Once Upon a Time in Hollywood: Eine Offenbarung für alle Filmliebhaber

Test Dominik Pache
Once Upon a Time in Hollywood: Eine Offenbarung für alle Filmliebhaber
Quelle: Sony Pictures Entertainment

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Tarantino sich der golden Ära Hollywoods annehmen würde. Bislang hatte er in seinen Streifen nur haufenweise Anspielungen auf Filme dieser Zeit eingebaut. Mit Once Upon a Time in Hollywood ist Tarantino zu Hause angekommen und ein überaus spendabler Gastgeber.

Wird ein Film zum Lieblingsfilm und man sieht ihn immer wieder an, geschieht etwas, wodurch sich die Beziehung zu ihm weiter und weiter vertieft. Neue Facetten stechen ins Auge. Zusammenhänge erklären sich durch Vorwissen, das man erst durch mehrmaliges Schauen erlangt. Aufmerksame Beobachter erkennen, dass eine bestimmte Szene, die beim ersten Mal belanglos erschien, extrem wichtig für einen späteren Moment ist. Wenige moderne Filmemacher besitzen das Handwerkszeug, solche Filme zu kreieren. Quentin Tarantino ist einer von ihnen und hat mit Once Upon a Time in Hollywood (jetzt kaufen 7,09 € ) ein Meisterstück geschaffen.

Asphalt Cowboy

Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) springt über die Laderampe eines Trucks. Quelle: Sony Pictures Entertainment Szene aus der Fernsehserie FBI mit Rick Dalton (Leonardo DiCaprio). Es war einmal im Jahr 1969 in einem Ort namens Hollywood. Es war die sogenannte "goldene Ära". Große Studios produzierten Filme am Fließband - hauptsächlich Western, Komödien und Sandalenfilme. Produzenten gaben den Ton an, nicht Regisseure.

Once Upon a Time in Hollywood spielt in den Monaten vor dem grausamen Mord an Sharon Tate (Margot Robbie), ihren Freunden und ihres ungeborenen Kindes. Im Film begleiten wir Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), Schauspieler und Nachbar von Sharon Tate, der sehr unter einem Karriereknick leidet. Der Hollywoodstar, der vor allem durch seine nun abgesetzte Westernserie Bounty Law bekannt wurde, muss sich mittlerweile sein Brot als Bösewicht in Filmen und Serien verdienen, wodurch er vor allem neuen Stars wie James Stacy (Timothy Olyphant) in den Sattel helfen soll. Sein Stuntman und bester Freund Cliff Booth (Brad Pitt) steht ihm zur Seite, wird aber immer mehr zu einem Mädchen für alles degradiert.

Cliff (Brad Pitt) in einem Studio-Buggie. Quelle: Sony Pictures Entertainment Cliff (Brad Pitt) lungert oft am Set herum, um möglicherweise doch noch einen spontanen Job zu bekommen. Während Rick der Welt - und auch sich selbst - im Pilotfilm zur Serie Lancer beweisen möchte, dass er es immer noch drauf hat, muss sich Cliff damit begnügen, die kaputte Antenne von Ricks Anwesen im Cielo Drive zu reparieren. Zufällig trifft er bei einer Fahrt durch die Stadt auf das "Blumenkind" Pussycat (Margaret Qualley), die per Anhalter auf die Spahn Ranch mitgenommen werden möchte. Dort trifft er auf eine Gruppe Hippies, die dank ihres Anführers Charles Manson (Damon Herriman), als die "Manson Family" bekannt ist. Später werden die Geschichten von Rick Dalton, Cliff Booth und Sharon Tate durch ein schicksalhaftes Ereignis miteinander verwoben.

La dolce vita

Cliff Booth (Brad Pitt) und Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) vor dem Anwesen im Cielo Drive. Quelle: Sony Pictures Entertainment Cliff Booth (Brad Pitt) und Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) vor dem Anwesen im Cielo Drive. Tarantino lässt ein Feuerwerk an Anspielungen und Zitaten auf die Zuschauer los, so offensiv und in Fülle, wie er es in keinem seiner bisherigen Werke vermochte. Beinahe jeder Film und jede Serie der 60er-Jahre wird zitiert, teilweise mit einer ganzen Szene, manchmal aber auch nur mit einer einzigen Kameraeinstellung oder einem Song. Von Blockbustern wie John Sturges Gesprengte Ketten, über bekannte und unbekannte Italo-Western wie etwa von Sergio Leone, bis hin zu Schundfilmen wie Die Satansweiber von Tittfield von Russ Meyer; jeder Filmgeschmack wird in Zitaten bedient. Man merkt, dass Tarantino mit diesen Filmen aufgewachsen ist, ihre Stars verehrt, aber auch hinter ihre Fassade blickt. Kurze Auftritte von Hollywoodstars der damaligen Zeit wie zum Beispiel Steve McQueen (Damian Lewis) wirken eher wie kurz eingestreute Gags als tatsächliche Figuren. Da Sharon Tate aber mit einem Großteil der damaligen High Society befreundet war, trägt dies auch zur Charakterisierung bei. Nur wenige Menschen werden wohl jemals das enzyklopädische Filmwissen eines Tarantinos besitzen, doch mit jeder verstandenen Anspielung öffnet sich der Subtext einer Szene ein wenig stärker. Es lohnt sich also, ein paar Filme dieser Zeit nachzuholen. Schlussendlich bedient sich Tarantino mit einem speziellen Kniff sogar bei sich selbst.

Zwei glorreiche Halunken

Cliff (Brad Pitt) auf der Spahn Ranch. Quelle: Sony Pictures Entertainment Cliff (Brad Pitt) merkt, dass auf der Spahn Ranch etwas nicht in Ordnung ist. Leonardo DiCaprio und Brad Pitt spielen eine glaubwürdige Freundschaft zwischen Hollywoodstar und Stuntman. DiCaprio erhält mit Rick Dalton zwar die führende Rolle im Film, hat aber durch den doch eher melancholisch und verletzlich angelegten Charakter eher weniger Lacher auf seiner Seite. Dabei ist der Film trotzdem brüllend komisch. Vor allem die Szenen mit Cliff Booth sorgen für Erheiterung, auch, weil sich der Zuschauer mit ihm am ehesten identifizieren kann. Cliff Booth erdet mit seiner natürlichen Art den ganzen Film, der vor bunter Persönlichkeiten schier birst, jedoch das Hollywood der damaligen Zeit gut widerspiegelt. Pitt bekommt auch die besten Parts im Film. Manchmal sind diese wie eine Szene auf der Ranch der Manson Family unglaublich spannend, meist aber einfach nur urkomisch. Ein spezieller Abschnitt, in dem Cliff Booth einen bekannten Star demaskiert und die Verlogenheit und Selbstverliebtheit der damaligen Schauspieler offenlegt, ist wahrscheinlich eine der besten und lustigsten Szenen, die jemals geschrieben wurden.

Der alte Mann und das Kind

Sharon Tate (Margot Robbie) tanzt. Quelle: Sony Pictures Entertainment Sharon Tate (Margot Robbie) liebt es Musik aufzulegen und von Szene zu Szene zu tanzen. Sharon Tate wird von Margot Robbie zurückhaltend, aber überzeugend gespielt. Als sie sich im Kino zusammen mit dem "normalen" Publikum einen ihrer Filme ansieht und bemerkt, dass ihre Auftritte an den richtigen Stellen zünden, drängt eine kindliche Unschuld nach außen, die über den ganzen Film weiter aufgebaut wird. Tate wird in allen Einstellungen glorifiziert und als schützenswerter Engel dargestellt. Hier kommt man zeitweise ins Grübeln, wie Tarantino mit diesem Aufbau eine bestimmte Szene überhaupt lösen kann, ohne seinen eigenen Stil zu verraten.

Belle de jour

In erster Linie ist Once Upon a Time in Hollywood eine Momentaufnahme des L.A. des Jahres 1969 ohne stringente Handlung. Trotzdem weiß Once Upon a Time über 160 Minuten durchweg zu unterhalten. Figuren wandern teilweise zwischen nicht zusammenhängenden Szenen hin und her, erzählen aber mit jeder Einstellung ein bisschen mehr über ihre Welt. Für einen Tarantino-Streifen gibt es auch erstaunlich wenige Dialoge. Der Film transportiert vor allem durch seine Bilder den sonnigen, kitschigen und manchmal auch dreckigen Vibe Hollywoods.

Rick (Leonardo DiCaprio) tanzt mit drei Mädchen in weißen Kleidern. Quelle: Sony Pictures Entertainment Rick (Leonardo DiCaprio) versuchte über Hochglanzfilme den Einstieg in das große Geschäft zu bekommen, landete damit aber auf der Schnauze. Tarantinos Stärken sind nach wie vor seine Figuren. Man liebt sie, respektiert sie, hasst sie, verachtet sie, fürchtet sie, oder findet sie witzig, aber keine von ihnen ist einem egal. Er schaffte es gekonnt, die Vorberichterstattung auf falsche Fährten zu locken, indem er ein Ensemble an Schauspielern ankündigte, von denen manche nur für ein paar Sekunden zu sehen sind. Auch ist der Plot um die Manson Family eher eine Nebenhandlung als das Hauptaugenmerk. Once Upon a Time in Hollywood ist eine große Überraschung, witzig, nostalgisch und brutal, aber vor allem eines: ein waschechter Tarantino.

Wertung zu Once Upon a Time in Hollywood (Film)

Wertung:

10 /10

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