Oll, aber toll: Die HD-Version von Okami zeigt Alterserscheinungen, trotzdem bereichert das Action-Adventure aus dem Jahr 2007 eure Spielebibliothek - zumindest, wenn ihr ein bisschen Liebe für Titel im Stil von The Legend of Zelda, Cel-Shading und japanische Spiele empfindet.
Der Trend zu HD-Neuauflagen, Remakes und dergleichen hält an, in Kürze bekommen unter anderem die Klassiker Secret of Mana und Shadow of the Colossus eine Frischzellenkur verpasst. Ob das Ergebnis einer solchen Re-Release nach vielen Jahren bei der Spielerschaft zu Freudentränen oder Schulterzucken (oder im schlimmsten Falle Haareraufen) führt, hängt nicht nur mit der Qualität des Ausgangsmaterials, sondern auch der technischen Umsetzung zusammen. Bei Okami HD (jetzt kaufen / 17,99 € ) können wir in beiderlei Hinsicht Entwarnung geben.
Okami ist ein Nintendo -Spiel. Nein, nicht im eigentlichen Sinne, ursprünglich erschien das Cel-Shading-Abenteuer auf Sonys PS2, erst später folgte eine Wii-Fassung. Vielmehr erinnert Okami mit seinen drolligen Charakteren, dezenten RPG-Elementen, unvertonten Dialogen und seiner Märchenatmosphäre frappierend an The Legend of Zelda, eine der bekanntesten Nintendo-Marken. Die Ähnlichkeiten kommen nicht von ungefähr, Director Kamiya ist großer Fan der Reihe. Solltet ihr reine Computer-Zocker sein, kommt ihr dem klassischen Zelda-Feeling also mit keinem anderen Titel näher.
Quelle: PC Games
Damit die Wäsche von Frau Mandarine schneller trocknet, haben wir eine rote Sonne in den Himmel gemalt. Ist das nicht schön?
Die alte Leier
Wie in so vielen Klassikern dreht sich auch in Okami alles um den Kampf gegen das Böse. Dabei sieht es zunächst rosig aus:
Quelle: PC Games
In den Gefechten stellt ihr euch Dämonen der japanischen Sagenwelt. Auch schreckenerregenden Bossen werdet ihr im Spielverlauf begegnen.
Im Reich Nippon herrscht hundertjähriger Friede - dank der weißen Wölfin Shiranui und Schwertkämpfer Nagi. Die beiden sperrten einst den Dämon Orochi ein, doch der Unhold entkommt seinem Gefängnis und bedroht abermals das Land. Die Schutzgöttin Nippons erweckt kurzerhand die Wolf- und Sonnengöttin Amaterasu, in deren Rolle ihr fortan gegen die Dämonen kämpfen und die sogenannten Wächterblüten retten müsst, die das Land vor dem schädlichen Einfluss der Monster schützen. Als waschechte Gottheit greift ihr auf jede Menge Fähigkeiten und Ausrüstungsoptionen zurück, darunter der göttliche Pinsel. Das Werkzeug schwingt ihr mit dem Stick oder per Maus, nachdem ihr das Bildschirmgeschehen pausiert habt. Verpasst betäubten Feinden den wortwörtlichen Todesstreich, bedeckt sie mit Farbe und macht sie so orientierungslos, zeichnet Bomben und Seerosenblätter, vervollständigt Sternbilder oder malt eine Brücke über einen reißenden Fluss.
Die Waffen eines Wolfes
Quelle: PC Games
Die Landschaft Nippons ist vielfältig. Bäume, die ihr gerettet habt, werfen für euch leckere Früchte wie Pfirsiche oder Mandarinen ab.
Dazu kommen unterschiedliche Waffen, die ihr in knackig-kurzen Gefechten einsetzt - trefft ihr auf Feinde, wechselt ihr in eine kleine Kampfarena und gebt den dämonischen Ausgeburten mithilfe eines simplen Kampfsystems Saures. Immer an eurer Seite (und sehr redefreudig) ist der kleine Issun, der euch für moderne Verhältnisse viel zu oft zu ausufernd erzählt, wo ihr als Nächstes hinlaufen oder welches Item ihr als Nächstes einsetzen solltet. Dass die Dialogsequenzen nicht vertont, sondern von einem Kunstsprachen-Gebrabbel unterlegt sind, ist gewöhnungsbedürftig. Ohne Frage zeigen sich auch an der Optik eine Menge Alterserscheinungen in Form von leeren Umgebungen, jedoch trägt die stilvolle Umsetzung der Grafik im Tuschezeichnungsgewand dazu bei, dass Okami trotzdem attraktiv aussieht. Screenshots werden dem Titel nicht gerecht, da alle Objekte eine gewisse Unschärfe aufweisen - die Intensität des Filters lässt sich im Menü anpassen, auf dem PC gibt es sogar spezielle Mods zu diesem Zweck. Bei den Konsolenvarianten erinnert zusätzlich die schwere Kameraführung daran, dass Okami vor mehr als einem Jahrzehnt auf der PS2 Premiere feierte. Ansonsten gibt es technisch keinen Grund zur Beschwerde, es gibt eine Handvoll Anpassungsoptionen, das Spiel läuft flüssig und stabil, wenn auch nur mit maximal 30 Frames (mehr Bilder pro Sekunde würden sich mit dem betagten Code von Okami beißen). Bei der PC-Umsetzung stören Kleinigkeiten wie etwa fehlender Maus-Support im Menü, und das Anschließen eines Controllers funktioniert manchmal erst beim zweiten Versuch.
Quelle: PC Games
Auf eurer Reise trefft ihr allerlei skurrile Gestalten. Von anderen Naturgeistern erhaltet ihr neue Kräfte, sobald ihr sie erweckt habt.
In der Hall of Fame
Okami war nie der Erfolg beschieden, den das Wolfsabenteuer verdient hätte. Dennoch prägte der von Kritikern hochgelobte Titel eine Menge andere Spiele, darunter The Legend of Zelda: Twilight Princess, in dem sich Link in einen Wolf verwandelt. Teile der Handschrift von Clover Studio, dessen ehemalige Mitarbeiter nach Auflösung des Studios zum großen Teil zu Platinum Games wanderten, kamen später unter anderem im (ebenfalls nur mittelmäßig erfolgreichen) Bayonetta erneut zum Vorschein. Doch nicht nur zur Weiterbildung ist Okami auch heute noch ein empfehlenswertes Vergnügen, dem größtenteils zeitlosen, guten Design sei Dank. Mit einer Spielzeit von etwa 35 Stunden habt ihr viel Zeit, um Nippon zu entdecken, Nebenaufgaben abzuhaken, Bäume zum Erblühen zu bringen, den Einwohnern der Welt zum Glück zu verhelfen, Tiere zu füttern und mehr. Der Humor kommt ebenfalls nicht zu kurz, ist aber - wie eigentlich immer - Geschmackssache. Ärgerlich ist nur, dass sich in die deutschen Texte überraschend viele Grammatikfehler eingeschlichen haben.
Schwingt den Pinsel
Eine Art Bewegungssteuerung wie auf der Wii für die Pinselmechanik wird im Spiel nicht unterstützt, mit einem Controller entspricht die Steuerung
Quelle: PC Games
Indem ihr einen Kreis um Pflanzen zeichnet, erweckt ihr sie zum Leben und lasst sie erblühen. Dieses Kleeblatt wird euch Glück spenden!
dem Schema, das auf der guten alten PS2 zum Einsatz kam. Da dem Spieler aber keine komplexen Kunstwerke, sondern simple Muster abverlangt werden und das Spiel beim Zeichnen kurz pausiert, funktioniert die Mechanik hervorragend und erweitert das Erlebnis sinnvoll. In Okami geht es ohnehin nie um spielerische Höchstleistungen, um Highscores oder Wettbewerb, stattdessen streichelt das verträumte Videospielmärchen selbst die verhärmteste Spielerseele. Wenn ihr noch nie mit einem Pinselstrich die Sonne habt aufgehen lassen, dann habt ihr etwas verpasst.
Metacritic bewertet das Spiel mit 92%.
