Out of Line im Test: Ein düster-verspieltes Bilderbuch-Abenteuer
Test
Wer kennt es nicht: Man frönt nichts ahnend dem Arbeiterleben in einer Fabrik und findet sich plötzlich auf der Flucht vor einer bösartigen Entität wieder. Mit Out of Line trauen sich die Indie-Entwickler von Nerd Monkeys an ihren ersten Puzzle-Platformer heran. Ob das Spiel wirklich aus dem Rahmen fällt, so wie es der Name verspricht, haben wir für euch in einem Test zusammengefasst.
Out of Line wirkt auf den ersten Blick wie ein zum Leben erwecktes Bilderbuch. Ein oftmals trostloses Bilderbuch, aber immerhin. Dabei bedeutet Out of Line übersetzt so viel wie "aus der Reihe tanzen/fallen" und das versuchen die Entwickler mit ihrem handgezeichneten Puzzle-Platformer sichtbar. Die Frage ist nur, ob ihnen das auch gelingt. Zumal die Erwartungen an das Spiel von den Machern selbst hoch gesetzt sind. Laut dem offiziellen Out-of-Line-Developer-Blog konnte die erste Version des Spiels nach einer dreimonatigen Entwicklungsphase schon den ersten Platz in den Kategorien "Best Game" und "Press Award" der portugiesischen Playstation Awards für sich beanspruchen.
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Danach nahm das portugiesische Studio Nerd Monkeys die Entwickler unter seine Fittiche und ließ sie den vielversprechenden Titel noch mal von Grund auf neu aufziehen. Es wird von einem "einzigartigen Erlebnis dank der Geschichte und der schönen poetischen Welt" gesprochen. Ziemlich viele Erwartungen, die wir in unserem Test unter die Lupe genommen haben.
Big Brother is watching you!
In Out of Line spielt ihr den jungen San, der in einer trostlosen Fabrik zu Hause ist. Die Fabrik wird von einer bösen Entität geführt, die in Form von riesigen, aus der Decke ragenden, roboterhaften Klauen auftritt und alles Lebende um sich herum zerstören will. Unter die Wucht der Zerstörungswut der unnachgiebigen Klauen gerät auch der einzige, und wahrscheinlich letzte, Erinnerungsbaum. Die Erinnerungen, die am Baum wie Früchte hingen, werden dadurch in alle Welt verteilt. Mit diesem Ereignis beginnt Sans Geschichte, denn es ist an ihm, die verschollenen Erinnerungen wieder einzusammeln. Der Entität gefällt Sans Vorhaben natürlich nicht, deshalb versucht sie, ihn mit allen Mitteln daran zu hindern, seine Aufgabe zu erfüllen. San muss vor dem Big-Brother-artigen Feind flüchten und dabei unzählige Hindernisse überwinden und Rätsel lösen, während er Suchscheinwerfern und mechanischen Klauen ausweicht.
Quelle: PC Games
Der Erinnerungsbaum wird von der bösen Entität angegriffen. Eine bösartige Macht ist hier am Werk.
Schnell wird klar: Die Welt, in der San zu Hause ist, ist keine angenehme. Auch wenn euch der Look des Spiels an ein Bilderbuch für Kinder erinnern mag, geht es dort alles andere als rosig zu. Denn auch nachdem San die Fabrik endlich hinter sich gelassen, nehmen seine Probleme nicht ab. Auf seiner Suche nach den Erinnerungsstücken findet er sich schließlich in einem Wald wieder, der von der Entität und der dazugehörigen Industrie unberührt wirkt. Doch der Schein trügt. Big Brother ist ihm schon auf den Fersen und korrumpiert dabei die heimischen, käferartigen Kreaturen, um San das Leben so richtig schwer zu machen.
Ein Speer für (fast) alle Fälle
Wie verteidigt sich ein kleiner Kerl wie San vor einer solchen Übermacht? Gar nicht! Die Mechanik von Out of Line dreht sich um Sans Speer, den er von einer mächtigen goldenen Erinnerung geschenkt bekommt, um seine Aufgabe zu erfüllen. Jedoch, das gute Ding kann wider Erwarten nicht für Kämpfe genutzt werden. Für San ist dieser Speer nur ein Werkzeug. Die Spielenden können ihn strategisch dazu einsetzen, um San hohe Wände erklimmen zu lassen oder Hebel zu betätigen. Dabei ist, wie in einem klassischen Puzzle-Platformer üblich, Köpfchen gefragt, um San durch jedes Hindernis zu navigieren. Die Steuerung des Speers ist intuitiv gestaltet. Am PC gibt man mit der Maus die Richtung vor, in die der Speer fliegen soll, und mit einem Klick wirft San ihn in die vorgegebene Richtung. Ein weiterer Klick ruft den Speer zurück wie einen Bumerang.
Quelle: PC Games
Mit seinem Speer kann San auch Maschinen zum Stillstand bringen. Einfach zwischen die Zahnräder werfen.
Das erlaubt es San, schnelle Aktionen durchzuführen, wie zum Beispiel Maschinen mit dem Speer zu blockieren, um durch sonst verschlossene Durchgänge zu gelangen. Einmal durch, kann er sein treues Werkzeug zurückrufen und die Maschine geht weiter ihrer Arbeit nach. Die Puzzles werden von Kapitel zu Kapitel immer schwerer, behalten aber ihre Machbarkeit.
Mit ein bisschen Herumprobieren schafften wir es beim Testen, auch die kniffligste Kopfnuss zu knacken. Zudem lässt das Spiel den Spielenden meist genug Zeit, um die Rätsel zu lösen. Nur ganz selten gerät man unter Zeitdruck und muss schnell Entscheidungen treffen. In diesen Fällen sind die Macher von Out of Line aber gnädig. Ihnen geht es darum, Sans Geschichte zu erzählen und die Spieler nicht zu sehr abzulenken. Daher muss man keine "Bestrafung" fürchten, wenn man ein Puzzle nicht sofort versteht. Die Save-Points sind großzügig gesetzt, daher macht es nichts, wenn mal was nicht klappt. Stürzt man in den Abgrund, versucht man es einfach noch mal.
Das ist einer der Gründe, warum wir uns während des Tests nie gehetzt gefühlt haben. Leider auch nicht durch die Gegner im Spiel. Sans passive Natur verhindert, dass er sich gegen Angriffe verteidigen kann. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als vor ihnen davonzurennen. Eine richtige Gefahr stellen die Widersacher dennoch nicht dar, denn eine schlaue Lösung ist immer in Reichweite. Ein Schalter hier oder ein Hebel da, und schon ist der Gegner kein Problem mehr. Und wenn das nicht hilft, bekommt San Gefährten zur Seite gestellt, die ihn Deus-Ex-Machina-mäßig vor der Gefahr retten.
Quelle: PC Games
Aus der trostlosen Fabrik flieht San in die Natur. Doch Vorsicht! Auch hier lauern Gefahren.
Während seiner Reise begegnet San verschiedenen Charakteren, die ihn teilweise auf seinem Weg begleiten. Das ist auch Part der Puzzle-Mechanik des Spiels. Beide Parteien sind meist auf verschiedenen Ebenen platziert und müssen sich gegenseitig helfen, voranzukommen. Dabei kommt ein leichtes Koop-Gefühl zustande, die Sans sonst sehr einsame Reise gesellig wirken lässt. Außerdem haben die Begleiter verschiedene Fähigkeiten, die Sans Möglichkeiten erweitern oder ergänzen. Zum Beispiel kann "der Große" mit seinem riesigen Speer die korrumpierten Käfer heilen. Die Käfer wiederum helfen San, indem sie in kleine Löcher schlüpfen und dort Hebel oder Knöpfe betätigen.
Wie im Bilderbuch?
Quelle: PC Games
San muss Köpfchen beweisen, wenn er an die Erinnerung ganz oben kommen will.
Trotzdem gelingt es dem Spiel nicht ganz, die emotionale Bindung zwischen San und seinen Gefährten überzeugend wirken zu lassen. Da der Titel komplett ohne Sprache auskommt, bekommen wir als Spieler keine richtige Vorstellung aller Charaktere und somit wissen wir nie ganz genau, welche Motive sie verfolgen und was sie genau mit San verbindet. Eigentlich schade, denn sowohl die Charaktere als auch die Umgebung sind liebevoll in handgemalter 2D-Optik dargestellt. Die Entwickler verzichten anscheinend absichtlich auf tiefgreifende Erklärungen, damit die Spieler sich selbst Gedanken zu den Ereignissen im Spiel machen und eigene Schlüsse ziehen können.
Ein schöner Gedanke, dennoch könnte der Titel dadurch für den ein oder anderen fad und nichtssagend sein. Bis zum Schluss konnten wir uns nicht so richtig mit dem Hauptcharakter identifizieren. Er wirkt meist passiv, was nicht zuletzt daran liegt, dass San seine Gegner nicht angreifen kann und auf Hilfe von Anderen angewiesen ist. Auch wenn man sich nicht tiefgehend auf die Story einlassen kann oder will, macht es Spaß, San durch seine Welt zu begleiten und die vielen kleinen Puzzles zu lösen. Für alle Puzzle-Platformer-Fans ist Out of Line sicherlich ein schöner Zeitvertreib.
Der Indie-Puzzle-Platformer erscheint am 23. Juni 2021 für den PC. Im Sommer 2021 wird der Titel auch für die PS4, Nintendo Switch und Xbox One zu haben sein.
