Neo Cab im Test: Ausgebremst von Budget-Restriktionen, dennoch unterhaltsam
Test
Lina fährt Taxi, und zwar in der riesigen Metropole Los Ojos in Kalifornien. Im Indie-Adventure Neo Cab haben wir Lina mehrere Abende durch ihr Leben in der Cyberpunk-Stadt begleitet und dabei einen Vermisstenfall gelöst. Ob wir Spaß dabei hatten, lest ihr im Test zu Neo Cab.
Selbstfahrende Autos, Kapselhotels, Armbänder, die die Stimmung des Trägers mit Farben anzeigen - so weit entfernt von unserer Gegenwart scheint die Zukunft nicht zu sein, die in Neo Cab gezeichnet wird. Heldin Lina ist Taxifahrer und beschließt, sich in der kalifornischen Mega-Metropole Los Ojos niederzulassen und dort zu arbeiten. Der Konzern Capra hat in der Stadt Politik und Gesellschaft im Griff und plant, menschliche Autofahrer komplett abzuschaffen - angeblich aus Sicherheitsgründen. Dass Lina gerade an diesem Ort ihre Brötchen verdienen will, hat einen Grund und Namen: ihre beste Freundin Savy, die sie viele Jahre aus den Augen verloren hatte, bietet an, mit ihr zusammenzuziehen. Doch das erste Treffen verläuft nicht wie geplant, und Lina muss sich zunächst alleine durchschlagen, nachdem Savy unter mysteriösen Umständen verschwindet.
Lieber drüber reden
Vorsicht: In Neo Cab geht es nur nebensächlich ums Taxifahren. Ihr wählt zwar die Gäste auf der Karte aus, kutschiert sie herum, lasst euch bezahlen, müsst (Strom) tanken und ein Hotelzimmer für die Nacht buchen, aber im Vordergrund steht die Geschichte. Dementsprechend lässt sich Neo Cab eher im Bereich Visual Novel oder Adventure ansiedeln, ihr müsst keine Straßenpläne studieren, das Gaspedal drücken oder gar euer Fahrzeug reinigen. Lina findet ganz automatisch ihr Ziel. Stattdessen haltet ihr in bewährter Multiple-Choice-Manier einen Plausch mit dem oder den Insassen eures Taxis. Eure Kunden bewerten euch nach der Fahrt mit Sternen, wenn eure Gesamtbeurteilung zu lang unter der magischen Vier-Sterne-Grenze verharrt, verliert Lina die Lizenz. Und wenn sie keine Kohle mehr hat, ist natürlich auch Schluss mit dem Abenteuer Los Ojos. Aber keine Sorge: Das lässt sich ziemlich leicht vermeiden.
Quelle: PC Games
Zu viel Emotion! Regelmäßig dürft ihr eure favorisierten Antworten nicht geben, weil euer Gemütszustand dies nicht zulässt.
Das Frage-Antwort-Spiel funktioniert bis auf eine schlimme Macke gut: Regelmäßig gaukelt Neo Cab dem Spieler Entscheidungsfreiheit vor, die sich als Trugschluss herausstellt. Das hängt mit dem Emotionsarmband zusammen: Wenn Lina etwa zu wütend ist, werden manche Optionen - besonders ärgerlich! - erst nach dem Anklicken als nicht möglich markiert. Auf diese Art lernt man recht schnell, Gespräche so zu führen, dass wenig emotionaler Aufruhr entsteht und sich die Kunden nicht auf den Schlips getreten fühlen. Insofern bildet das Dialogsystem in Neo Cab vielleicht sogar ganz gut die Kommunikationsstrategie eines echten Taxifahrers ab.
Neo Cab ist kein langes Spiel. In zwei bis drei Stunden seht ihr das Ende eures Ausflugs nach Los Ojos. Durch unterschiedliche Enden und die Fahrgäste, die fortlaufende Storys haben und mehrmals auftauchen, aber nicht alle in einem Durchgang abgefertigt werden können, lohnt sich ein zweiter Blick. Die kleinen Geschichten neben der Hauptstory sind interessant, nett geschrieben und dabei komplett auf Deutsch verfügbar (vertonte Dialoge gibt's jedoch nicht). Auch die Übersetzung ist gut gelungen. Passend zum Setting werden viele soziale und gesellschaftliche Themen angesprochen, etwa die Datensammelei und Überwachung durch große Konzerne, Korruption, Whistleblowing, aber auch die zwischenmenschlichen Konflikte kommen nicht zu kurz.
Kein Geld für die Kulisse
Die Erzählung leidet an vielen Stellen unter dem knappen Budget, das Neo Cab offensichtlich zur Verfügung stand. Zu keinem Zeitpunkt hat man das Gefühl, in einer richtigen Cyberpunk-Metropole unterwegs zu sein, die Straßen sind menschenleer, die Umgebungen austauschbar, von den Treppcheneffekten und detailarmen Modellen ganz zu schweigen. Zwar haben sich die Entwickler bemüht, den Figuren eine Mimik zu verleihen, die zu ihrer Stimmung passt - und ein paar Animationen sind auch schön umgesetzt -, aber meistens wirken die Charaktere ziemlich mechanisch. Da passt es tatsächlich, dass ein Fahrgast-Paar im Spielverlauf davon überzeugt ist, Lina sei ein Roboter. Allgemein durchbricht Neo Cab gerne mal die vierte Wand, gelegentlich zwinkert Lina dem Spieler sogar zu.
Quelle: PC Games
Nix los in Los Ojos: Die Metropole scheint wie ausgestorben, keine Menschenseele ist unterwegs.
Neo Cab dürfte allen gefallen, die Spaß mit dem Cyberpunk-Bartender-Adventure VA-11 Hall-A hatten, auf storylastige Spiele stehen und von der schlichten Präsentation und den Einschränkungen bei der Dialogauswahl nicht aus der Atmosphäre gerissen werden. Ein Lob haben wir aber noch: die Electro-Musikuntermalung von Obfusc (der Künstler arbeitete bereits an der Sound-Kulisse von Monument Valley) passt perfekt zu den ewigen Neon-Nächten in Los Ojos.
