Neo: The World Ends With You im Test - Durchgestylte Präsentation, konventionelles Gameplay
Test
Totgeglaubte leben länger: Nach knapp 14 Jahren bekommt The World Ends With You, das Kult-Rollenspiel von Square Enix, endlich einen zweiten Teil spendiert. Überzeugt der markante Stil des Großstadt-JRPGs auch in 3D? Werden endlich alle Handlungsstränge des Vorgängers aufgelöst? Und wie wurde das schräge Kampfsystem für Controller umgesetzt? Antworten gibt's im Test!
Stellt euch vor, ihr nehmt klassische Rollenspiel -Features wie Monsterkämpfe, Zauber, Nebenquests, Rüstungen und Tränke und verpflanzt all das von einer mittelalterlichen Fantasy-Welt ins Tokio des 21. Jahrhunderts. Statt tapferer Krieger spielt ihr eine Gruppe Teenager, statt in der Taverne kehrt ihr vor dem nächsten Gefecht im Bubble-Tea-Laden ein und statt epischer Orchester-Musik gibt's Metalcore und Hip-Hop auf die Ohren. Garniert das Ganze mit einer Parallelwelt-Story im Visual-Novel-Stil und jeder Menge Jugend-Slang, und ihr habt das Erfolgsrezept von Square Enix' exzellentem Kultklassiker The World Ends With You.
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Knapp 14 Jahre nach seinem erstmaligen Erscheinen auf dem Nintendo DS wird das stylische JRPG nun von einem Nachfolger beehrt, der die Geschichte um das mysteriöse Reaper's Game fortsetzt und den extrovertierten, einzigartigen Artstyle des Spiels in die dritte Dimension befördert.
Altes Spiel mit neuen Spielern
Quelle: PC Games
Gelegentlich werden die Schnitzeljagden und Noise-Kämpfe mit kleineren Rätseln und Quizfragen aufgelockert.
Neo: The World Ends With You (jetzt kaufen )äändert zunächst wenig am Aufbau der Story. Einmal mehr verschlägt es euch auf die quirligen Parallelwelt-Straßen des Tokioter Stadtteils Shibuya, wo die mysteriöse Reaper-Organisation Woche für Woche ihre tödliche Schnitzeljagd abhält. Im Reaper's Game kämpfen mehrere Teams in täglich wechselnden Missionen um die Vorherrschaft. Dem Team, das am Ende der Woche mit den meisten Punkten dasteht, wird ein Wunsch erfüllt, während die Letztplatzierten ausgelöscht werden. So weit, so bekannt.
Neu sind bei Neo allerdings die Spieler, mit denen ihr das Game bestreitet: Statt des schweigsamen Neku verkörpert ihr den Teenager Rindo, der mit seinem überdrehten Kumpel Fret nichtsahnend durch Shibuya streift, als die beiden plötzlich in die Paralleldimension des Undergrounds gesaugt werden. Der Kontakt zur echten Welt reißt ab, seltsame Graffiti-Monster stürzen die Stadt ins Chaos, und der Spielleiter stimmt die "Sheeple of Shibuya" auf eine Woche voller Spannung ein. Und spannend ist die Geschichte, trotz gewisser Längen, auf jeden Fall: Im Verlauf der über 50-stündigen Story erwarten euch fiese Plottwists, jede Menge einzigartige Charaktere und das Gefühl, nie genau zu wissen, in welche abstrusen Szenarien die sympathischen Figuren als Nächstes stolpern könnten. Ohne viel zu spoilern, können wir verraten: Trotz der fast 14 Jahre, die seit The World Ends With You vergangen sind, ist Neo ein direkter Nachfolger, der viele alte Handlungsstränge aufgreift und gelungen weiterspinnt. Kenntnis des ersten Teils empfohlen!
Quelle: PC Games
Bossfights, in denen ihr tatsächlich einem völlig neuen Gegnertyp mit eigenen Mechaniken begegnet, sind eher selten.
Subkulturen, Slang und Style
Quelle: PC Games
Man merkt, dass durchaus Mühe in die deutsche Fassung der Texte geflossen ist und nicht nur stumpf übersetzt wurde.
Was ebenfalls damals wie heute überzeugt, ist der markante Stil, in dem das JRPG präsentiert wird. Shibuya ist ein schrilles, lautes und durchgestyltes Popkultur-Mekka. Während ihr durch die vollgestopften Gassen des Stadtteils lauft, trefft ihr quasi pausenlos auf markige Charaktere, die ihre teils extrem schrägen Subkulturen mit liebevollem Charakterdesign und jeder Menge Slang und Insider-Sprüchen repräsentieren.
Wer bei dem Setting und der Tatsache, dass Neo mit deutschen Texten daherkommt, nun ein Cringefest Marke Langenscheidt-Jugendwörter erwartet, darf aufatmen: Die Dialoge sind mit viel Witz und Charme geschrieben und haben die Übersetzung ins Deutsche gut überstanden, inklusive angepasstem Slang, Brudi! Und das ist doppelt wichtig, denn gerade in den ersten Spielstunden könnt ihr kaum einen Handgriff tun, ohne davor und danach bequatscht zu werden. Dass das Spiel eine so abwechslungsreiche und charmante Charakterriege auffährt, bewahrt die größtenteils unvertonten Standbild-Dialoge gerade noch davor, auf Dauer zu langweilig zu werden. Viele aufwändige Zwischensequenzen voller Action solltet ihr jedoch nicht erwarten, hier bleibt Neo altmodisch und nah am Vorgänger.
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Im Scan-Modus horcht ihr in die ansonsten gesichtslosen Passanten hinein und erfahrt einen Schwank aus ihrem Leben. Aber Vorsicht, auch die roten Noise-Monster werden dann auf euch aufmerksam.
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Manche Pins könnt ihr im Hintergrund aufladen, während ihr dem Gegner mit einer anderen Attacke zusetzt. Jeder Angriffstyp ist dabei einem bestimmten Controller-Button zugeordnet.
Zwischen den unzähligen Dialogen folgt ihr Hinweisen, die euch die Reaper übers Smartphone zukommen lassen, um die Aufgabe des jeweiligen Tages bzw. Kapitels zu erledigen. Dabei erkundet ihr nach und nach freigeschaltete, kleine Areale von Shibuya, bekommt immer wieder Rätsel präsentiert (deren Lösung jedoch gerne vorher in Dialogen breitgetreten wird) und bekämpft andere Spieler-Teams sowie die "Noise" genannten Graffiti-Monster. Im Gegensatz zum DS-Vorgänger, in dem ihr per Touchscreen, Mikrofon, Buttons und auf zwei Bildschirmen gleichzeitig ran musstet, setzt Neo angesichts der weniger vielseitigen Hardware, auf der es läuft, auf ein eher konventionelles Action-RPG-Kampfsystem.
Buffs für Trendsetter
Quelle: PC Games
Jeden der über 300 Pins könnt ihr aufleveln und teilweise zu einer neuen Attacke entwickeln. Den Großteil der Angriffe luchst ihr den Noise-Monstern ab. Je höher dabei der Schwierigkeitsgrad, desto besser die Drop-Chance!
Wie gehabt bestückt ihr eure Figuren mit Pins, also Ansteckern, die euch mit verschiedenen Angriffen ausstatten. Meist seid ihr im Dreier- oder Viererteam unterwegs und wechselt den Charakter, indem ihr seinen jeweiligen Angriff benutzt. Wenn ihr eure Attacken nach jeder gelandeten Combo variiert, füllt ihr den Groove-Balken, der euch besonders mächtige Spezialfähigkeiten ermöglicht. Das Groove-System sorgt für einen spaßigen Flow in den ansonsten recht unspektakulären, aber solide spielbaren Kämpfen. Gegnern, Arenen und Fähigkeiten mangelt es jedoch spürbar an Abwechslung.
Zwar gibt es über 300 Pins zu finden, die meisten lassen sich jedoch in eine Handvoll Kategorien pressen, mit denen ihr den Großteil des Spiels bestreiten werdet, und auch die Gegnertypen wiederholen sich schnell. Bis euch die selten vorkommenden Bossfights tatsächlich mit kreativen Mechaniken statt nur mit exorbitant vielen Lebenspunkten fordern, vergehen (zu) viele Spielstunden. Hier hatte der Vorgänger, vor allem natürlich wegen seiner innovativeren und vielseitigeren Steuerungsmöglichkeiten, klar die Nase vorn.
Quelle: PC Games
Wie im Real Life braucht es schon ein gewisses Maß an Coolness, um so ein Shirt tragen zu können. Bis ihr die 123 Style-Punkte zusammenhabt, müsst ihr jede Menge hippes Essen verspeisen!
Quelle: PC Games
Wie sehr einem Charakter ein bestimmtes Essen schmeckt, seht ihr an seinem Bild. Die Helden sind dabei unterschiedlich wählerisch. Außer euer bester Kumpel Fret, denn der bricht bei nahezu jedem Gericht in Freudentränen aus.
Außerhalb der Kämpfe bessert ihr eure Attribute stilecht auf, indem ihr euch in Ramen-, Burger- oder Kaffeeläden dauerhafte Boni reinschaufelt und -schüttet, immer begrenzt durch eine Sättigungs-Anzeige, die ihr durch Kalorienverbrennung in Gefechten wieder leert. Bestimmte Snacks und Getränke, wie etwa der (mysteriöserweise) wieder in Mode gekommene Bubble-Tea, verbessern schließlich euren Style-Level. Je höher der ist, desto extravaganter und mächtiger wird die Kleidung, die ihr euch überziehen könnt. Manche Klamotten verleihen euch zusätzlich Set- oder hier eher Marken-Boni, statten bestimmte Charaktere mit zusätzlichen Buffs aus, oder verstärken Pins derselben Marke. Die Verbesserungssysteme sind also gelungen ineinander verzahnt und schaffen ein motivierendes Fortschrittsgefühl, auch, wenn es weiterhin schade ist, dass die Outfits an den Charakteren nicht sichtbar sind.
Technik: Whack. Mixtape: Fire!
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Finde den Hauptcharakter: Während die Hauptfiguren und Monster ordentlich aussehen, wirken Passanten und Umgebungen oft sehr lieblos gestaltet.
Der größte Störfaktor an Neo: The World Ends With You ist, neben dem etwas generischen Kampfsystem und der altbackenen Präsentation der Dialoge, die ziemlich billig wirkende 3D-Umsetzung. Shibuya ist bunt und stilvoll wie eh und je, aber hässliche, einfarbige Texturen mit wenigen - und dann auch noch verpixelten - Details, inklusive Kantenflimmern, sind für ein Spiel, das modern und frisch wirken will, nicht mehr wirklich zeitgemäß. Allgegenwärtige unsichtbare Mauern, winzige, statische Gebiete, (absichtlich) kantige Passanten und die Tatsache, dass die Spielwelt auch in den Kämpfen reine Kulisse ohne Interaktionsmöglichkeiten ist, verleihen der Technik von Neo eher den Beinahe-Retro-Charme eines viel zu spät gekommenen 3DS-Nachfolgers, als den Glanz eines modernen JRPGs.
Quelle: PC Games
Die verfeindeten Teams, mit denen ihr immer wieder aneinandergeratet, könnten unterschiedlicher kaum sein. Während die Variabeauties etwa aus Fashion-Freaks bestehen, haben die Nerds der Deep Rivers Society nur maritime Themen im Kopf. Oh, buoy.
Quelle: PC Games
Viele eurer Party-Mitglieder bringen besondere Fähigkeiten mit sich: Held Rindo kann etwa die Zeit zurückdrehen, während Fret bei anderen Charakteren Erinnerungen wachruft. Benutzen dürft diese Skills jedoch nur an vorgegebenen Punkten in der Story.
Würde man nun den Ort suchen, an den all die Liebe geflossen ist, die der optischen 3D-Umsetzung offenbar verwehrt blieb, fände man ihn zweifelsfrei beim Soundtrack. Denn der ist wieder ein wilder, lauter und aggressiver Ritt durch alles, was urbane Musik so hergibt. In der über 50 Songs starken Playlist finden sich neben Neuinterpretationen von Liedern aus dem ersten Teil und atmosphärischen Instrumental-Tracks auch jede Menge neue Songs aller möglichen Genres: Rap, Rock, Pop, Metalcore und Electro, die meisten davon mit englischen und/oder japanischen Lyrics vertont. So viele, eigens für ein Spiel geschriebene Songs, die ebenso gut von etablierten Bands stammen könnten - das ist eine Seltenheit und verdient besondere Anerkennung!
Wir halten also fest: Fans des Vorgängers dürften alleine der fortgesetzten Story wegen schon auf ihre Kosten kommen, und der Stil, der Sound und der Charme von The World Ends With You sind auch 14 Jahre später noch intakt. Wer jedoch erwartet, dass Neo ein ähnlich innovatives, modernes und kreatives Rollenspiel ist wie sein Vorgänger, wird angesichts der veralteten Technik und des eher konventionellen Gamedesigns wohl auch ein wenig enttäuscht zurückbleiben.
Neo: The World Ends With You ist für PS4 und Nintendo Switch erhältlich. Eine PC-Version (Epic Games Store) soll im Sommer 2021 folgen.
