hat am 24. Januar 2014 bekanntgegeben, dass sie ab sofort auch den künstlerischen Aspekt von Computerspielen bei der Vergabe der Kennzeichnungen würdigen werde. Doch weder der Deutsche Kulturrat noch die USK sind legislative oder juristische Entscheidungsträger und somit könnte eine Veränderung in der Causa Hakenkreuze erst dann stattfinden, wenn ein Publisher vor Gericht zieht. Wie bereits erläutert, ist dieser Fall für große Publisher mehr als unwahrscheinlich. Was die kleineren Hersteller angeht, gibt es mit Reality Twist tatsächlich eine Firma in Deutschland, die unter Umständen für den ersten Präzedenzfall sorgen könnte, hierzu mehr im Interview mit Sebastian Grünwald.
Aus der Geschichte lernen
Quelle: PC Games
Im Handbuch der CE von Silent Hunter 5 wurde ein verfassungsfeindlichen Symbol übersehen. Folge: Ubisoft zog die Sammleredition zurück.
Wegen der hohen Unkosten und des möglichen Imageschadens wundert es nicht, dass Publisher wie Ubisoft oder Bethesda heute sehr penibel bei der Entfernung der Hakenkreuze für die deutschen Versionen vorgehen. Bethesda lässt zum Beispiel schon von Anfang an zwei unterschiedliche Versionen von Wolfenstein: The New Order bei Machine Games entwickeln. Eine internationale Fassung enthält Hakenkreuze, während die Version für Deutschland und Österreich schon in der Entwicklungsphase gänzlich ohne verfassungswidrige Symbole gemacht wird. Dieses Vorgehen ist zwar relativ aufwendig, aber Beispiele aus jüngster Vergangenheit haben gezeigt, dass bereits der kleinste Fehler zu massiven Problemen für einen Publisher führen kann.
So hatte zum Beispiel Ubisoft 2010 im Handbuch der Collector's Edition der U-Boot-Simulation Silent Hunter 5 ein Hakenkreuz übersehen und musste den Titel in Deutschland und Österreich zurückrufen. Der französische Publisher wurde zudem mit South Park: Stab der Wahrheit zu einem Wiederholungstäter. Die Verantwortlichen hatten ein Kennzeichen einer verfassungswidrigen Organisation versehentlich in der deutschen Fassung drin gelassen und so wurde Auslieferung vorerst gestoppt (siehe unsere News zum South Park-Auslieferungsstopp). Ein ähnliches Schicksal ereilte auch Activisions Wolfenstein von 2009. Der Publisher hatte für die deutsche Version vermeintlich alle Hakenkreuze aus dem Spiel entfernt und auch eine USK-Freigabe erhalten. Jedoch hatten die Zuständigen ein NS-Symbol auf einem Plakat im Krankenhaus-Level des Spiels übersehen, und so hat Activision den Titel sofort vom Markt zurückgezogen, um einem Gerichtsverfahren aus dem Wege zu gehen.
Quelle: Softgold
Auf der Verpackung von The Secret Weapons of the Luftwaffe war ein kleines Hakenkreuz zu sehen. Um das Spiel trotzdem in Deutschland herausbringen zu können, mussten die Mitarbeiter von Softgold die Zeichen auf den Verpackungen übermalen.
Ganz so professionell ging es übrigens in den frühen 90er-Jahren in der Spielebranche nicht immer zu, wie eine Anekdote von Boris Schneider-Johne verdeutlicht. Schneider-Johne, der heute als Marketeer für die Windows-Sparte von Microsoft tätig ist, arbeitete damals für Softgold. Das Unternehmen vertrieb in Deutschland die Spiele von Lucasarts und hatte zum Beispiel das Adventure Indiana Jones and the Last Crusade und die Flugsimulation Secret Weapons of the Luftwaffe im Portfolio. Bei Indiana Jones and the Last Crusade entfernte Boris Schneider-Johne erfolgreich alle Hakenkreuze mit dem Mal-Programm Deluxe Paint. Bei The Secret Weapons of the Luftwaffe hatte Softgold sich sogar rechtlich soweit abgesichert, dass in der Anleitung des Spiels zeitgeschichtliche Fotos ohne Retusche dargestellt werden durften, da es sich um historische Dokumente handelte. Was die Verantwortlichen bei Softgold aber übersehen hatten, war ein kleines Hakenkreuz auf der Spieleverpackung. Um den Titel trotzdem auf den Markt zu bringen, mussten die Mitarbeiter von Softgold kurzerhand zum schwarzen Edding greifen und auf den ersten paar Tausend gedruckten Exemplaren die NS-Symbole übermalen.
Dass die Spieleindustrie und auch die Spiele als solches erwachsener geworden sind, als es noch in den 90ern der Fall war, wird kaum jemand bestreiten. Tiefgründige Titel wie etwa Braid (2008) oder Papers, Please (2013) mit einer Botschaft auf der sogenannten Metaebene haben in unseren Augen vorgeführt, dass Spiele tatsächlich eine Kunstform sind. Ob sich deshalb die Sachlage bei der Darstellung von Hakenkreuzen in Computerspielen in nächster Zeit verändern wird, wagen wir aber zu bezweifeln. Für uns als Spieletester macht es tatsächlich für die Spielspaßbewertung auch wenig aus, ob in einem Titel nun verfassungsfeindliche Symbole zu sehen sind oder nicht. Was jedoch mehr als wünschenswert wäre, ist die Gleichstellung von Unterhaltungsfilmen und Computerspielen. Da Filme als Medium längst etabliert sind und Spiele derweilen noch immer mit vielen Vorurteilen zu kämpfen haben, wird es sehr wahrscheinlich noch viele Jahre dauern, bis für beide die gleichen Regeln gelten. Wir sind aber aufgrund der Geschichte guter Dinge, dass es irgendwann soweit ist. Denn auch Filme mussten sich in der Entstehungszeit des Medium durchkämpfen, um die gleichen Rechte zu bekommen wie etwa Bücher.
