Mehr als nur ein Horror-Stardew-Valley: Darum könnte Neverway eines der interessantesten Spiele des Jahres werden

Special Vivien Ziermann
Mehr als nur ein Horror-Stardew-Valley: Darum könnte Neverway eines der interessantesten Spiele des Jahres werden
Quelle: PC Games

Für alle, denen Stardew Valley zu idyllisch war, kommt dieses Jahr eine Horror-Farming-Sim, die das Landleben mit actionreichen Kämpfen würzt. Doch hinter dem Pixel-Horror steckt noch viel mehr.

Eine farbenfrohe Welt, saftige Wiesen, die eigene Farm und ein entspannter Alltag in einem charmanten Pixellook haben Stardew Valley zu einem der erfolgreichsten Indie-Spiele überhaupt werden lassen. Doch ist die Ausgangssituation, warum Spieler sich überhaupt auf den abgelegenen Bauernhof zurückziehen, genau genommen gar nicht so rosig, wie das Spiel vermuten lässt.

Gefangen in einem eintönigen und stressigen Job, in einer Großstadt, in der alles nur grau in grau erscheint, wird der Alltag schließlich zu viel und der gewählte Charakter sieht nur noch den Ausweg, aus seinem bisherigen Leben auszubrechen und die Farm seines verstorbenen Großvaters zu übernehmen.

Was in Stardew Valley nur kurz angerissen wird, da das Spiel einen Wohlfühlort darstellen soll, wird in Neverway zu einem zentralen Bestandteil der Gameplay-Mechaniken. Die kommende Pixel-Sim beschäftigt sich mit schwerwiegenden, ernsten Themen und bettet diese in eine düstere Horrorwelt voller Gefahren. Damit könnte Neverway eine der tiefgründigsten und interessantesten Farming-Sims aller Zeiten werden.

Aus der Großstadt auf eine abgelegene Insel

Auf den ersten Blick lassen sich schnell viele Gemeinsamkeiten zwischen Neverway und Stardew Valley finden. Schon allein die markante Pixelart lässt keinen Zweifel am kreativen Vorbild aufkommen. Allerdings ist Neverway, anders als die bekannte Farming-Sim, nicht in fröhlichen und kräftigen Farben gehalten. Stattdessen ist die Welt in matte Blau- und Grüntöne und viel Schwarz getaucht. Dadurch entsteht eine bedrückende Stimmung, passend zu den angesprochenen Themen. Aber dazu später mehr.

Eine weitere große Ähnlichkeit der beiden Spiele ist der Ausgang der Geschichte. Auch in Neverway flüchtet die Protagonistin aus der Großstadt auf ihre eigene kleine Farm. Bereits im Prolog begleiten wir Fiona, unglücklich mit ihrem Leben in der Stadt, dabei, wie sie ihren Job kündigt und auf einer abgelegenen Insel ein Leben als Farmerin beginnt. Ressourcen sammeln, Feldfrüchte anbauen, Essen zubereiten, Werkzeuge craften und die anderen Inselbewohner kennenlernen stehen auch hier auf der Tagesordnung. Doch unterscheidet sich Neverway in vielen wichtigen Punkten von seinem kreativen Vorbild.

Die Farm, in der Fiona ihr neues Leben beginnt. Drumherum sind viel Natur und zwei entzündete Straßenlaternen. Quelle: PC Games Die kleine Farm am Rand des Dorfes, auf der Fiona ihr neues Leben beginnt, erinnert stark an den Anfang von Stardew Valley.

Psychische Krankheiten als tägliche Begleiter

Die traurige Wahrheit ist: Inzwischen leiden immer mehr Menschen unter psychischen Erkrankungen. Allein in Deutschland ist im Schnitt jeder vierte Erwachsene betroffen. Neverway schreibt sich diese alltägliche Last groß auf die Fahne und baut sie sogar in seine Gameplay-Mechaniken ein. Damit beschäftigt sich die Horror-Lebenssimulation mit wichtigen, ernsten Themen und stellt diese unverblümt zur Schau.

Denn Protagonistin Fiona leidet unter Depressionen und ist dadurch kaum in der Lage, alltägliche Dinge wie den Haushalt zu meistern. In einer chaotischen Wohnung liegt sie oft bis zum Nachmittag im Bett und kann sich kaum motivieren, das Haus zu verlassen. Soziale Kontakte hat sie vernachlässigt und schließlich verloren, ebenso wie ihren Job nach einem langen Krankheitsausfall.

Eine so realistische und unverblümte Darstellung ist bisher in Videospielen selten zu finden und stellt einen großen Schritt dar, um die Auswirkungen dieser Erkrankungen als nicht betroffene Person besser verstehen zu können. Die eingebauten Buffs tragen noch einmal zusätzlich dazu bei.

Als Fiona beispielsweise gezwungen ist, ihre Wohnung zu verlassen, um ihre Sachen aus dem alten Büro zu holen, löst das mehrere Reaktionen in ihr aus, die sich unter anderem auf ihre Ausdauer- oder Hungeranzeige auswirken können. Der Gedanke, an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren zu müssen, erfüllt sie zum Beispiel mit großer Angst, wodurch sie sich langsamer bewegt und jede Aktion mehr Kraft kostet.

Ein Bild von Fiona. Daneben eine Übersicht über ihren aktuellen Zustand. Quelle: PC Games Im Statusmenü ist Fionas aktueller Zustand zu sehen. Hier wird deutlich beschrieben, wie sie sich fühlt und warum. Auf der anderen Seite können positive Ereignisse, wie der Verzehr von Fionas Lieblingsessen, ihre Stimmung heben und damit ihre Buffs zum Guten verändern. Neverway scheint so einen guten Weg gefunden zu haben, die alltäglichen Hindernisse mit einer psychischen Belastung ungezwungen auch Außenstehenden nahezubringen, und dadurch im besten Fall eine höhere Sensibilität und mehr Verständnis für Betroffene zu fördern.

Zudem helfen wir im Spiel Fiona, ihr Leben wieder aufzubauen, genau so, wie es auch im realen Umgang mit einer solchen Situation sein sollte: nämlich, indem wir einen Schritt nach dem anderen machen. Ein neues Leben an einem fremden Ort, voll unbekannter Menschen, ist schon einschüchternd genug. Wer jetzt auch noch neue Kontakte knüpfen, die eigene Farm bestellen und das neue Zuhause aufmöbeln soll, ist schnell überfordert.

Verschiedene Dialogoptionen, aus denen der Spieler wählen kann. Quelle: PC Games In Gesprächen mit NPCs können Spieler häufig aus verschiedenen Dialogoptionen wählen. Sollte Fiona ehrlich mit ihrer Depression sein oder lieber lügen? Um dieses Gefühl der Überforderung zu vermeiden, ist jeder Ingame-Tag in drei Abschnitte geteilt: Morgen, Nachmittag und Abend. Wann jeder dieser Abschnitte beginnt, können die Spieler selbst entscheiden. Damit ist genug Zeit für alles, was sich für diesen Tag vorgenommen wurde, ohne dass Zeitdruck entsteht. Damit kann Fiona sich zum Beispiel am Morgen in Ruhe um ihre Farm kümmern und am Nachmittag im Dorf neue Kontakte knüpfen. Eben immer ein Schritt nach dem anderen.

Albtraum wird Realität

Wer jetzt glaubt, dass es sich trotz ernster Themen um eine cozy Farming-Sim handelt, hat sich allerdings getäuscht. Denn neben allen anderen Herausforderungen, denen sich Fiona stellen muss, wird sie außerdem von einem toten Gott zu seinem unsterblichen Vertreter auserwählt und muss sich an seiner Stelle albtraumhaften Monstern entgegenstellen, die versuchen, in unsere Realität einzubrechen.

Fiona steht in einem schwarzen Wald auf toten Bäumen, vor ihr liegt ein riesiger Skelettschädel. Quelle: PC Games Als Vertreterin des toten Gottes stellt sich Fiona in actionreichen Kämpfen albtraumhaften Monstern entgegen. In dynamischen Kämpfen aus der Vogelperspektive wird die Farming-Simulation kurzerhand zum Horror-Action-RPG. Um den Spielstil nach euren eigenen Vorlieben anzupassen, stehen euch zahlreiche Gegenstände zur Verfügung, die Fiona auf ihrer Farm herstellen kann. Außerdem könnt ihr mit über zehn Charakteren auf der Insel Freundschaft schließen, von denen jeder andere Boni und Kampffähigkeiten freischaltet. Damit wird auch das lästige Kontakteknüpfen und Smalltalkführen motivierender.

Mehr als nur eine Farming-Sim

Neben der klassischen Farming- und Lebenssimulation bietet Neverway also ebenfalls actionreiche Kämpfe mit ausgewählten Rollenspielmechaniken und Slowburn-Horror mit dynamischen Cutscenes. Das Ganze wundervoll in Szene gesetzt in einem charmanten Pixellook, der unter anderem vom Art-Designer von Celeste mitkreiert wurde.

Meinung

Dazu kommen die Thematisierung und Enttabuisierung von psychischen Krankheiten, die laut Statistiken jährlich sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern und Jugendlichen immer weiter ansteigen. Damit könnte Neverway nicht nur eines der interessantesten, sondern auch eines der wichtigsten Indie-Spiele dieses Jahres werden. Genaueres wissen wir spätestens zum Release, der momentan für Oktober 2026 geplant ist. Wer sich bis dahin schon selbst einen ersten Eindruck machen möchte, kann den Prolog kostenlos auf Steam ausprobieren.

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