Nintendo X Microsoft: Eine Kooperation, welche die Spielewelt nachhaltig verändern könnte
Kolumne
Steht uns ein historischer Wandel auf dem Videospiele-Markt bevor? Geht es nach aktuell grassierenden Gerüchten, so wollen die eigentlichen Branchen-Konkurrenten Nintendo und Microsoft in Zukunft massiv miteinander zusammenarbeiten. So diese Gerüchte Realität werden, wird dies die Videospielewelt nachhaltig prägen und auf lange Sicht für immer verändern, meint Nintendo-Redakteur Lukas Schmid in seiner Kolumne.
Rückwirkend betrachtet zeichnete es sich ja bereits ab, dass hier etwas im Busch ist.
Ich war überrascht, als Nintendo im Rahmen der vergangenen Nintendo-Direct-Ausgabe öffentlich machte, dass Hellblade des Studios Ninja Theory auf der Switch erscheinen wird. Ja, der Titel war schon zuvor Multiplattform. Allerdings gehört Ninja Theory seit etwa einem Jahr zu 100% Microsoft. Man hätte also erwarten können, dass die Redmonder nicht unbedingt die Marke noch weiter auf nicht-Microsoft-Plattformen verbreiten wollen. Jetzt bin ich nicht mehr überrascht.
Und dann sind da ja noch die Gerüchte rund um Scalebound. Das ursprünglich exklusiv für die Xbox One angekündigte, dann aber 2017 gecancelte Spiel soll angeblich weiterentwickelt werden und nun stattdessen exklusiv für die Switch erscheinen. Aber hat da nicht Microsoft was dagegen, die da bestimmt ordentlich Geld reininvestiert hatten, fragte ich mich. Jetzt frage ich mich das nicht mehr.
Viel Lärm um Nichts?
Was ist passiert? Nun, de facto noch gar nichts. Wohl aber machen derzeit Gerüchte in einiger Heftigkeit und aus glaubwürdigen Quellen die Runde, die verkünden: Nintendo und Microsoft starten eine vollwertige Partnerschaft. Also eine, die weit über Minecraft für die Nintendo Switch und gegenseitige Liebesbekundungen bezüglich Crossplay hinausgeht.
Jeuxvideo berichtet und sagt dabei, dass man für diese Aussagen Beweise habe, dass gleich mehrere von Microsoft gepublishte Spiele für die Nintendo Swítch erscheinen sollen, unter anderem Ori and the Blind Forest und Cuphead. Ebenso sind offenbar Umsetzungen von Rare-Spielen sowie zumindest ein wie auch immer gearteter Ableger einer Triple-A-Reihe aus dem Xbox-Portfolio geplant oder zumindest angedacht.
Weiterhin - und vielleicht noch spannender - sollen Xbox Game Pass und respektive xCloud für die Nintendo Switch verfügbar gemacht werden und es erlauben, aus zu Beginn insgesamt 100 Spielen zu wählen und diese auf der Switch via Stream zu spielen. Die Details des angeblichen Deals haben wir in einer News für euch zusammengefasst. Game Informer berichtet inzwischen, dass man diese Entwicklungen ebenfalls bestätigen könne.
Gegen jede Logik
Rumms. Das ist ja mal eine Ansage. Allerdings: Das kann ja nicht stimmen, oder? Damit würde sich Microsoft selbst ins Bein schießen, die eigenen Marken entwerten und einen direkten Konkurrenten, der zudem derzeit erfolgreicher ist als man selbst, einen Push geben. Gerade mit Blick auf die Tatsache, dass Microsoft nicht etwa aus dem Konsolenmarkt aussteigen will, sondern im Gegensatz zu den anderen Konsolenherstellern bereits den Nachfolger der Xbox One in der Pipeline hat.
Auf den ersten Blick scheint dieser Einwand logisch. Allerdings, ich habe es bereits erwähnt: Rückwirkend betrachtet zeichnete sich bereits ab, dass da was im Busch ist.
So verstehen sich Nintendo und Microsoft schon eine ganze Weile ziemlich gut. Das geht von Sympathiebekundungen auf Twitter über gemeinsame Videos bis hin zu Xbox-Chef Phil Spencers Aussage, dass er Super Smash Bros. liebe und Banjo-Kazooie nur zu gerne darin sehen würde; was von Fans ja auch schon seit langer Zeit flehend erbeten wird.
Zudem hat sich Microsofts Vorgehen in Sachen Exklusivität in den letzten Jahren generell gewaltig verändert. Zu Zeiten der ersten Xbox, der Xbox 360 und auch noch zu Beginn der Xbox-One-Ära spielte man auf den bekannten Trommeln und versuchte, sich und seine Spieler alleine im eigenen Mikrokosmos glücklich zu machen. Dann aber kam der vor allem in Europa eher bescheidene Erfolg der One - und wohl auch damit einhergehend der Abgang des damaligen Xbox-Chefs Don Mattrick - und Microsoft startete einen Umdenkprozess. Statt die Xbox als Konsole in dem Mittelpunkt zu stellen, war ab dann die Marke Xbox der Fokus der Vermarktung.
Egal wie, egal wo
Man erinnere sich daran, als die Redmonder ankündigten, dass jedes Xbox-One-Spiel der Microsoft Game Studios fortan verpflichtend auch für den PC erscheinen würde. Xbox als Brand ist inzwischen schon lange auf dem PC beheimatet und von fast jedem Device aus kann auf Xbox Live zugegriffen werden.
Und spätestens mit xCloud macht Microsoft klar: Die Zeiten der Hardware-Exklusivität sind vorbei. Zur Enthüllung des Cloud-Services zeigte man sogar, wie Xbox-Spiele per Stream auf Smartphones liefen.
Und was ist dann mit der neuen Microsoft-Konsole? Nun, diese wird all diese Entwicklungen bestimmt zelebrieren. Ich rechne schon damit, dass man damit auch auf klassische Art und Weise wird spielen können; aber auch, dass, wer will, sie als reine, zentrale Streaming-Box nutzen kann. Microsoft bietet dann nicht mehr die eine Methode an, Xbox zu erleben, sondern bloß eine von mehreren.
Aus Marketing-Perspektive ist das auf lange Sicht ziemlich smart. Wer weiß, wie lange es das Konsolengeschäft, wie wir es kennen, noch geben wird? Die Branche verändert sich, schnellere Internetverbindungen machen Streaming und Online-Services schon heute in vielen entwickelten Teilen der Welt zu einer Selbstverständlichkeit, irgendwann ist es bestimmt auch in Deutschland so weit (den kleinen Seitenhieb möge man mir verzeihen). Wenn dann Nintendo-Hardware, Playstation 5, 6, 7 und Co. keine Rolle mehr spielen, hat sich Xbox als Marke bereits seit langem als dynamischer Service in den Köpfen der Leute festgesetzt.
Eine Xbox ist eine Xbox ist eine Xbox
Aber warum dann die "wirklichen" Umsetzungen für die Nintendo Switch? Warum nicht einfach Game Pass oder xCloud drauf (den bisherigen Gerüchten nach könnten die beiden Dienste auf der Nintendo-Konsole zu einem Service verknüpft werden) und gut is'?
Nun, erstens sind es zumindest zu Beginn ja nur die "kleinen" Titel, die hier offenbar in Frage kommen. Die Triple-A-Ankündigung ist ja sogar im Rahmen der Gerüchte bisher nur eine Mutmaßung. Zweitens ist auch das nur eine konsequente Umsetzung der Denke, die Microsoft antreibt: Wir wollen als Marke groß sein, plattformtreue ist uns einerlei - das schließt auch "richtige" Entwicklungen mit ein, die nicht im Rahmen eines Sevices angesiedelt sind.
Klar, es wäre schon extrem überraschend, Scalebound exklusiv auf der Switch zu sehen; ein Projekt, in das Microsoft dereinst, als noch die alte Denke vorherrschte, bestimmt jede Menge Geld investierte. Aber sollte sich auch dieses Gerücht bewahrheiten, dann sehen die Spieler nicht nur den Titel; sie sehen auch Microsoft, sie sehen Xbox. Und sie merken sich Microsoft und Xbox. Mit Nintendo hätte man zudem einen Partner an der Hand, der viel mehr noch als andere Hersteller in Sachen Online-Struktur auf Altbewährtes setzt. Bis vom Mario-Konzern selbst Streaming-Konkurrenz zu erwarten ist, vergeht noch einige Zeit - ideale Voraussetzungen für beide Unternehmen, sich nicht gegenseitig das Wasser abzugraben! Wenig verwunderlich also, dass von Nintendo-Spielen auf der Xbox zumindest derzeit noch keine Rede ist.
Ein derartiger Langzeitplan ist - respektive wäre - in der Branche ein Präzedenzfall, aber meines Erachtens nach eine kluge Entscheidung.
Und er würde die Videospielewelt nachhaltig verändern.
Der Zeit voraus?
Erfolgreiche Projekte machen Schule - und sollte Microsofts Schritt sich als richtig erweisen, so werden andere Konzerne, allen voran Sony, irgendwann darauf reagieren müssen, ob ihnen das gefällt oder nicht. Wir befinden uns in einer Zeit, in der nicht nur Konsolen, sondern auch Dienste, "Special Editions" und mehr den Markt künstlich fragmentieren. Erscheint ein Spiel für alle drei Konsolen-Plattformen und den PC, muss es - vereinfacht gesagt - im Grunde vier mal entwickelt werden. Eigentlich ein Irrsinn.
Wenn aber die anderen Hersteller, und irgendwann vielleicht sogar Nintendo, erkennen, dass dedizierte Hardware nicht die Zukunft sein sollte, dann wird es zwar nach wie vor und mehr als bisher unterschiedlichste Streamingdienste geben, die den Markt fragmentieren. Es wird aber keine Technik mehr geben, die ein Spiel an sich bindet. Frohlocket, PC-Spieler - aufgrund der nicht erweiterbaren Konsolen-Hardware notwendige Stagnation im Technik-Fortschritt spielt dann auch keine Rolle mehr. Mehr noch, können Spiele immer in der aktuell besten Variante ausgespielt werden, wenn sie auf leistungsstarken zentralen Servern laufen. Auch die Bedeutung von Exklusiventwicklungen wird nachlassen - je mehr der eigene Name den gesamten Markt durchdringt, desto besser.
Streaming- und Abo-Dienst sind so oder so die Zukunft, da sind sich wohl die meisten Spieler einig. Es ist aber beeindruckend, zu sehen, wie Microsoft schon jetzt vorprescht und hier nicht nur das Fundament für diese Entwicklung legt, sondern bereits die Mauern für Bad, Küche und Wohnzimmer aufstellt.
Und all das nur, weil jetzt Ori and the Blind Forest für die Switch erscheint. Also, vielleicht.
Was meint ihr zu meinen Gedanken zum Thema? Seht ihr das ähnlich, oder findet ihr, dass ich hier zu viel hineininterpretiere? Diskutiert gerne in den Kommentaren darüber! Wie immer gilt aber: Freundlich bleiben.
